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Essen

Frischer Wind beim Vegetarier-Bund

Das neue Gesicht der Mitgliederzeitschrift ist nur der äußere Ausdruck einer inneren Wandlung: Der altehrwürdige Vegetarier-Bund hat seine Nische verlassen und sucht draußen Verbündete.
01.04.2000
Das neue Gesicht der Mitgliederzeitschrift ist nur der äußere Ausdruck einer inneren Wandlung: Der altehrwürdige Vegetarier-Bund hat seine Nische verlassen und sucht draußen Verbündete.

Das neue Gesicht der Mitgliederzeitschrift ist nur der äußere Ausdruck einer inneren Wandlung: Der altehrwürdige Vegetarier-Bund hat seine Nische verlassen und sucht draußen Verbündete. Faule Kompromisse wird es dabei aber nicht geben. Mit frischem Wind im Rücken und einem neu kreierten Label für vegetarische Produkte streitet man unverändert weiter.

Der vor mehr als hundert Jahren gegründete Vegetarier-Bund befindet sich im Umbruch. Im achtköpfigen Vorstand hat erstmals die jüngere Generation das Sagen. Ein Wechsel, der dem überalterten Verband nur gut tun kann. Ging es früher vor allem darum, den Mitgliedern eine Heimat zu bieten und bei Seminaren und Wanderwochen die Gemeinschaft der Gleichgesinnten zu pflegen, so möchten sich die neuen Macher mehr als bisher auch nach außen öffnen.

Notgedrungen, könnte man sagen, denn die Mitgliederzahl - etwa 1.500 - stagniert. "Wir haben uns gefragt, warum der allgemeine Aufschwung der vegetarischen Idee bei uns nicht ankommt", beschreibt der erste Vorsitzende Thomas Schönberger die Situation. Einer der Gründe war neben der Selbstbezogenheit womöglich das leicht angestaubte Image der traditionsreichen Vereinigung. Auch das bekennerhaft klingende Wort "Vegetarier", so Schönberger, sei bei den meisten Menschen eher negativ besetzt.

Dabei hätte man - rein statistisch gesehen - beste Voraussetzungen für die Verbreitung der vegetarischen Idee. Die letzte Shell-Studie hat ergeben, dass 36 Prozent der Jugendlichen eine fleischarme Ernährung bevorzugen. Dieses Potential will man künftig besser nutzen. "Wir müssen unsere Themen mit mehr Leichtigkeit rüberbringen und zeigen, wir fühlen uns gut dabei." Am neuen Layout der monatlich erscheinenden Mitglieder-Zeitschrift lässt sich die Trendwende ablesen. Die unscheinbare grüne Postille, "die mancher mit dem Wachturm verwechselte" (Schönberger), hat man Anfang 1999 durch eine buntbetitelte Zeitschrift im DIN A4-Format ersetzt. Auch der Name wurde geändert: "natürlich vegetarisch" heißt das völlig neu gestaltete Magazin jetzt. Bei der Mehrzahl der Mitglieder stieß es auf positive Resonanz.

Auch an den Biografien der Führungspersonen wird der Wandel deutlich. Wie viele seiner Mitstreiter kommt Thomas Schönberger aus der Ökologie-Bewegung und begreift Vegetarismus weniger als gesundheitsreformerische Heilslehre denn als ethisch-gesellschaftspolitisches Engagement. Auch kritische Themen sollen auf Dauer nicht ausgeklammert werden, etwa die Auseinandersetzung mit der Haltung des Vegetarier-Bundes während der Nazizeit. Die genaueren Umstände der Selbstauflösung im Jahre 1935 sind noch nicht hinreichend erforscht.

Vor allem im Osten der Republik muss der Vegetarier-Bund noch kräftig die Reklametrommel rühren. Von den bundesweit 60 Regionalgruppen und Kontaktstellen befinden sich nur vier oder fünf in den neuen Bundesländern. Thomas Schönberger möchte besonders die "Teilzeit-Vegetarier" ansprechen und nicht mit dogmatischem Entweder-Oder vergraulen. Mit Maximalismus schafft man sich kaum Freunde, wie die Erfahrung zeigt. Schönberger: "Wenn jemand seinen Fleischkonsum reduziert, ist dies ein Schritt in die richtige Richtung und daher unterstützenswert". Ohne den Rückgriff auf Verzichtsvokabeln und ideologische Strenge will Schönberger "das vegetarische Essen als Selbstverständlichkeit etablieren. Der Rest kommt von alleine".

Weil der Konsument bei verarbeiteten Lebensmitteln nicht immer erkennen kann, ob ein Produkt Substanzen vom getöteten Tier enthält, hat man in Zusammenarbeit mit den Verbraucher-Zentralen ein Prüfzeichen entwickelt, das sogenannte V-Label. Das Logo, über dessen Vergabe der Vegis-Lizenzvertrieb in Seevetal bei Hamburg und das Lebensmittellabor alcum in Rietberg wachen, sollte auch für konventionelle Hersteller interessant sein. "Wir wollen einen Schritt aus der Nische heraus machen", sagt Schönberger. Zwar bevorzugt der Vegetarier-Bund kontrolliert ökologische, fair gehandelte und gentechnikfreie Nahrung, doch will man nicht mit den auf diesem Feld aktiven Verbänden konkurrieren. Das V-Label legt den Schwerpunkt bewusst auf das Stichwort "vegetarisch", und jeder, der dazu einen Beitrag leistet, darf sich mit dem Etikett schmücken, sofern er die Vorgaben erfüllt. Dass alle Ingredienzen deklariert werden müssen und jede Rezepturänderung anzeigepflichtig ist, versteht sich von selbst. Produkte, die gentechnisch veränderte Organismen enthalten und nach der EU-Verordnung das Positiv-Kennzeichen tragen, werden nicht akzeptiert.

Das Millennium und die EXPO nimmt der Vegetarier-Bund zum Anlass, vom 16. bis 17. Juni in Hannover einen Kongress zu veranstalten unter dem Motto "Vegetarisch in das neue Jahrtausend". Dabei will man den Bogen spannen vom "Vermächtnis des Pythagoras" bis zur "Zukunft der vegetarischen Idee". Die Tagung soll die philosophischen, religiösen und politischen Wurzeln der vegetarischen und der Tierrechts-Bewegung aufarbeiten und ihren derzeitigen Stellenwert beleuchten. Der vegetarische Lebensstil, so glauben die Initiatoren, ist auf dem Weg zu einer breiteren Akzeptanz. Besonders die Jugend, so heißt es, beginne sich vom Fleisch als zentralem Lebensmittel zu emanzipieren. Weil man möglichst viele Menschen in die eigene Vision einbinden möchte, werden an der geplanten Podiumsdiskussion wohl auch Firmenvertreter teilnehmen, "die unserer Idee normalerweise nicht so nahe stehen".


Hans Krautstein

Kontakt
Vegetarier-Bund Deutschlands e.V., Geschäftsstelle, Blumenstrasse 3, 30159 Hannover, Telefon 0511-3632050, Fax 3632007, e-mail: info@vegetarierbund.de, Internet: www.vebu.de

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