Kreislaufwirtschaft: Schöner Mist! - Schrot und Korn

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Kreislaufwirtschaft: Schöner Mist!

Kuhdung (Foto: plainpicture/Iris Loonen)
Woher kommt der Dünger auf dem Bio-Acker? (Foto: plainpicture/Iris Loonen)

LANDWIRTSCHAFT  Wo Kühe sind, gibt's Mist. Und das ist gut so, denn davon lebt der Boden. Wenn es die richtige Menge ist. Unser Autor hat sich die Kreisläufe auf zwei Bio-Höfen angeschaut. // Leo Frühschütz

Die Kuh frisst Gras und macht Mist. Der kommt als Dünger auf den Acker und ‚füttert‘ unser Getreide und Gemüse. Natürliche Kreisläufe wie dieser Futter-Mist-Kreislauf sind das Fundament des Öko-Landbaus. Sie nutzen vorhandene Ressourcen bestmöglich aus, machen unabhängig von Kunstdünger und schonen die Umwelt. Deshalb bewirtschaften immer noch rund drei Viertel aller Bio-Bauern landwirtschaftliche Mischbetriebe, also Höfe, die fast alles machen: Tiere halten, Getreide anbauen, Obst ernten ... Der Hof von Josef Braun, Bioland-Bauer aus Freising bei München, ist so einer: Braun hält 22 Milchkühe mit Nachzucht, hat 17 Hektar Grünland und 41 Hektar Ackerland, auf denen Getreide wächst, aber auch Wiesenblumen und Gewürzkräuter. Deren Samen vermehrt Josef Braun für Saatgutfirmen.

Die Milch wird in der hofeigenen Käserei verarbeitet und zusammen mit anderen Produkten des Hofes direkt vermarktet. Die Zahl der Kühe ist so bemessen, dass sie sich ausschließlich vom Grünfutter und Heu des Hofes ernähren können. „In guten Jahren habe ich so viel Heu, dass ich es an Kollegen verkaufen kann. In schlechten Jahren habe ich trotzdem noch genug.“ Auf Getreide als Kraftfutter verzichtet Josef Braun bewusst. Zwar könnte er damit die Leistung seiner Kühe steigern, „aber Rinder fressen von Natur aus kein Getreide.“

Bauer Josef Braun (Fotos: Privat/sonja herpich)

Die Kühe von Josef Braun freuen sich über das hofeigene Futter. (Fotos: Privat/sonja herpich)

Kreislauf-Denken von Anfang an

Neben seinen Kühen hat Josef Braun noch andere Lieb-lingstiere: „Im Boden leben bis zu 600 Regenwürmer pro Quadratmeter. Sie produzieren auf den Hektar bezogen das Doppelte an Nährstoffen, was herkömmlicher Dünger leis-ten kann!“ Vorausgesetzt, sie werden ordentlich gefüttert.

Was für ein Futter das am besten sein sollte, erforschte der Mikrobiologe und Arzt Hans Peter Rusch bereits in den 1950er-Jahren. Er nannte das Bodenleben und dessen Leistungen den „Kreislauf der lebenden Substanz“. Rusch arbeitete eng mit dem Schweizer Bauernführer Hans Müller zusammen. Der empfahl den Landwirten schon damals möglichst geschlossene Betriebskreisläufe, um sich nicht von der Agrarindustrie abhängig zu machen. Die beiden entwickelten den organisch-biologischen Landbau, aus dem der Bioland-Verband hervorging.

Demeter-Landwirte arbeiten nach den Theorien des Anthroposophen Rudolf Steiner. Für ihn bestand ein landwirtschaftlicher Betrieb aus vielen Teilen, die sich zu einem „Hof-Organismus“ ergänzen. Dieser Organismus befindet sich im Gleichgewicht und ist nach außen weitgehend geschlossen. Die entscheidende Rolle dabei spielte für ihn der Futter-Mist-Kreislauf.

Grünkompost aus Ernteresten (Foto: PR-Material)

Grünkompost aus Ernteresten ergibt eine gute Düngergrundlage. (Foto: PR-Material)

Dünger aus natürlichen Quellen

Josef Braun kompostiert den Mist seiner Kühe. Er ist überzeugt, dass dieser Kompost das beste Futter für seine Regenwürmer und Bodenbakterien ist – es schmeckt ihnen besser. „Sauerteig für den Boden“ nennt er das. Der Kompost alleine würde als Dünger für die Äcker aber nicht reichen. Um zusätzlichen Stickstoff in den Boden zu bekommen, sät Braun im Rahmen seiner siebenjährigen Fruchtfolge insgesamt dreimal Kleegras aus.

Klee ist ein Stickstoffsammler, so wie Bohnen, Luzerne und andere Hülsenfrüchtler, sogenannte Leguminosen. In deren Wurzelgeflecht leben Knöllchenbakterien, die den Stickstoff der Luft in mineralischen Stickstoff umwandeln und im Boden deponieren. Zusammen mit den Nährstoffen im Mist reicht das aus, um Weizen und Hafer wachsen zu lassen. Deren Stroh kommt als Einstreu in den Stall und wird dort wieder zu Mist. Und den Klee fressen die Kühe.

Josef Braun will auf seinem Hof noch andere Kreise schließen: Vor sieben Jahren pflanzte er Pappeln, Weiden und Erlen in schmalen Streifen zwischen seine Felder. In diesem Winter fällte er die ersten Bäume und machte Hackschnitzel daraus. Sie kommen in einen Holzvergaser, an den ein kleines Blockheizkraftwerk angeschlossen ist. Es deckt den Strom- und Wärmebedarf des Hofes. Eine Photovoltaikanlage auf dem Scheunendach erzeugt zusätzlichen Strom, den der Bauer ins Netz abgibt.

Für seine Hackschnitzel hat Braun bewusst den Holzvergaser angeschafft, weil er als Endprodukt reine Kohle erzeugt. „Sie ist ein Multitalent. In der Einstreu im Stall bindet sie Gerüche und Stickstoff, die Stallluft wird besser und es gibt beim Ausbringen des Mists weniger Lachgasverluste.“ Auch gebe es Hinweise, dass man mit der Kohle mehr CO2 im Boden binden und damit schneller Humus aufbauen könne. Doch die Hackschnitzel-Baumreihen schließen nicht nur den Energiekreislauf: Sie schützen die Felder vor Erosion, verbessern durch die Verdunstung der Blätter das Mikroklima und bieten Niederwild und Singvögeln Schutz. Und deren Gesang, davon ist Josef Braun überzeugt, bringt die Pflanzen dazu, ihre Blattspalten weiter zu öffnen. Dadurch können sie mehr Nährstoffe aus der Luft aufnehmen: „Wenn ich eine Hecke mit einem Singvogel habe, dann wächst mein Weizen besser.“

„Ich will einen Betriebsorganismus entwickeln, bei dem alles ineinander greift“, sagt Josef Braun. „Das hört sich idyllisch und naiv an, aber ich bin überzeugt, dass es hochwirtschaftlich ist, weil viele Synergieeffekte entstehen, die den Hof viel stabiler machen als einen spezialisierten Betrieb.“ Ein Beispiel dafür sind die sechs Schweine, die sich im Auslauf des Kuhstalls tummeln. Sie ernähren sich von Resten, die beim Sieben des Getreides anfallen und von den Abfällen der Cateringküche, die Brauns Tochter Johanna betreibt. „Ich könnte mehr Schweine vermarkten, aber so passt es genau.“

Gärtnerei Schönegge (Foto: PR-Material)Bei der Gärtnerei Schönegge rahmen Blumen die Salat- und Mangoldreihen ein. Das lieben die Nützlinge. (Foto: PR-Material)

Und wie geht Kreislauf ohne Tiere?

Wer ohne Schweine oder Rinder wirtschaftet, muss den notwendigen Stickstoff für die Pflanzen auf anderem Weg in den Boden bringen. Wie das funktionieren kann, zeigen Horst und Erhard Schönegge in ihrer Naturland-Gärtnerei 30 Kilometer nördlich von Brauns Hof. Seit über 30 Jahren wirtschaften sie biologisch, seit 1994 auf dem jetzigen Standort. Und in der Zeit haben sich gleich sichtbare Bodenveränderungen ergeben. „Wir haben angefangen bei einem Humusgehalt von vier Prozent, mittlerweile sind wir bei sieben Prozent“, berichtet Erhard Schönegge. Erreicht haben die Brüder das durch ihre Form der Kreislaufwirtschaft: Kompostierung und Gründüngung – ergänzt durch etwas Mist von den Pferden, die sie ebenfalls halten.

„Wir kompostieren alle pflanzlichen Abfälle, das sind im Jahr rund 30 bis 40 Kubikmeter, die innerhalb von zwei Jahren zu 10 Kubikmeter Fertigkompost reifen.“ Der kommt vor allem in die Gewächshäuser. Auf ihren zweieinhalb Hektar Freiland säen die Brüder Gründüngung aus, wann immer sie in die Fruchtfolge passt. Meist nehmen sie dafür Parzellen, auf denen zuvor bis zum Sommer Salat gewachsen ist. „Wir verwenden dafür Mischungen: Phacelia und Buchweizen sind Pflanzen, die den Boden bedecken und so das Unkraut klein halten.“ Und auch hier kommen wieder die Leguminosen ins Spiel: Weißklee, Lupine, Blatterbse bringen bei Schönegges den Stickstoff in den Boden. Im Winter frieren die Pflanzen ab und werden eingearbeitet. Trotzdem: „Stickstoff ist in der Gärtnerei immer Mangelware“, sagt Erhard Schönegge. Besonders im Gewächshaus, wo von Februar bis November Pflanzen wachsen und dem Boden Nährstoffe entziehen. Auch sind manche Kulturen wie Kohlpflanzen extrem hungrig auf Stickstoff.

Deshalb greifen die Brüder wie die meisten Bio-Gärtner auf organische Handelsdünger zurück. Sie bestehen aus – meist konventionellen – stickstoffhaltigen pflanzlichen oder tierischen Reststoffen, die eigens für den Öko-Landbau zugelassen sind. „Wir brauchen 100 bis 200 Kilogramm reinen Stickstoff im Jahr“, erklärt Erhard Schönegge. Deshalb kauft er Hornmehl aus den Hörnern und Klauen geschlachteter Rinder. Dass das Mehl oft aus Argentinien kommt, behagt ihm nicht. Melasse aus der Zuckerherstellung ist eine heimische Alternative, die bei den Schönegges ebenfalls aufs Feld kommt. „Wenn Reststoffe aus der Lebensmittelverarbeitung wieder auf den Acker kommen, schließt auch das Kreisläufe.“

Das gilt auch für Küchenabfälle, die bei den Verbrauchern anfallen und über eine Biotonne getrennt erfasst werden. Nach EU-Bio-Recht dürfen sie, wenn bestimmte Grenzwerte eingehalten werden, auf den Acker. Die Anbauverbände hatten jahrelang nur Grüngutkompost zugelassen. Doch seit 2014 erlauben Naturland und Bioland auch überprüften Biotonnenkompost mit besonders geringen Schwermetallgehalten. Einsetzen will ihn Erhard Schönegge, weil ihm noch zu wenig praktische Erfahrungen vorliegen, vorerst noch nicht.

Die Natur ist wie ein Mobile

Die im Öko-Landbau erlaubten Pflanzenschutzmittel braucht der Gärtner kaum. Erst letztens habe er abgelaufene Packungen entsorgt, erzählt Erhard Schönegge. „Die Natur ist wie ein Mobile, man muss nur aufpassen, dass sie im Gleichgewicht bleibt.“ Deshalb kauft er schon im Frühjahr alle zwei Wochen kleine Mengen Schlupfwespen und Raubmilben für die Gewächshäuser. Sie halten Schädlinge in Schach. „Wenn weiße Fliege und Spinnmilbe überhand nehmen und sich explosionsartig vermehren, ist es zu spät.“ Im Freiland haben die Brüder einen Kilometer Hecken gepflanzt, um Nützlingen Wohnraum zu bieten.

Außerdem pflanzen sie immer nur wenige Reihen einer Kultur – dafür aber 80 verschiedene. Denn die Gärtnerei vermarktet ihre Erzeugnisse direkt über eine Abokiste. „Die Kunden wollen diese Vielfalt und wir auch – weil sie unser wirtschaftliches Risiko minimiert. Wenn mal ein, zwei Kulturen ausfallen, können wir das ausgleichen.“ Über seine Vermarktung schafft Erhard Schönegge regionale Wirtschaftskreisläufe, die ihm besonders am Herzen liegen. Deshalb hat er mit Gleichgesinnten den „Bärlinger“ ins Leben gerufen, eine Regionalwährung, die es nur rund um Freising gibt. Sie soll mithelfen, dass möglichst viel Wertschöpfung bei den Betrieben in der Region bleibt. „Sonst wird es so wie in Griechenland. Da gehen die Menschen in den Supermarkt und kaufen holländische Tomaten, weil die billiger sind. Das kann’s doch nicht sein.“

Tiere und Acker

Im ökologischen Landbau gehört zu jedem Tier ein Stück Land: Eine flächenlose Tierhaltung ist nicht erlaubt.

Einbahnstraße statt Kreislauf: Erdöl auf dem Acker

  • Vor gut 100 Jahren entwickelten die BASF-Chemiker Fritz Haber und Carl Bosch ein Verfahren, mit
    dem sie aus dem Stickstoff der Luft Ammoniak herstellten. Es war die Geburtsstunde des
    Kunst-düngers. Seither kommt der wichtigste Pflanzennährstoff aus der Fabrik.
  • Die Ernteerträge stiegen enorm, doch die Böden laugten aus. Denn Kunstdünger füttert zwar die Pflanzen, aber nicht die
    Bodenlebewesen. Und er braucht
    Energie: Um ein Kilogramm Stickstoff synthetisch herzustellen, sind bis zu zwei Liter Erdöl erforderlich.
  • 2015 brachten Deutschlands Bauern 1,8 Millionen Tonnen industriell hergestellten Stickstoff auf ihre Felder aus – zusätzlich zur Gülle aus Rinder- und Schweineställen.
  • Weil die Pflanzen so viel Stickstoff nicht verbrauchen können, gelangt er als Nitrat ins Grundwasser und als klimaschädliches Lachgas in die Atmosphäre.
  • Nachhaltig ist das alles nicht. Deshalb verzichtet der Öko-Landbau auf Kunstdünger.

Kreislaufschwäche: Eiweißlücke beim Bio-Futter

Eine Kreislaufschwäche hat die Bio-Landwirtschaft: Die vielen Bio-Kühe, -Schweine und -Hühner brauchen mehr eiweiß­haltiges Futter als die deutschen Bio-Bauern auf ihren Höfen erzeugen. Deshalb wird importiert: Sojabohnen aus China und Rumänien, Sonnenblumenkerne aus der Ukraine, Futtererbsen aus Litauen. Insgesamt einige Zehntausend Tonnen jedes Jahr. Das ist nichts im Vergleich zu den 4,5 Millionen Tonnen oft genmanipulierter Sojabohnen, die in den konventionellen Futtertrögen landen. Aber es ist kein Kreislauf. Deshalb arbeiten zahlreiche Bio-Forscher an Alternativen. Sie züchten Sojabohnen, die deutsches Wetter vertragen oder Insektenlarven, die sich zu Hühnerfutter verarbeiten lassen. Doch damit der Kreislauf nachhaltig funktioniert, braucht es noch mehr Bio-Ackerbauern, die Ackerbohnen oder Futtererbsen in ihre Fruchtfolgen einbauen.

Das Problem haben bio-vegane Betriebe nicht. Sie brauchen kein Tierfutter, weil sie völlig ohne Tiere wirtschaften. Kreisläufe auf dem Acker und fruchtbare Böden sollen bei ihnen rein pflanzlich, z.B. durch Gründüngung, Kompostierung, Mähen und Mulchen erzielt werden.

Interview: „Kühe sind keine Konkurrenz“

Alexander Gerber (Foto: Eva Müller/ Demeter e.V.)
Alexander Gerber ist Vorstand des
deutschen Demeterverbandes. Ihm
gehören 1500 Bio-Bauern an.
(Foto: Eva Müller/ Demeter e.V.)

Der Demeterverband schreibt seinen Mitgliedern die Kuhhaltung vor. Warum eigentlich?

Kühe mit ihrem Mist garantieren den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit. Zudem zeigen Studien, dass Mischbetriebe die beste Klimabilanz haben, weil bei ihnen der Humusaufbau und damit das Binden von CO2 aus der Atmosphäre am höchsten ist.

Schweine und Hühner machen auch Mist ...

Kühe und andere Wiederkäuer sind keine Nahrungskonkurrenten für den Menschen. Sie verwandeln für uns ungenießbares Gras in Eiweiß und Fett. Durch den intensiven Verdauungsprozess in ihren verschiedenen Mägen schließen sie Nährstoffe auf. Das macht ihren Dung besonders wertvoll. Schwein und Huhn wurden früher nur in kleinem Umfang zur Abfallverwertung gehalten.

Aber es gibt auch bei Demeter Betriebe mit vielen Schweinen und Hühnern.

Wir versuchen die Nachfrage zu bedienen, ohne dass wir die Grenzen der Betriebe und ihre Kreisläufe sprengen. Selbst große Demeter-Geflügelbetriebe wie Carsten Bauck halten Rinder. Wir haben bei Legehennen die Zahl auf 3000 pro Stallgebäude begrenzt. Zudem gibt es die Möglichkeit der Betriebskooperation.

Was heißt das genau?

Dabei arbeiten spezialisierte Betriebe zusammen. Der eine baut etwa Getreide an und hat in seiner Fruchtfolge Kleegras. Der andere bekommt dieses Kleegras, verfüttert es an seine Rinder und gibt die entsprechende Menge Mist zurück. Wir achten innerhalb des Verbandes darauf, dass die Nährstoffbilanz ausgeglichen ist.

Sind Kuhmistgedüngte Lebensmittel anders?

Der Forschungsring für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise hat Produkte aus Landwirtschaft mit und ohne Viehhaltung verglichen. Dabei zeigten sich Unterschiede im Wurzelbild der Pflanzen und Möhren schmeckten z.B. süßer.

Erschienen in Ausgabe 04/2016
Rubrik: Ernährung

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