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„ Frei von“ unter der Lupe

(© plainpicture/Maskot )
Es lohnt sich, das Kleingedruckte zu lesen, wenn man über die Inhaltsstoffe informiert sein möchte. (© plainpicture/Maskot )

ERNÄHRUNG Was ist dran am neuen Trend zu „frei von“-Produkten? Positive Ansage oder nur Verkaufstrick? Wir erklären, warum so viele zugreifen – und worauf man achten sollte. / von Sylvia Meise

Wir lieben es für Freunde zu kochen, aber die letzte Einladung hat uns vor neue Herausforderungen gestellt: Michael hat seine Ernährung auf laktosefrei umgestellt, Anne auf glutenfrei und vegetarisch – aber „bitte ohne Sellerie, dagegen bin ich allergisch“. Und wir wollen wie immer alles bio und umweltverträglich … „Oje! Kein dies, kein das!“, haben wir beim Planen gestöhnt. Doch im Laden und beim Blick auf die Etiketten zeigt sich: so schwierig ist das ja gar nicht, alle Wünsche zu erfüllen. Zum Glück für Leute wie uns ist „frei von ...“ gerade voll im Trend.

Die große Freiheit

Es muss wirklich viele Michaels und Annes geben, denn „frei von“ boomt geradezu, beobachtet etwa das Marktforschungsinstitut BioVista. Schon 2013 wurden deren Studien zufolge 15 bis 20 Prozent mehr gluten- oder laktosefreie sowie fisch-, fleisch-, ei- und milchfreie Lebensmittel gekauft. Und 2014 war die Nachfrage genauso stark. Nehmen Allergien derart zu? Oder ist das nur ein kurzlebiger Hype?

Nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat sich die Zahl der von Ärzten diagnostizierten Lebensmittelallergien verdoppelt. Doch betroffen sind nur drei bis vier Prozent der Bevölkerung. Ihr Immunsystem reagiert nach dem Genuss von Lebensmitteln, die etwa Sellerie, Soja oder Nüsse enthalten, mit Antikörpern im Blut. Die Symptome sind vielfältig und können vom Kratzen im Hals über Hautausschläge oder tränende Augen bis hin zu allergischen Schockzuständen reichen.

Deutlich mehr Menschen sind nach Erhebungen der DGE von Lebensmittelunverträglichkeiten betroffen – mittlerweile 15 bis 30 Prozent. Im Unterschied zu Allergikern haben sie keine Antikörper im Blut. Die Mediziner sprechen daher von Pseudoallergie. Eine irreführende Bezeichnung, denn die Symptome gleichen denen einer Allergie. Auslöser für pseudoallergische Reaktionen beispielsweise bei Intoleranz des Eiweißprodukts Histamin können Rotwein, Hartkäse oder Sauerkraut sein.

Am höchsten jedoch ist nach Informationen des kinderärztlichen Online-Portals „Allum“ (Allergie, Umwelt, Gesundheit) der Anteil jener, die ohne die Gewissheit einer ärztlichen Diagnose bei sich selbst eine Allergie vermuten. Das Portal schätzt, dass bis zu 45 Prozent der Deutschen sich wohler fühlen, wenn sie bestimmte Dinge nicht mehr essen. Kritiker machen sich über sie als „Lifestyle-Allergiker“ lustig.

Bedürfnis nach Klarheit

Dieser Einschätzung widerspricht Doris K. Gadermann vom Frankfurter Marktforschungsinstitut creative analytic 3000: „Das ist kein Hype, das ist ein Bedürfnis.“ Für die jährliche BioFach-Messe hat sie eine Free-from-Händlerstudie durchgeführt – und nennt die Nachfrage „explodierend“. Als Grund macht die Soziologin zum einen immer differenziertere diagnostische Methoden verantwortlich, zum anderen hinterfragten immer mehr Verbraucher: „Was esse ich da eigentlich, und was möchte ich essen?“ Die Sensibilität der Menschen nimmt offenbar im gleichen Maße zu wie die Umweltverschmutzung. In diesem Zusammenhang registriert die Marktforscherin „einen bewussteren Umgang mit dem eigenen Körper und der Gesundheit, aber auch der Umwelt gegenüber.“

Kennzeichnungen nicht immer eindeutig

Die Studie hat sowohl konventionelle als auch Bio-Produkte im Blick. Und es fällt auf, dass Bio-Hersteller zurückhaltender sind mit Frei-von-Produkten. Kein Wunder, denn es scheint auf den ersten Blick dem ganzheitlichen Ansatz eines möglichst wenig bearbeiteten Produkts zu widersprechen. Dabei machen die Bio-Hersteller von Anfang an „frei von“: Sie verzichten zum Beispiel schon immer auf künstliche Farb- und Konservierungsstoffe.

Jedoch sind nicht alle Frei-von-Kennzeichnungen wirklich hilfreich und eindeutig.  Besonders bei Angaben zum Inhaltsstoff Zucker ist es schwierig durchzublicken, wie die Verbraucherzentrale Bayern in ihrer Studie „Versteckte Süßmacher“ feststellt. Wo „zuckerfrei“ draufsteht, dürfen je 100 Gramm dennoch bis zu 0,5 Gramm Zucker drin sein (dazu gehören Ein- und Zweifachzucker wie Trauben- oder Haushaltszucker und auch Fruchtzucker). Die Angabe „ohne Zuckerzusatz“ ist zulässig, wenn das Lebensmittel keinen Zucker enthält. Gesetzlich erlaubt sind jedoch süßende Zutaten wie Apfeldicksaft. Wenn ein Lebensmittel wie beispielsweise Früchtemüsli von Natur aus Zucker enthält, sollte das Etikett den Hinweis „enthält von Natur aus Zucker“ tragen.

Der Blick aufs Etikett

Man muss also weiter genau auf die Zutaten schauen – aber es ist doch netter, wenn Hersteller nicht tricksen, sondern mitdenken. Beispiel Gemüsebrühe: Die verwenden wir beim Kochen gern, aber was ist eigentlich drin? Wir  waren doch sehr beruhigt, dass „ohne Sellerie“ auf dem Etikett stand. Also auch für Anne okay. Angaben wie diese haben uns den Einkauf echt erleichtert. Was es gab? Vorweg laktosefreier Käse, Oliven – und dazu herkömmliches sowie glutenfreies Baguette. In die Béchamelsauce für das Gemüsegratin kamen Käse und Milch – beides in der laktosefreien Variante. Ging auch. Und zum Nachtisch gab’s selbst gemachte rote Grütze mit Sahne frei von Laktose und ohne Gelatine. Voll lecker.


Free-from auf Verpackungen (Foto: Claudia Trunk)

Gesetzliche Bestimmungen

Wissen, welche Allergene drin sind

‣ Seit Dezember 2014 gilt eine neue Kennzeichnungspflicht. Bislang mussten die 14 wichtigsten Allergene nur auf der Packung stehen. Dazu zählen: Eier, Erdnüsse, Fisch, glutenhaltige Getreide (z.B. Weizen, Roggen, Gerste, Hafer,
Dinkel), Krebstiere, Milch (einschließlich Laktose), Schalenfrüchte (z.B. Mandel, Haselnuss, Walnuss, Pistazie), Schwefeldioxid und Sulfite (bei einer Konzentration von mind. 10 mg/kg oder Liter), Sellerie, Senf, Sesamsamen, Soja, Süßlupinen und Weichtiere (z.B. Tintenfische, Muscheln). Diese Angaben müssen sich deutlich nun von den anderen auf der Zutatenliste abheben, beispielsweise durch Fettdruck. Für die Schriftgröße ist bei kleinen Packungen mindestens 0,9 mm vorgeschrieben.

‣ Diese Informationspflicht gilt mit einer Übergangszeit bis 2016 jetzt auch für unverpackte Ware. In Bistros und an der Bedientheke von Läden muss zudem eine gut zugängliche Liste allergener Zutaten ausliegen.

mehr zum Thema

‣ www.mein-allergie-portal.com
Plattform für Menschen mit Allergien und Unverträglichkeiten, u.a. Expertenwissen, Rezepte, Infos zu Hotels

‣ www.histaminintoleranz.ch
Infos zu Symptomen, Diagnose und Therapie

‣ www.allum.de
Kinderärztliches Portal für Ärzte, Betroffeneund Eltern

‣ www.verbraucherzentrale-bayern.de
Studie zum Thema süßende Substanzen in Lebensmitteln unter dem Stichwort „Versteckte Süßmacher“

 

Fotos: © plainpicture / Maskot; ©Claudia Trunk

Erschienen in Ausgabe 04/2015
Rubrik: Ernährung

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incl. 'http://'
Karin

... angeborene Allergien , also genetisch bedingt bedeutet nur eine Veranlagung, eine Neigung dazu zu haben..und das kann fast immer auch wieder geändert werden, wenn nicht mehr vollständig bei einem selbst dann in der nächsten Generation.

Die meisten Allergien werden durch eine Darmsanierung und Aktivierung degenerierter Zellen behoben, die dann wieder genügend Enzyme bilden um zu verdauen oder zu blocken etc bil oder z.B auch B12. Das Immunsystem sitz vorweigend im Darm...

Ausscheidungsreaktionen auf Gifte, Schwermetalle oder unpassende Zusatzstoffe haben mit Allergien eigentlich so gut wie nichts zu tun.

Überreaktionen auf Pollen etc entspringen meist einem eh schon völlig überforderten Immunsystem.