Zu süß und zu fett! - Schrot und Korn

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Zu süß und zu fett!

Lebensmittel für Kinder

Kinder sollen nur das Beste bekommen: wertvolle Nährstoffe, viele gesunde Vitamine und Mineralstoffe. Doch die Fernsehwerbung hält nur selten, was sie den Eltern verspricht. Konventionelle Milchschnitten, Pausenriegel oder Crunchys sind meist verkappte Süßigkeiten, aufgemotzt mit synthetisch hergestellten Vitaminen. Alternativen dazu gibt es im Bio-Laden, der längst Kinder als Kundengruppe entdeckt hat. Doch auch hier gilt für manche Produkte: Sparsam genießen.

„Zu süß und zu fett!“ Mathilde Kerstings Urteil über speziell für Kinder angebotene Lebensmittel ist deutlich. Die Wissenschaftlerin am Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) hat sich die auf dem Markt befindlichen Produkte angesehen. „Im Wesentlichen sind es Süßigkeiten, gesüßte Getränke und eine Reihe von ebenfalls gesüßten Getreideprodukten.“ Zwar spreche nichts gegen einen maßvollen Verzehr von Süßigkeiten. Als fester Teil der täglichen Ernährung seien solche Lebensmittel aber nicht geeignet. „Kinder nehmen mit 14 Prozent bereits zu viel Kalorien in Form von Zucker zu sich.“

Inhaltsstoffe nicht geregelt. Genau definiert sind „Lebensmittel für Kinder“ nicht. Nur für Produkte, die speziell für Babys und Kleinkinder bis zu drei Jahren hergestellt und beworben werden, gibt es Regeln. So schreiben die EU und die deutsche Diätverordnung für bestimmte Inhaltsstoffe Höchst- oder Mindestgehalte vor. Für seine Marktübersicht hat das FKE Kinder-Lebensmittel so definiert: Es sind Lebensmittel, die durch ihre Portionsgröße, ihre optische Aufmachung und die damit verbundene Werbung direkt Kinder ansprechen. Typisch seien der Einsatz von Comic-Figuren in der Werbung oder Beigaben für die Kinder wie Abziehbilder. Gängige Beispiele sind, neben klassischen Süßigkeiten, Schokocremes, Cerealien, Pausenriegel sowie einige Erfrischungsgetränke und Milchprodukte.

Im Visier der Werbebranche. Dass Kinder auf solche Lebensmittel abfahren, ist auch eine Folge der Fernsehwerbung. Der Gießener Ernährungspsychologe Jörg Diehl hat einmal die TV-Spots des größten deutschen Privatsenders analysiert. Gut die Hälfte warb für Nahrungsmittel, die meisten davon – 114 von 133 – für süße. Die Werbeanstrengungen sind verständlich. Denn Kinder geben 36 Prozent ihres Taschengeldes für Süßigkeiten aus, hat die „Kids Verbraucher Analyse 2001“ der Verlage Springer, Bauer und Lübbe festgestellt. Dazu kommen noch die Ausgaben der Eltern für süße Zwischenmahlzeiten. Damit die Kinder die für sie gedachten Lebensmittel auch sicher mögen, helfen die konventionellen Hersteller bei vielen Milchprodukten, Frühstücks-Cerealien und Süßigkeiten mit künstlichen Farb- und Aromastoffen nach. Weil die Eltern im Prinzip wissen, dass Süßigkeiten für die Ernährung ihrer Kleinen nicht so gut sind, wird verstärkt mit dem Gesundheitsnutzen der Produkte geworben. Doch eine „Extraportion Milch“ macht aus einer Schokolade noch kein gesundes Lebensmittel. Das gilt auch für die zahlreichen Vitamine und Mineralstoffe wie Calcium, die immer öfter Süßigkeiten zugesetzt werden. Mathilde Kersting spricht hier von einer „eher zufälligen Auswahl von Nährstoffen“, die für die Ernährung keine Vorteile bringe. Zugesetzt werden in der Regel die wichtigsten Vitamine sowie Eisen und Calcium als Mineralstoffe, egal, wie viele Vitamine das Ausgangsprodukt enthält. So findet sich Vitamin C mit Vorliebe in von Natur aus Vitamin-C-reichen Orangensäften. Mit Calcium angereichert sind calciumreiche Milchprodukte oder Cerealien, die mit Milch gegessen werden. Multivitaminsäfte können bis zu 30 Milligramm Beta-Carotin je Liter enthalten, empfohlen werden von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zwei bis vier Milligramm am Tag.

Dass hohe Dosen isolierter Vitamine schädlich sein können, zeigen mehrere Studien (siehe den Beitrag über Nahrungsergänzung auf S. 23). Zudem sind zugesetzte Vitamine kein Ersatz für Obst, Gemüse oder Getreide, in denen diese Vitamine von Natur aus vorkommen, und zwar nicht isoliert, sondern zusammen mit zahlreichen anderen Spurenelementen, pflanzlichen Wirkstoffen und Ballaststoffen.

Angebot im Bio-Laden. Wer für die üblichen Kinderlebensmittel Alternativen im Naturkostladen sucht, wird schnell fündig. Der Trend, Lebensmittel in Geschmack und Aufmachung auf Kinder auszurichten, zeigt sich auch hier. Für Schokocreme trommelt ein Affe, von der Kekspackung lächelt ein Kindergesicht und „Kinder“-Tees oder „Kinder“-Säfte gibt es reichlich. Ein Keks-Hersteller hat sich die Lizenz für die Figuren der Kindersendung Sesamstraße gesichert, wirbt nun mit Ernie und Bert und bietet auch Sammelbildchen an. Ansonsten ist von dem bei konventionellen Kinderlebensmitteln üblichen Begleitangebot an Sammelobjekten, Aktionen oder Preisausschreiben kaum etwas zu sehen. Auch fehlt die bei bekannten Markenartikeln übliche Fernsehwerbung komplett.

Mineralstoffe und Vitamine als isolierte Zusatzstoffe dürfen nach der EU-Bio-Verordnung nur dort eingesetzt werden, wo sie gesetzlich vorgeschrieben sind. Im Moment ist dies nur bei Babynahrung der Fall, weshalb diese auch in Bio-Qualität in einigen Fällen synthetische Vitamine enthält.

Eine breite Auswahl bieten Naturkostläden bei Frühstückscerealien: Corn-Flakes, Crunchys, Poppys und Schoko-Bälle schmecken Kindern meist besser als Müsli pur. All diese Bio-Produkte enthalten keinen Weißzucker, süß können sie dennoch sein. Vollrohrzucker, Honig oder andere Süßungsmittel bieten zwar etwas mehr Inhaltsstoffe als Industriezucker, optimal für die Ernährung sind auch sie in großen Mengen nicht. Denn die einfach gebauten Kohlenhydrate werden schnell verdaut und der Hunger kommt bald wieder. Da die alternativen Süßungsmittel weniger süß schmecken als Weißzucker, fallen die hohen Gehalte nicht so auf. Das gilt etwa für gepopptes Getreide mit einem Honiganteil von 30 Prozent. Bei Crunchys oder Crisps steht in der Regel Rohrohrzucker als Zutat an der zweiten Stelle. In einem Fall weist die Zutatenliste 19 Prozent Honig aus, in einem anderen Beispiel lässt sich ein Rohrohrzuckergehalt von etwa 25 Prozent errechnen. „Das sind für mich Süßigkeiten und keine guten Kinderfrühstücke“, kommentiert Mathilde Kersting solche Werte. Ein Vorteil gegenüber konventionellen Produkten ist es, dass für die Bio-Frühstückscerealien in der Regel das volle Korn verarbeitet wird und damit die Gehalte an Vitaminen und Mineralstoffen höher sind. Es gibt auch eine ganze Reihe nicht oder nur gering gesüßter Produkte, etwa Corn-Flakes. Als Kompromiss schlägt Mathilde Kersting vor, süße Cerealien mit ungesüßten zu mischen. Das schmecke den Kindern immer noch.

Das Angebot an Fruchtschnitten, Müsli- und Schokoriegel im Naturkostladen ist enorm. Für alle gilt, dass sie Energie in kompakter Form bieten. Bei den Zutaten lassen sich zwei Philosophien unterscheiden: Ein Teil der Hersteller begnügt sich mit der natürlichen Süße der eingesetzten Trockenfrüchte. Andere Produzenten süßen mit Honig, Agavendicksaft, Vollrohrzucker oder Malzsirup. In diesen Fällen ist der Gehalt an Trockenfrüchten meist geringer. Insgesamt ist der Gehalt an Süße bei dieser Produktgruppe hoch. Auch hier gilt, dass ein gelegentlich geknabberter Riegel ein Genuss ist. Einen festen und regelmäßigen Platz auf der Speisekarte sollte er nicht einnehmen. Ähnliches gilt auch für die diversen Schokoladen-Cremes. Bio-Produkte zeichnen sich gegenüber Nutella & Co. durch einen hohen Gehalt an Haselnüssen und damit an ungesättigten Fettsäuren aus. Voll- oder Rohrohrzucker kommen als Zutat erst an zweiter Stelle. Gerade wegen der energie- und fettreichen Haselnüsse sind Schoko-Cremes richtige Kalorienbomben, die, im Übermaß genossen, schneller dick als satt machen.

Bei Milchprodukten gibt es kaum kinderspezifische Angebote im Naturkostladen. Mathilde Kersting empfiehlt, teilentrahmte Milch zu verwenden, also Milch mit einen Fettgehalt von 1,5 Prozent statt der üblichen 3,5 Prozent. Von speziellen Kinderprodukten auf Frischkäsebasis (steht im Verzeichnis der Zutaten) hält sie wenig. In ihnen seien Fett und Eiweiß stärker konzentriert als etwa in Joghurtprodukten.

Für zuckersüße Limo und ähnliche Durstlöscher bieten die Bio-Hersteller eine ganze Reihe von Alternativen. Da gibt es Erfrischungsgetränke mit Mineralwasser und Fruchtsaft in vielen Variationen, von der „Bio-Limo“ bis hin zur knallig rosafarbenen Schorle. Zucker kommt hier nicht in die Flasche, in manchen Fällen wird mit Agavendicksaft oder Honig nachgesüßt. Auch 100 Prozent naturreine Kinder-Säfte stehen im Regal. Sie enthalten mehrere besonders inhaltsstoffreiche Fruchtsäfte, die entsprechend dem Geschmack von Kindern gemischt werden. Ein Hersteller bietet seinen Saft auch in kleinen Kartonverpackungen (Tetra-Paks) an und begründete diesen Schritt mit dem Wunsch nach leichten und unzerbrechlichen Verpackungen für die Schule. Als Durstlöscher eignen sich auch Früchte- und Kräutertees sehr gut, die mit und ohne „Kinder“ im Namen angeboten werden. Insgesamt trinken Kinder eher zu wenig, haben die Dortmunder Ernährungsforscher in einer Langzeitstudie über Verzehrgewohnheiten von Kindern festgestellt. Sie empfehlen Mengen von 800 Milliliter für Vier- bis Sechsjährige bis zu 1400 Milliliter für 15- bis 18-jährige. Im Sommer und beim Sport sollte noch mehr getrunken werden. Als Durstlöscher empfehlen sie zuckerfreie Getränke wie Wasser oder Früchtetee.

Leo Frühschütz


„Das Vorbild ist entscheidend“

Mathilde Kersting arbeitet am Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund. Sie erforscht was Kinder essen – und was sie essen sollten.

Frau Kersting, wie können Eltern das Essverhalten ihrer Kinder am sinnvollsten beeinflussen?

Verbote und Drängen helfen nicht weiter. Für Kinder ist es nicht wichtig, ob ein Lebensmittel gesund ist, sondern dass es schmeckt. Süßes und Fettes schmeckt natürlich besonders gut. Entscheidend ist das Vorbild der Eltern. Sie prägen mit ihren Essgewohnheiten und ihrem Speiseplan auch die Kinder. Mit Genuss Gemüse und Vollkornprodukte essen, sich dafür Zeit nehmen und alles appetitlich anrichten, das bleibt langfristig nicht ohne Einfluss auf die Kinder. Süßigkeiten sollten wie alle Lebensmittel nicht als Belohnung eingesetzt werden.

Auch Kinder von Vollwert-Fans lieben Schoko-Creme und süße Crunchys.

Solche Produkte können sie ja auch essen, aber nicht dauernd, sondern gelegentlich, wie eine Süßigkeit. Manchen Kindern fällt dies leichter, wenn feste Regeln aufgestellt werden, wann es Süßes gibt, oder eben nicht. Anderen Kindern kann man die Ration für mehrere Tage geben und sie selbst entscheiden lassen, ob sie diese gleich alle oder über die Tage verteilt essen möchten. Man muss den Kindern bestimmte Lieblingsspeisen zugestehen, auch wenn sie süß oder fett sind. Dafür gibt es dann am nächsten Tag etwas Kalorienärmeres als Ausgleich. Wir haben am Forschungsinstitut ein Ernährungskonzept entwickelt, die „optimierte Mischkost“. Sie sieht drei größere und zwei Zwischenmahlzeiten am Tag vor und funktioniert nach folgender Regel: Pflanzliche Lebensmittel und Getränke sollen reichlich, tierische Lebensmittel mäßig und fettreiche Lebensmittel sparsam verzehrt werden.

Auf der Hitliste der Kinder stehen aber Pommes und nicht Obst oder Gemüse.

Kinder nennen zwar Pizza, Nudeln, Hamburger und Pommes frites als Lieblings–essen. Im Alltag sind jedoch Kartoffeln, Nudeln und Reis die mengenmäßig wichtigsten Lebensmittel. Bei Gemüse führen Tomaten und Karotten die Hitliste an, beim Obst sind es Äpfel, Bananen und Erdbeeren. Insgesamt sollte der Verzehr pflanzlicher Lebensmittel noch höher sein. Beim Brot stehen in der derzeitigen Ernährung Misch- und Weißbrot an erster Stelle, wir empfehlen wegen des höheren Nährstoffgehaltes Vollkornbrot, mindestens zur Hälfte des Brotverzehrs.

Wie können Eltern ihre Kinder auf den richtigen Geschmack bringen?

Kindern macht Kochen in der Regel Spaß. Also sollten sie beim Zubereiten ihrem Alter gemäß mithelfen und probieren. Geschmacks- und Geruchssinn lassen sich spielerisch trainieren, etwa bei Ratespielen mit verbundenen Augen. Kinder mögen farbenfrohe und witzig angerichtete Speisen, etwa grüne Gurkenkrokodile oder bunte Salat-Burger. Außerdem gibt es viele Lieblingsspeisen von Kindern, die ruhig öfter auf den Tisch kommen dürfen. Spaghetti mit Tomatensoße und ein Salat dazu sind eine vollwertige Mahlzeit.


Mehr zum Thema

Das Forschungsinstitut für Kinderernährung ermittelt seit fünfzehn Jahren in einer groß angelegten Studie die Ernährungsgewohnheiten von Kindern und hat daraus eigene Empfehlungen ent-wickelt. Nachzulesen sind sie in einem Buch von Ute Alexy und Mathilde Kersting: Was Kinder essen – und was sie essen sollten – Die DONALD-Studie und die Ernährungskonzepte des FKE, Hans Marseille Verlag, München 1999, ISBN 3-88616-095-5, DM 28,--.

Praktische Hinweise finden sich auch in Broschüren des FKE, näheres unter www.fke-do.deVon der Verbraucherzentrale Hessen gibt es eine Broschüre: „Bärenstarke Kinderkost“ – ein Ratgeber für Eltern. Sie gibt Antworten auf Fragen wie „Brauchen Kinder Vitaminpräparate?“, „Was tun bei Übergewicht?“ und „Wie viel Süßes ist erlaubt?“. Der Ratgeber kann für DM 15,-- incl. Versand angefordert werden bei der Verbraucherzentrale in 60 311 Frankfurt, Berliner Str. 27, Telefon 069/ 972010-30, Fax 069/ 972010-40, Internet www.verbraucher.de.

Im bio verlag sind zwei Bücher erschienen, in denen das Kochen und Backen mit Kindern im Vordergrund steht. Die Autoren zeigen wie sich Kochtechniken und Ernährungswissen spielerisch vermitteln lassen. Beide Bücher enthalten viele Rezepte zum Ausprobieren. Bio-Backen mit Kindern und Kochen & Kinder sind in vielen Naturkostläden erhältlich (empf. Verkaufspreis DM 5,--). Ist dies nicht der Fall, können die Bücher auch bei uns für DM 5,-- zzügl. DM 3,-- für Porto und Versand bestellt werden (s. Coupon Seite 68).


Vollwert und bio mögen alltags ok sein – spätestens, wenn die Kids Besuch bekommen, wird´s kritisch. Denn wer will schon am Kindergeburtstag ein „Müsli“ sein? Tipps für den „Drahtseilakt zwischen Öko und Junk“: www.schrotundkorn.de/sk9906e1.htm

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