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Leben

Schritt für Schritt zum Glück

Wenn Kinder Musik hören, beginnen sie sich instinktiv hin und her zu wiegen. Und sie lachen, denn das macht Spaß. Höchste Zeit, dass auch wir wieder die Freude am Tanzen entdecken. // Doris Burger
30.11.2008
Wenn Kinder Musik hören, beginnen sie sich instinktiv hin und her zu wiegen. Und sie lachen, denn das macht Spaß. Höchste Zeit, dass auch wir wieder die Freude am Tanzen entdecken. // Doris Burger

Wenn Kinder Musik hören, beginnen sie sich instinktiv hin und her zu wiegen. Und sie lachen, denn das macht Spaß. Höchste Zeit, dass auch wir wieder die Freude am Tanzen entdecken. // Doris Burger

„Am Fenster“ hieß eines unserer Lieblingslieder. Es war von der Rockband City und dauerte ganze 17 Minuten. 17 Minuten, die wir auf jeder Party mindestens zwei Mal erleben wollten: Wir kannten jede gehaltene Passage, jedes Stöhnen der Geige und jeden Aufschrei des Sängers. Wir sprangen in die Luft, so hoch wir konnten, gurrten herum und glitten über den Parkettboden, zur Not auch über den Teppich. Anschließend waren wir atemlos, verschwitzt ­- und glücklich. Waren es die Bewegungen zur Musik, die Freunde ringsherum, die Unbeschwertheit unserer Studentenpartys … Oder ist es lediglich eine sentimentale Verklärung?

Nein, sagt die Kölner Tanzexpertin und Buchautorin Beate Berger voller Überzeugung: „Tanzen kann einen sehr glücklich machen. Und zwar von ganzem Herzen glücklich, nicht in einem oberflächlichen Sinn, sondern im Sinn von beseelt sein, in Einklang sein mit sich und der Welt.“ So wie es Kinder sind, die noch selbstvergessen tanzen, ohne Angst, einen falschen Schritt zu machen. Wichtig dafür ist, sich geborgen zu fühlen, im Raum, mit den rhythmischen Klängen und den Menschen, die einen umgeben.

Bodyflirt statt Kommandos

Selbstverständlich ohne Stress tanzen lernen. Das ist auch eine neue Idee in den Tanzschulen, wo zumeist die ersten „richtigen“ Schritte geübt werden. Spielerischer möchte man nun herangehen als früher, mit viel Zeit und Gelegenheit zum Ausprobieren. Man startet nicht mehr auf Kommando „eins, zwei, drei und los“, sondern nähert sich zunächst in der Gruppe den neuen Bewegungen.

Dann versucht man es zu zweit: Die Partner nehmen sich an die Hand, gehen seitlich oder nach vorn, erspüren das Gefühl zu führen und geführt zu werden. „Bodyflirt“ nennt sich das neue Programm für Paare. Besonders die eher tanzunlustigen Männer könnten mit dieser Methode den Tänzer in sich entdecken, glaubt Tanzlehrer Peter Marks aus dem nordrhein-westfälischen Bünde, der die Methode maßgeblich entwickelt hat. Keine schlechte Idee, denn an mutigen und tanzbegeisterten Männern fehlt es allenthalben.

Idealer Ausgleichssport

Tanzen macht nicht nur Spaß, es ist auch ein idealer Ausgleichssport: Wer tanzt, fördert sein Körpergefühl und die Selbstwahrnehmung. Die gesamte Muskulatur wird gestärkt und Rückenproblemen vorgebeugt. Tanzen trainiert den Gleichgewichtssinn, die Koordination und die Musikalität. Die Konzentration auf die Bewegungsabläufe fördert zudem die geistige Aktivität und hält den Verstand frisch. Nicht zuletzt ist die Bewegung ideal, um Stress auszugleichen und abzubauen.

Fitter Körper, fitter Geist

Vielleicht überzeugt es aber auch zu hören, wie gut regelmäßiges Tanzen wirkt: Wer tanzt, bleibt geschmeidig und wird stärker. Denn nicht nur die Muskulatur, auch Sehnen und Bänder werden gekräf-tigt, die Gelenke dadurch gut geschützt. Sowohl Beine und Po als auch Bauch und Rücken müssen beim Tanzen viel leisten, das stärkt neben den großen Muskelgruppen auch die tief liegende feine Muskulatur und beugt Haltungsschäden und Rückenschmerzen vor. Wer neue Tanzschritte lernt, trainiert zudem das Gedächtnis und die Kreativität. Denn durch die rhythmischen, koordinierten Bewegungen wird die Verknüpfung von Gehirnzellen gefördert. Wer tanzt, hält sich also nicht nur körperlich, sondern auch geistig fit.

Tanzen als Therapie

Tanzen beugt jedoch nicht nur vor, es kann auch bei der Heilung helfen. Vor allem im psychiatrischen Bereich hat sich die Tanztherapie etabliert. Nachgewiesen sind Erfolge bei Schizophrenie, bei schweren Depressionen, bei Ess- und Schlafstörungen. Aber auch in der Schmerztherapie und in der Rehabilitation nach Krebserkrankungen wird Tanzen erfolgreich eingesetzt, wie Studien der Universitäten Dresden und Erlangen sowie Freiburg bestätigen. Durch die Bewegung können Gefühle ausgedrückt werden, die sich bewusst häufig nicht benennen lassen.

Der Tanz hilft dabei, den verletzten und veränderten Körper wieder anzunehmen, seine Kraft neu zu entdecken, den Lebensmut zu stärken und ein neues Gleichgewicht zu finden. Die Potsdamer Tanztherapeutin Dorothee Lentz arbeitet seit vielen Jahren sowohl in ihrer eigenen Praxis als auch in einer psychosomatischen Klinik. „In der Tanztherapie versuchen wir einerseits die Stärke des Menschen wiederzuentdecken und zu fördern, zum anderen arbeiten wir daran, die Ursache der Störungen zu ergründen.“ So ist es beispielsweise nach einem Unfall, der das Opfer einer großen Ohnmacht aussetzt, häufig besonders wichtig, zunächst einmal Körperhaltungen zu finden, die Sicherheit vermitteln, also etwa: Wie kann ich einen sicheren Stand bekommen?

Von dort ausgehend, nimmt die Therapeutin die Bewegung hinzu: „Im Mittelpunkt steht dann etwa die Frage, welche Bewegungen helfen, wieder einen größeren Raum auszufüllen“, so Lentz. „Der Körper weiß Dinge, über die wir - bewusst - nichts wissen“, ist auch die Hamburger Tanzkritikerin Gabriele Wittmann überzeugt. „Die Bewegung ist ein Mittel, um dieses ‚Andere‘ ins Bewusstsein zu bringen.“ Sie kann eine neue Einheit von Körper, Geist und Seele schaffen. So ist Tanzen auch ideal, um den Alltagsstress anzugehen, die Beine zu schütteln und den Kopf auszulüften.

Locker bleiben

Zum Beispiel bei einem Workshop bei Tanztrainer Halil Gül. Geschmeidig und kraftvoll zugleich zeigt er „Latin Moves“, eine Mischung aus Salsa und Merengue, nicht ganz einfach für steifhüftige Ungeübte. Aber er lässt nicht locker, wiederholt die Bewegungen unermüdlich. Und wir - 21 Frauen und ein Mann - schwenken die Hüften, drehen uns, springen und drehen uns wieder. Nach einer guten Stunde klappt die Choreografie schon ganz passabel. Wir sind komplett verschwitzt, erschöpft - und glücklich.

Das bringt Linderung

Swing

Swing wurde 1927 in Harlem erfunden und ist eine Stilrichtung des Jazz. In den 30er- und 40er-Jahren wurde er - obwohl in Nazi-Deutschland verpönt - in den deutschen Klubs populär. Vom Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband wurde er zum „Tanz des Jahres 2008“ gekürt.

Salsa

Sie entstand in den 60er-Jahren in New York, vor allem durch Einwanderer aus Kuba und Puerto Rico. Salsa heißt wörtlich übersetzt „Soße“, da sie Elemente aus ver­schiedenen Tänzen wie Danzón, Cha-Cha-Cha, Mambo und Rumba enthält. Der Grundschritt zum 4/4-Takt ist schnell erlernt, der Rhythmus geht sofort ins Blut.

Türkisch Pop und Bollywood

Zu türkischer Popmusik werden Aerobic­schritte mit östlichen Tanzelementen gepaart, ein Mix von Kulturen und Stilen. Ähnlich ist „Bollywood“, nach den gleichnamigen Film­reihen genannt, eine Verbindung aus ­indischem Tempeltanz, Modern Dance, orientalischem Tanz und Hip-Hop.

Tango

Zu unterscheiden ist der internationale Tango, ein Standardtanz der Tanzschulen, und der „Tango Argentino“. Die Vorläufer entstanden in den Slums und Hafenvierteln von Buenos Aires. Anfang des 20. Jahr­hunderts kam er dann nach Paris und wurde schnell beliebt. Er wird eng, geradezu auf Tuchfühlung, getanzt.

Tanzen in der Schule

„Alle Kinder sollten das Recht bekommen, Tanz zu erleben! Und zwar in der Schule, dem einzigen Ort, in dem unsere Gesellschaft Bildung für jedes Kind ermöglicht.“ So heißt es in einer Doku­mentation der Bundesinitiative „Tanz in Schulen“. Viele Projekte laufen zurzeit in München, andere in Nordrhein-­Westfalen, etliche in Bremen und Hamburg.

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