Bei Einer fränkischen Winzerin - Schrot und Korn

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Bei Einer fränkischen Winzerin

Rotwein will warme Füße haben

Klein aber ambitioniert - was Anja Stritzinger in ihrem fränkischen Öko-Weingut produziert, braucht Vergleiche nicht zu scheuen - ihren Riesling verschickt sie bis nach Japan. // Text: Sylvia Meise, Fotos: Micky Wiesner


Anja Stritzinger führt in Klingenberg am Main ein Bioland-Weingut, das ihr Vater Willi 1972 zum Eigenbedarf gegründet hatte. Es gehört zu den bundesweit rund 200 Demonstrationsbetrieben für ökologischen Bio-Landbau, die ihre Tore für Rat suchende öffnen.


Herzstück von Anja Stritzingers Weinkeller sind drei mannshohe, leuchtend rot gerahmte Fässer und zwei kleine „Barriques“ - allesamt aus Eichenholz. Darin reift feiner Spätburgunder, der wertvollste Traubensaft des Hauses. Und zugleich eine der typischen Rebensorten der Rotweinstadt Klingenberg, in der die 29-jährige Weinbauerin ihren Betriebssitz hat. Allerdings ist Anja Stritzinger, abgesehen von einem kleinen Weinbauprojekt, die Einzige am Untermain, die ökologisch wirtschaftet. „Mit Erfolg!“, die blauen Augen strahlen, wenn die Winzerin an die skeptischen Kommentare vor fünfzehn Jahren denkt. Damals war ihr Vater noch technischer Leiter des städtischen Weinguts - er hätte es gern komplett „auf Bio umgestellt“, doch der Stadtrat zog nicht mit. „Jetzt oder nie“, fand Vater Stritzinger und wurde einfach selbst zum Ökowinzer. Bis dahin war er nur Traubenlieferant. Stritzingers hatten in den traditionellen Rotweinbergen ein paar Weißweinstöcke „zum Eigenbedarf“ angelegt, weil sie als gebürtige Pfälzer ihren Gewürztraminer so vermissten. Doch plötzlich wurde aus der Leidenschaft Profession, denn Anja, die jüngste der drei Töchter, zeigte ernsthaft Interesse am Weinbau. Peu à peu pachtete und kaufte die Familie Weinbergflächen hinzu - und sammelte Erfahrung. Vor vier Jahren übergab der Vater dann der frisch gebackenen Winzermeisterin den Betrieb.

Jetzt oder nie - Ökologie

Von Anfang an gehörte sie zu den „Demonstrationsbetrieben“ im Bundesprogramm für Ökoland-Bauförderung. Für sie bedeutet das, die Türen für Neugierige offen zu halten - im Gegenzug erhält sie praktisches Werbematerial und Fortbildungsangebote. Solche Netzwerke sind existenziell für einen Kleinbetrieb. Anja Stritzinger streicht das kinnkurze Blondhaar zurück und erzählt, dass ihr Betrieb zudem auf das Prinzip Familie baut. Alle packen mit an: Während sie selbst im Keller steht, hilft der Vater im Weinberg bei der aufwändigen Handarbeit, die Mutter führt den Verkauf und zur Weinlese „wird alles zusammengetrommelt, was Hände und Füße hat“. Die größte Herausforderung war, den ehemaligen Hobbybetrieb so auszubauen, dass sie davon leben kann. Und? „Es sieht gut aus“, lacht sie nur. Ökomärkte, Winzerfeste, Weinbergführungen - sie präsentiert sich selbstbewusst und steht damit zugleich für eine neue Generation Winzerfrauen, die nicht mehr „nur“ mithelfen, sondern gut ausgebildet sind.

Nach Rosen duftet der Lieblingswein

Damit das Bio-Label auf die Flaschen darf, muss von der Traube bis zur Abfüllung alles selbst ökologisch produziert sein. Nicht zuletzt deswegen entstand 1997 der schöne Natursteinkeller, in dem heute die Eichenfässer lagern. Je 225 Liter fassen die kleinen, 600 die großen - dazu kommen noch einige Edelstahlfässer, in denen jeweils der Inhalt von rund 1000 Flaschen schwappt. Abgefüllt werden hauptsächlich Spätburgunder, Portugieser und Riesling, der durch die Sandsteinböden eher fruchtig ausfällt, was bei den Kunden sehr gut ankommt. Außerdem kleine Mengen des leicht nach Rosen duftenden Gewürztraminers, der noch immer aus Vaters erstem Weinberg stammt und mittlerweile auch Anja Stritzingers Lieblingswein ist.

Zweimal monatlich prüft sie, wie sich der Wein entwickelt. Dafür wird aus dem geöffneten Spundloch oben am Fass ein wenig Wein gezogen - sind Zuschauer da, nimmt sie den guten gläsernen „Probenheber“, um den Wein anzusaugen und ins Glas rinnen zu lassen - „sonst tut es auch ein Schlauch“, zwinkert sie. Dann wird das Probenglas geschwenkt und der Blick konzentriert nach innen gerichtet - Kellermeister müssen ausgeprägte Sinne haben. Von Mitte Mai bis Mitte August arbeiten Vater und Tochter in ihren robusten blauen Winzerhemden ständig draußen im Weinberg. Die Hauptanbaufläche liegt in den 800 Jahre alten, denkmalgeschützten Terrassen der Stadt Klingenberg. Der rote Stein speichert die Wärme ideal und gibt sie über Nacht wieder an die Reben ab - „je wärmer, desto mehr Öchsle“, erklärt Vater Stritzinger und die Tochter ergänzt, „man sagt, der Rotwein will warme Füße haben - und die bekommt er bei uns!“ Dafür ist Terrassenweinbau dreimal arbeitsintensiver als die Bewirtschaftung ebener Flächen. Um nicht nur teure Tropfen anbieten zu können, hat die Familie in den letzten Jahren noch ebenerdige Weinberge in Bürgstadt hinzugekauft. Genug geredet - der Vater hebt die Heckenschere zum Gruß und verschwindet zwischen den Weinreben.

Brennnessel und Königskerze

Vor allem am Boden fällt das Prinzip „Bio“ auf: Hier wuchern Brennnesseln und zwischen den Reben ragt sogar eine majestätische Königskerze auf. Die Begrünung sorgt für Boden- und Rebengesundheit, indem sie nährstoffreiche Humuserde entwickelt - der Ökofaktor schlechthin. Außerdem verhindert sie übermäßige Ausbreitung von Schadinsekten, weil sie vielerlei nützliches Getier anzieht. „Wenn man im Weinberg was verändert, muss man immer gut über die möglichen Konsequenzen nachdenken“ - die Klingenbergerin nickt nachdrücklich, sie hat ihre Bio-Hausaufgaben gemacht. Das Ergebnis lässt die Nachbarn neugierig nachfragen, denn „die Konventionellen haben oft viel stärkere Schäden drin als wir“. Anja Stritzinger sagt das ohne Häme, findet allerdings „schade, dass da niemand ernsthaft umdenkt“.

Weinbau ökologisch

Vor 30 Jahren fing es an - Willi Stritzinger gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Bundesverbands Ökologischer Weinbau (BÖW), der seit 1995 unter dem Namen ECOVIN firmiert. Rund zwei Prozent aller Winzer produzieren heute ökologisch unter den Gütesiegeln von Ecovin, Bioland, Naturland, Gäa oder Demeter. Der BÖW war maßgeblich an der Entwicklung der strengen Richtlinien beteiligt - hier ein Auszug:

  • Verzicht auf chemisch synthetisierte Dünger, giftige Pflanzenschutzmittel sowie diverse Zusätze bei der Weinherstellung
  • Förderung der Artenvielfalt der Flora und Fauna im Weinberg
  • Verwendung schadstoffarmer Rohstoffe und Vermeidung von Abfällen
  • Ablehnung genmanipulierter Pflanzen

Rose, Vanille, Akazie …

Weinsprache ist Prosa pur und hat in den letzten zehn Jahren exotische Blüten getrieben - früher gab es für Dessertwein kein größeres Lob als „ölig“. Heute heißt es „voluminös“ oder „wuchtig“, wer mag schon Öl trinken? Sogar „nasse Pferdedecke“ will schon jemand geschmeckt haben. Da muten Vergleiche mit Rose, Apfel oder Pfirsich doch einladender an. Und welcher der Beste ist? Einfach selbst probieren!

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