"Angst motiviert mich" - Schrot und Korn

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"Angst motiviert mich"

Interview © Oda Berby
„Das ganze Leben ist Wasser, das ganze Leben war Wasser“, beginnt Maja Lunde ihren neuen Roman-Bestseller. © Oda Berby

 

INTERVIEW Maja Lundes neuester Roman spielt 2041 in Frankreich. Der Klimawandel hat alles ausgedorrt, hat Städte und Dörfer unbewohnbar gemacht. Wer kann, flieht in die Wasserländer. Doch deren Grenzen sind fast dicht.Gabriele Augenstein

Mit erschreckend wenig Einfluss warnt der Club of Rome seit 50 Jahren vor Zukunftsproblemen der Menschheit und des Planeten. Jetzt bekommen die Wissenschaftler literarisch Verstärkung: Schriftstellerin Maja Lunde verknüpft den Klimawandel mit menschlichen Schicksalen. Ihr erstes Buch im Klimaquartett „Die Geschichte der Bienen“ war 2017 der erfolgreichste Roman in Deutschland. Bereits 2018 erschien Teil zwei: „Die Geschichte des Wassers“. In ihren Romanen beschwört Maja Lunde einerseits unseren Mut und Lebenswillen in einer klimaveränderten Welt zurechtzukommen und andererseits alles Menschenmögliche zu wagen, um unseren Kindern eine Welt zu hinterlassen, die wir noch erkennen.

Frau Lunde, wie kamen Sie auf die Idee, Romane über Umweltthemen und den Klimawandel zu schreiben?

Auslöser war eine Filmdokumentation, die ich 2013 gesehen habe. Darin ging es um das Bienensterben und welche Folgen es für uns Menschen hat. Das hat mich zu meinem ersten Roman inspiriert, „Die Geschichte der Bienen“. Bei  der Recherche wurde mir ganz schnell klar, dass das Thema Klimawandel mit einem einzigen Buch längst nicht erledigt sein würde. Unsere Welt wird sich so grundlegend ändern. Ich hatte so viele weitere Ideen für Romanfiguren und Menschen, die in Schwierigkeiten geraten, weil die Natur sich ändert.

Wer sind diese Menschen in Ihrem Roman „Die Geschichte des Wassers“? Was erleben sie, was treibt sie an?

Zunächst ist da die fast 70-jährige, norwegische Umweltaktivistin Signe, die sich sehr verbunden fühlt mit dem Gletscher in ihrem Heimatdorf. Mit einem Segelboot versucht sie 2017 die französische Küste zu erreichen. Dort will sie Magnus, die Liebe ihres Lebens, zur Rede stellen, weil er Eiswürfel des Gletschers nach Saudi-Arabien verkauft. Der zweite Handlungsstrang spielt 2041 in Südfrankreich. David, ein junger Familienvater, arbeitet zunächst in einer Meerwasserentsalzungsanlage. Doch die Dürre zwingt die Menschen Südeuropas zur Flucht in den Norden. Das Trinkwasser reicht nicht für alle. Da entdecken David und seine Tochter Signes altes Segelboot.

Dass Südfrankreich durch den Klimawandel schon in 20, 25 Jahren unbewohnbar sein soll, schockiert mich. Ist es ein realistisches Szenario?

Ich habe mit Hydrologen gesprochen, Wissenschaftlern, die sich mit dem Wasser auf der Erde beschäftigen, und viele Berichte gelesen, die Zukunftsszenarien entwerfen. Wenn wir nicht aufhören, den Klimawandel weiter anzuheizen, wenn die Temperaturen um drei, vier oder fünf Grad ansteigen, kann das sehr wohl Realität werden.

Lässt es sich verhindern?

Wir müssen sehr große Veränderungen jetzt einleiten. Das muss sehr schnell gehen. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Wie es für die kommenden Generationen weitergeht, hängt von unseren heutigen Entscheidungen ab.

Das klingt sehr bedrohlich.

Ich schreibe tatsächlich, um meine Angst zu überwinden. Wenn ich nicht schreibe, werde ich traurig. Angst und Traurigkeit treiben mich zum Handeln an. Ich glaube, wir sollten keine Angst davor haben, traurig, wütend oder besorgt zu sein. Vielleicht geben uns gerade diese Gefühle die Energie, Dinge zu ändern.

Das heißt, Angst motiviert Sie?

Ja, tatsächlich. Es klingt etwas deprimierend, ich weiß, aber es ist so. In Norwegen sagen wir: Schreibe, wo es brennt! Und da brennt es eben für mich. Aus der Ängstlichkeit entspringen meine Ideen. Deshalb fühlt es sich für mich so notwendig an, diese Bücher zu schreiben. Wenn ich ein paar Wochen nicht schreibe, fühle ich mich deprimierter. Ich muss schreiben.

Im Original heißt „Die Geschichte des Wassers“ schlicht „Blau“. Warum?

Blau auf Norwegisch bedeutet dasselbe wie auf Englisch. Es bedeutet die Farbe und das Gefühl: „having the Blues“, „sich traurig fühlen“. In „Die Geschichte des Wassers“ erzähle ich von Verlust und von Trauer.


"Angst und Wut geben uns Energie, Dinge zu ändern"


Leben Sie Umweltschutz in Ihrem Familienalltag?

Wir reden oft beim Abendessen darüber, dass die Welt sich verändert, und was wir tun können. Vegetarisch essen, weniger fliegen und nicht die ganze Zeit Zeug kaufen. Zeug gibt es schon genug. Der Planet braucht nicht noch mehr davon. Dieses ganze Plastik im Meer, das ist für uns ein Riesending. Wir in Norwegen haben so viel Küste.

Was hoffen Sie für die Zukunft?

Ich hoffe, wir können die weltweite Klimaerwärmung aufhalten. Das ist gerade meine größte Sorge. Gerade nach dem letzten Klimareport. Es ist wirklich besorgniserregend. Ich hoffe wirklich, dass wir fähig sind, das Nötige zu ändern, jetzt. Damit unsere Kinder auch eine Zukunft haben. Und dass unsere Enkel in einer Welt aufwachsen, die wir wiedererkennen würden. Und ich hoffe, dass sie zurückschauen können und sehen, dass ihre Eltern getan haben, was sie konnten.

Leider zerstören wir die Zukunft unserer Kinder bislang fast ungebremst.

Das ist einer der Gründe, warum ich weiter schreibe. Ich verstehe das nicht. Warum sind wir so dumm? Warum tun wir nicht mehr?

Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass eine Hochkultur untergeht.

Wenn wir die Hoffnung verlieren, verlieren wir die Bereitschaft zu handeln. Viele Menschen haben noch Ressourcen, die sie nicht nutzen. Manchmal vergessen wir, was wir im Kleinen bewirken können. Vielleicht bekommen wir Antrieb, wenn wir noch ein, zwei Jahre diese extremen Wetterlagen erleben. Allein der letzte Sommer! Jetzt kann doch jeder den Klimawandel sehen. Vielleicht brauchen wir das, um zu verstehen, dass wir vieles verändern müssen. Vielleicht zeigt das Wetter uns den Weg!

Verraten Sie mir, worum es im dritten Roman Ihres Klima-Quartetts geht?

Er wird von bedrohten Säugetieren handeln. Ein Erzählstrang spielt in Russland im Jahre 1881, der zweite in der Mongolei 1992 und der dritte in Norwegen 2064. Mehr verrate ich aber noch nicht. 

 

Zur Person

Maja Lunde

Maja Lunde wurde 1975 in Oslo geboren, wo sie heute noch lebt. Sie studierte Literatur, Psychologie, Medien- und Kommunikationswissenschaft und schreibt seit 2009 hauptberuflich Drehbücher. 2012 veröffentlichte sie ihr erstes Kinderbuch „Over grensen“ über jüdische Kinder, die 1942 von Norwegen nach Schweden flohen. Ihr erster Roman „Die Geschichte der Bienen“ erschien 2015 im btb Verlag und sorgte international für Furore. „Die Geschichte des Wassers“ ist der zweite Teil
ihres literarischen Klima-Quartetts, das sich mit den Folgen menschlichen Handelns für die Natur beschäftigt. Maja Lunde ist verheiratet und Mutter von drei Söhnen.

© Oda Berby

 

Erschienen in Ausgabe 03/2019
Rubrik: Ernährung

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