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Wenn die Chemie juckt und kratzt

Allergien nehmen zu Wenn die Chemie juckt und kratzt Allergien durch Textilien sind ein Thema der modernen Modewelt. Zwar traten solche Fälle bereits Mitte des vorigen Jahrhunderts auf. Aber in den letzten Jahren hat ihre Zahl stark zugenommen
31.03.1999
Allergien nehmen zu Wenn die Chemie juckt und kratzt Allergien durch Textilien sind ein Thema der modernen Modewelt. Zwar traten solche Fälle bereits Mitte des vorigen Jahrhunderts auf. Aber in den letzten Jahren hat ihre Zahl stark zugenommen

Allergien nehmen zu

Wenn die Chemie juckt und kratzt

Allergien durch Textilien sind ein Thema dermodernen Modewelt. Zwar traten solche Fälle bereits Mittedes vorigen Jahrhunderts auf. Aber in den letzten Jahren hat ihreZahl stark zugenommen. Auch wenn schwere Fälle selten sind,ist die vermutete Dunkelziffer an leichteren Reaktionen hoch.Die allergischen Faktoren werden größtenteils durchFarb- oder Veredelungschemikalien verursacht.

Verschiedene Faktoren begünstigen das Eindringen von Dispersionsfarben,etwa des Azo- oder Anthrachinon-Typs in die Haut. Die Farben lösensich aus glatten synthetischen Fasern schneller als aus natürlichen.Darüber hinaus erhöht enganliegende Kleidung das Risiko.Zusätzlich verstärkt wird es, gerade in der warmen Jahreszeit,durch Druck, Reibung und Transpiration. Besonders gefährdeteStellen sind der Halsbereich, die Achseln und Lenden, der Bundbereich,die Vorder- und Innenseite der Oberschenkel sowie die Kniekehlen.

Die Mehrzahl der allergischen Reaktionen ist bei dunkel gefärbtenStrumpfhosen, Socken, Blusen, Unterröcken, Slips, Büstenhaltern,Feinstrümpfen, Leggings und Badeanzügen zu beobachten.Deutlich zeigen Untersuchungen auch, daß Frauen zwischen40 und 60 die am meisten betroffene Gruppe bilden.

Die schlimmsten Auswirkungen haben Azofarbstoffe. Sie spaltenein krebserregendes aromatisches Amin ab, das in den Stoffwechseleindringt. In allen bekannten Versuchen waren Dispersionsblau124 oder 106 die stärksten Allergie-Auslöser. Der modischeTrend zu dunkler Kleidung führt zu einer häufigen Anwendunggerade dieser Stoffe. Durch die Mischung mehrerer blauer, einesroten und eines gelben Farbtons wird der Eindruck eines vollkommenenSchwarz erweckt. Solche Mischungen aber erzeugen Kreuzreaktionen,nicht nur bei schwarzen, sondern auch hellen oder braunen Farbtönen.Ebenfalls hoch oben auf der Liste der allergie-auslösendenFarbstoffe stehen Dispersionsorange 3, Dispersionsgelb 3, sowieDispersionsrot 1 und 17.

Neben den Farbstoffen können Weichmacher, Bleichmittel,optische Aufheller, Appreaturen zur Versteifung oder als Einlaufschutzsowie antimikrobielle Substanzen ein Ekzem auslösen. Insgesamtgibt es mehr als 7.000 zugelassene textile Hilfsmittel. Die Wechselwirkungensind nicht zu kontrollieren.

Ein Bestandteil in Hilfsmitteln, der als besonders allergengilt, ist Formaldehyd. Oft ist es in Kunstharzen enthalten, diebeispielsweise bei knitterfreier Ware eingesetzt werden. Allerdingssind die Untersuchungen in diesem Bereich längst nicht abgeschlossenund werden durch stets neue Problemfälle erschwert. So hatdie Universität Zürich festgestellt, daß in einigenFällen die vermutete Formaldehydallergie eine Reaktion aufdas Textilharz selbst war. Hinzu kommen noch Allergien auf Inhaltsstoffein den Gummibändern oder die bekannte Jeansknopfdermatitis.

Probleme machen mehr als 7.000 textile Hilfsmittelmit unübersehbaren Wechselwirkungen

Die Vielzahl der Möglichkeiten stellt die Dermatologenoft vor unlösbare Aufgaben. Die Hautklinik der Georg-August-UniversitätGöttingen listet in ihrem Bericht zu Kontaktallergien inmanchem Kleidungsstück bis zu sechs verschiedene Farbstoffeauf, zusammen mit den Veredelungsstoffen ergibt dies mehr als20 Chemikalien, die mit ihren Verbindungen immer neue Abspaltungenfreisetzen. Wer kein Chemiestudium absolviert hat, dürftebei all den Begriffen ziemlich überfordert sein.

Die zunehmende Verunsicherung der Bevölkerung hat allerdingsnoch nicht zu einer weitreichenden Aufarbeitung der Risikogruppenund Risikoprodukte geführt. Auch verschärfte Gebrauchstestsder Uni Zürich bringen nach Angaben der Forscher keinen überzeugendenEinblick in die tatsächliche Gefährdung und geben wenigAnregung zur künftigen Vermeidung.

Zumeist wird kein vorbeugender Verbraucherschutz betrieben,sondern den Hautreaktionen hinterhergeforscht, also den nässendenErscheinungen mit Streureaktionen, wie sie bei Farballergien auftreten.Oder den geröteten, diskret schuppenden Reaktionen auf Veredelungsstoffe.Der Wirkung auf den Gesamtorganismus, so der Einwand von Verbraucherschützern,komme man damit nur langsam auf die Spur.

Erschwerend kommt hinzu, daß auch Waschmittelrückständean toxologischen oder allergologischen Auswirkungen schuld sind.Tenside und Lösungsmittel, gen-manipulierte Enzyme, optischeAufheller, Parfüme und Metalle sorgen für einen nichtunerheblichen Risikofaktor für jeden Allergiker. Wissenschaftlichnoch ungeklärt ist, ob die längere Anwendung einigerWaschmittel zu Tensidrückständen und zu eventuellenSchäden führen kann. Die optischen Aufheller haben inden 70er-Jahren eine epidemische Kontaktdermatitis ausgelöst,neuere Richtlinien führten aber zu Verbesserungen. Gleichesgilt für die Metalle. In modernen Waschmitteln sind Nickel,Kobalt und Chromat nicht mehr von ekzemauslösender Bedeutung,nachdem ihre Verwendung gesetzlich begrenzt wurde.

Problematisch bleiben die Rückstände von Parfüm.Der Duftstoffmix hat den dritten Platz in der Hitliste der Allergieauslösereingenommen.

Manche Schädigungen treten erst mit verzögerterWirkung ein

Das breite Spektrum der Textilunverträglichkeit reichtvon milden sensorischen Beeinträchtigungen bis zu schwerenEkzemen, die zu einem Krankenhausaufenthalt zwingen.

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Erkenntnisse desDermatologen Dr. Jachens. Er beschreibt, daß eine Allergienicht beim ersten Körperkontakt auftreten muß, sonderneine verzögerte Wirkung eintreten kann. Da die chemischenSubstanzen erst langsam in die Hautschichten einwandern, kommtes häufig zunächst zu einer Phase der Sensibilisierungund dann beim zweiten oder dritten Kontakt zur allergischen Reaktion.

Eine klare Alternative zu all diesen Risiken sind Naturtextilien.Der Verzicht auf Aldehyde (Formaldehyd und Glyoxal), auf Schwermetalleund halogenierte Kohlenwasserstoffe, auf Pestizide, Phenole, Aufheller,oder Biozide führt bei Allergikern zu deutlichen Verbesserungendes Krankheitsbildes.

Damit Chemie überflüssig wird, greift die Naturtextilbrancheauf alternative Verfahren zurück. So verwenden die meistenVerarbeiter von Baumwolle aus kontrolliert biologischem Anbauschon beim Stricken des Stoffes besondere Maschinen. Dadurch verziehtsich der Stoff nicht so schnell, was die spätere chemischeAusrüstung unnötig macht, aber eben auch doppelt sovielZeit benötigt.

Der Verzicht auf Chlorbleiche und das Waschen der fertigenStoffe mit Seife auf pflanzlicher Basis führt zu dem bekannten"Naturweiß", der eingefleischten Liebhabern des'Reinweiß' leicht anrüchig erscheint. Die zugesetztenWeichmacher aus tierischen Fetten dienen zur besseren Verarbeitungund zu einem weicheren Griff des Stoffes, führen aber nachweislichzu keiner allergischen Reaktion. Die endgültige Formstabilitätwird durch Kompaktieren erreicht, ein Spezialverfahren mit Hitze,Dampf und Druck, also gänzlich ohne sogenannte "Veredelung".

Für Naturtextilien werden ausschließlich Farbstoffeohne Amine freisetzende Azo-Farben verwendet. Auf Schwermetallebeim Fixieren wird verzichtet, wodurch dunkle Töne oder Mischfarbenwie Türkis schwerer zu erzielen sind. Die sauberste Formbleibt die Pflanzenfarbe, die vor allem bei Seide und Wolle zuguten Ergebnissen führt. Allerdings sind diese Farben etwasteurer.

Grundsätzlich empfiehlt es sich für den Allergiker,auch bei Naturtextilien auf die Deklaration zu achten, deren Verbesserungzu fordern und im Zweifelsfall den Hersteller zu konsultieren.

Bruno M. Czyganowski

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