Bittere Bohne - Schrot und Korn

Anzeige

Anzeige

Bittere Bohne

FAIRE SCHOKOLADE Bettelarme Bauern, ausgebeutete Kinder, träge Konzerne. Das sind die Zutaten für die meisten Schokoladen. Doch es gibt auch bessere Rezepturen. // Leo Frühschütz

An der Londoner Börse kos-tete ein Kilo Kakaobohnen Ende August 2,78 Euro. Das ist wenig Geld für viel Handarbeit. Denn die großen Früchte reifen ungleichmäßig. Der Bauer muss sie einzeln ernten und dann mit der Machete aufhacken. Das darin enthaltene Fruchtfleisch samt den Kakaobohnen verpackt er in Blätter oder Kisten und lässt das Ganze bis zu einer Woche fermentieren. Danach müssen die Bohnen noch getrocknet werden. 

Von den 2,78 Euro Weltmarktpreis bekommen die meisten Bauern allerdings oft nur die Hälfte. Denn sie verkaufen ihre Ware nicht an der Börse, sondern an einen Zwischenhändler, der sich auf den Weg zu den abgelegenen Dörfern gemacht hat – irgendwo an der Elfenbeinküste oder in Ghana. Denn aus Westafrika stammen insgesamt 60 Prozent der weltweiten Kakaoernte, dort leben die Kakaobauern mit ihren Familien weit unterhalb der Armutsgrenze und dort schuften fast zwei Millionen Kinder auf den Kakaofeldern. 

„Die Kinderarbeit ist eine Folge der Armut“, sagt Friedel Hütz-Adams. Er beschäftigt sich am ökumenischen Ins-titut Südwind mit der Kakaoproduktion. „Die Kakaobauern erhielten im Jahr 1980 inflationsbereinigt für das Kilo Kakaobohnen etwa 4,40 Euro“, hat der Entwicklungsexperte berechnet. Dann brach der Preis bis zur Jahrtausendwende ein – auf gerade mal ein Euro je Kilo Kakaobohnen. „Der sinkende Kakaopreis hat Millionen Bauern verarmen lassen. Da sie keine Erntehelfer mehr bezahlen konnten, setzten sie verstärkt ihre eigenen Kinder oder auch angeheuerte Kinder ein.“ Auch wenn sich der Kakaopreis in den vergangenen Jahren wieder etwas erhöht hat: Für ein existenzsicherndes Einkommen genügt er zumindest in Westafrika nicht. 

Konzerne wiegelten erst ab  

Das große Geschäft mit dem Kakao ist auf wenige Firmen verteilt. Ganze vier Unternehmen vermahlen die Hälfte der weltweit geernteten vier Millionen Tonnen Kakaobohnen. Die Hälfte der daraus hergestellten Schokolade vermarkten vier Konzerne: Kraft, Mars, Nestlé und Ferrero. Als 2010 der dänische Dokumentarfilmer Miki Mistrati mit seinem Film „Schmutzige Schokolade“ auf die Kinderarbeit bei der Kakaoherstellung aufmerksam machte, wiegelten die Konzerne erst ab und verwiesen dann auf die Projekte, mit denen sie dieses Problem angehen würden. Passiert ist tatsächlich einiges. Die Frage ist nur, ob das genügt.

„Die Kakaoverarbeiter stehen aus verschiedenen Richtungen unter Druck“, erläutert Friedel Hütz-Adams. „Durch den Klimawandel schrumpfen die Anbauflächen, die Plantagen sind überaltert, weil die Bauern kein Geld hatten, in neue Bäume zu investieren.“ Und auch die Bauern selbst sind alt. Ihre Kinder wollen die Produktion oft nicht fortführen. Es rentiert sich nicht. „Alle Verarbeiter wissen: Es braucht mehr Schulung und mehr Einkommen.“

Dieses Ziel verfolgen auch die Siegel-Organisationen Fairtrade, Rainforest Alliance (RFA) und UTZ. Ihre Logos signalisieren dem Kunden, dass der Kakao in dem Produkt nachhaltig und sozial verträglich angebaut wurde. Allerdings schreibt keiner der drei Standards den ökologischen Anbau vor. Einen Mindestpreis für die Bauern gibt es nur bei Fairtrade, allerdings liegt er seit Jahren unter dem Weltmarktpreis und wird derzeit überarbeitet. Fairtrade-Bauern erhalten daher den Weltmarktpreis plus eine zusätzliche Fairtradeprämie von 176 Euro je Tonne Bohnen. Auch für UTZ-Bohnen bekommen die Bauern einen vergleichbaren Aufschlag. Bei RFA liegt dieser im Ermessen des jeweiligen Händlers. 

Alle drei Standards verbieten natürlich ausbeuterische Kinderarbeit. Ganz ausschließen können sie diese in den zertifizierten Bauern-Kooperativen allerdings nicht. Das zeigen Studien von Wissenschaftlern, die vor Ort ermittelten, was die Zertifizierungen der drei großen Fair-Logos bewirken. Sie ändern tatsächlich die Lebensverhältnisse zum Positiven – aber langsam. Hütz-Adams schätzt, dass derzeit rund 15 Prozent der Weltkakaoernte unter einem der drei Zertifikate vermarktet wird. „Als ich 2009 mit dem Thema anfing, war es ein Prozent. Da ist etwas in Bewegung“, sagt der Kakao-Experte vom Südwind-Institut. In Deutschland hat sich die Menge an verwendetem Fairtrade-Kakao im Jahr 2014 sogar versechsfacht, weil Mars und Ferrero einzelne Produktlinien auf faire Bohnen umgestellt haben. 

Aufschlag für Bio-Kakao 

Und wie fair ist Bio-Schokolade? „In unserem Kakao steckt keine Kinderarbeit“, sagt Andreas Meyer, Geschäftsführer der Firma Ecofinia, Hersteller der Bio-Schokolade Vivani. Dass Meyer  sich – ganz ohne faires Siegel – so sicher ist, hat einen Grund. Stammt der konventionelle, faire Kakao vor allem aus Westafrika, wird Bio-Kakao zu 80 Prozent in der Dominikanischen Republik in der Karibik produziert. Der Rest kommt aus anderen lateinamerikanischen Ländern wie Ecuador, Bolivien, Peru, Panama. „In Lateinamerika sind die Strukturen anders als in den meisten Teilen Afrikas – sie ermöglichen einen höheren Lebensstandard“, argumentiert der Schokoladen-Hersteller. 

Zwar unterscheiden sich die Kakaopreise zwischen Lateinamerika und Westafrika kaum voneinander. Doch sind die Farmen in Lateinamerika etwas größer, die Erträge höher und die Infrastruktur besser. Für Bio-Kakao erhalten die Bauern einen Aufschlag zwischen 10 und 25 Prozent. Doch der reicht gerade mal aus, um die Ertragseinbußen auszugleichen. Nur bei fair gelabelter Bio-Schoki kommt für die Bauern noch eine Prämie oben drauf. 

Die Kakaobohnen, die in der Schokolade aus Bio-Läden stecken, kommen meistens von einem Dutzend Kleinbauernkooperativen. Dazu zählen etwa Conacado, CooproAgro und Fundopo auf der Dominikanischen Republik, El Ceibo in Bolivien oder El Naranjillo in Peru. Durch die langfristige Zusammenarbeit sind diese Kooperativen über die Jahre hinweg mit Bio und Fairtrade gewachsen. Der direkte Bezug – ohne Zwischenhändler – sorgt dafür, dass das Geld für die Kakaobohnen direkt bei den Bauern ankommt. Viele dieser Kooperativen können ihre Bohnen sogar als Edelkakao mit zusätzlichen Aufschlägen vermarkten. 

„Wir bezahlen eine Bio- und eine Fairhandelsprämie und schließen fixe Jahreskontrakte, die unseren Partnern Sicherheit geben“, sagt Eva Kiene, Pressesprecherin von Rapunzel. „Das sind essenzielle Bestandteile unserer Hand-in-Hand-Partnerschaft.“ Dass sich das in Heller und Pfennig auszahlt, hat Stephanie Eisenach in ihrer Masterarbeit ausgerechnet. Bei einer Rapunzel-Bitterschokolade mit 85 Prozent Kakao entfallen demnach 30 Cent, also rund ein Sechstel des Verkaufspreises, auf den Kakao von El Ceibo. Bei einer Vollmilch-Schokolade mit 38 Prozent Kakao sind es immerhin noch 16 Cent. Bei konventioneller Schokolade liegt der Anteil des Kakaobauern dagegen gerade mal zwischen drei und sechs Cent, hat das Institut Südwind berechnet.

Ein mühsamer Prozess

Die Kooperative El Ceibo hat inzwischen sogar eine Anlage gebaut, um selbst die Kakaobohnen zu Kakaobutter und Kakaopulver zu verarbeiten. Damit bleibt noch mehr Wertschöpfung im Land. Eine eigene Schokolade produziert die Kooperative aus Bolivien inzwischen auch – und verkauft sie erfolgreich auf dem heimischen Markt. 

Solche Erfolgsgeschichten wie in Südamerika möchte Stefan Beck gerne auch in Westafrika schreiben. Er ist Projektmanager bei der  Fairhandelsorganisation Gepa. Für ihre Produkte bezieht sie die meisten Kakao-bohnen aus Lateinamerika, arbeitet seit einigen Jahren aber auch mit zwei afrikanischen Kooperativen in Sao Thomé und Kamerun zusammen. Die erste produziert bereits nach Bio-Standards, die zweite stellt mit Unterstützung vom ökologischen Anbauverband Naturland gerade um. „Man darf sich nicht vorstellen, dass sich damit für die Bauern alles auf einmal ändert. Es ist ein mühsamer Prozess“, sagt Beck. „Aber wir wollen ja nicht nur Kakao kaufen, sondern Entwicklungen anstoßen.“

So funktioniert fairer Handel

‣ Die Importeure und Verarbeiter arbeiten direkt mit den Erzeugern zusammen. Bei Kakao sind das ausschließlich Kleinbauern-Kooperativen. Sie pflegen dabei offene und langfristige Handelsbeziehungen.

‣ Die Importeure und Verarbeiter beraten die Bauern und fördern dadurch die Produktqualität. Die Organisationen des fairen Handels in den Industrieländern betreiben Bildungsarbeit und klären die Menschen darüber auf, wie sich der internationale Handel auf die Kleinbauern auswirkt.

‣ Die zu zahlenden Preise werden unter Mitsprache der Erzeuger festgelegt. Für zahlreiche Produkte gibt es Mindestpreise, für Bio-Produkte einen kostendeckenden Aufschlag. Der Weltmarktpreis wird gezahlt, falls er höher ist als der Fairtrade-Mindestpreis.

‣ Zusätzlich bekommen die Bauern eine fixe Fairhandels-Prämie gezahlt, mit der sie gemeinschaftliche Projekte finanzieren können. Bei Kakaobohnen beträgt sie 200 US-Dollar je Tonne.

‣ Auf Wunsch der Erzeuger zahlt der Käufer vorab 60 Prozent des für die Ernte vereinbarten Preises, damit die Bauern nicht in die Fänge lokaler Kredithaie geraten.

Die Siegel – hier ist fair drin

Fair Trade SiegelFairtrade 

Das Logo wird von nationalen Organisationen wie Transfair in Deutschland vergeben. Sie haben sich weltweit im Verband FLO (Fairtrade Labelling Organizations) zusammengeschlossen. 

Naturland Fair SiegelNaturland Fair

Dem Anbauverband Naturland gehören rund 40 000 Kleinbauern aus Ländern des Südens an. Der Verband bietet eine eigene Fair-Zertifizierung, die auch Produzenten und Verarbeiter in Industrieländern nutzen können.

fair for life fair trade Siegelfair for life 

Die international tätige Öko-Kontrollstelle IMO hat Fairhandels-Standards entwickelt und zertifiziert Erzeuger und Verarbeiter. Derzeit tragen mehr als 500 Produkte das Label, darunter neben Kakao auch Baumwolle, Öle, Weine, Reis, Kräuter und Kosmetikprodukte.

Approved Fair Trade by EcocertEcocert 

Das Siegel der international tätigen Öko-Kontroll- und Zertifizierungsstelle Ecocert existiert seit 2007 und beruht auf dem eigens entwickelten Standard für Fairtrade, Solidarität und Verantwortung (ESR-Standard). Dieses Fairtrade-Label erhalten ausschließlich Produkte mit Bio-Siegel.

Hand in Hand Bio Fair Rapunzel SiegelHand in Hand 

Der Bio-Hersteller Rapunzel hat bereits 1992 das öko-faire „Hand-in Hand“-Logo entwickelt. Jeweils ein Prozent des Einkaufswertes der „Hand in Hand“-Rohware fließt in einen Fonds, aus dem Rapunzel Projekte unterstützt.

GEPA fair+ SiegelFair plus 

Die Fairhandelsorganisation Gepa kennzeichnet ihre Produkte mit dem eigenen Logo „Fair+“ und geht damit über die Mindestkriterien des Fairtrade-Siegels hinaus. 

Erschienen in Ausgabe 10/2015
Rubrik: Ernährung

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'
Marion Döring

Hallo,

gutes Thema, nur ärgert mich immer, wenn mit Zahlen argumetiert wird, das diese oft nicht vergleichbar sind oder wiedersprüchlich.
Hier sollte mehr auf Korrektheit geachtet werden.
Beispiel:
Bei 85% Schokolade bekommt der Bauer 30 cent, d.h umgerechnet 3,53 €/kg
Bei 38% Schokolade bekommt er auf einmal 16 cent, d.h. umgerechnet 4,21 €/kg.
Wenn ich ein Rapunzel Vertragsbauer wäre und das lesen würde, würde ich ab sofort Rapunzel nur noch Schokolade für die 38% Schokolade verkaufen. Oder stimmt hier was in der Masterarbeit nicht?
Dann steht im Text als nächstes, das der konventionell anbauende Bauer zwische 3 und 6 cent bekommt. Ja für was denn? 85% oder 38%. Das ist also eine völlig wertfreie Info, hauptsache Zahlen oder was?
Nun, nehmen wir mal an 6 cent für eine 85% Schokolade, das wäre dann 0,7 €/kg. Am Anfang des Textes stand, der Bauer bekommt die Hälfte des Weltpreises, das wären aber 1,39€/kg. Wieder ein Wiederspruch im Text an sich.
Nehmen wir mal an es handelt sich um eine 38% Schokolade mit 6 cent Erlös, dann wären es 1,57 €/kg, das würde sich mit der Anfangsbehauptung ein wenig decken. (Allerdings nicht mehr wenn man von den 3 cent ausgeht)

Mich ärgern solche Ungereimtheiten einfach. Man sollte Zahlen immer überprüfen oder bei Ungereimtheiten zumindest erklären woher sie kommen können.