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„Ich habe keine Antwort“

Interview Anna Thalbach (© Moritz Thau)
Fürchtet sich vor den Auswüchsen des Kapitalismus: Anna Thalbach (© Moritz Thau)

INTERVIEW Schauspielerin Anna Thalbach wuchs in Berlin auf, lebt heute auch in einem richtigen Bio-Dorf und baut sogar Kartoffeln an. Irgendwann wird der Kapitalismus mit großem Knall zusammenkrachen, ist sie überzeugt. // Ulrike Bremm

Als ich Anna Thalbach anrufe, um ein Treffen zu vereinbaren, sagt die quirlige Berlinerin nach einem kurzen Blick in ihren überbordenden Kalender: „Was halten Sie davon, wenn wir das Interview gleich jetzt machen, hier am Telefon?“ Gesagt, getan!

Hand aufs Herz: Sie müssen doch wahnsinnig diszipliniert sein, oder? Sie gelten als eine der besten Hörbuchsprecherinnen Deutschlands, spielen Rollen in Kino- und Fernsehfilmen, Serien und Theaterstücken und sind Bühnenregisseurin. Allein bei der Aufzählung gerät man ja bald außer Puste ...

Es geht. Ich halte mich nicht für den diszipliniertesten Menschen unter der Sonne, aber ich kriege alles hin. Man muss ja funktionieren.

Wie tanken Sie bei diesem straffen Arbeitspensum neue Energie?

Wir sind häufig draußen. Unsere Familie hat seit über zehn Jahren ein Haus auf dem Land, mit der Bahn eine halbe Stunde vor den Toren Berlins. Ich bin ein absolutes Stadtmädchen, in Berlin geboren und aufgewachsen. Aber ich liebe auch das Landleben.

Wie viel Wert legen Sie auf Bio-Produkte? Sind Sie ein großer Fan?

Wenn man einmal ein Ei von einem Huhn auf dem Land gegessen hat, kann man ein Supermarkt-Ei nicht mehr ernst nehmen. Wir legen Wert auf Bio und regionale Lebensmittel, bauen selbst Kartoffeln und Gemüse an, haben Beerensträucher und Obstbäume. Wir leben in einem richtigen Bio-Dorf, wo die Leute am Wochenende zum Einkaufen hinkommen. Aber ich bin nicht dogmatisch, das liegt mir grundsätzlich nicht. Jeder muss selbst wissen, was für ihn wichtig und richtig ist. Es gibt da keine absolut gültige Wahrheit.

Sind Sie Vegetarierin?

Ich esse Fleisch, weiß aber nicht, wie lange noch. Bei Fleisch achte ich doppelt auf Qualität, würde nie was aus Massenzucht kaufen. Da gebe ich lieber ein paar Taler mehr aus. Insgesamt hat meine Familie beim Essen schon immer auf Qualität geachtet.

Was tun Sie, um fit zu bleiben?

Gar nichts. Ich bin sehr faul, was Sport angeht. Ich weiß, wie wichtig es ist, sich zu bewegen und werde in diesem Leben damit anfangen – aber nicht heute. Wenn man so viel unterwegs ist wie ich zum Theaterspielen oder Drehen, ist alles, was mit Kontinuität zu tun hat, schwierig. Zum Glück bin ich von Natur aus ein sehr gesunder Mensch.

Gibt es etwas, wovor Sie sich fürchten?

Ich bin mutig, aber nicht furchtlos. In großer Höhe fühle ich mich unwohl. Und ich habe Angst vor tiefem Wasser. Ich schwimme im Meer nicht weit raus, gehe nicht in einen See, wenn ich den Boden nicht sehen kann. Vor dummen, gewaltbereiten Menschen habe ich Angst. Und ich fürchte mich jeden Tag vor den Auswüchsen des Kapitalismus, dieser Gier und der Ausbeutung. Dieses System kann so nicht existieren auf Dauer, irgendwann kracht es zusammen. Es kann nur mit einem großen Knall enden. Das ist wie beim Monopoly-Spiel – das ist zu Ende, wenn einer alles hat und die anderen nichts. Ich glaube nicht an den Kapitalismus und lebe nicht gerne in diesem System.

Wenn Sie etwas ändern wollen, sollten Sie vielleicht in die Politik gehen ...

Wenn ich über die entsprechenden Talente verfügen würde, würde ich das lieber machen, als auf der Bühne zu stehen. Aber ich führe nun mal ein wildes, kreatives Leben. Ich sehe bei den Politikern niemanden, der mitfühlend, kreativ wäre oder Lösungen anzubieten hätte. Auch ich habe leider keine Antwort darauf, wie die Menschen sich ordnen können, sodass die Moral gegen die Gier gewinnt. Ich kenne keinen, den ich gut finde. In der Politik werden alle grau, die sehen aus wie Büro-Trutschen. Das wäre sicher nicht die Herde, der ich folgen würde, wenn ich die Wahl hätte. Ich habe wenig Vertrauen in unsere Politiker. Natürlich gehe ich trotzdem wählen. Ich sehe es als meine Pflicht, das Geschenk des Wahlrechts zu nutzen. Aber es gibt keine Partei, hinter der ich stehen würde.

Inwiefern haben Sie Mut zum Risiko?

Ich habe großen Mut zum Risiko. Schon weil ich sehr neugierig bin, möchte ich immer wieder Neues ausprobieren. Angst ist in meinem Beruf fehl am Platz. Auf der Bühne braucht man Mut. Wenn man Angst hat, seinen Text zu vergessen oder ausgebuht zu werden, hindert einen das am Spielen.

Was können Sie am besten?

Quatschen. Alles, was mit Sprache zu tun hat. Vorlesen halte ich für mein stärkstes Talent.

Was können Frauen besser als Männer?

Erst mal finde ich, dass wir hübscher aussehen (lacht). Frauen können besser Schmerzen aushalten. Das ist das Einzige, was mir einfällt. Dafür können Männer besser Sachen tragen …

Wobei kann man Ihnen ein X für ein U vormachen?

Bei vielen Dingen. Ich bin sehr interessiert, finde die Welt wahnsinnig spannend. Aber man kann gar nicht alles können. In Physik bin ich zum Beispiel eine Niete, in Geografie bin ich auch nicht besonders gut. Autofahren kann ich überhaupt nicht, genau wie Radfahren. Ich spiele auch kein Instrument. Ich bewundere Leute, die Instrumente spielen oder mehrere Sprachen sprechen.

Sie gelten als Familienmensch, haben ein enges Verhältnis zu Ihrer Mutter Katharina und Ihrer Tochter Nellie. Sind Sie am liebsten in Gesellschaft, oder ziehen Sie sich gern mal zurück?

Ich brauche das Alleinsein – und nehme es mir auch. Man muss ab und zu durchatmen. Die Begegnungen sortieren, die man so hatte.

Wer war der Held Ihrer Kindheit?

Ich war immer sehr verbunden mit meinen Eltern. Ich war ein Papa-Kind, habe meinen Großvater sehr geliebt. Meine Urgroßmutter habe ich bewundert, weil sie super mit Schlumpf-Figuren Theater spielen konnte.

In welchen Momenten entdecken Sie spießige Züge an sich?

Wenn meine Nachbarn nachts auf dem Balkon quasseln und mich nerven, oder Menschen die Rolltreppe verstopfen, wenn ich es eilig habe. Ich habe gelernt: „Rechts stehen, links gehen“ und kann nicht verstehen, warum die Leute das nicht einfach machen. Telefonierende Menschen im Zug sind mir ein Graus. Oder wenn jemand so laut auf seinem Laptop rumhackt, dass man denkt, man sitzt im Mäuseballett in der ersten Reihe. Ich buche immer einen Platz im Ruheabteil. Doch es gibt immer wieder Menschen, die sich ausgerechnet vor dieses Abteil stellen und telefonieren. Wenn die nicht weggehen, hole ich den Schaffner – auch wenn ich das selbst ein bisschen spießig von mir finde … 

Zur Person: Anna Thalbach

Anna Thalbach (© Oliver Wia)
(© Oliver Wia)

Anna Thalbach wurde 1973 in Berlin geboren und gehört zu den großen Charakterdarstellerinnen Deutschlands. Bereits als Kind spielte sie erste Rollen. Mit ihrer Mutter Katharina Thalbach (62) und ihrer 1995 geborenen Tochter Nellie ist sie ab Anfang November in der ARD-Serie „Die Rosinskis“ zu sehen. Am 2. Oktober feiert sie mit „Der Vater“ am Renaissance Theater in Berlin Premiere. Thalbach hält rund ums Jahr Lesungen und liest auch Hör­bücher, etwa „Lockwood & Co. – Das flammende Phantom“ von Jonathan Stroud, das am 28. November erscheint. Sie lebt in ihrer Geburtsstadt und in ihrem Haus auf dem Land.

Erschienen in Ausgabe 10/2016
Rubrik: Ernährung

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Ich teile die Auffassung von Anna Thalbach, dass der Kapitalismus mit einem großen Knall zusammenkrachen wird. Die Frage erhebt sich, ob wir das lebend überstehen, da die Erfahrungen lehren, dass dies nicht ohne kriegerische Auseinandersetzungen gehen wird. Jahrelang hatte auch ich keine Antwort auf die Lösung der Frage: Was können wir tun? Mit dem Buch “Das Geldsyndrom 2012” von Helmut Creutz werden die grundlegenden Fragen beantwortet. Es ist wie so oft, der Blick in Richtung Ursachenforschung nötig. Wenn klar wird, dass das kapitalistische System im Zusammenhang mit unserem Geldsystem steht, sind wir einen bedeutenden Schritt weiter.

Klaus Krampe

Sehr geehrte Frau Thalbach,

Ihre Aussagen über den Kapitalismus wie „Auswüchse“, „Gier und Ausbeutung“, „irgendwann kracht es zusammen“ haben mir sehr gefallen, weil ich genau so denke. Bemerkenswert ist der Bezug zu Monopoly mit der Feststellung „das ist zu Ende, wenn einer alles hat und die anderen nichts“. Wie wahr.

Ich finde es wichtig, dass Künstler sich Gedanken über die politischen Verhältnisse machen und diese Gedanken auch artikulieren.

Viel Erfolg und kritisches Denken weiterhin.

Klaus Krampe
Betriebswirt, aber trotzdem kapitalismuskritisch
68 Jahre