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Interview: „Als Filmemacher musste ich handeln“

Interview Bertram Verhaag (© DENKmal-Film Verhaag GmbH)
Der Münchner Filmemacher Bertram Verhaag recherchiert seit über 30 Jahren zum Thema grüne Gentechnik. (© DENKmal-Film Verhaag GmbH)

INTERVIEW Bertram Verhaag dreht Filme über Gentechnik und Öko-Landwirtschaft. In einem seiner Filme kommt Prinz Charles zu Wort. Das ist jetzt ein Problem. // Jens Brehl

Warum darf Ihr Film „Der Bauer und sein Prinz“ über den ökologischen Landwirtschaftsbetrieb „Duchy Home Farm“ von Prinz Charles im Commonwealth nicht gezeigt werden?

Von Prinz Charles’ Pressebüro habe ich keine offiziellen Gründe genannt bekommen. Der fertige Film wurde zunächst abgenommen. Dann kam vom Royal Press Office die Direktive, ihn in England und im gesamten Common- wealth nicht zeigen und verkaufen zu dürfen. Dem musste ich leider nachkommen. Indirekt habe ich erfahren, dass das Verbot kam, weil sich der Prinz darin zu frei und kritisch über die industrielle Landwirtschaft äußert. Der Prinz selbst hat sicher nichts gegen die Veröffentlichung. Es hieß, er habe sich dem Urteil des Hofes gebeugt. 

Und warum lief der Film auch nicht bei uns im Fernsehen?

Das fragen mich Zuschauer immer wieder und ich verweise sie an die jeweiligen Sender. Viele haben sich dort gemeldet und mir auch Kopien der Antwortschreiben geschickt. Die angegebenen Gründe waren meist banal, wie der Film sei den Sendern noch nicht angeboten worden. Oder aber er sei mit 40 000 Zuschauern so erfolgreich im Kino gelaufen, dass sie keine Fernsehzuschauer mehr bekämen. Eigentlich dürften dann auch keine Hollywood-Blockbuster im Fernsehen gezeigt werden, die ja im Vergleich zu meinen Filmen ein Vielfaches an Zuschauern in die Kinos locken.

Spielt der öffentlich-rechtliche Rundfunk bei Ihren Filmen eine Rolle?

In der Vergangenheit hat er eine große Rolle gespielt, denn die meisten meiner Filme über Gentechnik liefen im Fernsehen. Auch der Bayerische Rundfunk hatte mich direkt beauftragt, woraus dann der Film „Der Landhändler“ entstand. Dort zeige ich einen Futtermittelhändler, der zunächst glühender Verfechter der Gentechnik war, bevor ihm Zweifel kamen und er recherchierte.

Nun scheint bei der Zusammenarbeit zwischen Ihnen und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk etwas Sand im Getriebe zu sein.

Die Gründe, den Film „Der Bauer und sein Prinz“ nicht zu zeigen, sind in meinen Augen absurd. Daher muss etwas anderes dahinterstecken. Hier kann ich allerdings auch nur spekulieren.

Warum haben Sie sich am Thema grüne Gentechnik festgebissen?

Ende der 90er-Jahre erfuhr ich aus der Zeitung vom sogenannten Terminator-Saatgut. Es wurde gentechnisch so verändert, dass es nicht mehr keimfähig ist und Landwirte jährlich neues Saatgut kaufen müssen. Es geht also ums Geschäft und nicht – wie gerne behauptet – darum, den Welthunger zu bekämpfen. Die Industrie hat die Technik in den USA in die Welt gesetzt und von dort aus verbreitet. Es gab keinen demokratischen Prozess. Als Filmemacher musste ich etwas dagegen tun.

In Ihren Filmen warnen Sie vor der Gentechnik. Dennoch laufen die Geschäfte der Konzerne glänzend. Kämpfen Sie gegen Windmühlen?

Absolut nicht. In Deutschland und Europa sind Bewusstsein und Widerstand gegen Gentechnik massiv gestiegen.

Welche Reaktionen möchten Sie bei den Zuschauern auslösen?

Gentechnik ist zerstörerisch, sie vergiftet den Boden und ist ein Verbrechen gegen unsere Gesundheit. Deswegen muss man sie ablehnen. Gleichzeitig möchte ich die Zuschauer ermutigen, sich mehr zu erkundigen, woher ihre Lebensmittel stammen.

Ihr Standpunkt ist fix: Gentechnik ist böse, Öko-Landwirtschaft ist gut. Können Sie überhaupt ergebnisoffen recherchieren?

Seit über 30 Jahren recherchiere ich zu diesen Themen. Regelmäßig hinterfrage ich mich und meine Arbeit, ob ich manipulierten Meinungen aufsitze und daher nicht mehr richtig urteilen kann. Auf der Seite der ökologischen Landwirtschaft habe ich nur glaubwürdige Menschen getroffen, die fruchtbare Böden und die Artenvielfalt erhalten. Bei der Gentechnik finde ich nur das Zerstörerische: Böden werden ausgebeutet und es wird nicht an die Umwelt, geschweige denn an künftige Generationen gedacht. Den Gentech-Konzernen wie Monsanto geht es um Patente, Marktanteile und darum, die gesamte Nahrungskette im Griff zu halten.

Sehen Sie sich noch als neutralen Journalisten oder haben Sie die Grenze zum Aktivisten längst überschritten?

Ein Journalist sollte ausgewogen berichten. Doch ist das immer so? Ich finde, dass die Gegenseite, sei es bei Atomenergie oder Gentechnik, in den Medien viel mehr zu Wort kommt. Deswegen verfestigen sich in den Köpfen der Zuschauer auch Argumente, wie „nur mit der Gentechnik könne man die wachsende Weltbevölkerung ernähren“. Die Lügen kann ich durchschauen, weil ich mich mit dem Thema seit Jahrzehnten beschäftige. Ich berichte subjektiv. Denn ich kann nicht so tun, als ob die Ausbringung von Gentechnik in einer anderen Welt stattfände, schließlich bin ich betroffen. In meinen Filmen zeige ich meine persönliche Meinung und deren Hintergründe offen. Alle Protagonisten können ihre Argumente pro oder contra meiner Haltung dennoch frei einbringen. 

Seit einem halben Jahr läuft Ihr Film „Code of Survival – Die Geschichte vom Ende der Gentechnik“ im Kino. Wie konnten Sie die Produktionskosten stemmen?

Der Film hat etwas mehr als 400 000 Euro gekostet. Einen Großteil habe ich über die öffentliche Filmförderung bekommen. Fernsehsender haben sich nicht beteiligt. Etwa ein Drittel des Geldes habe ich bei Privatpersonen einsammeln müssen. Die Menschen anzusprechen hat mich viel Mut gekostet. Mit alledem haben wir unsere Dreharbeiten über einen Zeitraum von zwei Jahren auf vier Kontinenten finanziert.

Im Abspann werden Unternehmen genannt, die den Film unterstützt haben. Darunter auch Ulrich Walter, Geschäftsführer von Lebensbaum. Nun kommt er im Film ausführlich zu Wort. Ist das noch Recherche oder schon PR?

Ulrich Walter hat uns die Reisekosten und die Unterbringung in Indien bezahlt. Im Vergleich mit den Gesamtkosten war es eine kleine Summe. Durch ihn habe ich die im Film gezeigte indische Teeplantage Ambootia kennengelernt. In den letzten Jahrzehnten haben die Teegärten in der Region durch die industrielle Bearbeitung sehr gelitten. Nun gibt es einen Inder, der mittels Öko-Landwirtschaft Böden wieder heilt. Das war für mich ein wichtiges Thema. Lebensbaum ist Kunde der Plantage, zahlt faire Preise, wodurch vor Ort Schulen gebaut werden. Ich sah keinen Grund das zu verschweigen.

Zur Person: Bertram Verhaag

Interview Bertram Verhaag (© DENKmal-Film Verhaag GmbH)
(© DENKmal-Film Verhaag GmbH)

 

Seit mehr als 30 Jahren ist Bertram Verhaag als Produzent und Regisseur tätig und veröffentlichte über 120 Filme ausschließlich zu politischen und ökologischen Themen. Mit seinen Filmen möchte er sich in gesellschaftliche Diskussionen einmischen. Bekannt ist er besonders für seine Fernseh- und Kino-Dokumentarfilme über die Gefahren der grünen Gentechnik und die Vorzüge ökologischer Landwirtschaft. Mit „Der Bauer und sein Prinz“ und zuletzt „Code of Survival – Die Geschichte
vom Ende der Gentechnik“ feierte er große Erfolge im Kino.
www.denkmal.film

Erschienen in Ausgabe 12/2017
Rubrik: Ernährung

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