Vitamine & Co. Wenn ja, dann bio - Schrot und Korn

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Vitamine & Co. Wenn ja, dann bio

Nahrungsergänzungsmittel (© Gina Sanders / Fotolia)
(© Gina Sanders / Fotolia)

Jeder vierte Deutsche greift zu Nahrungsergänzung. Ob das sinnvoll ist, darüber lässt sich streiten. Nicht streiten lässt sich über die Qualität. Hier sprechen viele Gründe für bio. // Leo Frühschütz

Novembernebel. Kälte und Nässe kriechen in den Körper. Der Hals kratzt. Höchste Zeit, das Immunsystem zu stärken, es fit zu machen für den Ansturm der Schnupfen-  und Erkältungsviren. Zeit also für Vitamin-C-Tabletten, Echinacea-Tropfen und eine Extra-Portion Zink?

„Gesunde, die sich vollwertig ernähren, sind in der Regel ausreichend mit essenziellen Nährstoffen versorgt“, betont die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) unermüdlich. Der Verein verweist auf die Daten zahlreicher Untersuchungen wie beispielsweise auf die Nationalen Verzehrsstudien.

Diese zeigen aber auch, dass sämtliche Altersgruppen zum Beispiel deutlich weniger Folat zu sich nehmen als empfohlen wird. Das B-Vitamin kommt vor allem in Gemüse vor und das steht zu selten auf dem Speiseplan.

Gezielt ergänzen

Auch bei Vitamin D decken die mit der Nahrung aufgenommenen Mengen den Bedarf nicht. Das kann für Menschen zum Problem werden, die kaum an die Sonne kommen und deshalb zu wenig Vitamin D selbst bilden. Auch Heimbewohner nehmen im Durchschnitt zu wenig Nährstoffe zu sich, besonders dann, wenn sie pflegebedürftig sind.

Die DGE gesteht zu, dass es Lebenssituationen gibt, in denen „eine ausreichende Versorgung gefährdet sein kann“. Sie meint damit Zeiten erhöhten Bedarfs wie Wachstum, Schwangerschaft oder Stillzeit, Unverträglichkeiten und Krankheiten sowie „einseitige Ernährungsformen“. Dazu zählt der Verband auch die vegane Ernährung. Einen erhöhten Bedarf hätten außerdem Menschen, die regelmäßig Alkohol und Tabak konsumieren. In all diesen Fällen kann aus Sicht der DGE eine gezielte Ergänzung mit einzelnen Nährstoffen sinnvoll sein. 

Neben diesen quasi amtlichen Ernährungsempfehlungen gibt es andere Ansichten, etwa in der orthomolekularen Medizin. Ihre Anhänger gehen davon aus, dass prall gefüllte Nährstoffdepots im Körper sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Deshalb plädieren sie dafür, die Depots auch mit Hilfe von Nahrungsergänzungsmittel(NEM) zu füllen.

Jeder Vierte substituiert

Viele Menschen setzen NEM gezielt ein um Erkältungen vorzubeugen, Wechseljahresbeschwerden zu verringern oder um vor Prüfungen die Konzentration zu fördern. Insgesamt greift ein Viertel der Deutschen zumindest gelegentlich zu Nahrungsergänzungsmitteln. Es sind überwiegend gesundheitsbewusste und sportliche Menschen, die sich öfter mal eine Extraportion Vitamine und Mineralstoffe gönnen. Sie gaben dafür 2012 über 900 Millionen Euro aus, ermittelten die Marktforscher von IMS Health. Der größte Teil des Geldes floss für Produkte mit isolierten Vitaminen und Mineralstoffen.

Doch das Spektrum der Nahrungsergänzungsmittel ist viel größer. Es umfasst laut Gesetz alle Konzentrate „von Nährstoffen oder sonstigen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung“. Das können im Körper vorkommende Substanzen sein wie das als „Fat-Burner“ beworbene L-Carnitin oder sekundäre Pflanzenstoffe wie die Anthocyane in blauen Beeren. Verkauft werden NEM „in dosierter Form“, etwa als Kapseln, Pastillen oder Tabletten.

Wenn NEM, dann bio

Nahrungsergänzungsmittel im Bio-Laden enthalten die Nährstoffe nicht isoliert, sondern im natürlichen Verbund. Vitamin C gibt es also nicht als reine Ascorbinsäure. Stattdessen wird der Saft der Vitamin-C-reichen Acerolakirsche zu Pulver getrocknet. B-Vitamine liefern Basilikumblätter oder Quinoakeimlinge, Folat stammt aus Zitronenschalen, Vitamin E aus Weizenkeimöl, Calcium aus getrockneten Meeresalgen. Die Firma GSE-Vertrieb hat seit Kurzem ein Produkt mit einem eisenhaltigen Extrakt aus Bio-Curryblättern im Programm. Ein Novum, denn bisher gab es nur chemisch hergestelltes Eisengluconat.

Dass Nährstoffe im natürlichen Verbund wirkungsvoller sind, haben Forscher der New Yorker Cornell Universität mit Äpfeln gezeigt. Sie verglichen 12 Milligramm synthetisch hergestelltes Vitamin C mit 100 Gramm Apfel, der ebenfalls 12 Milligramm Vitamin C enthielt. Ergebnis: Die zellschützende Aktivität des Apfels war 125-mal größer. Ob Nährstoffe im Verbund auch besser vom Körper aufgenommen werden, ist nicht so klar. Denn die Bioverfügbarkeit einzelner Nährstoffe ist sehr schwer zu bestimmen und hängt bei jeder Substanz vonverschiedensten Faktoren ab.

Spirulina, Acai und Aronia – die Verwandten

Neben Bio-Alternativen zu den synthetisch hergestellten Vitamin- und Mineralstoffpillen bieten Bio-Läden ein breites Sortiment an natürlichen Nährstoffkonzentraten. Dazu zählen Mikroalgen wie Chlorella und Spirulina, aber auch Gelee Royale. Moringa-Blätter und Gerstengras liefern reichlich Chlorophyll und andere Inhaltsstoffe grüner Pflanzen. Acai-, Amla- und Aroniabeeren in Pulverform enthalten zellschützende Antioxidantien. Im Regal stehen auch Produkte aus gesundheitsfördernden Pflanzen wie Salbei, Kurkuma oder Erdmandel.

Bio, aber kein Logo

Bei NEM im Bio-Laden stammen die pflanzlichen Rohstoffe meist aus Öko-Anbau. Trotzdem tragen viele Produkte kein Bio-Logo. Das kann daran liegen, dass Substanzen zugesetzt wurden, die nicht auf der Positivliste der EU-Öko-Verordnung für Bio-Lebensmittel stehen. Etwa das Coenzym Q10. In anderen Fällen gibt es einen bestimmten Extrakt oder ein Pulver noch nicht in Bio-Qualität, weil sich für die geringe Menge keine eigene Verarbeitung lohnt. Möglich ist auch, dass die Rohstoffe bio sind, bei der Verarbeitung aber Hilfsstoffe eingesetzt werden, die nicht öko-kompatibel sind.

Um in solchen Fällen eine hohe Qualität der angebotenen NEM sicherzustellen, hat der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) in seinen Sortimentsrichtlinien Mindestkriterien für Nicht-Bio-NEM festgelegt. Sie dürfen keine chemisch-synthetischen Süßstoffe, Konservierungs- und Aromastoffe, keine gehärteten Fette und Paraffine und keine gentechnisch veränderten Zutaten enthalten. Die verwendeten Farbstoffe und Antioxidantien müssen auch in der Natur vorkommen. Die Bestrahlung von Zutaten ist verboten. Damit unterscheiden sich die Produkte im Bio-Laden deutlich von denen in Drogeriemärkten und anderen Vertriebsschienen.

Heilen ist nicht erlaubt

Alle Nahrungsergänzungsmittel sind laut Gesetz Lebensmittel. Sie dürfen die Gesundheit fördern, aber nicht Krankheiten heilen. Mittel, die das nachweislich können, stuft das Gesetz als Arzneimittel ein (s. Kasten „Bio-Logo nicht erlaubt“). Entscheidend ist dabei oft die Dosis: Der Knorpelbestandteil Glucosamin gilt bei einer Tagesdosis von mehr als 1250 Milligramm als Arzneimittel gegen Arthrose im Knie. Präparate mit weniger Glucosamin werden als NEM verkauft. Sie können offiziell keine Knieschmerzen lindern – und das darf auch nicht behauptet werden. Denn NEM dürfen nur einige allgemeine, genau festgelegte und wissenschaftlich belegbare gesundheitsbezogene Aussagen, die Health Claims, verwenden. Etwa: „Calcium wird für die Erhaltung normaler Knochen benötigt.“ Studien, in denen für ein ganz bestimmtes NEM eine bestimmte Wirkung nachgewiesen wurde, gibt es nicht.

NEM-Hersteller müssen die Nährstoffzusammensetzung ihrer Produkte und die täglich empfohlene Verzehrsmenge angeben, mit dem Hinweis, dass diese nicht überschritten werden sollte. Denn bei einigen Stoffen, etwa Vitamin A, kann eine Überdosierung negative Folgen haben. Außerdem muss auf der Packung stehen, dass sie kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung sind.

Jörg SchreiberGreen Valley

„Wir wollen nicht in erster Linie Extrakte verkaufen, sondern möglichst naturbelassene Lebensmittel“, sagt Mit-Geschäftsführer Jörg Schreiber. Trocknen, Mahlen, Pressen sind seine Verfahren für Algen, Gräser oder Nachtkerzensamen.

„Wir geben genau an, wo unsere Rohstoffe herkommen“

Seit 1992 isst Jörg Schreiber Mikroalgen – und importiert sie auch. Die ersten stammten von Earthrise in den USA und der japanischen Insel Ishigaki. Wegen der hohen Qualität halten er und viele seiner Kunden diesen konventionellen Algen bis heute die Treue. Doch Green Valley hat auch Naturland-zertifizierte Bio-Mikroalgen aus Südindien und seit Kurzem aus Taiwan im Sortiment. Die Herkunftsangaben sind Jörg Schreiber wichtig, am liebsten wäre ihm eine Deklarationspflicht – zumindest im Bio-Laden: „Es kommen sehr viele sehr günstige Bio-Algen aus China auf den Markt. Allerdings in einer Qualität, dass ich sie selber nie essen würde. Deshalb verkaufe ich sie auch nicht.“

Auf gesundheitsbezogene Werbeaussagen, die sogenannten Health Claims, legt der Geschäftsführer weniger Wert. „Die Menschen nehmen das Produkt dann nicht mehr als vollwertiges Lebensmittel wahr, sondern als Medizin.“ Neu im Sortiment sind pulverisierte Moringa-Blätter. Sie stammen von Kleinbauern-Kooperativen in Tansania und Malawi. Deren Bio-Zertifizierung läuft und sei voraussichtlich Anfang 2015 abgeschlossen, sagt Jörg Schreiber.

Erwin WinklerHerbaria

„Das Bio-Siegel ist für unsere Kommunikation mit den Kunden sehr wichtig“, sagt der Geschäftsführer Erwin Winkler. Das Unternehmen geht verschiedene Wege, um Nahrungsergänzung und Heilkräutertees damit ausloben zu können.

„Wenn das Bio-Siegel fehlt, gibt es immer wieder Nachfragen“

Einer der Renner im Herbaria-Sortiment ist die eisenhaltige Saftmischung Blutquick. Sie trägt das Bio-Siegel, obwohl Eisengluconat zugesetzt ist. Nach der EU-Öko-Verordnung wäre das nicht zulässig. Doch das Produkt ist speziell für Schwangere und Stillende gedacht und fällt deshalb – wie auch Babykost – unter die Diätverordnung. Diese schreibt bestimmte Nährstoffgehalte vor, die notfalls durch Zusätze erreicht werden müssen. Für Erwin Winkler ist das eine Hilfskonstruktion „Uns wäre eine klare Regelung lieber, mit der wir die Bio-Qualität der Zutaten ausloben könnten.“

In Zukunft will Herbaria verstärkt die heilsamen Eigenschaften von Gewürzen für die Nahrungsergänzung nutzen. Bei den Herbaria-Arzneitees hatte die Aufsichtsbehörde vor einigen Jahren die Bio-Auslobung beanstandet. Deshalb kreierte das Unternehmen seine Hausfreund-Tees, berichtet Erwin Winkler: „Sie sind Lebensmittel, haben traditionell wirksame Rezepturen und wir legen die gleichen Standards an wie für Arzneimittel, etwa was die Analytik angeht. Diese Tees helfen genauso – nur sagen darf man es nicht.“

Tasse mit Tee (Foto: ClipDealer)
Im Bio-Laden gibt es auch Arzneimittel – zum Beispiel Heilkräutertees.
Für sie gelten andere Regeln als für Nahrungsergänzungsmittel.

Bio-Logo nicht erlaubt

Arzneimittel dürfen nicht bio-zertifiziert werden, auch dann nicht, wenn die Rohstoffe öko sind. 

Heilkräuter-Tees und Pflanzensäfte sind die wichtigsten Arzneimittel im Bio-Laden. Ihre Rohstoffe stammen aus Öko-Anbau. Das Bio-Logo dürfen sie aber nicht tragen. Denn das gilt nur für Lebensmittel. Manche Hersteller riskieren, die Bio-Herkunft der Rohstoffe auf die ein oder andere Weise hervorzuheben. Wer Pech hat, bekommt Ärger mit der für die Arzneimittel zuständigen Landesbehörde.

Im Gegensatz zu NEM durchlaufen Arzneimittel ein amtliches Zulassungsverfahren. Ihre gesundheitliche Wirkung muss belegt sein. In der Regel braucht es dafür Tierversuche und klinische Versuche am Menschen. Die Produkte im Bio-Laden sind zumeist als „traditionelles pflanzliches Arzneimittel“ registriert. Dafür genügt es, die Wirksamkeit durch Literaturstudien zu belegen.

Bei Arzneimitteln darf der Hersteller auf die heilende Wirkung hinweisen – für genau festgelegte Indikationen. „Zur Behandlung von Atemwegserkrankungen“ steht dann auf der Verpackung, oder „bei Völlegefühl und Blähungen“. Die eingesetzten Heilpflanzen – von Artischocke bis Zinnkraut – müssen bestimmte im Deutschen Arzneibuch festgelegte Wirkstoffmengen aufweisen. Ihre Qualität wurde also im Labor überprüft.

Verwirrend: Zahlreiche Heilpflanzen werden sowohl als Lebens- als auch Arzneimittel angeboten. Haben sich Hersteller für den Verkauf als Arzneimittel entschieden, lässt sich das an einer Zulassungsnummer auf der Verpackung erkennen. Zusätzlich steht dort die Chargen-Bezeichnung, „Ch.-B.“ abgekürzt. Ein Beipackzettel weist auf mögliche Risiken und Nebenwirkungen hin. Statt einem Mindesthaltbarkeitsdatum gibt der Hersteller ein Verfallsdatum an. Er garantiert damit, dass bis zu diesem Tag die vorgegebene Wirkstoffmenge enthalten ist. 

Erschienen in Ausgabe 11/2014
Rubrik: Ernährung

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Heiner Bühlen, Gesundheitspädagoge

Es ist schön, dass Herr Frühschütz gleich ganz vorne völlig unmissverständlich seine Meinung mitteilt, dass man über den Sinn (oder Unsinn – nicht wahr) von NEM streiten könne. Ob das eine hilfreiche Aufklärung zum Thema ist, ist eine andere Frage angesichts der Flut von fundierten Studien, die dem, der das will, Klarheit in der Sache schaffen, schaffen könnten.

Sicher keine hilfreiche Aufklärung zum Thema ist aber sicher das hier:
"Neben diesen quasi amtlichen Ernährungsempfehlungen gibt es andere Ansichten, etwa in der orthomolekularen Medizin. Ihre Anhänger gehen davon aus, dass prall gefüllte Nährstoffdepots im Körper sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Deshalb plädieren sie dafür, die Depots auch mit Hilfe von Nahrungsergänzungsmittel(NEM) zu füllen."

Man muss sicher kein "Anhänger" Orthomolekularer Medizin (OM) sein, um nicht solch einen Blödsinn über deren angebliches Anliegen von "prall gefüllten Nährstoffdepots" in der Welt zu verbreiten. Eine wenigstens etwas fundierte Auseinandersetzung mit der OM könnte aber sicher sehr hilfreich dabei sein, annehmbare Aufklärungsarbeit in einem für uns Menschen immer wichtiger werdenden Themenfeld zu machen.

Wenigstens so viel sollte an dieser Stelle den in der Materie nicht so kundigen Lesern richtig stellend mitgeteilt sein:
Orthomolekulare Medizin ist keine Ideologie oder Religion, zu der es passen könnte, von Anhängern zu sprechen. Der Begriff steht für eine in hohem Maße interdisziplinäre und naturwissenschaftlich fundierte, einerseits der Prävention, der Förderung vitaler Funktionen und so auch der Vermeidung von Krankheiten und andererseits der Therapie, die dazu legitimierten Fachleuten vorbehalten ist, zugewandte Sicht auf innere Vorgänge, die in den 60er Jahren des 20. Jh. rings um den zweifachen Nobelpreisträger Linus Pauling ihren signifikanten Anfang hat.

In den präventiven Aspekten bietet sie normalen Menschen, d.h. nicht medizinisch Ausgebildeten, eine Fülle von leicht verständlichen, wichtigen Einsichten und Anregungen für die Übernahme von Verantwortung, für sich selbst, für eine gesundheitsförderliche Ernährungs- und Lebensweise. Und hier liegt der Grund, der unqualifiziertes Geplaudere der bezeichneten Art statt handfester, den Menschen wirklich hilfreicher Aufklärung extrem ärgerlich macht. Weil das bei sicher nicht wenigen ihrer Leser anhaltenden Schaden anrichtet, durch mangelhafte, um es mal vorsichtig zu sagen, wenn nicht sogar gezielt in die Irre führende „Information“. - Nein, oder?