Topf-Glück mit Rohkost - Schrot und Korn

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Topf-Glück mit Rohkost

ERNÄHRUNG Rohkost ist in. Kein Wunder, sie bietet auch eine Menge. Und damit meinen wir nicht nur die leckeren Rezeptkreationen. von Annette Sabersky

Ein wenig aufgeregt war sie schon vor ihrem ersten Rohkost-Potluck, dem Treffen zum gemeinsamen Essen. Momo fragte sich, ob sie Tee mitbringen dürfe. Ein wenig Sorge hatte sie auch, von den anderen auf Herz und Nieren in Bezug auf ihre Rohkostambitionen geprüft zu werden. Doch nichts davon. Sofort als Momo, wie sich die Kölner Bloggerin nennt, am Treffpunkt ankam, fühlte sie sich wohl. Es gab angenehme Gespräche. Und vor allem ein tolles Rohkostmenü mit köstlichen Heidelbeer-Tartes zum Abschluss.

Das Prinzip eines Rohkost-Potluck ist einfach. Gleichgesinnte treffen sich zum Essen, zu dem jeder etwas Rohes mitbringt. Man lernt sich über Facebook kennen oder findet sich über Websites wie www.germanygoesraw.de. Roh-Potlucks, Topf-Glück, das Wort bringt es auf den Punkt. Es geht darum, Rohköstliches zu genießen.

Was ist Rohkost?

Schon ist die Rede von einem neuen Trend. Allerorten schießen Restaurants wie Pilze aus dem Boden, die Rohkost anbieten. Die „Rohvolution“, die führende Messe zum Rohkost, zählt heute mehr als 15 000 Besucher. Anfangs, das war 2008, kamen nur 210. Es gibt viele Rezeptbücher und auf Youtube über 36 000 Filmchen zum Rohkost.

Roh, das sind Lebensmittel, die zu keinem Zeitpunkt erhitzt, also gegart werden. Erlaubt sind Temperaturen bis circa 40 Grad. Sie werden erreicht, wenn Honig geschleudert, Öl kalt gepresst, Obst gedörrt oder der Smoothie gemixt wird. Heißer darf es nicht werden. Denn durch Hitze geht ein Teil der Nährstoffe verloren. Hitzeempfindlich sind vor allem manche Vitamine wie Vitamin C, Folsäure und B-Vitamine. Auch sekundäre Pflanzenstoffe leiden beim Kochen. Zudem werden Mineralstoffe und Spurenelemente beim Kochen ins Garwasser ausgeschwemmt. 

Rohköstler beschreiben, dass sie das rohe Essen besser vertragen als gegartes, dass Hautunreinheiten verschwinden und sie sich wohler und Energie-geladener fühlen. Momo mag,  seit sie Rohkost isst, Süßes lieber. „Nicht im übertriebenen Sinne“, betont sie. „Aber eben doch mal.“

Ein häufig genanntes Argument für Rohkost sind die in Nahrungsmitteln enthaltenen Enzyme. Sie sind für die Verdauung wichtig, werden aber beim Kochen zerstört. Kritisch gesehen werden außerdem die unter Hitze entstehenden Bräunungsstoffe (Maillard-Produkte) wie sie zum Beispiel in H-Milch enthalten sind.

Wann Erhitzen Sinn macht

Doch Wissenschaftler sehen das anders. Die Überprüfung der gesamten Studien habe gezeigt, dass es „keinen wissenschaftlichen Hinweis dafür gibt, dass der Verzehr von gekochter Nahrung in irgendeiner Weise die Gesundheit des Menschen schädige“, erklärt Dr. Edmund Semler in der Fachzeitschrift „Ernährungs-Umschau“. Der Ernährungswissenschaftler hat sich im Rahmen seiner Doktorarbeit ausführlich mit dem Thema Rohkost beschäftigt.
Das Erhitzen macht häufig sogar Sinn. So wird die Kartoffelstärke erst durchs Kochen verdaulich, das Beta-Carotin aus Möhren und das Lycopin aus Tomaten durch Garen besser für den Körper nutzbar. Grüne Bohnen müssen sogar gegart werden, um giftige Stoffe wie Phasin zu inaktivieren.

Lust auf Rohkost? Ausprobieren lohnt. „Die heutigen Gerichte sind in der Gourmetküche anzusiedeln“, erklärt Volker Reinle-Carayon, Geschäftsführer der „Rohvolution“. Es gibt köstliche Kuchen mit einem Boden aus Feigen und gemahlenen Mandeln und einem Belag aus Bananen, Mohn und Äpfeln. Oder rohe Kürbiskräcker. Sie lassen sich aus gemahlenen Kürbiskernen, püriertem Hokkaido, Salz und etwas Chili herstellen – in einem Dörrgerät.

Wer dauerhaft auf Rohkost umsteigen will, sollte allerdings ein paar Ernährungstipps beachten. „Rohköstler müssen ausreichend kalorienreiche Lebensmittel wie Avocados, Nüsse und Samen aller Art sowie Rohmilchprodukte zu sich nehmen“, erklärt Professor Claus Leitzmann von der Uni Gießen. Sonst können Untergewicht und Nährstoffdefizite die Folge sein. Vitamin- und Mineralstoffpräparate seien nicht erforderlich, sofern tierische Lebensmittel wie Rohmilchprodukte oder roher Fisch auf den Tisch kommen.

Möchte man auch tierische Lebensmittel meiden, so sei wie bei allen Veganern, ein Vitamin B12-Supplement nötig – oder der Verzehr damit angereicherter Lebensmittel. Denn das Vitamin ist in pflanzlicher Kost nicht enthalten. Ob weitere Präparate nötig sind, lässt sich am besten mit einem Bluttest herausfinden.

Und wie war das jetzt mit dem gekochten Tee beim Rohkost-Potluck? Der hätte durchaus zu Diskussionen führen können. „Doch er war kein Problem“, freut sich Bloggerin Momo.

Praktisch für die kalte Küche

‣ Ein großes Küchen-Equipment ist nicht nötig. Einige gute Messer, ein großes Schneidbrett, ein Pürierstab und ein Handrührgerät reichen als Grundausstattung aus.

‣ Praktisch ist ein Standmixer zur Herstellung von Smoothies, Dips, Suppen und Eis. Er sollte eine Leistung von mindestens 1000 Watt haben und bis zu 30 000 Umdrehungen pro Minute schaffen.

‣ Hülsenfrüchte werden gekeimt erst bekömmlich. Ein Keimapparat hilft bei der Sprossenzucht.

„Leistungssport ist möglich“

Stefan Hiene (© Thorsten Joachim)
Stefan Hiene ist Mountainbike-Profi, Erfolgscoach und als Leis­tungssportler Pionier der Rohkost-Ernährung. (© Thorsten Joachim)

Wie viel Kilo Grünzeug essen Sie vor einem Wettkampf, um genügend Energie zu haben?

Vor schnellen Rennen esse ich ab 24 Stunden vor dem Start nichts mehr oder so wenig wie möglich statt meinen Körper mit großen Nahrungsmengen zu überfordern.

Welche rohen Lebensmittel gehören zu Ihrer Basisernährung?

Um meinen Körper optimal zu versorgen, muss ich vor allem auf Mineralien, Vitamine und Spurenelemente achten, nicht so sehr auf die Makronährstoffe Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate. Die Basis meiner persönlichen Ernährungspyramide sind Algen, Aloe vera-Blätter, Sprossen und Wildkräuter. Dazu kommen Gemüse und Obst. Dabei verlasse ich mich nur auf Bioland, Demeter und Naturland oder auf regionale Bauern, die ich im Idealfall persönlich kenne.

Das bisschen Rohkost reicht, um Hochleistungssport zu treiben?

Am Anfang war ich selbst der Überzeugung, dass mir beim Training oder spätestens im Rennen die Energie ausgehen wird. Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass ich überhaupt in der Lage bin, mit Rohkost weiterhin Sport zu treiben! Dass damit Leistungssport auf hohem Niveau möglich ist, empfinde ich nach wie vor als Wunder.

Hat sich die Rohkost-Ernährung auch anderweitig ausgewirkt?

Mein Heuschnupfen ist verschwunden und ich bekomme im Winter keine Erkältungen mehr, mein Schlaf ist tiefer und entspannter und ich habe eine reinere Haut. Nach den Rennen habe ich kein Kopfweh mehr.

Mehr zu Stefan Hiene

Erschienen in Ausgabe 03/2015
Rubrik: Ernährung

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Rohkost denke ich ist immer gesünder als Gekochtes. Eigentlich logisch, denn viele Vitamine gehen bei Hitze verloren. Ich esse (fast) nie Fleisch, aber um an`s Eiweiß dran zu kommen, esse ich halt Käse und Milchprodukte, trinke viel Milch und bin vor Jahren umgestiegen auf vollwertige Ernährung. ich fühle mich besser, habe abgenommen ohne zu Hungern, meine Haut sieht gesünder aus und Magen - Darm - Probleme, die ich vorher hatte, sind verschwunden. Bzgl. "Darmspülung" bin ich sprachlos und mir fehlen die Worte. Da gibt es viel gesündere Methoden zu entschlacken ohne den Körper zu strapazieren. M.E. völliger Blödsinn. ich habe einige Bücher über gesunde Ernährung, Vollkornkost u.ä. gelesen. Die Meinungen darüber gehen eigentlich alle grob gesagt in eine Richtung: Fleisch als Beilage,(enn überhaupt), vollwertige Produkte, generell so naturbelassen und abwechslungsreich wie möglich.

Ich glaube, dass die Menschen schon zu lange ihre Nahrung verarbeiten, als das man sagen, könnte, dass man nur Rohkost verträgt. Leider ist es so, dass die Verdauungskraft vieler Menschen geschwächt ist, sodass sie inzwischen schlechter rohes verdauen. Das spielt z. B. in der ayurvedischen Ernährungslehre eine Rolle.