Pizza statt Paprika - Schrot und Korn

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Pizza statt Paprika

© PolaRocket/photocase
Wann geben wir der Lust auf Junkfood nach? Ernährungspsychologen erforschen das Essverhalten. © PolaRocket/photocase

PSYCHOLOGIE Warum essen wir so oft gegen unsere Vernunft? Ernährungspsychologin Nanette Ströbele-Benschop hat sich selbst erforscht – und Erstaunliches erlebt.

Es ist 6.30 Uhr, der Tag beginnt. Während ich die Snacks für den Kindergarten vorbereite, deckt mein Mann den Tisch. Eigentlich habe ich noch gar keinen Hunger – aber das gemeinsame Frühstück ist mir wichtig. Als Professorin für Ernährungspsychologie beschäftige ich mich fast jeden Tag mit der Frage, wie, wo, mit wem und warum wir was essen. Mich interessiert vor allem, welche Faktoren aus der Umwelt unser Essverhalten mitbestimmen. Ich weiß daher viel über die alltäglichen Einflüsse und sollte ihnen gegenüber entsprechend gut gewappnet sein. Warum also sitze ich hier am Tisch und esse eine Scheibe Brot mit Marmelade, obwohl mein schlafender Magen eigentlich noch gar nichts möchte?

Ich will meinen Kindern mit gutem Beispiel vorangehen, denn ich diene ihnen als soziales Modell: So bestärken Eltern, die regelmäßig Obst und Gemüse essen, ihre Kinder darin, das ebenfalls zu tun. Daraus entwickelt sich dann (hoffentlich) eine lebenslange Gewohnheit. Nun möchte ich meinen Kindern zum einen vermitteln, dass Frühstücken sinnvoll ist, denn es scheint verschiedenen Befunden zufolge die Leistungsfähigkeit zu verbessern. Zum anderen finde ich gemeinsame Mahlzeiten wichtig. Denn sie sind so viel mehr als nur eine Nahrungsaufnahme, sondern auch ein Platz, um Werte zu vermitteln, um sich auszutauschen und soziale Beziehungen zu stärken. Speisen im Kreis der Familie sind statistisch betrachtet auch reicher an Obst und Gemüse, sie enthalten mehr Ballaststoffe, Kalzium und Eisen sowie weniger Fett, Cholesterin und Natrium als jene außerhalb der Familie, verdeutlichte eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2001.

Während unsere Kinder im Wohnzimmer spielen, schaue ich noch einmal in den Kühlschrank. Ich suche ein Mittagessen für mich, denn ich gehe nicht gerne in eine Mensa oder Kantine. Meine Wahl fällt auf Müsli mit Joghurt und Obst. Aber wir haben keine kleinen Joghurtbecher, nur große. Eigentlich egal, oder? Falsch, denn je größer der Behälter, desto mehr werde ich wohl später in die Schüssel geben. Einerseits spielt das Behältnis des Joghurts eine Rolle, andererseits auch die Schale, aus der ich esse. Je größer sie ist, desto mehr werde ich mir blindlings zubereiten.

Dass die Größe des Gefäßes die Menge steuern kann, lässt sich leicht nachvollziehen. Aber wussten Sie, dass auch die Reihenfolge der Zubereitung wichtig ist? In diversen Experimenten konnten meine Arbeitsgruppe und ich zum Beispiel zeigen, dass eine Apfelsaftschorle weniger Apfelsaft enthält, wenn Probanden zuerst Mineralwasser statt Saft in das Glas schütten. Bei Müsli und Jogurt konnten wir denselben Effekt feststellen. Je nachdem, ob ich zuerst Müsli oder Joghurt in die Schüssel fülle, werde ich zum Mittagessen mehr oder weniger Kalorien zu mir nehmen.

Doch wieder Donut: Jede fünfte Frau greift täglich zu Süßem. © nanihta/photocase

Tatsachen sind eher nebensächlich

Doch über Kalorien sollte ich mir heute keine Gedanken machen müssen, denn mein Müsli ist schließlich ein „Fitnessmüsli“. So steht es jedenfalls auf der Packung. Ist Fitnessmüsli gesünder? Und enthält es weniger Kalorien? Vielleicht, aber Tatsachen sind eher nebensächlich, denn wir glauben automatisch, dass da, wo „fit“ draufsteht, auch „fit“ drin ist – und essen dann gern entsprechend mehr. Wissenschaftler um den Sportökonomen Jörg Königstorfer von der Technischen Universität München ließen 135 Studierende einen Fragebogen ausfüllen, während sie Studentenfutter naschen konnten. Probanden, bei denen
die Tüte mit „Fitness Studentenfutter“ beschriftet war, konsumierten mehr als jene, denen nur gewöhnliches „Studentenfutter“ angeboten wurde.

Wie sich die Farbe der Tasse auf den Geschmack auswirkt

Im Institut angekommen, wache ich so langsam auf. Dabei hilft mir die erste Tasse Kaffee des Tages. Ein Blick ins Regal zeigt mir, dass ich heute noch drei Tassen zur Auswahl habe: eine blaue, eine rote und eine braune. Ich erwähne dies, weil schon ein Buch von 1979 ein Experiment beschreibt, welches darauf hindeutet, dass uns der Kaffee je nach Farbe des Gefäßes mehr oder weniger gut schmeckt und wir ihn als verschieden heiß empfinden. Neuere Studien bestätigten den Effekt. Betina Piqueras-Fiszman, die an der niederländischen Universität Wageningen forscht, und Charles Spence von der University of Oxford – zwei der bekanntesten Wissenschaftler auf diesem Gebiet – untersuchten vor einigen Jahren, inwiefern die Farbe des Gefäßes die Geschmackswahrnehmung heißer Schokolade beeinflusst. Am besten schnitt Schokolade aus roten Bechern ab. Die Arbeitsgruppe konnte auch zeigen, dass Popcorn aus verschiedenfarbigen Schüsseln unterschiedlich schmeckt. Ich finde solche Phänomene faszinierend. Und entscheide mich für die rote Tasse. Absolut lecker, der Kaffee!

Auf dem Tisch meiner Sekretärin steht heute ein Schälchen mit Erdnüssen im Schokomantel. Sie sind von einem Seminar übrig geblieben. Aus mir unerfindlichen Gründen hole ich mir jedes Mal, wenn ich daran vorbeigehe, ein paar davon. Warum? Weil sie griffbereit sind? So schön bunt aussehen? Oder weil ich wegen eines Abgabetermins für einen Forschungsantrag unter Zeitdruck stehe? Wenn man sich die wissenschaftlichen Befunde zu diesem Thema anschaut, kann man alle drei Fragen mit Ja beantworten. Brian Wansink an der Cornell University in Ithaca und seine Kollegen verdeutlichten anhand vieler Experimente, dass eine leichte Erreichbarkeit ebenso wie die Vielfalt an Lebensmitteln den Konsum erhöhen können.

Gelegenheit führt in Versuchung

Die US-amerikanischen Forscher stellten einer Gruppe von Personen eine Woche lang 30 Schokopralinen auf den Schreibtisch, die diese essen durften. Bei den übrigen Teilnehmern lagerten die Leckereien entweder in einer Schreibtischschublade oder auf einem rund zwei Meter entfernten Bücherregal. Die Schale wurde täglich aufgefüllt, und jeder Proband durchlief alle drei Bedingungen. Das Ergebnis: Befanden sich die Süßigkeiten auf dem Tisch, naschten die Probanden am meisten. Am seltensten kamen sie in Versuchung, wenn die Pralinen auf dem Regal standen.

Am Abend bin ich mit Kollegen verabredet. Wir sitzen zu fünft in einem gemütlichen schwäbischen Restaurant. Die anderen wählen alle eine Vorspeise. Eigentlich wollte ich nach dem Schokolinsen-Zwischenfall von vorhin nur einen großen Salat bestellen, denn der hat viele Vitamine und Mineralstoffe. Schließlich habe ich heute noch kein Gemüse gegessen – und ich möchte mich doch gesund ernähren. Aber wie sieht es aus, wenn ich die Einzige bin, die keine Vorspeise bestellt? Mir kommt das unpassend vor. Ich mache keine Diät, und aus irgendeinem Grund, den ich selbst nicht verstehe, würde es mich stören, wenn meine Kollegen das denken würden. Also bestelle ich eine Kürbissuppe.

Essen in Gesellschaft beeinflusst

Menschen tendieren dazu, sich an andere anzupassen – sowohl beim Essen als auch in anderen Situationen. Dieses Verhalten beginnt bereits in der Kindheit. In den 1980er- Jahren zeigte Leann Birch von der Penn State University in Pennsylvania, dass sich schon Dreijährige am Essverhalten Gleichaltriger orientieren und ein Gemüse, das sie eigentlich nicht mögen, essen, wenn die anderen Kinder am Tisch das auch tun. John M. de Castro entdeckte in den 1990erJahren ein weiteres Phänomen des sozialen Essens: Anhand von Ernährungstagebüchern stellte er fest, dass wir in Gesellschaft größere Mengen zu uns nehmen als allein. Und je mehr Personen mit am Tisch sitzen, desto reichlicher verzehren wir. Da habe ich noch Glück, dass wir nur zu fünft sind! Außerdem hängt die Nahrungsmenge auch davon ab, wer anwesend ist: Mit Freunden und der Familie schlagen wir uns den Bauch voller als mit Kollegen. Trotzdem haben wir wahrscheinlich alle mehr vertilgt als bei einem Abendessen zu Hause.

Der Abend war nett, und als ich nach Hause komme, sinke ich satt und müde neben meinen Mann auf das Sofa. Er hat eine Tüte Chips aufgemacht und schaut einen Film, während er ab und an geistesabwesend in die Packung greift. Meine Hand streckt sich schon nach den Chips aus, aber dann halte ich inne und beherrsche mich. Ablenkung, insbesondere Fernsehen, erhöht die Kalorienzufuhr. Und ich hatte heute wirklich schon genug.

Wenn ich meinen Tag Revue passieren lasse, fällt mir auf, dass ich nicht alles, was ich gegessen habe, zu essen vorhatte. Und auch die Menge war sicherlich größer als bei einem kleineren Jogurtbecher, weniger Stress, einfarbigen Schokolinsen und ohne Kollegen. Mir wird bewusst, dass auch ich stärker von den kleinen psychologischen und umweltbedingten Einflüssen gelenkt werde, als mir lieb ist – und das, obwohl ich sie kenne.

Wissen lässt sich bewusst nutzen

Sind wir den vielen unbewussten Automatismen und Einflüssen ausgeliefert? Und ist jeder Plan, sich gesünder und ausgewogener zu ernähren, im Vorhinein zum Scheitern verurteilt? Absolut nicht. Es ist nicht schlimm, mal mehr zu konsumieren als geplant, weil man höflich oder seinen Kindern ein Vorbild sein möchte. Doch es gibt Punkte, an denen wir ansetzen können, ohne uns selbst groß einzuschränken. Etwa indem wir die Gummibärchen nicht auf dem Couchtisch liegen lassen, sondern sie nach einer Hand voll wieder in die Schublade räumen und uns einen Apfel schneiden. Daher ist das Wissen um solche Effekte durchaus hilfreich.

Die meisten Forscher konzentrieren sich hauptsächlich auf das Zusammenspiel von Umweltfaktoren und Übergewicht, während das Thema Untergewicht und Mangelernährung oft in den Hintergrund gerät. Dabei könnten sich die beschriebenen Einflüsse auf unser Essverhalten in bestimmten Situationen positiv auswirken. Trinkt jemand zum Beispiel häufig zu wenig, sollte er sich große Wassergläser kaufen. Insbesondere in der Altersheilkunde oder bei der Behandlung und Rehabilitation von Krebspatienten suchen Ärzte und Pfleger nach Wegen, die Nahrungsaufnahme der Patienten zu steigern, um dem häufig auftretenden Gewichtsverlust entgegenzuwirken. Hier sehe ich eine Chance, die vielen Umwelteinflüsse, die sich für
manch einen ungünstig auswirken, zum Vorteil zu nutzen. 

 


Ernährungsreport 2019

So isst und kocht Deutschland

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft befragt jedes Jahr 1000 Bundesbürger zu ihren Essgewohnheiten. Zusammengestellt wird das Ergebnis im Ernährungsreport „Deutschland, wie es isst“.

Eine der Fragen 2019 lautete: „Was essen Sie täglich?“ Trotz eines leichten Rückgangs seit 2015 bleiben Obst und Gemüse die Favoriten unter den Lebensmitteln. Mehr als zwei Drittel der Befragten (71 Prozent) essen diese täglich.
Bei den Frauen sind es 80 Prozent, bei den Männern 62 Prozent.

Bei etwa zwei von drei Befragten gehören Joghurt und Käse täglich auf den Speiseplan. Während sich diese Zahl im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert hat, nimmt der Konsum von Fleisch und Wurst weiter ab. Weniger als ein Drittel (28 Prozent) isst täglich davon, vor zwei Jahren waren es noch 34 Prozent. Dabei verzehren deutlich mehr Männer (39 Prozent) als Frauen (18 Prozent) jeden Tag Wurst und Fleisch. Auch zwischen Ost (43 Prozent) und West (26 Prozent) gibt es klare Unterschiede.

84 Prozent der Befragten würden es begrüßen, den Zuckeranteil in Fertigprodukten zu reduzieren.

„Wie häufig kochen Sie selbst?“ war eine weitere Frage im Ernährungsreport. Ergebnis: Es wird seltener gekocht. 40 Prozent der Befragten gaben an, jeden Tag am Herd zu stehen. 2018 waren es noch 43 Prozent. 37 Prozent kochen zwei- bis dreimal pro Woche, 10 Prozent nie. 2018 lag dieser Prozentsatz noch bei 9.

Als Lieblingsgerichte werden von 33 Prozent der Befragten Fleischgerichte wie Braten, Schnitzel oder Gulasch genannt.
17 Prozent essen für ihr Leben gern Nudeln in allen Variationen: Spaghetti Bolognese ist dabei die Nummer eins, gefolgt von Lasagne und Spätzle. Salate und Gemüsegerichte bevorzugen 10 Prozent der Befragten.

Quelle: Ernährungsreport 2019, BMEL


Auf einen blick

Warum wir essen, was wir essen

Eine Vielzahl an Faktoren beeinflusst unser Essverhalten, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. In Gesellschaft und unter Stress etwa neigen die meisten Menschen dazu, mehr zu konsumieren. Aber auch die Farbe und Größe des Geschirrs sowie die Reihenfolge der Zubereitung spielen eine Rolle.

Solche Umwelteinflüsse machen es mitunter schwer, gute Vorsätze einzuhalten. Das Wissen um diese Effekte kann jedoch jedem dabei helfen, die eigene Ernährung zu hinterfragen.

In manchen Fällen kann man sich die natürlichen Verhaltenstendenzen zu Nutze machen, zum Beispiel um die Nahrungsaufnahme von Menschen mit Mangelerscheinungen und Untergewicht zu steigern.

Der Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift „Gehirn&Geist“ 5/18 von Spektrum der Wissenschaft.

 

Erschienen in Ausgabe 04/2019
Rubrik: Ernährung

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Eva Thienpont

Danke für den Bericht Pizza statt Paprika
In den heutigen Medien wird uns ständig gesagt WAS wir essen sollen, aber fast nie WIE wir essen sollen; das ist sehr schade, denn wenn wir unsere Nahrung immer bewusst zu uns nehmen würden und bestenfalls auch noch genießen würden, dann gäbe es weniger Übergewichtige und Kranke. Man sollte sich viel öfter bewusst machen warum man gerade isst, ob man denn gerade wirklich Hunger hat oder aus Geselligkeit oder Höflichkeit etc. mit isst. Wenn man sich dessen bewusst ist entwickelt man, wenn man möchte auf jeden Fall genug "Strategien" um der unbewussten "Mümmelei" zu entkommen ;-)