Trecker-Karl hat es satt - Schrot und Korn

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Trecker-Karl hat es satt

Wir-haben-es-satt-Demo 2015 (© Sarah Johanna Eick)
(© Sarah Johanna Eick)

DEMO Viele Menschen sind wütend auf die Agrarindustrie. Deshalb demonstrierten im Januar 50 000 in Berlin. Natürlich war auch Schrot&Korn dabei. von Manfred Loosen / Fotos: Sarah Johanna Eick

Karl Stütz sieht an diesem Januartag überraschend frisch aus – obwohl er von seiner Heimat im Hohenlohekreis in Baden-Württemberg bis nach Berlin mehr als 600 Kilometer gefahren ist. Mit dem Trecker! Aber der Weg ist es ihm Wert. Er will unbedingt bei dieser Demo gegen Agrarindustrie und Gentechnik dabei sein.

Tuckernd reiht sich sein Lanz-Traktor Baujahr 1965 in die Schlange der fast 100 anderen Bauern aus ganz Deutschland, die mit dem Trecker in der Hauptstadt für kleinbäuerliche Strukturen protestieren wollen. Ihr Ziel: Die Auftaktkundgebung am Potsdamer Platz.

Die meisten der mehreren Zehntausend Demo-Teilnehmer sind aber wohl mit der bequemeren U-Bahn hierher gekommen. Wie eine kleine Gruppe von Landwirten aus Schleswig-Holstein. „Wir haben in der U-Bahn schon mit unserem Protest angefangen“, erzählt einer von ihnen und beginnt sofort wieder lautstark zu rufen: „Ich bin wütend, ich bin sauer, morgen werd' ich Bio-Bauer!“ Seine Kumpel stimmen ein. Ruhiger, aber nicht weniger entschlossen, drücken es die Brandenburger Frank und Steffi aus, die mit ihrer dreijährigen Tochter angereist sind. „Wir wollen, dass es auch noch gentech-freies Essen gibt, wenn unsere Kleine groß ist!“, sagt Steffi ernst. „Es darf nicht in erster Linie um die Industrie-Interessen gehen. Gesundes Essen, gesunde Böden, sauberes Grundwasser sind viel wichtiger.“

Zum fünften Mal ruft die Organisation „Meine Landwirtschaft“ anlässlich der größten Landwirtschaftsmesse der Welt, der Grünen Woche, zu dieser Demonstration gegen Megaställe und für Tierwohl auf. Unter dem alljährlichen Motto „Wir haben es satt!“ gehen Tausende für eine Agrarwende auf die Straße. Und das trotz frostiger Kälte.

Als sich der Zug an diesem Samstagmittag vom Potsdamer Platz aus in Richtung Kanzleramt in Bewegung setzt, ist es sechs Grad kalt, und ein eisiger Wind pfeift um die Hochhaus-ecken. Da ist es praktisch, dass sich viele Demonstranten aus Protest verkleidet haben: als Kuh, als Schwein, als Hahn. Doch dies ist kein Karneval, der Hintergrund für die Maskerade ernst. Auf Plakate haben sie geschrieben, was sie den politisch Verantwortlichen gerne selbst sagen würden:  „Tiere sind keine Lebensmittel. Sie sind Mitgeschöpfe!“, steht da oder „Lasst die Bienen leben! Verbietet Pestizide!“ und „Mein Tipp: Kein TTIP!“

Wir-haben-es-Satt Demo 2015 (Foto: Sarah Johanna Eick)Fast 100 Trecker führten den Demonstrationszug zum Bundeskanzleramt an.

Warm eingepackt läuft auch Georgine Müller bei der Demo mit. Sie ist mit 25 anderen engagierten Menschen nachts um Viertel nach zwei in Ingolstadt in den Bus gestiegen: „Ich bin nicht zum ersten Mal hier bei der Demo in Berlin“, sagt die 63-jährige Bayerin. Sie freut, dass diesmal viele junge Menschen dabei sind, und glaubt, dass TTIP der Grund dafür ist.

Kämpferisch und freundlich

Tatsächlich protestieren auf dem Potsdamer Platz viele Teilnehmer mit bunten Fahnen und Plakaten gegen das Freihandelsabkommen, das die EU zurzeit mit den USA verhandelt. Dass dies jetzt überhaupt öffentlich diskutiert wird, nachdem es zuvor nur geheim verhandelt worden war, sei ein Erfolg der vielen Demonstrationen in den vergangenen Jahren, sagt Jochen Fritz, Sprecher des Bündnisses „Wir haben es satt!“, das die Veranstaltung organisiert. Ein weiterer Erfolg der Bewegung ist laut Fritz, dass in den vergangenen Jahren viele Megaställe mit mehreren Tausend Kühen oder Schweinen sowie Hunderttausenden Hühnern verhindert worden seien.Trotz der Wut bei vielen Teilnehmern auf Politik und Agrarindustrie: Die vielen Zehntausend Menschen, die zum Kanzleramt ziehen, sind in bester Stimmung: friedlich, aber kämpferisch, freundlich, aber bestimmt. Mit dabei ist auch die 61-jährige Elisabeth Schmelzer aus Minden in Nordrhein-Westfalen. Sie macht die Pressearbeit für den Verein Green Fair Planet, der sich seit vielen Jahren aktiv für den Umwelt- und Tierschutz einsetzt.

Wir-haben-es-satt-Demo 2015 (Foto: Sarah Johanna Eick)Schrot&Korn-Mitarbeiter waren auch bei der Demo dabei.

Elisabeth Schmelzer hat die Reise von insgesamt 280 Mindenern nach Berlin organisiert. Die meisten sind mit dem Zug nach hierher gekommen. Und weil Elisabeth Schmelzer im Vorfeld viele Spenden eingetrieben hat, konnte sie den zumeist jungen Reiseteilnehmern die Hin- und Rückfahrt für nur 20 Euro anbieten. Nicht zuletzt ein Grund, warum so viele mitgekommen sind.

Als dann am Nachmittag der bunte Demonstrationszug den Platz zwischen Bundeskanzleramt und Reichstag erreicht, kommt sogar die Sonne heraus, und der Himmel über den Demonstranten wird immer blauer. „Sogar der liebe Gott unterstützt unsere Forderung nach kleinen Höfen, artgerechter Tierhaltung und Feldern ohne Pestizide!“, lacht Beate, die am Vortag aus Hessen nach Berlin gekommen war. Ihre Freunde, bei denen sie wohnt, hat sie gleich zur Demo mitgebracht. Beate befürchtet, dass das Bienensterben wegen der Pestizide immer weitergeht. Deshalb ist sie für ein Verbot „dieser Agrargifte“.

Wir-haben-es-satt-Demo 2015 (Foto: Sarah Johanna Eick)Bunte Fahnen, viele Plakate: Der Protesttag machte richtig Spaß.

So unterschiedlich die Teilnehmer der Demonstration auch sind, die sich vor der Bühne zur großen Abschlusskundgebung versammeln – sie kommen von Tierrechtsgruppen, Parteien, Umweltorganisationen, sind Imker, Bauern oder „ganz normale“ Verbraucher – sie alle verbindet ein Wunsch: Weg mit Agrarfabriken, her mit einer Landwirtschaft, die gut ist für Menschen, Tiere und Pflanzen.

Schnippeln im Zirkus

Und weil protestieren bei sechs Grad mächtig hungrig macht, haben die Organisatoren warmes Essen vorbereitet. Dazu trafen sich bereits am Abend vorher Hunderte Menschen zur traditionellen „Schnippeldisko“ im Zirkus Cabuwazi. Bei Musik wurden hier zentnerweise Kartoffeln, Kürbisse, Tomaten und Zwiebeln zerkleinert, um daraus ein veganes Essen zu kochen. Zig Bierzelt-Garnituren waren dafür in dem riesigen Zelt aufgestellt worden.

Einer der Helfer war Alexander Pollmeier. Er ist gelernter Koch und studiert jetzt Betriebswirtschaft. Mit Freunden gründet er gerade eine Food-Koop, die Bio-Anbau und kleinbäuerliche Strukturen unterstützen will. Natürlich schnippelte Pollmeier Tomaten wie ein Profi: Im Rekordtempo waren die grünen Strünke entfernt und die Tomate in zwölf Teile zerkleinert. Die Stücke landeten dann in wagenradgroßen Plastikwannen – und schluss-endlich in den großen Töpfen von Wam Kat. Der Demo-Koch zauberte aus all dem Gemüse, das ihm im Sekundentakt gebracht wurde, eine warme Mahlzeit für rund 3 600 Personen.

Dass es viel mehr Demonstranten werden, mehr als in den Jahren zuvor, erfahren die Helfer erst am nächsten Tag: Die Organisatoren zählen 50 000 Menschen, die für eine andere, eine ökologischere Landwirtschaft auf die Straße gehen.

Wir-haben-es-satt-Demo 2015 (Foto: Sarah Johanna Eick)Nach der Demo: Wärme durch Tee, Kaffee und Wam Kats Essen

(© Sarah Johanna Eick)

Karl Stütz (53)

Karl Stütz (© Sarah Johanna Eick)
(© Sarah Johanna Eick)

„Als Nebenerwerbslandwirt, der auf gerade mal fünf Hektar Gemüse anbaut, bin ich mit meinem Trecker aus Hohenlohe in Baden-Württemberg nach Berlin gekommen. Das war mir wichtig!“

Georgine Müller (63)

„Unser Bus ist heute Nacht um 2:15 Uhr in Ingolstadt losgefahren.  Und 25 Stunden später  sind wir wieder daheim. Seit Jahren arbeite ich für den Bund Naturschutz. Toll, dass diesmal noch mehr junge Menschen mit zur Berliner Demo gekommen sind.“

Alexander Pollmeier (31)

„Ich bin gelernter Koch und will jetzt Diplom-Betriebswirt werden. Ich schnippele hier für Wam Kats Kochtopf, weil es nach der Demo für möglichst viele Leute ein warmes, veganes Essen geben soll.“

Erschienen in Ausgabe 03/2015
Rubrik: Ernährung

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Agatha

Nicht über die Landwirtschaft beschweren... alles liegt in der Hand des Konsumenten. Ich verteidige nicht die Bauern, die Gentechnik verwenden, sondern sage, dass der erste Schritt wäre etwas an der Bildung der Menschen zu tun, dass sie Wissen, was sie mit ihrem Überkonsum hervorrufen!
Das BEWUSSTSEIN muss gefördert werden. In der Schule lernen die Kinder quasi nichts von Lebensmitteln deren Produktion und was es mit Mutter Erde anstellt.