Betrüger(f)isch? - Schrot und Korn

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Betrüger(f)isch?

© Tim Phillips/gettyimages
Wenn überall handwerklich gefischt würde, wäre Überfischung kein Problem. Doch weltweit plündern industrielle Flotten die Meere leer. © Tim Phillips/gettyimages

 

FISCHEREI Legal, illegal – das Meer wird geplündert. Doch nachhaltiger Fischfang ist möglich. Diesen Siegeln können Sie vertrauen. Leo Frühschütz

Alle zwei Jahre veröffentlicht die Welternährungsorganisation FAO ihren Fischereireport. Jedesmal geht es weiter abwärts: Mindestens ein Drittel der weltweiten Fischbestände gilt als überfischt, d.h. es werden mehr Fische entnommen als nachwachsen. Die meisten anderen Bestände werden bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit ausgebeutet. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) sagt sogar, 90 Prozent der weltweit kommerziell genutzten Fischbestände seien überfischt. Und die Menge des insgesamt gefangenen Fisches sinkt, obwohl die Fangmethoden immer aufwändiger werden.

Dabei wäre nachhaltiges Fischen ganz einfach. Man dürfte höchstens so viele Fische wegfangen wie nachkommen. Leider funktioniert das aus verschiedenen Gründen nicht: Oft sind zu viele Fischer hinter denselben Fischen her. Viele Küstenstaaten
legen deshalb für ihr Hoheitsgebiet Fangquoten fest und vergeben Lizenzen. In Europa geschieht das auf EU-Ebene, für internationale Gewässer gibt es Kommissionen mit vielen Mitgliedsstaaten. Doch deren Fangquoten liegen meist höher als von Meeresbiologen empfohlen.

Fangquoten sind schwer zu kontrollieren. Die EU importiert jedes Jahr rund neun Millionen Tonnen Fisch. Sie ist einer der weltweit wichtigsten Märkte – auch für Piratenfischer. Um diesen das Leben schwerzumachen, hat die EU schon vor Jahren entsprechende Gesetze erlassen, „doch es hapert an der Umsetzung“, sagt Britta König, Pressesprecherin der Umweltorganisation WWF. Denn für den Vollzug seien die Mitgliedsstaaten verantwortlich, in deren Häfen die Fische angelandet werden. Diese engagierten sich unterschiedlich stark. „In Deutschland hatte die zuständige Behörde bisher fünf Mitarbeiter, war also vollkommen unterbesetzt“, berichtet König. Jetzt seien es ein paar mehr, die Kritik am deutschen Vollzug zeigt wohl Wirkung. 

Billigflaggen und Piraten

Es geht ums Geld. Nach Schätzungen von Greenpeace fischen rund 1200 Trawler in Billigflaggenländern. Das sind Staaten, unter deren Flagge Schiffe ausländischer Reeder fahren, um durch Steuervorteile, geringere Sozial- und Sicherheitsvorschriften Kosten zu sparen. Und manche Trawler halten sich an gar keine Regeln. Jede Menge unregistrierter industrieller Fangschiffe fischen illegal insbesondere im Südpolarmeer und vor Westafrika die Meere leer. Die Eigentümer der Piratenschiffe sitzen meist in Japan, China, Europa oder den USA. Meeresbiologen schätzen die illegal gefangene Menge auf elf bis 26 Millionen Tonnen Fisch, das wären zwischen 14 und 32 Prozent der offiziell geschätzten Fangmengen.

Manche Piraten segeln sogar unter EU-Flaggen. Die Meeresschutzorganisation Oceana konnte nachweisen, dass 2017 mehr als 20 italienische Trawler mit Grundschleppnetzen in einem geschützten Gebiet im Mittelmeer fischten. Die Raubzüge gehen weit über Europa hinaus: Laut Oceana plünderten 19 Trawler aus EU-Staaten zwischen 2012 und 2015 illegal Bestände des Staates Gambia. Andere Schiffe fischten unter Berufung auf private Abkommen vor Angola, Namibia oder dem Kongo. Mit einigen Staaten Westafrikas wie Senegal, Mauretanien oder Elfenbeinküste hat die EU Vereinbarungen abgeschlossen, die ihren Schiffen das Fischen meist von Thun in den jeweiligen Hoheitsgewässern erlauben.


NACHHALTIG

Fisch in Bio-Läden ist nachhaltig gefangen.

 

Offiziell dürfen diese Schiffe nur Fisch fangen, den das Land nicht selbst braucht. „Doch das ist Augenwischerei“, sagt Britta König. „Wegen der schlechten Datenlage lässt sich nicht sagen, wie viel Fisch da ist. Die westafrikanischen Staaten können Trawler in ihrem Hoheitsgebiet kaum kontrollieren.“ Die Folgen für Fischerdörfer beschreibt der Schweizer Verein Fair Fish so: „Wenn fremde Trawler den Fisch wegfangen, ist das Einkommen weg. Und bald auch die Menschen, die hoffen, anderswo Arbeit zu finden.“ Kurz: „Überfischung macht Migration.“ 

Überfischung vermeiden will der Marine Stewardship Council, der mit seinem MSC-Logo nachhaltige Fischereien auszeichnet. Über 300 sind es inzwischen, kleine regionale ebenso wie große Trawlerflotten, die vor Alaska Seelachs oder im Nordostatlantik Hering fangen. Insgesamt tragen inzwischen rund zwölf Prozent der weltweit gefangenen Fische das MSC-Logo. Viele Umweltverbände und Meeresbiologen halten die Kriterien des MSC für zu lasch. Sie kritisieren, dass die Organisation Fischereien mit Grundschleppnetzen zertifiziert, die den Meeresboden umpflügen. Auch werde das Siegel für überfischte Bestände vergeben oder für Thunfischer, die Delphine töten. 82 Verbände aus aller Welt haben deshalb den MSC zu weitreichenden Reformen aufgefordert, bisher ohne Erfolg. Selbst der WWF, der die Organisation mitgründete, geht auf Distanz. „Wir sind froh, dass es den MSC gibt, auch wenn wir einzelne Zertifizierungen nicht mittragen“, sagt Britta König vom WWF. MSC sei besser als kein Siegel. Schließlich seien mehr als 85 Prozent der
Fischereien nicht zertifiziert. „Aber die Organisation muss aufpassen, ihre Standards zu halten.“

Einkaufen: Wo gibt es nachhaltigen Fisch?

WWF-Sprecherin Britta König empfiehlt, Fisch als Delikatesse zu genießen und auf eine nachhaltige Herkunft zu achten. WWF und Greenpeace haben dazu einen Einkaufsratgeber veröffentlicht. Doch im Supermarkt sind die empfohlenen Fische nicht einfach zu finden. Anders im Bio-Laden: Die Sortimentsrichtlinien des Bundesverbandes Naturkost Naturwaren (BNN) schreiben ein nachhaltiges Fischsortiment vor. Nur wenn unabhängige Experten wie Greenpeace oder die Datenbank FishBase die Befischung eines Bestandes als nachhaltig einstufen, kommt Wildfisch in Bio-Läden. Zusätzlich muss eine unabhängige Zertifizierung mit Siegel bestätigen, dass der Fisch aus nachhaltiger Fischerei stammt: Naturland, MSC, Friend of the Sea sowie staatliche Siegel aus Alaska und Island. Dies gilt für tiefgefrorenen Fisch und für alle Lebensmittel mit Wildfisch oder Meeresfrüchten von Fischstäbchen bis Thunfischpizza. Daneben gibt es im Bio-Laden bio-zertifizierte Zuchtfische wie Lachs, Shrimps oder Forellen. Hier garantiert das Bio-Siegel Haltungsbedingungen, die weit über konventionellen Standards liegen.

 

followfood

„Wir bewegen etwas“

Jürg Knoll versteht die von ihm gegründete Marke Followfish als „Bewegung, die für Transparenz und Nachhaltigkeit steht“. Followfish bot als erste Firma Kunden die Möglichkeit, bei jedem Produkt mittels Tracking-Code die Herkunft der Fische bis ins Wasser zurückzuverfolgen. Inzwischen nutzen zahlreiche Unternehmen solche Codes. „Da haben wir etwas bewegt“, freut sich Knoll. Auf diese Art hat er etwa den Fischern auf den Malediven Kunden besorgt. Sie fangen Thunfisch mit Angeln – jeden einzeln. Followfish brachte diesen besonders nachhaltig gefangenen Thun als erste auf den Markt – andere folgten. Dass alle von Followfish verarbeiteten Fische zertifiziert sind, reicht Jürg Knoll nicht. Er kooperiert mit einem Unternehmen, das mit Satellitendaten in Echtzeit überprüft, ob ein Schiff Umweltstandards beachtet und sich etwa von Schutzgebieten fernhält. „So bringen wir noch mehr Transparenz in die Hochseefischerei und können unseren Kunden maximale Nachhaltigkeit bei unseren Fischereipartnern garantieren.“ 

Jürg Knoll
Er gründete 2007 Followfish zusammen mit Harri Butsch. Die beiden Fischhändler bezeichnen sich als überzeugte Nachhaltigkeits-Freaks.

 

fish4ever

„Mit industriellen Flotten arbeiten wir nicht“

Charles Redfern bezieht seinen Fisch von kleinen, handwerklichen Fischereien, die ohne umweltschädliche Fangmethoden arbeiten. „Wir unterstützen lokale Fischer, die mit kleinen Booten unweit ihrer Heimathafen fischen und ihre Arbeiter fair bezahlen“, sagt der Gründer von Fish4ever. Auch für das Verarbeiten und Verpacken bevorzugt Redfern örtliche Unternehmen. Mit großen industriellen Fischflotten will das britische Unternehmen nichts zu tun haben – auch dann nicht, wenn sie das Siegel des MSC tragen. So stammen Sardinen von Fish4ever von Küstenfischern im Norden Schottlands oder der Bretagne, Thunfisch wird vor den Azoren geangelt und schottische Fischer ziehen Makrelen an Land. Die Herkunft der Fische können Kunden über einen Tracking-Code nachvollziehen. Wichtig ist Redfern auch die Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Organisationen wie der britischen Marine Conservation Society oder der Slow Food-Kampagne Slow Fish. Deren Motto lautet: „Kenne deinen Fischer!“

Charles Redfern
2001 gründete Charles Redfern die Marke Fish4ever. Sie bietet nachhaltig
gefangenen Fisch in Dosen an.

Siegel zur Orientierung

Nach Bio-Kriterien gezüchtete Fische tragen das EU-Bio-Logo.

Oft werden bei der Aufzucht auch die noch strengeren Kriterien eines Bio-Verbandes wie Naturland eingehalten. Naturland zertifiziert auch einige kleine, handwerkliche Fischereien.


Fisch aus Wildfang wird bei Naturland mit diesem Logo gekennzeichnet:

 

MSC (Marine Stewardship Council) ist das am meisten verbreitete Siegel für nachhaltigen Fischfang. Die in einem aufwändigen Prozess zertifizierten Fischereien müssen nachweisen, dass sie die Bestände nachhaltig befischen. 

Friend of the Sea zertifiziert konventionelle Aquakulturen und Fischereien. Die Hälfte der zertifizierten Produkte stammt von handwerklichen Fischereien und Kleinproduzenten in Entwicklungsländern.

 

Alaska Seafood Marketing Institute und Iceland Responsible Fisheries stehen für strenge, staatlich kontrollierte Vorgaben für nachhaltigen Fischfang.

 

Der Aquaculture Stewardship Council (ASC)  und Global G.A.P. (GGN) zertifizieren konventionelle Fischfarmen, die bestimmte Mindeststandards einhalten.

 

SAFE. Das Logo des Earth Island Institutes steht für Thunfisch, der ohne Treibnetze und ohne andere delfintödliche Fangmethoden gefischt wurde.

 

Einkaufsratgeber

www.greenpeace.de/themen/meere/fischerei/einkaufsratgeber-fisch

www.wwf.de/aktiv-werden/tipps-fuer-den-alltag/vernuenftig-einkaufen/einkaufsratgeber-fisch/

 

Erschienen in Ausgabe 03/2019
Rubrik: Ernährung

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Marie B.

Ich war erfreut, als in einer früheren Ausgabe auf die Belastungen in Fischen hingewiesen wurde. Plötzlich ist es aber wieder okay für Umwelt und Gesundheit, solange ein völlig unkritisches MSC-Label draufsteht. Auch Fische werden in riesigen Zuchtanlagen gequält bzw. müssen ersticken, wenn sie an Land geholt werden. Für einen kurzen Moment des Genusses ist dies doch wirklich ein sehr hoher Preis, den wir den Tieren, uns und der Umwelt da antun. Die ach so wichtigen Fette bekommen wir auch anderwo her! Zum Beispiel aus Algen, die die Fische fressen!