Weder Wurst noch Fleisch - Schrot und Korn

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Weder Wurst noch Fleisch

© Getty Images/Westend61

 

RECHT Darf ein Veggie-Burger bald nicht mehr Burger heißen? Viele Hersteller vegetarischer Bio-Produkte sind in Aufruhr.  Jessica Jungbauer

Was haben „Schweineohren“ und „Katzenzungen“ gemeinsam? Sie sind beide nicht nur Süßwaren, sondern enthalten beide keinesfalls Schweine oder Kätzchen. So ist es auch bei „vegetarischer Leberwurst“ und „Tofu-Wienern“ – beide enthalten weder Fleisch noch Wurst, was die Bezeichnungen wohl auch kaum vermuten lassen. Doch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) sieht das anders. Deshalb sollen diese Produkte von nun an „vegetarische Soja-Streichwurst mit Leberwurstgeschmack“ und „vegane Soja-Wurst nach Wiener Art“ heißen.

Klarheit durch Leitsätze?

Seit Jahren wird der Markt für vegane und vegetarische Lebensmittel immer größer. Allein in den letzten fünf Jahren stieg die Zahl der veganen Produkteinführungen um mehr als das Dreifache, von vier auf 13 Prozent. Auch der Weltklimarat empfiehlt ein Weniger an tierischen Produkten als entscheidendes Mittel im Kampf gegen die Klimakrise. Im Zuge dieser Entwicklung wurden Ende 2018 die „Leitsätze für vegane und vegetarische Lebensmittel“ von der Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission (DLMBK) veröffentlicht. Initiiert vom Deutschen Fleischer-Verband, dem Deutschen Bauernverband und dem damaligen CSU-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt. 

Die Leitsätze sollten für mehr „Klarheit“ bei der Kennzeichnung sorgen: Gibt es eine „Ähnlichkeit zu Lebensmitteln tierischen Ursprungs“, so darf das vegane Produkt nicht auch so heißen. Als Grund nennt das BMEL den „Schutz der Verbraucher vor Irreführung“ – nicht, dass jemand aus Versehen zu einem pflanzlichen Produkt greife. Laut einer Umfrage des Verbraucherzentrale Bundesverbandes haben allerdings nur vier Prozent der Befragten jemals vegetarische und fleischhaltige Produkte verwechselt.

Valentin Jäger, Leiter des Qualitätsmanagements bei Taifun-Tofu, dem Bio-Hersteller von Eiweißalternativen, sieht einen anderen Grund für die Einführung der Leitsätze: „Um was es wirklich geht, ist die kulturelle Deutungshoheit nach dem Motto: Die Wurst war immer aus Fleisch und alles andere ist keine Wurst. Wir befinden uns in einem gesellschaftlichen Wandel, in dem viele Menschen immer weniger Fleisch essen. Anstelle von Verbraucherinteressen geht es um Wirtschaftsinteressen“, so Jäger. In den 20 Jahren seit Gründung der Firma habe es keine einzige Reklamation eines Kunden gegeben, dem Fleisch im Produkt gefehlt hätte. Zudem ist die Kennzeichnung „vegan“ oder „vegetarisch“ auf der Packung Pflicht. „Wir erkennen die Leitsätze nicht an“, sagt Jäger – und spricht damit für viele Veggie-Hersteller. Er will seine Produkte weiter „Tofu-Wiener“ und „Veggie-Bratwurst“ nennen.

Auch die Firma Topas stellt mit Wheaty bereits seit 25 Jahren Fleischalternativen (auf Basis von Seitan) her und lehnt die Leitsätze ab. „Unsere Produktbezeichnungen wie ‚vegane Salami‘ und „vegane Bratwurst“ geben dem nach fleischfreien Alternativen suchenden Kunden lediglich eine Information über den ungefähren Geschmack und die Konsistenz des Produktes. Sie sind also keine Verbrauchertäuschung – im Gegenteil, sie leisten einen essenziellen Beitrag zur Verbraucherorientierung“, sagt Oliver Frehse von Topas. Die Hersteller sind sich einig: Gerade für Einsteiger in eine pflanzliche Ernährung sind die Bezeichnungen hilfreich.

Hersteller wehren sich

Leitsätze sind nicht verbindlich. Allerdings kann es trotzdem zu Gerichtsverfahren kommen, wenn man sich nicht an sie hält. Immer mehr Veggie-Hersteller schließen sich daher zusammen: „Wenn wir als Hersteller die Leitsätze der DLMBK nicht anwenden, dann hat der Leitsatz seine Prägungsfunktion nicht erfüllt. Dies kann dazu führen, dass er rückwirkend als ‚ungültig‘ betrachtet werden muss, da es sich eben nicht um ein Gesetz handelt“, so Jäger. Neben den Gründen für die Einführung kritisieren die Hersteller, dass es keine klare Definition gibt: „Es geht hier nicht um Produkte, wie sie sein sollen, sondern wie sie nicht heißen dürfen.“ Auch Frehse sieht darin wenig Sinn: „Würde man die gewünschte Konsequenz der Initiatoren der Leitlinien auch auf den Fleischbereich anwenden, dürfte zum Beispiel der Leberkäse nicht mehr Leberkäse heißen, enthält er doch weder Leber noch Käse“. 

An sich sind Leitsätze nichts Schlechtes – im Gegenteil: So gibt es  auch in anderen Bereichen, etwa beim Brot, bestimmte Regelungen. Beispielsweise wie viel Vollkorn in einem Vollkornbrötchen enthalten sein muss. Deshalb ist es nach Jäger auch zu begrüßen, wenn vegane Lebensmittel einmal genau definiert werden würden: „Was ist Tofu? Wie wird es hergestellt?“ Die Lösung liegt für die Hersteller in der Überarbeitung der Leitsätze: In einem Arbeitskreis haben sich Vertreter vieler Veggie-Unternehmen zusammengetan, um eigene Leitsätze für Tofu, Tempeh und Co. zu formulieren. Noch im November wollen sie die überarbeiteten Leitsätze der DLMBK vorlegen. 

Petitionen gegen Verbote

Auch auf EU-Ebene stehen die Namen für Veggie-Produkte im Fokus. Dort wird an der Einführung eines Gesetzes gearbeitet – im Vergleich zu Deutschland ist die Vorlage noch strenger: So sollen auch Begriffe wie „Burger”, „Wurst” und „Schnitzel” verboten werden. Momentan steht die Abstimmung im EU-Parlament noch aus, Umweltschützer in ganz Europa sind aber ebenso aufgebracht wie die heimischen Veggie-Hersteller. Gleich mehrere Petitionen greifen daher das Thema auf. So haben die Petition „Burger Rebellion” bei Redaktionsschluss bereits über 7000 Menschen und die Petition der europäischen Ernährungsorganisation ProVeg gegen das  Veggie-Burger-Verbot bereits über 70 000 Menschen unterzeichnet. 

Rechtsstreit: Aus Cheeze wird Cashew

Ein Start-up aus Cuxhaven spezialisiert sich seit 2012 auf vegane Produkte. Doch von Anfang an macht die Lebensmittelkennzeichnung der Happy Cheeze GmbH das Leben schwer: Letztes Jahr musste das Unternehmen den Namen der pflanzlichen Produkte von „Happy Cheeze“ in „Happy Cashew“ ändern. Der ursprüngliche Name sei trotz der leicht abgewandelten Version dem Wort für „Käse“ zu ähnlich und dieses sei allein für das Produkt tierischen Ursprungs vorgesehen. Einen weiteren Rechtsstreit hat die junge Firma dann allerdings gewonnen: Das Wort „Käse-/Milch-Alternative“ darf stehen bleiben – die Wettbewerbszentrale hatte den Begriff angeprangert. Das Landgericht Stade entschied, dass aber gerade diese Bezeichnung den Verbrauchern eine Hilfestellung zur Verwendung gibt.

 

Mehr zum Thema:

Safran Foer, Jonathan:
Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiepenheuer & Wietsch, 2019,
336 Seiten, 22 €

© clipdealer

 

Erschienen in Ausgabe 11/2019
Rubrik: Ernährung

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