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Wasserbüffel fressen kein Müsli

NATURSCHUTZ Massige, aber gemütliche Tiere sorgen in Oberbayern für Artenreichtum in Flora und Fauna. Ins Leben gerufen hat das Projekt der Bio-Hersteller Barnhouse.
08.01.2016
NATURSCHUTZ Massige, aber gemütliche Tiere sorgen in Oberbayern für Artenreichtum in Flora und Fauna. Ins Leben gerufen hat das Projekt der Bio-Hersteller Barnhouse.

NATURSCHUTZ Massige, aber gemütliche Tiere sorgen in Oberbayern für Artenreichtum in Flora und Fauna. Ins Leben gerufen hat das Projekt der Bio-Hersteller Barnhouse. // Manfred Loosen

Maxl, komm! Maxili, da geh’ her!“ Josefine Reißaus, eine engagierte bayerische Bio-Bäuerin aus Jettenbach, östlich von München, hat Äpfel und Möhren in ihrem Korb, mit denen sie Maxl und die anderen Wasserbüffel zum Zaun locken will. Die etwa 700 Kilogramm schweren Tiere stehen in Rufweite, unterbrechen ihr Grasen, heben ihre mächtigen Köpfe mit den fast 50 Zentimeter langen Hörnern und beäugen Josefine neugierig. Aber sie bleiben, wo sie sind. Die Wasserbüffel in diesem Landschaftsschutzgebiet sind seit einigen Monaten weniger zutraulich als gewöhnlich. Der Grund sind die beiden Jungtiere, die im August geboren wurden. Jetzt versucht sich Bettina Rolle als Büffel-Herlockerin. Rolle ist Geschäftsführerin beim Bio-Hersteller Barnhouse, dem es zu verdanken ist, dass hier Wasserbüffel auf der Weide stehen. Sie setzt auf die Neugier der Tiere und raschelt mit einer Packung ihres Firmenklassikers dem Krunchy-Müsli. Und wirklich: Die Herde setzt sich in Bewegung! Aber nur kurz. Nach einigen Schritten und ein paar überraschend schnellen, behenden Sprüngen bleiben die Tiere wieder stehen und grasen weiter. Die Wiese schmeckt dann doch zu gut. „Wasserbüffel fressen eben kein Krunchy“, lacht Bettina Rolle.

Vor fast sechs Jahren hat Bettina Rolle ihre Freunde von der Umweltorganisation Bund Naturschutz gefragt, ob man nicht mal wieder etwas zusammen machen solle. Die Umweltgruppe wollte zu dieser Zeit eine tolle Idee mit Büffeln umsetzen, aber es fehlte das Geld: Der Bund Naturschutz hatte nämlich für ein größeres Biotop ein Pflegekonzept erstellt. Das Ziel war, dass hier keine Bäume wachsen. Nur so konnte man die Vielfalt an Pflanzen und Tierarten erhalten oder sogar vergrößern. Zwei Methoden standen zur Wahl, um den störenden Baumwuchs zu verhindern: Beweidung oder regelmäßige Rodung. Der Bund Naturschutz entschied sich für die Beweidung. Wasserbüffel sollten dafür sorgen, dass die einzigartige Sumpflandschaft in diesem Tal erhalten bleibt. Das weitläufige Gelände wurde damals – wenig effektiv – mit Galloways und Pinzgauer Rindern beweidet. Bettina Rolle musste nicht lange überzeugt werden: Barnhouse finanzierte die ersten Wasserbüffel, die dann im Mai 2011 aus einer Leipziger Bio-Zucht nach Jettenbach kamen. Barny, Wilma, Pebbels – so wurden die ersten Tiere nach einem Preisausschreiben von
Barnhouse-Kunden benannt.

Jungtiere geboren

Mittlerweile haben die Tiere schon ein paar Mal Kälber geboren; zuletzt kamen im vergangenen Spätsommer zwei Junge zur Welt. Die Tiere, die jetzt seit fünf Jahren auf dem etwa sechs Hektar großen Landschaftsschutzgebiet stehen, gehören mittlerweile zum festen Inventar in der Region. Sie gelten als die „vierbeinigen Bio-Bagger: Umweltfreundlich – ganz ohne Diesel – erledigen sie täglich ihre Arbeit. Und weil die Wasserbüffel das Gebiet so gut baumfrei halten, leben hier im Niedermoor die Gelbbauchunke, die vom Aussterben bedroht ist, die seltene blauflüglige Ödland-Heuschrecke, das Zwitscherheupferd, Ringelnattern und die Adonislibelle. Im Schilf brüten Rohrdommeln, und den Bach haben Biber mit ihrem Bau gestaut.

Links: Massig, groß, aber auch gemütlich. Rechts: Josefine Reißaus und Bettina Rolle. (Fotos: Eberhard J. Schorr)

Ohne Bäume mehr Vielfalt

Diese Vielfalt an Tieren – und übrigens auch an Pflanzen – ist nur möglich, weil die Wasserbüffel das Gelände baumfrei halten. In anderen Biotopen sorgen meist Menschen dafür, indem sie kleine Bäume roden; mit der Hand oder sogar mit dem Trecker. Hier sorgen die Wasserbüffel mit ihrer Masse und ihrem Hunger dafür, dass keine Bäume wachsen. Die Tiere haben den zusätzlichen Vorteil, dass sie ganz nebenbei auch Tümpel und Teiche anlegen: Sie baden nämlich gern. Und wenn sie sich in kleine Pfützen legen, dann werden durch ihr Gewicht und ihre massigen Körper daraus ganz schnell Tümpel und kleine Seen. Genau die braucht zum Beispiel die Gelbbauchunke, um ihre Eier abzulegen. Und die geschlüpften, ganz kleinen Gelbbauchunken brauchen die sonnigen „Strände der Tümpel.

Etwa neun Monate im Jahr sorgen die Wasserbüffel für baumfreies Gelände. Im Winter kommen sie auf den Hof von Josefine Reißaus ins nahe Oberneukirchen. Dort haben sie ein Dach über dem Kopf und trockenes Futter. Denn grundsätzlich haben es Wasserbüffel schon gerne warm. Allerdings können sie bei Josefine auch jederzeit den gro-ßen Matschauslauf besuchen, wenn ihnen danach ist ...

Im Hauptberuf betreibt Josefine Reißaus mit ihrem Mann Matthias einen Bio-Bauernhof. Sie haben eine Mutterkuhhaltung und bauen Hafer und Dinkel an. Vielleicht auch bald für Barn-house, denn der Hersteller plant, für drei ganz neue Produkte ausschließlich Getreide aus der Region zu verwenden.

Matthias Reißaus ist Landschaftsarchitekt. Gemeinsam mit Josefine engagiert er sich beim Bund Naturschutz und betreut das Wasserbüffelprojekt. Josefine mag die großen Tiere richtig gern, vor allem ihre Ursprünglichkeit. Anders als ihre Kühe, verwildern die Wasserbüffel im Sommer auf der Jettenbacher Weide sehr schnell. Dann sind sie eher scheu, lassen Menschen nur noch ungern an sich ran, besonders, wenn sie Junge haben.

In Europa leben etwa 400 000 Wasserbüffel, die Hälfte davon in Rumänien. In Deutschland gibt es etwa 2 000 Wasserbüffel, weltweit sind es 150 Millionen Tiere, die meisten werden als Nutztiere für Milch, Fleisch und Leder gehalten. Sie stammen vom indischen Wildbüffel ab und sind weder mit Rindern noch mit Bisons direkt verwandt und damit auch nicht zu kreuzen.

Seit Jahren sind die Wasserbüffel sowas wie die „Mitarbeiter des Jahres“, sowohl des Bund Naturschutz als auch von Barnhouse. Der Bio-Hersteller hat mit den Büffeln im Jettenbacher Naturschutzgebiet durchaus etwas gemeinsam: Auch Barnhouse begann ganz klein und ist in den vergangenen 37 Jahren zu einem wichtigen Akteur der Bio-Branche geworden. Im Logo der Firma steht „Bio-Pionier seit 1979“.

Hobby der Büffel: sich in der Sonne tummeln. (Foto: Eberhard J. Schorr)

Nachhaltig wirtschaften

Nachhaltige Konzepte, Natur- und Umweltschutz, zum Beispiel durch möglichst kurze Wege, sind schon lange Teil des Barnhouse-Konzepts. Deshalb arbeitet der Bio-Hersteller im bay-erischen Mühldorf auch seit Jahrzehnten mit der Naturkornmühle Primavera zusammen. Die ist im gleichen Ort zu Hause und liefert einen Großteil der Bio-Haferflocken, die Barnhouse zu Krunchys und Riegeln verarbeitet.

Um Umwelt- und Naturschutz geht es unter anderem auch bei den sogenannten Wertemarken. In dieser Initiative hat Barnhouse mit sieben anderen Bio-Firmen gemeinsame Werte niedergeschrieben. Was die acht Firmen verbindet, ist die Sorge um die Zukunft von Mensch, Tier und Umwelt. Es geht den Unternehmen nicht nur um die Produktion von gesunden Bio-Waren, sondern immer auch um ökologisches, soziales und auch politisches Handeln.

Deshalb engagiert sich Barnhouse seit zwei Jahren verstärkt regional: Die Firma will Verträge mit örtlichen Bio-Bauern schließen, um eine langfristige, für beide Seiten vorteilhafte Lieferung von regionalen Rohstoffen sicherzustellen, sagt Bettina Rolle. 60 Höfe hätten bereits zugesagt, für Barnhouse Dinkel und Hafer anzubauen. Die Naturkorn-Mühle mache daraus dann die benötigten Barnhouse-Flocken. Das Interesse der regionalen Bauern sei groß: Denn ein am Bio-Markt bekannter Hersteller wie Barnhouse gebe für die Zukunft Planungssicherheit, auch für die kommende Generation. Die Beweggründe, für Barnhouse anzubauen, seien vielfältig, so Rolle: Natürlich lockten auch die besseren Preise, festgeschrieben auf jeweils drei Jahre, andererseits, und das sei nicht zu vernachlässigen, mache es viele Bauern stolz, dass ihr Getreide in den Krunchys von Barnhouse verarbeitet werde. All das passt gut zusammen. Und sichtbar wird das Engagement vor allem durch Maxl und die anderen Wasserbüffel in Jettenbach.

Müsli in drei Schichten

Zentnerweise und rund um die Uhr läuft Barnhouse-Krunchy vom Band.

Sina Nagl: „Wir waren von Anfang an 100 Prozent Bio“

Sina Nagl: Seit zwei Jahren arbeitet die Barnhouse-Gründerin am Aufbau bayerischer, regionaler Lieferanten. (Foto: privat)

Barnhouse stellt seit 37 Jahren Bio-Lebensmittel her. „ Und zwar zu 100 % , wie die Gründer Sina Nagl und Neil Reen betonen. Die beiden haben ihre Firma 1979 zu Beginn der Naturkostbewegung gegründet. Sie wollten beweisen, dass man Lebensmittel auch ganz natürlich herstellen kann. „ Die natürliche Wahl war lange der Barnhouse-Slogan. Begonnen haben sie mit Knuspermüsli, einem Getreidefrühstück, das Neil Reen aus seiner englischen Heimat mitgebracht hat. Dort war gebackenes Müsli schon sehr beliebt. Sie gaben dem Knusperfrühstück einen neuen, deutschen Anfangsbuchstaben: „ K statt „ C . Krunchy war geboren. Barnhouse produzierte neben Krunchys noch viele andere Produkte wie Babynahrung, Suppen, Saucen, Schokolade in Bio-Qualität. 1998 besann sich Barnhouse auf seine Kern-Kompetenz und stellte nach dem Umzug von München nach Mühldorf am Inn in erster Linie Krunchys her, heute mehr als 20 Sorten. Bei Barnhouse arbeiten jetzt fast 90 Menschen, die meisten im Dreischicht-Betrieb rund um die Uhr.

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