Sinnliche Küche - Schrot und Korn

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Sinnliche Küche

Erdbeeren und Spargel

„Die ganze Welt ist wie verhext, Veronika, der Spargel wächst!“, trällerten in den 30er-Jahren die Comedian Harmonists – und regten damit die Fantasie ihrer Zuhörer an. // Sabine Kumm

ErdbeerenHeute würde ein frühlingsinspirierter Jüngling seine Veronika wohl einfach zu einem Spargelmenü nach Hause einladen. Und Veronika hätte mit Sicherheit ein raffiniertes Erdbeer-Dessert im Gepäck. Die Wahl ist Programm, denn das Dream-Team der kulinarischen Frühlingsfreuden, Spargel und Erdbeeren, ist nicht nur kalorienarmer Entschlackungskünstler mit hohem Mineralstoff- und Vitamingehalt – es schmeckt auch verführerisch gut.

Bei näherem Hinsehen wird allerdings deutlich, dass es nicht nur ihr Geschmack ist, der sie schon seit Jahrtausenden zu heiß begehrten Aphrodisiaka macht: Der volkstümliche Name „Brestling“ für „Erdbeere“ weist darauf hin, dass die Früchte schon unsere Vorfahren an einen begehrten Teil der weiblichen Anatomie erinnerten. Selbsterklärend ist auch die potente Optik der Spargelstangen, die zudem einfühlsam geschält und – wie sollte es anders sein – sogar im Stehen gekocht werden wollen. So findet sich, wer gemeinsam schält, kocht und kostet, unversehens in einem Vorspiel der besonderen Art wieder.

Stelldichein

Unvorstellbar: Der Lenz ist da und keiner geht hin. Aber vielleicht mag Liebesgöttin Aphrodite ja lieber mit Schürze in der Küche hantieren, als beim Stelldichein unter ausschlagenden Bäumen zu tändeln. Lust und Liebe lassen sich auch gut am heimischen Herd anheizen. Vor allem, wenn Verliebte gemeinsam kochen.

Heiß begehrter Spargel

Ob schamhaft eingepackt im Crêpemäntelchen oder zum Anbeißen knackig mit Haselnusspanade aufgeknuspert, ob heiß überbacken oder pur aus der Hand genossen – Spargel wirken immer appetit- und fantasieanregend. Sie sollten gerade so weich gekocht sein, dass ihre zarten Spitzen auf der Zunge zergehen, und doch fest genug, um sie durch zerlassene Butter ziehen und Stück für Stück von ihnen abbeißen zu können. Kenner genießen sie mit frischen Kräutern oder scharfen Gewürzen. „Asparagus“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „junger Trieb“. Wer so heißt, versteckt sich nicht abgeschlafft in fetten Soßen, sondern lässt charmant die Cocktailtomaten tanzen. Zusammen mit jungen Kartoffeln bilden sie den idealen Hofstaat für den „König der Gemüse“, der an feuchtwarmen Tagen bis zu sieben Zentimeter wächst – das soll ihm erst mal einer nachmachen!

Lady in Red

Was ist der „König der Gemüse“ ohne seine „Königin der Beeren“? Die Erdbeere ist der Deutschen liebstes Früchtchen – in der Saison können sie gar nicht genug von ihr bekommen. Dabei tut „Everybody’s Darling“ eigentlich nichts weiter als zu locken. Während der strebsame Spargel sich jedes Jahr aufs Neue aus der Unterschicht nach oben arbeitet, baumelt die pralle Süße kokett im Erdbeerlaub und signalisiert mit ihrem frischen Rot konsequent nur eines: „Nimm mich!“ Ob die herzförmige Beere sich nun im Tiramisu bettet oder im Parfait mit Sahne und Honig die Unterkühlte mimt – sie ist einfach unwiderstehlich. Selbst frisch aus dem Körbchen lässt sie sich gerne vom Stängel vernaschen: Ein Happs, eine Beere.

Als hätte Aphrodite persönlich …

Zu verdanken haben wir ihre mundgerechten Idealmaße einer Kreuzung aus nord- und südamerikanischen Pflanzen im 18. Jahrhundert, die nach langen Zuchtversuchen endlich so vollendet schmackhafte Früchte hervorbrachten, dass uns heute das Wasser im Mund zusammenläuft. Auch wenn die beiden Königskinder Speisekarten zum Knistern bringen – zusammen kommen sie selten. Dann treffen sie sich heimlich in einem pikanten Salat, in dem Kräuter und Früchte eine wilde Walpurgisnacht feiern. Wenn sich die Erdbeere dann dicht an den bleichen Draufgänger schmiegt, wird der Spargel doch noch romantisch. Denn dort, wo sie ein Weilchen gelegen hat, errötet er sanft. Und wer sich die Zeit nimmt, der pfeffrig-süßen Geschmacksexplosion der Paarung nachzuspüren, der lernt so viel über die Liebe, als hätte Aphrodite persönlich für ihn gekocht.

Das wahre Aphrodisiakum

Ob und wie genau aphrodisische Zutaten wirken, liegt in vielen Fällen noch im Dunkeln. Womöglich hilft die Erwartung des Betrachters: statt Basilikum und Rosmarin rieseln stimulierende Liebeskräuter in die Vinaigrette. Pfeffer, Ingwer, Chili und Muskat heizen nicht nur der Spargelsoße ein, sondern bringen auch unser Blut in Wallung. Vanille, Zimt oder Kakao versüßen das Dessert und den weiteren Fortgang des Abends. Das große Prickeln wird sicher nicht durch eine einzelne Zutat hervorgerufen. Nur eines kann wirklich die „Love Potion No.1“ auf den Plan rufen: unsere Fantasie. Die entpuppt sich am Ende als das wahre Aphrodisiakum.

Erschienen in Ausgabe 05/2007
Rubrik: Ernährung

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Margitta
Das ist wirklich ein toller Artikel. Ich freue mich schon auf laue Frühlingsabende und aufs gemeinsame Kochen und Genießen mit meinem Mann!