Auf die Auswahl kommt es an - Schrot und Korn

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Auf die Auswahl kommt es an

Biowaren sind viel teurer als konventionelles Essen - diese Meinung hält sich beharrlich, stimmt so aber nicht. Allerdings spielt es eine große Rolle, was im Einkaufswagen liegt. // Astrid Wahrenberg

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Bio muss nicht teuer seinAls Emilia ein halbes Jahr alt war, kaufte Claudia Becker ihren ersten Babybrei im Bioladen. Heute ist die Tochter acht, der Sohn fünf und die vierköpfige Familie ganz auf Biolebensmittel eingestellt. „Es war ein langsamer Prozess“, sagt die 36-jährige Lehrerin. Übers gesunde Kochen kam ein Biolebensmittel nach dem nächsten dazu. Irgendwann stand sie im Supermarkt und wusste nicht mehr, was sie in den Einkaufswagen legen sollte. „Ich habe die Etiketten gelesen und gemerkt, dass ich das, was da drin ist, nicht mehr essen möchte“, sagt Claudia. Im Freundes- und Bekanntenkreis hört sie jetzt immer öfter: „Wie könnt Ihr Euch das leisten?“ Neulich kam Emilia aus der Schule mit der Frage: „Mama, sind wir reich?“. Das hatte eine Schulfreundin behauptet, weil sie im Bioladen einkaufen.

Qualitativ hoher Anspruch

Mit Sonderangeboten oder Discounterwaren können Lebensmittel aus dem Bioladen zwar in der Tat nicht mithalten. Doch den Vergleich mit Markenartikeln aus dem Supermarkt müssen sie nicht scheuen. Das hat eine Studie der Uni Kassel ergeben. Die Autoren haben unter anderem Premium-Marken führender Hersteller mit Bioprodukten verglichen. Für das obere Preissegment im konventionellen Lebensmittelhandel haben sie sich entschieden, weil diese und nicht die Billigangebote dem qualitativen Anspruch von Ökowaren am ehesten gerecht werden. Die Forscher fanden heraus, dass die Preise von Ökoprodukten wie Spaghetti, Marmelade, Mehl und Apfelsaft etwa auf dem Durchschnittsniveau herkömmlicher Ware liegen, teilweise sogar darunter.

Die ökologischen Folgekosten konventioneller Lebensmittel haben die Forscher nicht bewertet: So zahlt etwa für die Schäden, die Pestizide in Luft, Wasser und Erde anrichten, die Bodenerosion und Bodenverdichtung, den Artenschwund und hohen Energie- und Rohstoffverbrauch die Allgemeinheit. Tatsächlich müssten daher konventionell erzeugte Lebensmittel deutlich teurer sein. Doch nicht nur der Preis, auch Genuss- und Gesundheitsaspekte spielen für viele Verbraucher eine große Rolle. Gabriele Hartmann zum Beispiel hat seit Kurzem Biolebensmittel für sich entdeckt, „weil sie besser schmecken und nicht mit Pestiziden belastet sind“. Allerdings wählt die 34-Jährige gezielt aus. Früchte wie Erdbeeren, Himbeeren oder Pflaumen etwa kosten ihrer Erfahrung nach häufig deutlich mehr als konventionelles Obst.

Einkaufszettel statt Spontankauf

„Bananen, Kiwi, Möhren, Tomaten, Lauch, Wirsing oder Kohl sind wiederum gar nicht teurer als beim Gemüsehändler“, sagt sie. Neulich hat sie sogar gesehen, dass das Kilo ihrer Lieblingsapfelsorte in Bioqualität beim Discounter 50 Cent teurer war als im Bioladen. Gabriele plant ihren Einkauf deshalb mit einem Einkaufszettel. „Früher habe ich im Supermarkt oft spontan bei irgendetwas zu- gegriffen, das geht ins Geld.“ Wofür sie allerdings tiefer in die Tasche greifen muss, ist die Mittagsverpflegung am Arbeitsplatz. Ihr Bioladen um die Ecke bietet zwar kleine Gerichte und Snacks an, „diese sind aber erheblich teurer als beim Bäcker oder am Imbiss“.

Saisonal und frisch gekocht

Das gilt auch für Bio-Fertigmahlzeiten oder Bioerdbeeren im März und Biotomaten im Dezember - „allerdings schmecken sie zu dieser Jahreszeit auch im Bioladen meist nicht“, sagt Claudia. Sie kauft Obst und Gemüse nur in der Hochsaison, wenn deutsche Biobauern ernten. Und sie kocht jeden Tag für die Familie. „Das kann nicht jeder, das ist zeitaufwendig, aber so kann sich unsere Familie fast 100 Prozent Bioessen leisten.“

Fleisch und Wurst gibt’s nur selten, auch das hält die Ausgaben überschaubar. „Den Schweinebraten aus dem Sonderangebot brauche ich mir nicht zu verkneifen, den wollen wir wegen der miesen Haltungsbedingungen der Tiere gar nicht essen.“ Den Mehrwert „Artgerechte Tierhaltung“ schätzen die meisten Biokunden. Möglich wird er durch einen höheren Lohn für die Bauern. So be- kommen beispielsweise Bio-Milchbauern einige Cent mehr für ihre Milch. Das verschafft ihnen einen etwas besseren Verdienst und erspart dem Vieh die negativen Auswirkungen der Massentierhaltung. An der Kasse zahlt der Kunde für Milch aus dem Bioladen auch nicht mehr als für Markenmilch, „und da ist es mir doch lieber, den Bauern und Tieren etwas Gutes zu tun, als die teuren Werbekampagnen von Bärenmarke oder Landliebe zu finanzieren“, findet Claudia Becker.

Was kommt in den Korb?

Die wichtigsten Kriterien beim Einkauf sind Geschmack und Frische. Das ist ein Ergebnis der Nationalen Verzehrstudie 2008, für die 20 000 Menschen befragt wurden. Auf Saisonalität achten drei Viertel der Teil- nehmer, artgerechte Tierhaltung und keine gentechnisch veränderten Lebensmittel sind für rund zwei Drittel wichtige Kriterien.

Gemüse und Salat im Februar

Großes Angebot

 

Mittelgroßes Angebot

Gemüse Rosenkohl   Gemüse Spinat
Bleich-/Staudensellerie Rote Bete, Rote Rüben   Auberginen Steckrüben
Champignons Rotkohl   Blumenkohl Tomaten
Chinakohl Sellerieknollen   Broccoli Topinambur
Grünkohl* Zwiebeln   Meerrettich Weiß-/Spitzkohl
Kartoffeln Salat   Paprika Wirsing
Möhren Feldsalat/Rapunzel*   Radieschen Salat
Porree/Lauch Chicorée*   Rettich Eisbergsalat
      Salatgurken Endiviensalat
      Schwarzwurzel  

 

*Überwiegend aus einheimischem Freiland-Anbau
Quelle: aid

Ausgaben für Lebensmittel

Die Deutschen gaben 2005 im Schnitt 12,9 Prozent des Einkommens für Nahrungsmittel aus. Weniger gaben in Europa nur noch Luxemburger (11 %), Engländer (12,3 %) und Schweden (12,4 %) aus. Rumänen wendeten für Lebensmittel mehr als die Hälfte ihres Einkommens auf, in Litauen waren es um 37 Prozent. Unsere französischen Nachbarn, die für ihre kulinarische Genussfreudigkeit bekannt sind, gaben 2005 15,7 Prozent ihres Einkommens für Essen aus. Spanier und Italiener griffen tiefer in die Tasche, sie ließen sich das Essen rund 20 Prozent des Einkommens kosten.

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Marjorie Scholz
Die Bio-Befürworter betonen immer wieder, dass Bio-Ernährung nicht teuer sein muss. Mich hat bei diesem Artikel gefreut, dass endlich einmal klargestellt wird, dass diese Behauptung hauptsächlich für den Vergleich mit konventionellen Marken-Artikeln gilt.

Ich würde mich sehr gerne viel mehr von Bio-Lebensmitteln ernähren, als ich es mir finanziell erlauben kann. Denn da für mein Budget die konventionellen Marken-Artikel meist zu teuer sind, sind es das leider auch die meisten Bio-Lebensmittel. Dabei zähle ich nicht einmal offiziell zu den Geringverdienern. Aber: Ein Wocheneinkauf für Lebensmittel darf bei uns (4 Personen)nicht mehr als allerhöchstens 150 Euro kosten, und das geht nur beim Discounter!