Interview

Helmy Abouleish: „Bio lässt die Wüste erblühen“

Bio-Landbau in der Wüste: So lassen sich Visionen realisieren. Ein Gespräch mit Helmy Abouleish, Geschäftsführer der Demeter-Farm Sekem in Ägypten.

Helmy Abouleish hat sich viel vorgenommen. 16 Ziele will er mit der Sekem-Initiative bis 2057 erreichen. Darunter 100 Prozent Bio-Anbau in Ägypten. Im Juni wird aber erst einmal gefeiert, denn Helmy Abouleish leitet nicht nur Sekem, sondern ist auch Präsident vom Verband Demeter International. Und der wird dieses Jahr 100 Jahre alt.

Landwirtschaft in der Wüste. Das klingt nach Mission Impossible.
Als mein Vater 1977 die Wüste begrünen wollte, um dort Landwirtschaft, Firmen und Schulen aufzubauen, wurde er für verrückt erklärt. Aber es funktioniert und dies seit mittlerweile 46 Jahren! Insbesondere die Methoden der biologisch-dynamischen Landwirtschaft sind ideal, um Wüste fruchtbar zu machen. Der Kompost ist unser schwarzes Gold. Neben der Düngung sorgt er dafür, dass unsere Böden bis zu 20 Prozent mehr Wasser halten als konventionelle. Wir bewirtschaften mehrere Tausend Hektar ehemalige Wüste.

Sekem hat sich zum Ziel gesetzt, dass es in Ägypten in gut 30 Jahren nur noch biologischen Anbau geben soll. Das klingt nach Vision Impossible?
Uns ist es gelungen, die Sekem-Vision zu verwirklichen und eine ganzheitlich nachhaltige Entwicklung zu fördern, in der jeder Mensch sein individuelles Potenzial entfalten kann, die soziale Würde des Einzelnen widergespiegelt wird und alle wirtschaftlichen Aktivitäten im Einklang mit der Natur praktiziert werden. Wo früher Wüste war, leben, lernen und arbeiten nun Menschen. Das war auch eine Vision Impossible – mit vielen Rückschlägen. Aber wir haben dabei unglaublich viel gelernt. Das Erfolgsmodell Sekem, das bei 2000 ägyptischen Bauern funktioniert, kann nun multipliziert werden. Bis 2025 wollen wir 40 000 Bauern bei der Umstellung zu Bio unterstützen. Da klingt 100 Prozent Bio doch schon recht plausibel.

Gibt es neben „100 Prozent Bio“ noch weitere große Ziele, die ihr anstrebt?
Ja. Bis 2057 möchten wir 16 Ziele realisieren. Wir wollen dazu beitragen, dass Menschen die Möglichkeit zu lebenslangem Lernen haben, ihr Potenzial entfalten können und eine soziale Transformation in Ägypten stattfinden kann. Natürlich ist der Klimaschutz auch ein wichtiges Ziel. Das lässt sich wunderbar durch die Bio-Landwirtschaft realisieren und indem wir eine „Wirtschaft der Liebe“ einführen.

Was versteht ihr unter „Wirtschaft der Liebe“?
Es bedeutet zum einen, dass jeder Mensch in der Lage sein soll, vier grundlegende Fragen zu dem Produkt, das er kauft, zu beantworten: Was sind die Auswirkungen der Produktion auf die Umwelt, auf die Gesellschaft und auf die Potenzialentfaltung der Menschen? Und wie hoch sind die wahren Kosten des Produkts? Wir haben einen neuen Standard initiiert, der „Economy of Love“ heißt und die Antworten auf diese Fragen zertifiziert. Wirtschaft der Liebe hat bei uns nichts Romantisiertes, sondern ist ein praktisch umgesetztes Modell, das alle Beteiligten der Wertschöpfungskette sichtbar macht und ihnen einen gerechten Anteil ermöglicht. Zum Beispiel den Bauern. Sie haben bisher viel zu wenig Anteil an der Wertschöpfung, obwohl sie einen so grundlegenden Beitrag leisten.

Zur Person

Helmy Abouleish ist in Österreich geboren und kam als Jugendlicher nach Ägypten. Dort begleitete er seinen Vater bei der Gründung der Sekem-Initiative. Seit 1985 ist er Geschäftsführer der Sekem-Gruppe, die in Ägypten bio-dynamische Lebensmittel, Textilien und Arzneimittel produziert und international vermarktet. Helmy Abouleish engagiert sich in der Politik für verantwortungsvolle Wettbewerbsfähigkeit, soziales Unternehmertum und Ernährungssicherheit. Seit 2018 ist er zudem Präsident von Demeter International.

Für dich sind die Sekem-Bauern Klimahelden. Wieso?
Die konventionelle und vor allem die industrielle Landwirtschaft zählt zu den größten Verursachern des Klimawandels. Während sie viel CO2 emittiert, wird im Bio-Landbau mehr CO2 eingespart als ausgestoßen. Studien auf unseren Böden, die biologisch-dynamisch bewirtschaftet werden, zeigen beispielsweise, dass pro Hektar drei Tonnen CO2 im Jahr gebunden werden. Hinzu kommt das Pflanzen von Bäumen und der Einsatz von erneuerbaren Energien – etwa mit solaren Wasserpumpen. Damit kann schon eine ganze Menge Kohlendioxid eingespart werden.

Wie viel CO2 kann in etwa eingespart werden?
Ägypten kann mit der Umstellung der Landwirtschaft 30 Prozent seines gesamten CO2-Ausstoßes einsparen! Für diesen Beitrag zum Klimaschutz entlohnen wir die Bauern über „Carbon Credits“. Dadurch haben sie ein deutlich höheres Einkommen und können deshalb mit günstigeren Preisen als konventionelle Bäuerinnen und Bauern auf den Markt gehen, sodass sich immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher Bio-Produkte leisten könnten.

Du sagst, Fortschritt entsteht entweder durch Einsicht oder Krise. Was meinst du damit?
Der Wandel wird so oder so kommen. Wir arbeiten daran, dass er durch Einsicht kommt, indem wir Lösungsmodelle entwickeln, die möglichst simpel skalierbar sind. Dabei erörtern wir zunächst die Herausforderungen und Missstände, ohne uns von Pessimismus und negativen Prognosen entmutigen zu lassen. Dann ist es wichtig, dass wir ins Handeln kommen. Mein Vater hat sich nicht von seiner Mission abbringen lassen, obwohl die Umstände in der Wüste extrem herausfordernd waren.

Demeter wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Was wurde bisher weltweit erreicht?
Die biologisch-dynamische Landwirtschaft wird mittlerweile in 60 Ländern von vielen Tausenden Bauern praktiziert. Sie bietet die produktivsten und effizientesten Methoden für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur, für die Entwicklung der Menschen und der Gesellschaft und einer partnerschaftlichen Wirtschaft.

„Es ist wichtig, ins Handeln zu kommen“

Hemly Abouleish

Vor welchen Herausforderungen steht Demeter aktuell?
Eine große Herausforderung ist, darüber aufzuklären, dass biologisch-dynamisch hergestellte Produkte günstiger sind als konventionelle, wenn die wahren Kosten dargestellt würden.

Das sind viele Herausforderungen, vor denen du stehst. Das ist sicher nicht immer einfach.
Dinge ganzheitlich zu verstehen, also nicht nur aus meiner individuellen Sicht, braucht Zeit und bremst mich manchmal. Auch Partner zu finden, die meine Vision selbstmotiviert teilen, ist eine Herausforderung. Ich liebe das Leben und die Herausforderungen aber trotzdem.

Wie motivierst du dich?
Wenn wir Herausforderungen als Möglichkeit willkommen heißen, uns und diese Erde zu entwickeln, dann ist das sehr motivierend. Für einen positiven Wandel gibt es so viel zu tun. Das ist spannend, macht Spaß und vor allem kann man unglaublich viel dabei lernen. Dieser Dreiklang energetisiert und motiviert mich enorm.

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