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Zöliakie: Was die Diagnose bedeutet

Zöliakie ist mehr als eine Glutenunverträglichkeit. Wie ihr die Erkrankung erkennt und wie sich das auf eure Ernährung auswirken sollte.

Ulrike Becker

Liegt bei permanentem Durchfall eine Darmerkrankung noch nahe, so denkt bei Nervosität niemand gleich an Zöliakie. So ging es auch dem 32-jährigen Jörg B., der sich jahrelang mit Konzentrationsstörungen und Kopfschmerzen plagte, bis sein Arzt endlich auf die Idee kam, ihn auf Zöliakie zu untersuchen.

Was ist Zöliakie?

Zöliakie, früher auch Einheimische Sprue genannt, bedeutet eine lebenslange Unverträglichkeit gegen das Klebereiweiß Gluten, das in vielen Getreidearten wie Weizen, Roggen und Gerste vorkommt. Man muss sehr penibel sein, wenn man an Zöliakie leidet: Nicht das kleinste Fitzelchen Gluten darf unbemerkt ins Essen rutschen.

Welche Symptome hat man bei Zöliakie?

Bei Betroffenen schädigt Gluten die Schleimhaut des Darms; Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall sind die Folge. Außerdem ist durch die geschädigte Dünndarmschleimhaut die Verwertung von Nährstoffen gestört, was sich zum Beispiel beim Säugling in Gedeihstörungen oder beim Erwachsenen als Blutarmut bemerkbar machen kann.

„Fatalerweise können aber auch unspezifische Symptome wie Depressionen oder Muskelkrämpfe vorkommen“, erklärt Ernährungswissenschaftler Hans-Helmut Martin vom Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung (UGB). Der Leidensweg bis zu einer eindeutigen Diagnose kann daher wie bei Jörg B. oft sehr lang sein.

Wann und warum bekommt man Zöliakie?

Zöliakie kann grundsätzlich in jedem Alter auftreten; etwa einer von Zweihundert ist betroffen. Warum jemand ­erkrankt, ist jedoch noch unklar. Sicher ist nur, dass eine genetische Veranlagung eine Rolle spielt. „Auf keinen Fall sollten bei unklaren Bauchschmerzen glutenhaltige ­Lebensmittel einfach mal weggelassen werden“, warnt der UGB-Ernährungsexperte. Für eine eindeutige Diagnose, zu der neben der Bestimmung spezieller Antikörper auch eine Gewebeprobe aus dem Darm gehört, ist entscheidend, dass zunächst völlig normal weiter gegessen wird – auch mit Gluten.

Ist es eine Zöliakie, Weizenallergie oder Weizensensivität? Mehr zu den Weizen-Krankheiten lest ihr hier:

„Lass doch mal den Weizen weg“

Was ist Gluten?

Der Begriff Gluten bezeichnet bestimmte Eiweißbestandteile in Getreide. Unverträglich ist das Gluten aus Weizen und seinen Verwandten Dinkel (Grünkern), Einkorn, Emmer und Kamut sowie Roggen und Gerste. Im Klartext heißt das, dass es in jedem Brot und Kuchen, in Nudeln, im Bier oder Malzkaffee steckt. Gluten wird zudem von der Lebensmittelindustrie für zahlreiche Zwecke eingesetzt, zum Beispiel zur Emulgierung, Stabilisierung und als Trägerstoff für Gewürze und Aromen. So kommt es, dass auch Lebensmittel wie Kartoffelchips oder aromatisierte Tees, bei denen wirklich niemand Getreidebestandteile ver­muten würde, Gluten enthalten können.

In diesen Produkten kann Gluten enthalten sein*

Getreide/Getreideprodukte:

Weizen, Dinkel, Grünkern, Einkorn, Emmer, Kamut, Roggen, Triticale, Hafer, Gerste, bestimmte Wildreisarten (auch in gekeimter oder fermentierter Form) und daraus hergestellte Produkte wie Mehl, Schrot, Flocken, Brot, Backwaren, Nudeln, Getreidekaffee; Bier (auch Reis- und Mais-bier), Seitan (Fleischersatz aus Weizengluten)

Süßwaren:

Pudding-/Soßenpulver, Schokoladenwaren, Süßigkeiten (Bonbons, Krokant, Schaumzuckerwaren), Eiscreme, Trockenfrüchte (Trennmittel)

Milchprodukte:

Milchmischerzeugnisse (Bindemittel), abgepackter, geriebener oder gewürfelter Käse (Trennmittel), Käsezubereitungen (z. B. Schmelzkäse)

Fleisch/Fisch:

Fleisch-/Wurstwaren; panierte Produkte (z. B. Schnitzel, Bratheringe)

Fischzubereitungen (z. B. Krebsfleischimitate)

Sonstiges:

Soßen, Suppen, Dressings (Fertig- oder Trockenprodukt), Fertigmenüs, Light-Produkte, Kartoffelerzeugnisse (z. B. Kroketten, Gnocchi, Chips), Backzutaten (Tortenguss, Backpulver), Gewürz­mischungen, pulverförmige Gewürze, vitaminisierte und aromatisierte Lebensmittel (Trägerstoff)

*unvollständige Liste

Wird Hafer vertragen?

Die Angaben zu Hafer sind widersprüchlich. In einer EU-Verordnung wird er als für die glutenfreie Ernährung ungeeignetes Getreide aufgeführt. Andererseits gilt Hafer, der einen Grenzwert von 20 mg/kg unterschreitet und nicht mit anderem glutenhaltigen Getreide kontaminiert ist, als glutenfrei. Für die Mehrheit der erwachsenen Zöliakiepatienten scheint er in dieser Form verträglich. Das trifft jedoch nicht auf alle zu. Daher rät die Deutsche Zöliakie-Gesellschaft sicherheitshalber, von nicht kontaminier­tem Hafer nicht mehr als 50 Gramm täglich aufzunehmen und das nur unter gleichzeitiger ärztlicher Betreuung. Kontrolluntersuchungen im Blut und gegebenenfalls im Darm sollten eine mögliche Schädigung ausschließen.

Welche Behandlung hilft gegen Zöliakie?

Die einzig mögliche Therapie ist eine lebenslange glutenfreie Ernährung. Das betrifft nicht nur die Lebensmittel. Wer Zöliakie hat, muss auch zuhause darauf achten, dass er seine Lebensmittel absolut strikt von glutenhaltigen trennt. Nicht einmal das gleiche Messer sollte für glutenhaltiges- bzw. glutenfreies Brot benutzt werden. Die gute Nachricht: Wird eine glutenfreie Diät konsequent eingehalten, bessern sich die Beschwerden schnell und die Dünndarmschleimhaut kann sich vollständig erholen.

Ernährung: Welche Alternativen gibt es?

Die Alternativen in der glutenfreien Kost heißen Reis, Mais, Hirse sowie Buchweizen und auch die Exoten Amaranth, Quinoa und Teff dürfen auf den Speiseplan. Das Angebot an glutenfreien Produkten ist mittlerweile enorm – besonders im Bio-Laden. Spezialbetriebe bieten von Brot über Nudeln bis zur Pizza eine glutenfreie Vielfalt an. Zum Selberbacken gibt es entsprechendes Mehl oder spezielle Backmischungen.

Glutenfreies Nuss-Saaten-Brot 

Ihr sucht Alternativen für eine glutenfreie Ernährung? Wir haben ein paar Rezepte für euch:

Rezepte für glutenfreie Alternativen

Jörg B. war nach der Diagnose erleichtert, weil er nun wusste, was mit ihm los war. Andererseits musste er die Nachricht, nie wieder beim Bäcker einkaufen zu können, erst einmal verdauen. Drei Jahre später hat sich der junge Mann jedoch gut an die Ernährung gewöhnt und ist sehr froh, dass er ansonsten keine Beschwerden mehr hat.

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