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Das Aroma von Armut

KAFFEEHANDEL Konzerne beuten Kaffeebauern aus. Das wissen wir und trinken deshalb bio-fair. Doch profitieren die Kaffeebauern davon?
31.03.2016

KAFFEEHANDEL Konzerne beuten Kaffeebauern aus. Das wissen wir und trinken deshalb bio-fair. Doch profitieren die Kaffeebauern davon? // Leo Frühschütz

Es könnte so einfach sein: Hier der bewusste Konsument, trinkt Bio-Kaffee aus fairem Handel. Das kostet pro Tasse nur ein paar Cent extra. Und dort der Kaffeebauer, der für sich und seine Familie faires Geld für seiner Hände Arbeit bekommt. Wer fairen Bio-Kaffee trinkt, sichert damit einem Kaffeebauern sein Auskommen. Doch noch immer leben die meisten Kaffeebauern dieser Welt in Armut. Vom Preis, den wir fürs Pfund Kaffee aus konventionellem Anbau und unfairem Handel bezahlen, kommt nur ein Bruchteil bei ihnen an. Es wollen einige mitverdienen am Geschäft.

Wer am Kaffee verdient

Zunächst sind da die Coyoten. So heißen die Zwischenhändler in Mittel- und Südamerika. Diese machen sich auf den Weg in abgelegene Dörfer. Dort kaufen sie den Bauern ihre Ernte ab und reichen diese an wenige milliardenschwere Großabnehmer weiter.

Der Preis, den die Großabnehmer für die Kaffeebohnen bezahlen, der wird an zwei großen Terminwarenbörsen in New York und London ausgehandelt. An der Börse in New York kostete ein 45-Kilogramm-Sack roher Arabica-Bohnen aus Kolumbien Ende Januar 135 US-Dollar. Das sind umgerechnet 125 Euro. Wie viel davon beim Bauer ankommt und wie viel bei den Coyoten hängen bleibt, ist jedoch ungewiss. Sicher ist nur, dass 135 US-Dollar pro Sack wenig Geld für viel Arbeit sind. Drei Tage braucht eine Kaffeebäuerin, um die entsprechende Menge einzeln zu pflücken, denn Kaffeekirschen werden nicht gleichzeitig reif. Dann muss sie die Kirschen waschen, fermentieren lassen, die Kerne auspulen und sie trocknen. Also locker eine Woche Arbeit für einen Sack. Und das ist nur die Ernte. Der Kaffeegarten braucht aber das ganze Jahr über Pflege. 25 Millionen Kleinbauern ernten so jedes Jahr acht bis neun Millionen Tonnen roher Kaffeebohnen. Hinzu kommen größere Farmen, auf denen Tagelöhner arbeiten mit ihren Kindern, und dafür meist nur Hungerlöhne erhalten.

Drei öffentlich kaum bekannte Großabnehmer verschiffen die Hälfte aller Kaffeebohnen: die deutsche Neumann Gruppe, Volcafé und Ecom aus der Schweiz. Sie liefern an große Röstereien. Marktführer sind der Lebensmittelkonzern Nestlé und Jacobs Douwe Egberts mit Marken wie Jacobs und Senseo. Zu den namhaften Großröstern zählen Tchibo, Starbucks und Lavazza.

Wetten, dass die Preise schwanken

Der Preis, den diese Großabnehmer und die meisten anderen für die Kaffeebohnen zahlen, schwankt stark, auch weil Spekulanten darauf wetten. Nach einem Hoch im Sommer 2014 ist der Preis jetzt wieder im Keller. Mehrere niederländische Organisationen schreiben in ihrem Coffee Barometer 2014: „Für die Kleinbauern ist es in allen Kaffee produzierenden Ländern sehr schwierig, mit Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und die Armut zu überwinden.“ Hinzu kommt, dass schon jetzt der Klimawandel den Kaffeeanbau in vielen Regionen schwieriger macht.

Um aus der Armut zu kommen, brauchen die Erzeuger faire Preise, einen besseren Marktzugang, langfristige Handelsbeziehungen, Investitionen in Technik und Know-how. Das alles hat sich der Faire Handel auf die Fahnen geschrieben, der vor über 40 Jahren damit begann, Kaffee von Kleinbauern-kooperativen zu vermarkten. Inzwischen sind rund 450 Kooperativen mit 730 000 Bauern Fairtrade-zertifiziert. Über die Hälfte von ihnen wirtschaftet ökologisch. Dass der Faire Handel hilft, belegt eine aktuelle Studie der Universität Greenwich. Sie verglich acht Fairtrade-zertifizierte Kooperativen in Indonesien, Mexiko, Peru und Tansania mit Erzeugern ohne Zertifizierung. Die Fairtrade-Bauern erwirtschafteten in drei der vier Länder höhere Einkommen und sie waren bei Einbrüchen der Marktpreise auch weniger verletzlich. Das ist eine positive Folge des Fairtrade-Mindestpreises.

Fair sind Verhandlungen auf Augenhöhe

Der Fairtrade-Mindestpreis liegt für Arabica-Bohnen bei 140 Dollar für den 45-Kilogramm-Sack. Hinzu kommen noch 20 Dollar Fairtrade-Prämie, die für gemeinschaftliche Projekte wie Brunnen, Schulen, Lagerhäuser verwendet werden sollen, sowie ein Zuschlag von 30 Dollar für Bio-Bohnen. Macht 190 US-Dollar für den Sack bio-faire Kaffeebohnen. Dieser Mindestpreis gilt weltweit, doch die Lebenshaltungskosten sind regional sehr unterschiedlich, ebenso die Erträge. Was in Vietnam womöglich zum Leben reicht, kann in Mexiko zu wenig sein. So berichtet der Produktmanager für Kaffee beim Fairhandelshaus Gepa Kleber Cruz Garcia: „Jedes Mal, wenn ich mich mit Bauern unterhalte, merken sie an, dass der Fairtrade-Mindestpreis hilfreich ist, aber nicht reicht. Deshalb zahlen wir dem Handelspartner in Mexiko aktuell deutlich höhere Preise. Je nach Land und Qualität zahlen wir Extrazuschläge.“

Auch Barbara Altmann, die bei Rapunzel die strategische Rohstoffsicherung leitet, hat da ein offenes Ohr: „Wenn uns der Partner sagt, wir brauchen aus bestimmten Gründen einen höheren Preis, dann gehen wir in der Regel auch mit.“ Das sei aber nur möglich, weil Rapunzel die Bohnen direkt beziehe und einen intensiven Kontakt zu den Kooperativen pflege. Das machen auch andere Kaffeeanbieter im Bio-Fachhandel so.

Lebensbaum arbeitet inzwischen seit 35 Jahren mit der Demeter-Finca Irlanda in Mexiko zusammen und finanziert den Unterhalt der dortigen Schule. Der Unternehmenssprecher Jan Kühn sagt: „Da Lebensbaum direkt im Ursprung einkauft, wird die gemeinsame Preisfindung bestimmt durch die konkreten Bedürfnisse der Anbaupartner vor Ort. Aktuell bewegen sich unsere Einkaufspreise in Mittelamerika in einem Spektrum von 180 bis 350 Dollar.“

Der Kaffee- und Teegroßhändler Ökotopia kauft zusammen mit einigen kleineren Fairhandelsanbietern ebenfalls Kaffee direkt bei Kooperativen in Mittelamerika ein. Und das Unternehmen Wertform bezieht die meisten Arabica-Bohnen für seinen Mount Hagen-Kaffee von Bauern, die um den Berg Mount Hagen herum wirtschaften – in Papua Neuguinea.

Dieser direkte Kontakt zwischen Erzeuger und Verarbeiter ist im Fairen Handel leider nicht mehr weit verbreitet. Barbara Altmann von Rapunzel beklagt: „Inzwischen sind große Händler am Werk, die konventionellen Kaffee genauso importieren wie fairen oder anders zertifizierten. Von deren Abnehmern hat keiner mehr einen direkten Bezug zu den Bauern.“ Doch nur bei einem direkten Kontakt lassen sich Probleme auf Augenhöhe besprechen und gemeinsam lösen.

Welchen Kaffee trinken wir

Einige konventionelle Kaffees tragen das Logo der Rainforest Alliance (RFA) oder von UTZ Certified. Beide Organisationen schreiben zwar ökologische und soziale Mindeststandards für nachhaltigen Kaffeeanbau vor. An die Bio- und Fair-Standards kommen sie jedoch bei Weitem nicht heran. Denn sie erlauben den Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden und zahlen keinen fixen Mindestpreis. Außerdem entscheiden die Händler selbst, ob sie Aufschläge an die Bauern bezahlen. Denn die Händler wählen aus einem Überangebot. Die Kooperativen produzieren weit mehr Fairtrade-, RFA- und UTZ-Kaffee als nachgefragt wird.

Wir Konsumenten sind gefragt, konsequent fair-zertifizierte Bio-Kaffees zu kaufen. Und das Pfund Kaffee mit Verwöhnaroma, das der Supermarkt an der nächsten Ecke für drei Euro 99 über Aktionen verramscht, einfach im Regal stehen zu lassen. Denn von diesem Geld kann kein Bauer leben – nirgendwo.

Die Fair-Siegel: Fair drauf – fair drin

TransFair

Der Kern der weltweiten Fairtrade-Bewegung ist der Verband FLO (Fairtrade Labelling Organisations) mit seinen Standards und der Zertifizierungsstelle FLO-Cert. FLO gehören die Erzeuger ebenso an wie 19 Siegel-Organisationen, die in den Industrieländern das Fairtrade-Logo verleihen. Für Deutschland ist das TransFair.

Fair +

Das Fairhandelshaus Gepa hat das Fairtrade-Logo durch ein eigenes Label, Fair +, ersetzt um zu signalisieren, dass es über dessen Standards hinausgeht.

Hand in Hand

1992 startete der Allgäuer Hersteller sein Hand-in-Hand-Programm. Die Pflichten von Rapunzel und seinen derzeit 18 Partnern sind in einem Kriterienkatalog festgelegt und gleichen denen des Fairen Handels. Die Preise müssen Produktions- und Lebenshaltungskosten der Erzeuger abdecken. Ein Prozent des Einkaufswertes der Rohwaren geht in den Hand-in-Hand-Fonds, der Projekte unterstützt.

Naturland Fair

Fair gehandelte Produkte garantiert auch das Fair-Logo des international tätigen Anbauverbandes Naturland. Seine Besonderheit: Es wird auch an Betriebe in Deutschland und Europa verliehen, die sich durch besondere Fairness auszeichnen.

Fair for Life und Ecocert

Die internationalen Öko-Zertifizierer IMO mit Fair for Life und Ecocert kontrollieren auch die Einhaltung von Fairhandels-Standards und stellen dafür Logos zur Verfügung.

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