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Mit Dusche, in zentraler Lage

Stall mit Dusche: An heißen Tagen sind die Kühe vom Oberfeldhof lieber drin als draußen. (© Catharina Frank)
(© Catharina Frank)
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Wolfgang Schindler (links) arbeitet seit 47 Jahren auf dem Hof. (© Catharina Frank)
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(© Capricornfilm/2014)

BIO-HÖFE Kühe haben es hier gut. Sie dürfen sogar duschen. Der Oberfeldhof im Darmstädter Osten gewann nun den Öko-Bundespreis. // Sylvia Meise

Genüsslich schubbern sich die Kälber am Kratzbesen – und dann wird sogar noch die Dusche aufgedreht. Landwirt Thomas Goebel schaltet die „Kuhdusche“ ein – sofort beginnen die Düsen zu wirbeln und kühlende Wassernebel über die Tiere zu sprühen. Draußen ist es sommerlich heiß, „deswegen sind die Kühe lieber im Stall und nicht auf der Weide wie sonst“, erklärt der Bauer. Im Gang wuseln Kindergartenkinder mit kleinen, grünen Besen. Sie kennen das schon. Ungerührt schieben sie frisches Gras vor die mampfenden Mäuler.

Nur ein kleiner Einblick, der aber ist typisch für das neu aufgebaute Hofgut Oberfeld: die Türen weit geöffnet, überall ein kleiner Hingucker und immer sind mehr Menschen und Tiere im Blick als Maschinen. Auf dem alten Hofanger stehen die Tische und Bänke des Hofcafés, Väter und Mütter ruhen sich aus, während die Kinder im Heu hüpfen. Kunden des Hofladens tragen Brot und Eier zum Fahrrad.

Als sich 2003 die Bürgerinitiative gründete, war der jetzt so belebte, bunt bepflanzte Platz noch Ödnis. Der einst stolze Gutshof – vor 100 Jahren als großherzoglicher Betrieb mit Molkerei und Feldfrüchten gestartet – war finanziell am Ende. Nur Zuckerrüben und etwas Getreide gab es noch. Die denkmalgeschützten Gebäude leer, der Verkauf durchs Land beschlossen. Was würde aus den Äckern werden? Um zu verhindern, dass die Darmstädter ihren letzten stadtnahen Hof und die Felder als Naherholungsgebiet verlieren, schlossen sich beherzte Darmstädter zusammen. Sie gewannen die Software AG Stiftung als Sponsor und überzeugten das Land von ihrer Idee, den Hof nicht allein durch Landwirtschaft, sondern auch mit kulturellen und sozialen Ansätzen aufzubauen. Sie gründeten die Stiftung Hofgut Oberfeld – und kauften den Hof. Zehn Jahre später brummt der Betrieb bunter denn je.

Was Wolfgang weiß ...

Als Betriebsleiter wurden die Landwirte Kathrin und Thomas Goebel engagiert. Sie kamen mit ihren beiden Kindern direkt aus einer Stadtwohnung in Gießen. Zwar hatten sie am Konzept mitgearbeitet, doch nun kam von heute auf morgen der Sprung von der Theorie auf den Acker. Es war ihre erste Betriebsleitung und Umstellung auf Bio: „Wir sind am 8. Juli eingezogen und am 13. haben wir schon Gerste gedroschen – das heißt, Wolfgang hat gedroschen“, sagt Thomas Goebel und blickt zu seinem bärigen Kollegen Wolfgang Schindler. Der 67-Jährige arbeitet seit 47 Jahren hier. Er hat den Hof, das Land und die Maschinen im Gespür – kennt alle ihre Macken. Seine Erfahrung war Gold wert für den Start. Thomas Goebel wusste das sofort zu schätzen: „Er war eine Säule, auf die ich mich stützen konnte. Man darf nicht vergessen, Öko-Landbau und konventionell sind zwar zwei verschiedene Methoden, aber dennoch haben sie einiges gemeinsam. Superwichtig etwa ist, dass man die Böden kennt. Das gilt für die eine wie für die andere Methode. Und Wolfgang hat viele Jahre Erfahrung auf dem Feld mit- und eingebracht und kann dieses wertvolle Wissen jetzt weitergeben.“

Und wie war es für Wolfgang Schindler, was hat sich verändert? „Es war gut, dass es gleich menschlich gepasst hat    – und wenn mal nicht, dann war da so ein kleiner Zweijähriger ...“ Er meint Paul, den mittlerweile 12-jährigen Sohn der Goebels. Prinzipiell gefällt es ihm, dass jetzt viel mehr Menschen da sind. „So muss es sein auf einem Hof.“ Ans Aufhören denkt er übrigens nicht, denn: „Landwirtschaft ist kein Beruf, das ist eine Berufung. Entweder man macht es von Herzen, oder man lässt es.“

Unschätzbar war er für den Hof übrigens auch „als Türöffner zu den Nachbarn“, erzählt Thomas Goebel. „Da er sie alle kannte, hatten wir relativ schnell einen guten Draht, besonders zu zwei Milchbauern, die uns gleich ausgeholfen haben. Wir hatten ja anfangs keine Maschinen für den Futteranbau. Wir konnten nicht mähen oder das Heu wenden.“ Das musste aber sein, denn „nach sechs Wochen standen die ersten zwei Kühe hier mit drei Kälbern – das Start-Geschenk der Darmstädter Grünen.“ Eine von ihnen ist noch da: Doch die alte Kuhdame geht als Einzige nicht mehr auf die Weide. „Das ist ihr zu mühsam.“

Gleich hinter dem Kuhstall liegt die Käserei. Und noch ein Stück weiter hört man die Hühner gackern – insgesamt 1200 Legehühner und Masthähne. (Die männlichen Küken werden auf dem Oberfeldhof nicht getötet.) Hennen und Hähne leben in hühnerfreundlichen Mobilställen, die regelmäßig umgesetzt werden, damit die Hühner immer frisches Grün zu beißen haben.

Darmstädter lieben Saisongärten

Zwischen Kuhstall und der Streuobstwiese, auf der die Gänse leben, steht das Häuschen der Pädagogen, die unter dem Dach der Stiftung Hofgut Oberfeld ihren „Lernort Bauernhof“ organisieren und sogar eine Schafherde halten. Von dort ist es ein Katzensprung zu den Blumenbeeten zum Selberpflücken und dem riesigen Areal der Saisongärten. Sie sind der Angebotsschlager des Hofs. Um die anfangs 50 Parzellen haben sich die Darmstädter förmlich gerissen – mittlerweile sind es 360.

Was aussieht wie ein Bilderbuch-Bauernhof ist ein durchdachter, hochmoderner Betrieb. In der Rede des Bundespreises Ökologischer Landbau heißt es: „Die Hofführung vermittelt den Eindruck, es gäbe das Buch der Innovationen für den Bio-Landbau, die Verantwortlichen hätten es gelesen und bereits zu großen Teilen umgesetzt.“ Wir gratulieren! Denn Bio-Landwirtschaft zum Erleben mit Kuhdusche finden wir auch richtig gut.

-> www.landwirtschaft-oberfeld.de

Bundespreis ökologischer Landbau

Vorbildliche Öko-Höfe

Engagement, die Bereitschaft für Neues und Mut – damit gewannen drei Bauernhöfe beim Bundeswettbewerb Ökologischer Landbau 2016. Die Gewinner sind: der Milchvieh-betrieb der Familie Kaemena im Bremer Blockland, die Bio-Rinderzucht Harzer Rotes Höhenvieh von Daniel Wehmeyer in Osterode am Harz sowie die Hofgut Oberfeld Landwirtschaft AG bei Darmstadt. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ehrt damit seit 2001 landwirtschaftliche Betriebe, die mit wegweisenden Konzepten besonders erfolgreich ökologisch wirtschaften und vorbildliche Lösungen bieten in den Bereichen Tierhaltung, Natur- und Ressourcenschutz oder Energiemanagement. Die Gewinner erhielten je 7 500 Euro.

Erschienen in Ausgabe 11/2016
Rubrik: Ernährung

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