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Essen

Die Weinprobe

Ich bin nicht die Art Mensch, die ablehnt, wenn man vorschlägt, man würde ihr kistenweise Wein nach Hause schicken, um mal zu probieren. Und meine Frau fand sogar zum ersten Mal, mein Job wäre vielleicht doch noch für irgendwas gut.

30.09.2009 vonMichalis Pantelouris

Wein aus der ganzen Welt sollte es sein, und wir stellten uns vor, wir würden mit Nase und Gaumen auf Weltreise gehen. Und uns dabei wahrscheinlich zum ersten Mal seit Jahren – seitdem unsere Älteste geboren wurde, die jetzt eingeschult wird – endlich wieder mal gemeinsam ziemlich betrinken. Was für ein Fest! Natürlich im Dienste der rein objektiven Berichterstattung, aber immerhin.

Wir haben uns vor Urzeiten – als Menschen noch offline in Kneipen gingen, weil es online noch nicht gab – in einer Kneipe kennengelernt. Sie war Kellnerin dort. Und sie war die tollste Kellnerin, die man sich vorstellen konnte, weil sie die Gäste beschimpfte (was die Gäste in dieser Kneipe liebten), praktisch immer eine Kippe im Mundwinkel hatte und jeden unter den Tisch trinken konnte. Mich sogar problemlos mehrmals an einem Abend. Man konnte diese Frau nur lieben. Und das ist auch so geblieben. Alles andere hat sich geändert: Inzwischen hat sie zwei Mal Kinderkriegen hinter sich, samt Stillen und all dem anderen, bei dem Rauchen und Alkohol trinken nicht mehr infrage kommen. In unserer Wohnung dürfen nicht einmal mehr Gäste rauchen. Und wenn wir eine Flasche Wein aufmachen, dann bleibt die meist halbvoll noch Wochen stehen, bis wir uns erbarmen, ihrem Leiden im Abfluss ein Ende zu bereiten. Geben wir es zu: Wir sind mittelalte Eltern, die früh ins Bett gehen, gesund essen und keine Weltreisen machen, weil unsere Mädchen schon beim Auto fahren Zustände kriegen. An Fliegen mag man gar nicht denken. Und wenn Frau Pantelouris ausgeht, dann ist sie nach zwei Gläsern Wein so angeschossen wie früher nicht nach zwei Flaschen. Um es kurz zu machen: Wir hatten das Gefühl, wir hätten diese Aufgabe wirklich verdient. Und wir wollten jeden Tropfen genießen.

Als wir das erste Paket …

… öffneten, waren wir ein bisschen aufgeregt. Prosecco, Sekt und drei Sorten Rotwein. Halleluja! Das würde ein Abend werden. Wir stellten kalt, was kalt gehört, und brachten die Mädchen ins Bett. Und während ich noch „Die Kleine Seejungfrau“ vorlas, wurde mir ein bisschen mulmig im Angesicht der Aufgabe, die wir uns da hatten aufladen lassen. Fünf Flaschen für heute. Die erste Hälfte. Und wir sollten sie ja nicht nur trinken, sondern auch bei der fünften noch fair beurteilen, ob wir sie mochten und warum. Wir sind keine Profis, überhaupt nicht. Wir mögen einfach Wein. Aber wir konnten uns ja auch nicht einfach zerlegen. Und ein Minimum von fünf Gläsern?

Als wir uns am Küchentisch trafen, war die Stimmung ein bisschen wie vor dem Duell in „Zwölf Uhr Mittags“. Nur dass es in Wahrheit natürlich doch sehr nett ist, sich mit seiner Frau zu treffen, um ein Fläschchen Prosecco zu köpfen. Denn damit fing es an.

„Zu wenig Kohlensäure“, war das Erste, was Frau Pantelouris sagte. Kein guter Start. Wir waren irgendwie darauf eingestellt, den ganzen Abend „hmmmm“ und „lecker“ zu sagen, aber der Prosecco von Vittorio Veneto war zunächst mal eine Enttäuschung, was möglicherweise genauso an unseren übersteigerten Erwartungen lag. Aber so viel kann man sagen: Er hat wenig Frucht, perlt kaum und ist so trocken, dass Frau Pantelouris ihn regelrecht sauer fand. Es tut mir weh, das aufzuschreiben, und ich hoffe für Vittorio Veneto, dass es Menschen gibt, die genau das suchen, aber wir sind übergegangen zum nächsten Kandidaten.

Wieder unglücklich

Ein deutscher Sekt mit einem exotischen Namen, Sueño Sekt Brut, versektet in Speyer und versehen mit einem erotischen Bild von einem Jüngling oder einer sehr flachbrüstigen Dame. Und wieder war die Frau unglücklich: „Riecht wie Brausepulver“, war die erste Reaktion, „und er schmeckt staubig.“ So langsam wurde ich nervös. Es ist nicht so einfach, sich wirklich auf Geschmäcker zu konzentrieren, und ich hatte plötzlich die Bilder von Winzern vor Augen, die sich das ganze Jahr im Weinberg abrackern, auch noch unter den erschwerten Bedingungen des biologischen Weinbaus, damit wir am Ende am Küchentisch sitzen und ihre Arbeit mit unseren laienhaften Kommentaren vernichten. Fürchterlich. Außerdem weiß ich ja, wie unterschiedlich derselbe Wein schmecken kann: Was man in einer lauen Urlaubsnacht am Meer für reinen Göttertrank hält, schmeckt zwei Wochen später auf dem eigenen Balkon plötzlich, als hätte eine Ziege drin gebadet. Wir machten noch einen Versuch, öffneten einen Rotwein und schon in der Nase fanden wir deutliche Spuren von Ziegenstall. Also brachen wir den Versuch ab. Wir brauchten einen neuen Tag, vielleicht noch ein paar Nasen mehr, und irgendwie mussten wir unsere Erwartungen im Zaum halten. Es war Zeit, ins Bett zu gehen. Nüchtern. Sich über einen Haufen Wein freuen ist nicht so einfach, wie man vielleicht denkt.

Am nächsten Tag war nicht nur Anwohner-Flohmarkt, wo ich erstens viel Freude mit einer Flasche von dem Sekt verbreitet habe, die wir am Abend vorher noch schnöde verschmäht hatten (mit ein bisschen Sonne und guter Laune am Nachmittag schmeckte er plötzlich wie … ein Sekt eben. Lecker!). Und zweitens konnte ich den Grill anwerfen und eine Gruppe von Leuten versammeln, die gerne noch ein bisschen Wein trinken wollten. In den Garten setzen, eine Flasche Wein aufmachen – das ist nach wie vor die Definition von Leben, oder nicht?

Die erste Erleuchtung

Es ist alles anders, wenn alles anders ist. Und wenn man ein paar Dinge nicht total falsch macht. Zum einen macht Wein, wie praktisch alles, bedeutend weniger Spaß, wenn man eine Arbeit daraus macht. Man muss schon ein Profi sein, um dabei etwas Erleuchtendes zutage zu fördern. Mein System, bei dem möglichst viele Menschen um einen Tisch sitzen und möglichst laut über alles Mögliche diskutieren, ist für Laien wie mich definitiv das bessere.

Und hier ist die erste Erleuchtung: Der Ziegenstall-Wein war um den Faktor 1 000 besser, nachdem er lange (fast 18 Stunden) offen war. Und das hätte man ahnen können. Ich liebe ihn immer noch nicht, den südafrikanischen Moonlight Organics Shiraz 2008, aber direkt nach dem Öffnen haben wir ihm Unrecht getan. Anfängerfehler. Jeder Rotwein braucht ein bisschen Luft. Jetzt, fast einen Tag später, kam nach dem Geschmack von tiefroten Beeren (ich würde sagen Brombeeren), ein bisschen Pfeffer und viel Alkohol, kein Ziegenstall mehr. Es kam auch sonst nicht sehr viel, er war eher kurz (und vielleicht längst zu lange offen). Aber das, was uns am Abend vorher noch als echte Fehlfarbe erschienen war, war verschwunden. Und irgendwie mochte ich den Wein plötzlich auch für diese fette, pflanzliche erste Nase, die bei der ersten Flasche – wie der zweiten – das Trinken direkt nach dem Öffnen echt unmöglich machte.

Ein Spanier noch

Aber ich stelle mir vor, wie kompromisslos das ein konventioneller Winzer im Keller behoben hätte. Mit was auch immer. Auf jeden Fall wäre diese Flasche so nicht in den Handel gegangen, was ja eigentlich dafür spricht, dass die meisten Winzer uns nicht zutrauen, ein paar Stunden zu warten, bis wir uns ein Urteil bilden.

Ein Spanier noch: Navarra Quaderna Via Especial. Ein trockener Roter mit knalliger Kirsche und sehr deutlicher Vanillenote, ein bisschen ein Poser, der mich mehr an australische Weine erinnert hat als an die typischen Spanier, aber trinken kann man ihn sehr gut. Die Tannine sind kräftig, aber schön. (Die Frau fand ihn zu trocken. Aber die liebt die fruchtigen Spanier so sehr, dass sie allein die Herkunft dieser Flasche wahrscheinlich schon falsch konditioniert hat.) Und aus der Runde kamen folgende Entdeckungen: Leder, Kakao, Amarenakirsche, Brombeere. Klingt doch interessant. Le Corbeau Rouge 2008. Wie man sich einen Franzosen vorstellt, mit ordentlich Tanninen, heftiger Nase und der Vanille des Barrique-Ausbaus.

Der Höhepunkt zuletzt

Und es lohnte sich, wie es sich gehörte: Der Händler hatte im Zusammenspiel mit dem Schicksal, das sich DHL nennt, den Höhepunkt für zuletzt aufbewahrt. Ein Grüner Veltliner war dabei, der auf den Namen Paradeiser hört (was offenbar das österreichische Wort für Tomate ist). Er schmeckte fruchtig nach grünen Äpfeln, ein bisschen Zitrusfrüchten und angeblich (Mindermeinung) einem Hauch Butter – samt dem leichten „Pfefferln“ in der Nase, auf das die Österreicher beim Veltliner so scharf sind. Und man muss sagen: zu Recht! Ein wirklich schöner Sommerwein und eine Empfehlung aus tiefstem Herzen. Was so ähnlich auch für den Nächsten gilt:

Auch ein Weißwein, ein Trebbiano mit dem simplen Namen Osteria, fast farblos, mit einer sehr leichten Nase von frisch gemähter Wiese, ganz leicht moussierend und mit einem so leichten Geschmack, dass man denken könnte, es wäre eine Weinschorle. So stellt man sich lange italienische Nächte vor, in denen man das Zeug sicher literweise weghauen würde. Und genau dafür ist er perfekt. „Ein Picknickwein“ war eine der Meinungen, und das war als Kompliment gemeint.

Drei Rote fehlten noch: Ein Montepulciano aus 2008 mit dem Namen Becco, leicht, ordentlich und relativ unspektakulär. Außerdem: ein Tempranillo („Camino Tinto“), von dem meine Schwester sagt, es wäre ein Wein zum sich betrinken, was alles bedeuten kann. Ich verstehe es so, dass er zwar weich ist und geschmacklich voller tiefroter Frucht, aber deutlich samtige Tannine mitbringt, die einen immer wieder sanft an die Gefahr erinnern, Behauptungen aufzustellen, die sich am nächsten Morgen nur noch schwer aufrechterhalten lassen. Nach meiner Meinung gehören Tannine dazu, wenn sich eine Diskussion intellektuell anfühlen soll. Ein kleines bisschen Pelz im Mund. Struktur eben. Damit ich mir vorstellen kann, dass Sartre ihn getrunken hätte. Für Raucher unter uns: Der Geschmack von Gitanes ohne Filter.

Und dann der Höhepunkt. Ein Franzose von undefinierbarem Traubenmix (der auch nicht auf dem Etikett aufgelöst wird): Armonia, 2007, aus dem südfranzösischen Bassac, und eine wirkliche Bombe. Eine Nase wie Vanillekipferl, der dann schön schwer im Mund liegt und die ganze Reihe von Glühweingewürzen abfeuert: Nelken, Orangenschale, Zimt! Sicher kein Sommerwein, aber einer für Winterabende an einem zur Not auch imaginären Kamin. Die Fülle der Assoziationen ist so stark und unmittelbar, dass man ihn wegen Entführung anzeigen könnte.

Der Fairness halber muss ich sagen, dass er manchen anwesenden Frauen einen Tick zu heftig war. Aber ich würde es immer wagen, ihn aufzutischen. Zu dunklem Fleisch. Zu Keksen natürlich. Aber auch einfach, wenn das Wetter nicht ist und Frau Pantelouris und ich am Küchentisch sitzen und uns über französische Filme unterhalten. Was nie passiert. Aber vielleicht über die Nachrichten. Oder auch nur über die verschwundene Regenjacke von der Großen. Wenn wir sitzen eben, reden und Wein trinken. Und das sollten wir ganz bestimmt bald mal wieder tun.

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