Hilfe für Allergiker - Schrot und Korn

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Hilfe für Allergiker

Top-Qualität istder Mühe Lohn

Bio-Apfelanbau, wie geht das? Einfach nur synthetische Spritzmittel weglassen? Nein, dazu gehört der einfühlsame Dialog mit der Natur. Wie spannend das ist, hat Schrot&Korn-Redakteur Peter Gutting bei seinem Besuch im „Alten Land“ erfahren.

Tief ziehen die Wolken übers flache Land, da reißt der Himmel für ein paar Minuten auf. Die Nachmittagssonne lässt unzählige Apfelblüten in Weiß erstrahlen, taucht endlose Baumreihen in goldgelbes Licht. Es ist Mitte Mai im Alten Land, Deutschlands größtem zusammenhängenden Obstanbaugebiet, südwestlich von Hamburg.

Ich radle mit Apfelbauer Dierk Augustin durch die blühende Landschaft. Rechts der alte Entwässerungskanal, links Apfelbäume so weit das Auge reicht. Drei Kilometer lang ist der 80 Meter schmale Streifen, den die Augustins (siehe auch Seite 6) mit ihren vier Angestellten bewirtschaften. Naive Frage: „Könnte ich diesen Bäumen auf den ersten Blick ansehen, dass Bio-Äpfel im Herbst an ihnen hängen werden?“ Dierk Augustin lacht. Auf den ersten Blick vielleicht nicht. Aber beim näheren Hinsehen lässt sich so viel über die Unterschiede zwischen Bio- und konventionellem Anbau sagen, dass die beiden Tage wie im Flug vergehen.

Der Demeter-Bauer macht mich auf die jungen Bäume aufmerksam, an denen wir gerade vorbeiradeln. „Wir schneiden sie in den ersten Jahren nicht zurück, wie das in den Lehrbüchern steht.“ Stattdessen dürfen sie wachsen und schon im ersten Jahr Früchte tragen. Auf natürliche Weise zieht Augustin so Bäume heran, die „mit sich selbst und ihrer Umwelt im Gleichgewicht sind.“ Der Vorteil: Gesunde Bäume neigen nicht zu Überreaktionen, wenn sich Pilze oder Insekten breit machen. Das bremst auf natürliche Weise etwa den Schorf, die bedeutendste Krankheit im Apfelanbau, die die Früchte fleckig werden lässt. So muss der Hof im Schnitt nur etwa 1,7 Kilogramm Kupferpräparat pro Hektar spritzen, obwohl im ökologischen Obstbau drei Kilo erlaubt sind.

Kompost in homöopathischen Dosen

Ein paar hundert Meter weiter kommen wir an den Kompostmieten vorbei. Ich staune: Diese Menge reicht für die gesamte Anlage? „Der Boden hier ist so fruchtbar, da brauchen wir den Kompost nicht als Dünger“, klärt mich Dierk Augustin auf. Der Kompost dient vielmehr dazu, den Boden durch Mikroorganismen so aufzuschließen, dass er das hergibt, was in ihm steckt (siehe Kasten „Altes Land“).

An der Bodenstruktur lässt sich der Unterschied zwischen biodynamischem und konventionellem (integriertem) Landbau am besten verdeutlichen. Jenseits des Kanals hat der konventionell wirtschaftende Bauer gerade das Unkrautvernichtungsmittel „Roundup“ gespritzt. Man erkennt es an den gelblich verfärbten, zu Boden gedrückten Gräsern. Die Erde darunter ist fest und hart. Dagegen stehen die Demeter-Stämme in lockerer, krümeliger Erde, zum Stamm hin leicht angehäufelt. Warum die konventionellen Bauern sich den Vorteil der Bodenbearbeitung nicht auch zu Nutze machen, frage ich. „Das kriegen sie nicht bezahlt“, antwortet Dierk Augustin verständnisvoll. Er pflegt zu den Vertretern des integrierten Obstbaus ein kollegiales Verhältnis. Gegenseitiger Erfahrungsaustausch und offene Debatten sind selbstverständlich.

Der 47-Jährige kennt beide Welten. Bis 1989 wirtschaftete er konventionell, dann sah er kein Licht mehr am Ende des Tunnels. „Wir haben den ganzen Strukturwandel mitgemacht: Die Tiere abgeschafft, die Zwetschgen- und Kirschbäume abgeholzt, alles nur auf Apfel-Monokultur ausgerichtet, so wie das die EU empfohlen hat.“ Danach die selbstkritische Frage: Geht es mir jetzt besser? Eindeutig nein. Denn Dierk Augustin will „Bauer sein“. Das bedeutet: Mit der Natur leben, sich auf sie einlassen, wach bleiben, die Dinge beobachten, um im rechten Moment sanft steuern zu können. Und nicht: Sich soundsoviel Tonnen Produktmenge vorgeben lassen und nur den Spritzplan exekutieren, der das Ergebnis gegen alle natürlichen Gegebenheiten durchzudrücken versucht. Für die Augustins zahlte sich der Aufbruch zu neuen Ufern aus: Die typischen Geschmacks-eigenschaften eines norddeutschen Elstar etwa – das charakteristische Zucker-Säure-Verhältnis – kommen im Demeter-Anbau noch klarer zum Ausdruck. Dierk Augustin: „Das Ergebnis sind Produkte, die in dieser Form einmalig sind.“

Biotope zum „Aufbrechen“ der Monokultur

Wir gelangen zu einem größeren Teich. Hier hat sich ein Biotop gebildet – wohltuender Kontrastpunkt zur allseits vorherrschenden Monokultur. „Die Artenvielfalt ist im Umkreis von 400 Metern deutlich höher“, berichtet Augustin von seiner Ko-operation mit der Uni Hamburg, die dies exakt untersucht hat. Um nun das reichhaltige Tier- und Pflanzenleben auf die ganze Anlage auszudehnen, laufen derzeit zwei Versuche zur Biotopvernetzung. So pflanzt der Bio-Hof entlang des Kanals eine Hecke bis zum nächsten Teich. Als Alternative soll ein Blühstreifen zeigen, welches die bessere Maßnahme ist.

In der Lagerhalle hinter dem schmucken Haupthaus füllen zwei türkische Mitarbeiterinnen Tausende schwarze Plastiksäckchen mit Stroh. „Wir wollen dem Ohrenkneifer eine Bruthilfe bieten“, erklärt Dierk Augustin. Ohrenkneifer sind Nützlinge. Sie fressen die Läuse. An jedem zweiten der 60.000 Obstbäume wird in den nächsten Tagen ein solches Säckchen aufgehängt. Viel zu tun gibt es auch für die 15 Hilfskräfte, die per Handarbeit die Blüten dezimieren werden. Denn die Natur hat es in diesem Jahr so gut gemeint, dass die Äste abbrechen würden, wenn alle Blüten zu Früchten heranreifen würden. Was die Konventionellen dagegen tun? Sie spritzen ein synthetisches Hormonpräparat.

Der enorme Aufwand ist für überzeugte Bio-Obstbauern jedoch keine Last, sondern spannende Herausforderung. Etwa für Augustin-Mitarbeiterin Marion Hauschildt. Die studierte Gartenbau-Ingenieurin ist hinter der Sägewespe her. Alle zwei Tage untersucht sie mehrere hundert Blüten, legt Larven unters Mikroskop. Wie stark ist der Befall in diesem Jahr? „Sehr gering, fast ein Witz.“ Doch das kann sich ändern. Wird der Druck zu stark, hilft Quassia, der Rindenextrakt eines afrikanischen Tropenbaums. Aber nur, wenn das in zwei Tagen zerfallende Mittel punktgenau den Hauptangriff der Insekten kontert. Am liebsten wäre es den Augustins übrigens, das 4.000 Euro teure Präparat gar nicht einsetzen zu müssen und das Geld „umsonst“ ausgegeben zu haben. Denn gesunde Apfelbäume helfen sich am besten selbst.

Hilfe für Allergiker

Es sind keine wissenschaftlichen Beweise, sondern nur Erfahrungsberichte: Der Vorteil von Bio-Äpfeln zeigt sich unter anderem darin, dass sie von Allergikern vertragen werden. Nachdem der Norddeutsche Rundfunk über die positiven Erfahrungen der Augustins berichtet hatte, meldeten sich weitere Betroffene. Dierk Augustin: „Kein einziger, der auf konventionelle Äpfel allergisch reagierte, hatte mit unseren Äpfeln Probleme.

Ferienregion Altes Land

Zwischen Elbe und Geestrandmoor liegt eine der schönsten Landschaften Norddeutschlands. Das Alte Land ist ein 25 Kilometer langer und maximal acht Kilometer breiter Streifen frucht-baren Landes im ehemaligen Urstromtal der Elbe. Das Überschwemmungsgebiet liegt etwa einen halben Meter unter dem Meeresspiegel. Heute wachsen hier 3,5 Millionen Obstbäume auf einer Fläche von 8.000 Hektar. Davon werden 350 Hektar biologisch bewirtschaftet. Die Bio-Vermarktung läuft im Wesent-lichen über fünf Betriebe:

  • Öko-Frucht Peter Rolker
  • Bio-Obst Augustin
  • Obsthof Claus-Peter Münch
  • Obsthof König
  • Obsthof Heinrich zum Felde.

Weitere Infos: www.koestlichesdeutschland.de (auf Karte zur Region durchklicken).

Erschienen in Ausgabe 09/2003
Rubrik: Ernährung

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