Jeden Tag eine gute Entscheidung. Für eine bessere Welt. Für uns alle.
Umwelt

spezial: Jobs in der Bio-Branche

Der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln wächst seit Jahren. Inzwischen sucht die Bio-Branche händeringend nach Fachleuten. Sie bietet Menschen eine Chance, die von ihrer Arbeit mehr erwarten als die monatliche Gehaltsüberweisung
30.06.2007
Der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln wächst seit Jahren. Inzwischen sucht die Bio-Branche händeringend nach Fachleuten. Sie bietet Menschen eine Chance, die von ihrer Arbeit mehr erwarten als die monatliche Gehaltsüberweisung

Jobmotor Bio-Branche

Der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln wächst seit Jahren. Inzwischen sucht die Bio-Branche händeringend nach Fachleuten. Sie bietet Menschen eine Chance, die von ihrer Arbeit mehr erwarten als die monatliche Gehaltsüberweisung. // Leo Frühschütz

Beruf kommt von Berufung. Von der inneren Stimme, die einem zuruft: „Das ist deins, das ist dein Weg.“ Manchmal sind solche Wege gut ausgebaut und schnell gegangen. Erika Rieger war 16 Jahre unterwegs. Ein steiniger Weg.

Es begann, als ihr zweites Kind zwei war und Neurodermitis bekam. „Damals haben wir dann den Vollwertkurs eingeschlagen.“ Keine Selbstverständlichkeit. Denn Erika Rieger war auf einem konventionellen Bauernhof im östlichen Westfalen aufgewachsen und hatte in einen landwirtschaftlichen Lohnbetrieb eingeheiratet. „Ich habe das alles mitgekriegt, Pestizide spritzen, Klärschlamm auf den Acker fahren.“ Ihre fünf Kinder ernährte sie derweil mit Bio-Lebensmitteln und schickte sie auf die Waldorf-Schule.

Als Güllegase ihren Vater schwer schädigen, hält Erika Rieger den Spagat nicht mehr aus. Sie trennt sich von ihrem Mann, der die konventionelle Landwirtschaft nicht aufgeben will, und erkämpft sich eine Ausbildung zur Naturkost-Fachberaterin. „Zuerst hieß es beim Arbeitsamt, das Berufsbild gibt es gar nicht.“ Doch schließlich übernimmt die Agentur für Arbeit die Kosten für das zweijährige Fernstudium beim Berliner Forum Berufsbildung. „Ich habe an den Vormittagen gelernt, wenn die Kinder in der Schule waren“, erzählt die heute 43-Jährige. Betriebswirtschaft, Warenkunde, Ernährungslehre, Öko-Anbau und Verkaufsgespräche standen auf dem Stundenplan. Ende 2005, nach insgesamt 29 schriftlichen Arbeiten und einer großen Abschlussprüfung, hielt sie ihr Zertifikat in den Händen. „Da war ich richtig stolz.“

Der nächste Tiefschlag kam beim Arbeitsamt. „Als alleinerziehende Mutter mit fünf Kindern sind Sie nicht vermittelbar. Den Mut hat kein Arbeitgeber, sagte mir der zuständige Sachbearbeiter.“ Erika Rieger machte sich selbst auf die Suche und fand einen mutigen Chef. Seit eineinhalb Jahren arbeitet sie im Naturkostfachgeschäft von Schloss Hamborn in der Nähe von Paderborn.

80 Prozent Frauen

Erika Rieger ist eine von 2400 Absolventen, die bisher beim Forum Berufsbildung ihren Abschluss als Naturkostfachberater gemacht haben. Etwa 80 Prozent waren Frauen, schätzt Jutta Kordes, die diesen Ausbildungsbereich leitet. Etwa 30 bis 50 Prozent seien in Arbeit und nutzen das Fernstudium, um sich fortzubilden und ihre Stelle zu festigen.

Die meisten anderen wollen sich – oft als Quereinsteiger – eine neue berufliche Perspektive schaffen. Eine Förderung durch die Agentur für Arbeit sei heute einfacher zu bekommen als früher, berichtet Jutta Kordes. „Aber fast immer sind es unsere Kunden, die den Arbeitsberatern den Vorschlag machen. Je ländlicher das Arbeitsamt ist, desto mehr Überzeugungsarbeit ist zu leisten.“ Ruft eine Arbeitsagentur bei ihr an, verweist Jutta Kordes gerne auf die zahlreichen Stellenangebote, die Bio-Unternehmen ihr zuschicken und die sie in einer internen Job-Börse an ihre Kursteilnehmer weiterleitet.

Die meisten Anfragen stammen aus dem Einzelhandel. Rund 40 große Bio-Supermärkte haben im letzten Jahr in Deutschland eröffnet. Je nach Größe und Konzept schafft ein solcher Laden bis zu 40 Arbeitsplätze. Das sind einige Minijobs, vor allem aber qualifizierte Teilzeit- und Ganztagesstellen. Anders als in herkömmlichen Supermärkten müssen die Angestellten nicht nur Regale auffüllen oder kassieren. Sie müssen die Produkte kennen, die sie verkaufen, müssen Kunden beraten oder knifflige Fragen von Allergikern beantworten.

Händeringend suchen die Firmen deshalb Menschen mit Einzelhandelserfahrung und Naturkostwissen. Der Bio-Supermarktfilialist Basic AG bietet zusammen mit dem konventionellen Weiterbildungsunternehmen Discemus eine Ausbildung zur „Fachkraft für Bioprodukte im Einzelhandel“ an, um seinen Bedarf in Zukunft decken zu können.

Auch Buchhalter gesucht

Erzeuger und Verarbeiter suchen ebenfalls Personal. Das können höher qualifizierte Tätigkeiten im Einkauf oder im technischen Bereich sein, aber auch Buchhalter oder Lkw-Fahrer. Auch hier ist es die optimale Verbindung, wenn zu fachlichem Wissen noch Engagement und Begeisterung für Bio-Produkte kommen.

Erika Rieger sagt, sie habe im letzten Jahr „ein sehr positives Echo und große Anerkennung“ erfahren. Für sie ist es das Wichtigste, dass sie jetzt selbst Sorge trägt für die Umwelt, für einen vernünftigen Umgang mit den Ressourcen, für die Gesundheit ihrer Mitmenschen.

Jobs voller Energie

Auch Energie aus Sonne, Wind und Biomasse schafft Arbeitsplätze. Die Zahl der Jobs im Bereich der erneuerbaren Energien ist binnen weniger Jahre auf 170000 angewachsen. Die Bundesregierung rechnet damit, dass es bis 2020 300000 Arbeitsplätze werden. Schon jetzt klagen die Hersteller von Windkraftanlagen, dass sie nicht mehr genug qualifiziertes Personal finden. In Berlin sorgt eine eigene Solar-Schule für fähigen Nachwuchs. www.dgs-berlin.de/solarschule/0.htm

Bio-Branche in Zahlen

In Deutschland gibt es mehr als 22000 zertifizierte Bio-Betriebe. Dazu zählen über 17000 Bio-Bauernhöfe und fast 5000 Bäckereien, Metzgereien, Lebensmittelhersteller, Großküchen, Importeure und Großhändler. Hinzu kommen noch rund 2700 Naturkostfachgeschäfte und Bio-Märkte, 1500 Reformhäuser, die Hersteller von Naturkosmetik oder Öko-Textilien, Dienstleister und Verbände. Zusammen bieten diese Betriebe je nach Schätzung 130000 bis 160000 Arbeitsplätze.

Kommentare

Schlagwörter

Das könnte Sie auch interessieren

Ähnliche Beiträge