Der Amaranth - Schrot und Korn

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Der Amaranth

Amaranthaceae, Amaranthus cruentus, Amaranthus hypochondriacus, Fuchsschwanzgewächs

Vielleicht hat es wirklich etwas mit seinen "Wunderkräften" zu tun. Anfang der siebziger Jahre fanden Archäologen Amaranthkörner als Grabzugabe in den Coxcatlán-Höhlen in der Nähe von Veracruz. Hätten die Forscher die Samen allerdings in die Erde gelegt, so hätten sie trotz ihrer angeblich magischen Kräfte wohl kaum mehr gekeimt, denn sie waren bereits mehrere Tausend Jahre alt. Die Archäologen datierten die Funde auf die Zeit um 6700 bis 5000 v. Christus.

Bei den Inkas und den Azteken wurde der Amaranth verehrt. Ein heiliger Vogel soll ihnen die "himmlische Gabe" überbracht haben. Die Urvölker schrieben den Körnern eine lebensverlängernde Wirkung und große heilende Kräfte zu: Schwangere Frauen sollten gestärkt, Kinder und Jugendliche in ihrem Wachstum gefördert werden. Bei den Älteren galt Amaranth als Jungbrunnen.

Von den spanischen Eroberern als Objekt von religiösen Handlungen unter Androhung der Todesstrafe verboten, führte Amaranth eine Art Leben im Untergrund - 500 Jahre lang! Dann kam der rasante Aufstieg der Körnerfrucht, sozusagen aus dem Nichts. In den siebziger Jahren entdeckte der peruanischer Universitätsprofessor und Biologe Luis Sumar Kalinowski das Urkorn wieder und förderte seinen Anbau im Andenstaat. Schon im Jahre 1985 beförderten die US-Amerikaner Amaranth-Produkte mit der Raumfähre Atlantis als Proviant der Astronauten in den Weltraum. Heute wird die Körnerfrucht im großen Stil im US-Bundesstaat Colorado angebaut. Ein Geschichte wie im Märchen…

Um Amaranth kennen zu lernen, muss man nicht so weit "fliegen". Ein Ausflug auf den Wochenmarkt genügt. Dort werden in der Sommer- und Herbstzeit die dekorativen Verwandten der essbaren Körnerfrucht, die leuchtend dunkelroten Blütenrispen der Gartenfuchsschwänze angeboten. Der Gartenfuchsschwanz oder Echter Fuchsschwanz bringt auch bei uns jedes Jahr von Juli bis Oktober seine langen Blütenähren hervor. Die Zierpflanze ist relativ genügsam und unempfindlich. Zum Verzehr sind ihre Blütenrispen nicht geeignet. Die Gartenpflanze hat - außer einer gewissen optischen Ähnlichkeit - nicht viel mit der Körnerfrucht gemeinsam. Auch nicht die Größe. Ist der Gartenfuchsschwanz maximal 50 Zentimeter groß, wird die Amaranthpflanze bis zu zwei Metern hoch und bringt Blütenähren von einer Länge bis zu 90 Zentimetern hervor. Die Körner erinnern an Senfkörner, sind aber wesentlich kleiner: Rund 1.500 solcher Winzlinge sind notwendig, damit der Zeiger einer Waagschale gerade einmal ein Gramm anzeigt!

Während der Fuchsschwanz problemlos im heimischen Garten gedeiht, ist der Anbau von Amaranth in unseren Gefilden nicht so leicht. Das liegt daran, dass die meisten Amarantharten im Sommer nur dann Blüten bilden, wenn der Tag eine bestimmte Anzahl von Stunden nicht überschreitet. Diese Voraussetzung lässt sich am ehesten in der Nähe des Äquators erfüllen. Trotzdem hat das exotische Korn auch auf deutschen Äckern Einzug gehalten. Die Fachhochschule Weihenstephan im fränkischen Triesdorf experimentierte mit verschiedenen Sorten, bis sie die richtigen fanden.

Amaranth zählt wie Buchweizen zu den "Pseudocerealien". Seine Körner werden zwar wie Getreide genutzt, botanisch gesehen gehört die Pflanze jedoch zu den Gräsern. In den unscheinbar, winzigen Amaranthkörnern steckt geballte Kraft - vielleicht erklärt das die Anstrengungen, die unternommen wurden, um das Korn "wieder zu entdecken": Es bietet hochwertiges Eiweiß in Form der Aminosäuren Methionin und Lysin, mehrfach ungesättigte Fettsäuren, Vitamin E und die Vitamine des B-Komplexes. Erstaunlich ist der Gehalt an Mineralstoffen: In 100 Gramm sind 330 Milligramm Magnesium enthalten, das entspricht der empfohlen Tagesmenge für Erwachsene. Auch der Gehalt an Calcium und Eisen ist überdurchschnittlich hoch. Amaranth enthält kein Gluten und eignet sich deshalb für die Ernährung von Zöliakiepatienten.

Gemahlen, geschrotet, gepoppt: Die Körner lassen sich in der Küche vielfältig verarbeiten - zu Puffer, Suppe, Brot, Kuchen, Waffeln und Süßspeisen (Rezepte zum Ausprobieren, S. 28). Und auch sonst hat Amaranth einiges zu bieten. Er soll bei chronischer Müdigkeit, Erschöpfung, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Magenübersäuerung und Erkrankungen der Atemwege helfen. Ihm wird eine nervenstärkende Wirkung nachgesagt, was wohl an seinem hohen Lecithingehalt liegt.

Auch die "Götter von heute", die Sportler, haben Amaranth für sich entdeckt - als "spezielles Doping" in Sachen Magnesiumbedarf. Wissenschaftler der Universität Gießen ließen Sportlerinnen und Sportler fünf Wochen lang nur Amaranth-Dinkel-Brot essen und zwar in üblicher Tagesmenge. Am Ende sollen die Aktiven auf dem Fahrradergometer viel fitter, der Blutdruck viel niedriger, und der Magnesiumgehalt in den roten Blutkörperchen um fast die Hälfte angestiegen sein. Wenn alles so stimmt, dann hätten die Inkas bei uns eine große Karriere vor sich: als Ernährungspioniere.

Dagmar Landorff-Schulz

 

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