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"Ernährungsindustrie hat Hochkonjunktur"

Seine Arbeit ist aktueller denn je. Vor mehr als 20 Jahren wurde der Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung e.V gegründet. Wir sprachen mit der stellvertretenden Geschäftsführerin Elisabeth Klumpp über aktuelle Trends der Ernährung.
01.05.2002
Seine Arbeit ist aktueller denn je. Vor mehr als 20 Jahren wurde der Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung e.V gegründet. Wir sprachen mit der stellvertretenden Geschäftsführerin Elisabeth Klumpp über aktuelle Trends der Ernährung.

Seine Arbeit ist aktueller denn je. Vor mehr als 20 Jahren wurde der Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung e.V. (UGB) gegründet. Wir sprachen mit der stellvertretenden Geschäftsführerin Elisabeth Klumpp über aktuelle Trends der Ernährung.

Seit 1981 hat sich einiges getan. Damals war Vollwerternährung Sache einer Minderheit, heute drucken sogar Boulevardblätter Rezepte für Grünkernburger. Ist Ihre Arbeit dadurch leichter oder schwerer geworden?

Sie ist anders geworden. Damals war es nötig, die Vollwertlehre naturwissenschaftlich zu untermauern. Gleichzeitig mussten wir klar machen, dass das nährstoffanalytische Denken allein nie das gesamte Ernährungssystem umfassen kann. Eine weitere Hauptaufgabe war, die Vollwerternährung überhaupt in der Öffentlichkeit zu verbreiten.

Und jetzt?

Inzwischen geht es darum, die Spreu vom Weizen zu trennen. Also klar zu sagen, was nur pseudo-vollwertig ist.

Zum Beispiel?

Frühstücksgetränke, die angereichert sind mit angeblich gesunden Inhaltsstoffen und voll gepackt mit Energie. Das Frühstück kann dann aus einem einzigen Schluck bestehen, das ist nicht sinnvoll. Genauso verhält es sich mit dem Bereich des so genannten Functional Food und den Nahrungsergänzungsmitteln.

Der Trend geht ja sowieso zu den Fertigprodukten.

Ja, wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass viele ihr Essen gar nicht mehr selbst zubereiten können. Wenn es früher etwa darum ging, was die Besonderheiten bei einem Hefeteig aus Vollkorn sind, so lautet heute die Frage: Wie mache ich überhaupt einen Hefeteig?

Die Prinzipien der Vollwerternährung sind weitgehend anerkannt, aber der Begriff „Vollwert“ hat bei der breiten Bevölkerung keinen guten Ruf. Halten Sie noch an diesem Begriff fest?

Selbstverständlich stehen wir nach wie vor zu dem Begriff. Aber manchmal stellen wir ihn zurück, weil er bei bestimmten Zielgruppen nicht gut ankommt. Die Prinzipien, die wir vertreten, kommen auch in Begriffen wie „Power-Food“, „bioaktive Substanzen“, „frischkostbetonte Ernährung“ oder „vollwertige Mittelmeerküche“ zum Tragen.

Wissen, was auf den Teller kommt – das ist inzwischen ein Thema, das sich sogar die Bundesregierung auf die Fahnen geschrieben hat. Sind Ihre Anliegen sozusagen an die Macht gelangt?

Wir dürfen uns nichts vormachen: Die Ernährungsindustrie hat Hochkonjunktur. Viele Lebensmittel sind hochgradig verarbeitet. Insgesamt redet man zwar viel über den Verbraucherschutz, aber es wird wenig umgesetzt. Für uns ist die Konsequenz damals wie heute, dass wir ein Urteilsvermögen aufbauen, damit jeder selber entscheiden kann, was für ihn das Richtige ist.

Auch der Verbraucher hat sich geändert. Manche sprechen vom Typ des „Patchwork-Öko“. Gemeint ist jemand, der morgens ein Bio-Müsli isst, dann mit einem spritfressenden Auto ins Büro fährt, mittags beim Fast-Food-Imbiss vorbeischaut und abends edel essen geht, dann wieder vegetarisch und bio.

Ich sehe es so: Jeder sucht sich seine Nische zur Selbstverwirklichung und Selbstverantwortung. Aber jeder nimmt sich auch seine eigenen Freiheiten heraus, selbst wenn er weiß, dieses Verhalten ist nicht sinnvoll. Das ist völlig normal und legitim. Und niemand will sich mehr als „Ökofreak“ einordnen und stigmatisieren lassen. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass man bei aller Individualität die Gesamtproblematik und Gesamtverantwortung im Auge behält. Ich muss wissen, dass ich mit einem vegetarischen Bio-Abendessen allein noch nicht genug getan habe für meine eigene Gesundheit oder für ein insgesamt sinnvolles Ernährungssystem. Dazu kann die Politik sowie die Aufklärungsarbeit der Bio-Branche und des UGB viel beitragen.

Der BSE-Skandal hat kurzfristig dazu geführt, dass überraschend viele Menschen ihr Essverhalten geändert haben. Die Mehrzahl ist aber nach wenigen Monaten zur Normalität zurückgekehrt. Wie groß ist das psychologische Bedürfnis, an alten Gewohnheiten festzuhalten?

Man weiß aus der Lernpsychologie, das sich Gewohnheiten schwer ändern lassen. Das sind sozusagen die Autobahnen im Gehirn, die den Alltag erleichtern. Die können nicht einfach abgebaut, sondern nur langsam und durch wiederholtes Tun durch neue ersetzt werden. Wichtig ist ein zweiter Aspekt: Die Menschen sind überfordert mit all den schlechten Nachrichten, die auf sie einprasseln. Um die Machtlosigkeit zu überwinden, hilft sich der Organismus, indem er diese Dinge ausblendet. Deswegen finde ich es falsch, wenn die Politik so tut, als könnten grundlegende Veränderungen nur stattfinden, wenn der Verbraucher sie fordert. Statt dessen muss die Politik eine eigene Richtung vorgeben. Wenn man dem Verbraucher die Zusammenhänge klar macht, kann er seine Hilflosigkeit besser bewältigen. Dann ist er auch bereit, notwendige und sinnvolle Veränderungen mitzutragen.

Die ersten Kampagnen laufen jetzt an.

Ja, mit dem Bio-Siegel wird genau das gemacht.

An der fehlenden Aufklärung allein kann es aber nicht liegen. Unsere Gesellschaft weiß sehr genau, worin eine gesunde Ernährung besteht. Aber die Praxis sieht anders aus. Wie gehen UGB-Berater mit solchen Widerständen um?

Das Wissen beeinflusst das Verhalten nur in einem ganz geringen Maße, denken Sie nur an Ärzte, die rauchen. Der Mensch lernt in erster Linie durch Nachahmung. Trotzdem teile ich Ihre Einschätzung der Aufklärung nicht ganz: Es gibt durchaus noch Informationsdefizite und Fehlwissen. Nehmen wir nur die Werbung oder Verpackungsaufdrucke. Da werden irreführende Aussagen gestreut. Insgesamt muss man alle drei Ebenen der Verhaltenssteuerung im Auge behalten. Erstens: Neutrale, fachlich richtige Informationen. Zweitens: Motivationshilfen, also den Menschen Mut zu machen, dass sie das, was sie als falsch erkannt haben, auch ändern können. Und drittens: Umsetzungshilfen, dazu gehören Praxis-Know-how und das Begleiten von Gruppen mit Gleichgesinnten.

Wie wichtig ist die Vorbildfunktion von UGB-Kursleiterinnen und -leitern, zum Beispiel bei Kursen zur Gewichtsreduktion?

Die Ausstrahlung ist sehr wichtig. Es kommt nicht nur darauf an, was sie vorleben, sondern auch wie sie es vorleben. Die entscheidende Frage ist: Fühlt sich einer wohl bei dem, was er tut? Oder macht er es nur aus Selbstdisziplin? Emotionen haben einen sehr starken Einfluss auf die Gesundheit. Und Veränderungen betreffen immer alle drei Ebenen: mental, emotional und somatisch.

Die Arbeit des UGB wird stark von der jeweiligen Gesundheitspolitik beeinflusst, insbesondere davon, welchen Stellenwert die Prävention gerade hat. Wie wirkt sich das aus?

Wir wissen, dass wir uns nicht abhängig machen dürfen. Das Gesundheitswesen ist letztlich ein Krankheitswesen. Auch der Präventionsgedanke ist in diesem System immer auf die Krankheit bezogen. Wir haben einen anderen Ansatz: Wie kann ich selbstverantwortlich meine Gesundheit steigern und fördern? Deshalb sieht unsere Grundfrage anders aus. Nicht: Was sind die Ursachen von Krankheit? Sondern: Was sind die Ursachen von Gesundheit?

(Die Fragen stellte Peter Gutting)


Vom Arbeitskreis zur Akademie – die Geschichte des UGB

  • 1981 Am 13. Oktober gründen die Geschäftsführer Thomas Männle und Elmar Schropp den UGB e.V.
  • 1983 In der Gießener Kongresshalle findet der erste Vollwert-Kongress mit mehr als 300 Teilnehmern statt. Der UGB veranstaltet die ersten Ausbildungsseminare, außerdem erscheint erstmals die Zeitschrift UGB-Forum.
  • 1989 Teilnehmerrekord beim UBG-Kongress.
  • 1.200 Besucher kommen nach Gießen. Mehrere hundert Interessenten müssen abgewiesen werden.
  • 2000 Im August zieht die Geschäftsstelle aus den zu engen Räumen in der Gießener Innenstadt nach Wettenberg – vor die Tore der Universitätsstadt.

Mehr als 1.800 Absolventen – UGB Heute

  • Mitarbeiter: 13
  • Mitglieder und Abonnenten: über 5.000
  • Seminarteilnehmer: über 10.000
  • Absolventen der UGB-Akademie: über 2.000
  • Aktuelle Angebote zur Aus- und Fortbildung: UGB-Gesundheits-TrainerIn in den Bereichen Ernährung, Bewegung, neue Lebensstile, FastenleiterIn, Vollwert-Koch/Köchin sowie weitere Kurse, Fortbildungen und (Schnupper)Seminare.
  • Kontakt: UGB, Sandusweg 3, 35435 Wettenberg/Gießen, Sekretariat: 0641/ 80896-0, Seminar-
  • Beratung: 0641/ 80896-17 (Di und Do 9.30-11.30). Oder: 0641/ 80896-26 Fax -80896-50, E-Mail info@ugb.de, Internet www.ugb.de; kostenloser Newsletter.
  • Nächste Tagung: Lifestyle und Ernährung - Trends von Anti-Aging bis Bio-Boom. Am 10. und 11. Mai in Gießen. Anmeldungen möglichst bis zum 30. April.
  • Neu für Grundschulen: Erlebniskiste‚ Essen, Trinken & Co’. 85 ausgewählte Medien für die Grundschule mit Ringordner als Wegweiser für die Unterrichtsplanung; Info unter www.erlebniskiste.de.
  • Seminare: Schrot&Korn hat in der Vergangenheit seinen Lesern verschiedene UGB-Seminare mit großem Erfolg angeboten. Aktuelle Angebote sind unter anderen: „Feste feiern!“ (3.-5. Mai und 21.-23. Juni), „Richtig essen und trinken“ (30. Juni bis 5. Juli), „Mega-Genuss durch Kräuter und
  • Gewürze“ (28.-30.Juni) und Küchenpraxis - leicht gemacht 12.-14. Juli. Weitere Termine finden Sie unter www.ugb.de.

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