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Kolumne

Wie ich lernte, die Maske zu lieben

Unser Kolumnist Fred Grimm findet, der Mund-Nasen-Schutz ist zum Symbol unserer surreal anmutenden Zeit geworden: ein sichtbarer Schutz gegen die unsichtbare Gefahr durch die Pandemie – beruhigend und beunruhigend zugleich.

06.05.2020 vonFred Grimm

Unser Kolumnist Fred Grimm findet, der Mund-Nasen-Schutz ist zum Symbol unserer surreal anmutenden Zeit geworden: ein sichtbarer Schutz gegen die unsichtbare Gefahr durch die Pandemie – beruhigend und beunruhigend zugleich.

Wer auch immer Ende 2020 als „Mensch des Jahres“ auf den Magazincovern leuchtet, ziemlich sicher ist: Sie oder er wird eine Maske tragen. Sie ist zum Symbol unserer surreal anmutenden Zeit geworden; ein sichtbarer Schutz gegen die unsichtbare Gefahr durch die Pandemie; beruhigend und beunruhigend zugleich. Noch immer wirkt der Anblick der maskierten Massen im Straßenbild auf mich wie ein sehr, sehr seltsamer Traum. Die schweigend und im disziplinierten Abstand zueinander Wartenden vor den Geschäften und Cafés, die unheimliche Stille in der U-Bahn, wo wirklich niemand mehr zu sprechen scheint – all dies zeigt die Allgegenwart einer Bedrohung, die wir wahrscheinlich erst in ein paar Jahren so ganz verstehen werden.

Und bis auf einige wenige Covidioten, die mit ihren sogenannten „Zweifeln“ an der mörderischen Kraft des Virus den Hunderttausenden Corona-Toten auf der Welt nachträglich ins Gesicht spucken, hat sich weltweit die überwiegende Mehrheit bemerkenswert schnell mit „Social Distancing“ und Maskentragen arrangiert. Auch wenn Leitartikler und Talkshows, wie üblich, lieber die Lautstarken thematisieren, die Freiheit mit Rücksichtslosigkeit verwechseln, tragen die meisten Menschen ihr Verantwortungs­gefühl buchstäblich im Gesicht. Denn die Maske, so viel wissen wir inzwischen, schützt vor allem unseren Nächsten und so ergibt sich der solidarische Effekt, dass wir umso sicherer sind, je mehr Menschen einen Mund-Nasen-Schutz anlegen.

Bei diesem neuen Krisenaccessoire scheinen der menschlichen Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Mit meiner schwarzen Bio-Baumwollmaske, auf der steht, dass sich hinter ihr ein Lächeln verbirgt, komme ich mir beinahe einfallslos vor. Ich habe herausgestreckte Zungen gesehen, zweite Gesichter und sogar kleine Penisse (auf einem Foto wohl gemerkt, denn die Aufschrift lautet: „Wenn Sie sehen können, was das ist, stehen Sie zu nahe“). Nachthemden, Hochzeitskleider, Fußballtrikots, sogar die Kostüme von Eistänzern wurden zu Masken verarbeitet. Und so viele Blumenmuster wie derzeit in den Straßen sieht man sonst nur auf einer Bundesgartenschau.

Das nackte Gesicht in engen Räumen entlarvt die Egoisten.

Fred Grimm

Die Corona-Schutzmaske ist eine Art Charaktertest: Sie demaskiert jeden, der sich ihr verweigert. Das nackte Gesicht in engen Räumen, das Drängeln und Wüten gegen Abstands- und Anstandsregeln entlarvt die Egoisten. Allen übrigen haftet auf einmal etwas Sanftes, Verletzliches an. Wer die Maske als vorerst leider unabänderliche Einschränkung seines täglichen Lebens akzeptiert, ist auf dem besten Wege dazu, ein besserer Mensch zu werden. Einer, der kapiert hat, dass er nicht allein auf der Welt ist und jeder Mensch, der uns begegnet, unsere höchste Achtsamkeit verdient. Für die Riesenherausforderungen, die nach Corona noch auf uns warten, ist das ein wunderbarer erster Schritt.

Fred Grimm

Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt. Als Kolumnist sucht er nach dem Schönen im Schlimmen und den besten Wegen hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.

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