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Essen

Gesunde Werbesprüche?

Kann man sich gesund essen? Jahrelang hat die Lebensmittelindustrie diesen Eindruck erweckt. Inzwischen sind die Werbesprüche reglementiert. Doch das ändert nicht viel. // Leo Frühschütz
31.12.2013
Kann man sich gesund essen? Jahrelang hat die Lebensmittelindustrie diesen Eindruck erweckt. Inzwischen sind die Werbesprüche reglementiert. Doch das ändert nicht viel. // Leo Frühschütz

Es gab eine Zeit, da war Essen gesund: Kinderschokolade förderte das Wachstum, Joghurt stärkte die Abwehrkräfte und Fleisch galt schlicht als „ein Stück Lebenskraft“. Diese Zeiten sind aus und vorbei. Alles gestrichen und verboten. Dafür darf der Metzger jetzt ein wenig Vitamin C in die Knackwurst streuen und draufschreiben „trägt zur Verringerung von Müdigkeit bei“. Das ist kein Scherz, sondern steht in der EU-weit gültigen Verordnung (EU) Nr. 432/2012.

Eigentlich wollte die EU-Kommission uns Verbraucher nur vor irreführender Werbung schützen. Vor Sprüchen, die einen nicht vorhandenen Nutzen vorgaukeln oder ungesunde Lebensmittel als gesund erscheinen lassen. So etwas wie: „wertvolle Vitamine naschen“ als Werbung für ein pappsüßes Bonbon. Hinzu kamen immer mehr sogenannte funktionelle Lebensmittel, bei denen Zusätze eine besondere Gesundheitswirkung versprachen. Deshalb legte die EU-Kommission vor zehn Jahren einen Vorschlag vor, wie künftig mit gesundheitsbezogenen Angaben über Lebensmittel, auf Englisch Health Claims, umzugehen sei. Drei Jahre diskutierten EU-Beamte, Mitgliedsstaaten und Europaparlamentarier, bis schließlich 2006 die „Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel“ verabschiedet wurde.

Wissenschaftlich belegt

Die Verordnung stellte den Grundsatz auf, dass künftig nur wissenschaftlich belegte und von der EU-Lebensmittelbehörde EFSA abgesegnete Health Claims erlaubt sein sollten. Damit begann ein enormer Aufwand. Innerhalb von zwei Jahren legten die Lebensmittelhersteller über 44000 gesundheitsbezogene Aussagen zur Prüfung vor. Die EU-Beamten fassten sie zu 4500 Health Claims zusammen. 2200 davon hat die EFSA bisher überprüft. Ganze 248 haben es auf die Positivliste erlaubter Health Claims geschafft, fast 2000 wurden abgelehnt.

Strenge Ansprüche

Unter den zurückgewiesenen oder freiwillig zurückgezogenen Health Claims waren auch diejenigen der Joghurts Actimel und Yakult. Deren Hersteller hatten damit geworben, die Produkte könnten Abwehrkräfte aktivieren und die Verdauung regulieren – das sei durch wissenschaftliche Studien belegt. Doch diese Nachweise ließ die EFSA nicht gelten. Auch Aussagen, dass der Verzehr von Ananas die Verdauung unterstütze oder die Farbstoffe der Johannisbeere gut für das Sehvermögen seien, hält die EU für nicht ausreichend belegt. Gut die Hälfte der Werbebotschaften ist noch nicht geprüft und darf damit bis auf Weiteres noch verwendet werden. Dabei handelt es sich vor allem um Aussagen zu Heilpflanzen und deren Wirkstoffen, den sogenannten Botanicals. Das Problem dabei: Viele dieser Heilpflanzen werden auch in zugelassenen traditionellen Arzneimitteln eingesetzt. Dafür reicht es, dass ihre Wirkung durch ausführliche Literaturstudien, die Monographien, belegt ist. Für die Health-Claim-Überprüfung gelten jedoch strengere wissenschaftliche Ansprüche. Um eine Ungleichbehandlung zwischen Lebens- und Arzneimitteln zu vermeiden, hat die EU-Kommission das Thema Botanicals erst einmal vertagt.

Die 248 künftig erlaubten Health Claims beziehen sich zumeist auf einzelne Vitamine und Mineralstoffe. Allein für Vitamin C sind 15 Botschaften zulässig, etwa „Vitamin C erhöht die Eisenaufnahme“ oder „Vitamin C trägt zur Verringerung von Müdigkeit bei“. Sie dürfen nur auf der Verpackung stehen, wenn der übliche Verzehr des Lebensmittels einen relevanten Beitrag zur Versorgung mit Vitamin C leistet. Als relevant gelten 15 Prozent der empfohlenen Tagesdosis, das wären bei Vitamin C zwölf von 80 Milligramm.

Unsinnig angereichert

Jede Orange dürfte also einen zugelassenen Vitamin-C-Claim tragen. Doch auch ein mit künstlich hergestelltem Vitamin C angereichertes, viel zu süßes Müsli kann mit einem Vitamin-C-Spruch werben, oder mit einem der anderen zahlreichen Botschaften, die mit den einzelnen Vitaminen und Mineralstoffen verbunden sind. „Künftig werden noch mehr unsinnig angereicherte Fertiglebensmittel oder zuckrige Frühstücksflocken mit überflüssigen Vitaminen die Supermärkte überschwemmen“, fürchtet deshalb Anne Markwardt von der Verbraucherorganisation Foodwatch. Sie plädiert für ein grundsätzliches Verbot gesundheitsbezogener Werbung bei Lebensmitteln.

Werben dürfen Hersteller auch mit der Alpha-Linolensäure, die etwa im Leinöl enthalten ist. Sie „trägt zur Aufrechterhaltung eines normalen Cholesterinspiegels im Blut bei“, vorausgesetzt, man verzehrt jeden Tag mindestens zwei Gramm davon. Bei Produkten mit reichlich Weizenkleie darf der Hersteller auf deren Beitrag für eine beschleunigte Darmpassage hinweisen. Und Fleischer dürften ihre Steaks so bewerben: „Eiweiß trägt zur Zunahme und Erhaltung von Muskelmasse bei“. Eines der wenigen unverarbeiteten Lebensmittel mit Health Claim sind Walnüsse. Sie verbessern die Elastizität der Blutgefäße – wenn man zumindest 30 Gramm täglich davon isst.

Risikobezogene Aussagen

Für Lebensmittel sind Aussagen, die sich auf die Krankheitsbeseitigung, -linderung oder -verhütung beziehen, generell verboten. „Hilft bei Durchfall“ oder „lindert Halsweh“ geht also nicht.

Eine Besonderheit sind Werbesprüche, die sich auf Gesundheitsrisiken beziehen. Zum Beispiel zuckerfreie Kaugummis, die Zahnbeläge und damit das Kariesrisiko reduzieren. Oder Pflanzensterole und Beta-Glucane, die den Choles-terinspiegel senken. Solche zugesetzten Wirkstoffe finden sich vor allem in Functional Food. Bekanntes Beispiel ist die Margarine Becel pro.activ. Die Health-Claims-Verordnung erlaubt solche risikobezogenen Aussagen, wenn sie wissenschaftlich belegt sind. Sie brauchen eine Einzelzulassung, die nur der beantragende Hersteller nutzen darf. Gleiches gilt für Aussagen, die sich auf die Gesundheit und Entwicklung von Kindern beziehen.

Die Bio-Branche setzt auf möglichst naturbelassene Lebensmittel. Mineralstoffe und Vitamine zuzusetzen ist tabu. Bei ACE-Säften stammen die Vitamine aus Früchten, nicht aus der Retorte. Auch bewerben die Hersteller sie nicht mit Gesundheitssprüchen. Die Molkerei Söbbeke bietet probiotische Joghurts an, inzwischen ohne Gesundheitsaussage. Zu den wenigen Produkten mit Health Claims gehören die alkoholfreien Biere von Neumarkter Lammsbräu, die mit der Aussage „isotonisch“ beworben werden. Eine wichtige Rolle spielen Gesundheitsaussagen nur bei Heilkräutertee und Nahrungsergänzungen.

Die meisten Bio-Lebensmittelhersteller kümmern sich nicht um Health Claims. Denn hinter den Werbeversprechen steckt das Weltbild, dass man die Körpermaschine nur mit dem richtigen Treibstoff füttern muss, damit sie wie geschmiert funktioniert. „Den Menschen wird suggeriert, dass ihre individuelle Gesundheit davon abhinge, dass sie das richtige Essen zu sich nehmen oder Nordic Walking betreiben“, sagt Alexander Beck, Geschäftsführer der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller.

Niemand isst sich gesund

„Gesunder Boden, gesunde Pflanze, gesunde Umwelt, gesunder Mensch“, lautet eine grundlegende Überzeugung in der Bio-Branche. „Nahrung ist immer auch Ausdruck geistiger Werte wie Hinwendung oder Lust. Essen ist auch ein sinnliches Erlebnis“, sagt Alexander Beck. Umgekehrt könnten seelische Erlebnisse auf den Magen schlagen. Sein Fazit: „Niemand isst sich gesund! Wir können jedoch einen Ernährungs- und Lebensstil entwickeln, der uns hilft, in Balance zu bleiben – im Gleichgewicht mit uns selbst und der Umwelt.“

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