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Umwelt

Plastikmüll: Irrweg Einweg

PLASTIK-MÜLL Das Heimatland der Mülltrennung hat ein Problem mit Recycling, denn auch Plastik, das verbrannt wird, gilt als wiederverwertet. Wie rauskommen aus dem Teufelskreis?
22.05.2019
PLASTIK-MÜLL Das Heimatland der Mülltrennung hat ein Problem mit Recycling, denn auch Plastik, das verbrannt wird, gilt als wiederverwertet. Wie rauskommen aus dem Teufelskreis?
Die vielen unterschied- lichen Plastiksorten stellen Müllsortierungsanlagen vor große Probleme. © Photocase/PolaRocket

PLASTIK-MÜLL Das Heimatland der Mülltrennung hat ein Problem mit Recycling, denn auch Plastik, das verbrannt wird, gilt als wiederverwertet. Wie rauskommen aus dem Teufelskreis? Heike Holdinghausen

Das Abfall-Problem ist allgegenwärtig, die Republik scheint an den Resten ihres Konsumrauschs zu ersticken. Die Bundesregierung stellt fest, die Lebensgewohnheiten in Deutschland seien durch mehr Konsum sowie kurzlebigere und aufwendiger verpackte Produkte bestimmt. Nicht nur der Spiegel berichtet über Müll-Lawinen und das „Voluminöseste aller Umweltprobleme“. Was nach einer Beschreibung der aktuellen Lage klingt, ist tatsächlich 50 Jahre alt. Die Spiegel-Artikel erschienen 1971, die Problembeschreibung stammt von der sozial-liberalen Regierung unter Kanzler Willy Brandt. Es folgte, 1976, die erste moderne Abfallgesetzgebung in Deutschland.

Knapp 50 Jahre später ist der Streit über den Abfall wieder voll entbrannt. Empört nimmt die Öffentlichkeit wahr, dass auch der selbst ernannte Recycling-Weltmeister Deutschland in großem Maßstab Plastikmüll in arme Länder exportiert hat, anstatt sinnvolle Wertstoffkreisläufe zu etablieren. Selbst nachdem sich Staaten wie China oder Malaysia gegen die Praxis der Industrienationen wehrten und Import-Verbote gegen Müll verhängten, deuten die Verwertungsquoten nur vordergründig auf ein funktionierendes Recyclingsystem hin.

Die Zahlen sind zwar beeindruckend: Von 6,15 Millionen Tonnen Kunststoffabfällen, die in deutschen Unternehmen und privaten Haushalten 2016 angefallen sind, wurden laut Umweltbundesamt (Uba) 99,4 Prozent stofflich oder energetisch verwertet. Aber was heißt das genau? Etwa zwei Drittel aller Plastikverpackungen wurden energetisch verwertet, also verbrannt. Zwar brennen sie recht gut, schließlich bestehen sie aus Erdöl. Doch sind selbst gute Abfallverbrennungsanlagen nicht einmal so effizient wie Braunkohlekraftwerke. Von einem sinnvollen Verwertungsweg kann also keine Rede sein. Der läge, laut Uba, vor allem in der werkstofflichen Verwertung.

Das bedeutet, dass Kunststoffe zerkleinert, gereinigt und dann zu einem Granulat verarbeitet werden, das neuen Kunststoff ersetzt. Das funktioniert, wenn Kunststoffe sortenrein erfasst und verarbeitet werden, etwa bei Fässern oder Eimern, die von Unternehmen genutzt werden. Bei der wilden Mischung von Verpackungsabfällen, die in den gelben Säcken vor unseren Haustüren landet, ist das nicht der Fall. Und so beträgt der Anteil von Kunststoff-Rezyklaten an der verarbeiteten Gesamtmenge nur etwas mehr als zwölf Prozent. Der Markt schafft keine Recyclingmärkte – dies lässt sich in 50 Jahren deutscher Abfall-Diskussion immer wieder beobachten.

Links: Schwarzes Plastik kann in Sortieranlagen nicht erkannt werden. Rechts: 8,2 Millionen Tonnen Plastik-Müll produzieren wir im Jahr. © Torsten Krüger/dpa; plainpicture/Richard Nixon

Nur zwölf Prozent Recycling-Anteil

Die Geschäfte der Kunststoff-Produzenten laufen hingegen bestens. Insgesamt sind im Jahr 2016 laut Uba Nahrungsmittel, Getränke, Heimtierfutter, aber auch Kleidung und Elektrogeräte in 18,2 Millionen Tonnen Papier, Pappe, Holz, Kunststoff und Glas verpackt worden – so viel Material wie nie zuvor. Gegenüber dem Vorjahr haben sie in Deutschland die Produktion von Kunststoffverpackungen sogar gesteigert.

Die Branche sieht sich vielmehr einer Kampagne ausgesetzt. Kunststoffverpackungen seien in den letzten Jahren immer leichter und somit ressourceneffizienter geworden, argumentiert sie. Vor allem aber verweist ihr Verband „Plastics Europe“ darauf, dass Deutschland über ein funktionierendes und effizientes Kunststoff-Abfallmanagement verfüge. „Kunststoffabfälle werden hierzulande als wertvolle Ressource behandelt und in den Verwertungsprozess eingespeist“, schreibt der Industrieverband.

Auch diese Erzählung ist alt und zieht sich durch die 50-jährige Geschichte der deutschen Abfallpolitik. Am Anfang – ein Umweltministerium gab es noch nicht – war der liberale Innenminister Werner Maihofer zuständig für das Thema. Beeindruckt durch den „Ölpreis-Schock“ von 1974 sagte er dem Spiegel, steigende Umweltauflagen und Preise würden Rohstoffe derart verteuern, dass die Nachfrage nach Recyclingmaterial von selbst ansteige.

Die Recyclingbranche wiederum betont, sie könne viel mehr, als derzeit von ihr verlangt werde. Sie weitet ihre Kapazitäten aus und investiert in neue Technik, bekommt aber ihre Rezyklate kaum los. Für Recycling-Material gibt es kaum einen Markt, denn Recycling ist teuer und Öl billig. Deshalb ist das Plastik aus Erdöl günstiger. So fordern die Recycling-Unternehmen nicht nur hohe Recyclingquoten, sondern auch Vorschriften darüber, wie viel Recycling-Material in Kunststoffprodukten enthalten sein muss. Zudem halten sie den Herstellern von Verpackungsmaterialien sowie von Markenprodukten vor, sie müssten sich mehr Gedanken über die Recyclingfähigkeit ihrer Produkte machen – Stichwort: Öko-Design. So lassen sich zum Beispiel nach heutigem Stand der Technik schwarz gefärbte Kunststoffflaschen nicht recyceln. Sie rutschen geradewegs auf das Band Richtung Verbrennungsanlage.


Sortierungs-Anlagen

Waschmittel für „schwarze Fasern“ oder „Black Gel“ in schwarzem Behältnis werden von den
Sensoren ebensowenig erkannt wie Verpackungen, auf denen große Etiketten kleben.


Einweg-Materialien sind nie umweltschonend

Seit Anfang 2019 soll es für die Hersteller solcher schlecht recycelbarer Verpackungen teurer werden, das sieht das neue deutsche Verpackungsgesetz vor. Ob diese Maßnahme zu einem sinnvolleren Verwertungskreislauf führt, wird sich auch an der Ladentheke zeigen. Denn neben all den weltweiten Anstrengungen der Regierungen, von der EU über die Karibik-Staaten bis nach Ruanda, Kenia und Marokko, bleiben Verbraucherinnen und Verbraucher wichtige Akteure im Kampf gegen Plastikmüll. Auch sie sind ein wichtiges Glied in der Recycling-Kette. Der Naturschutzbund Nabu rät ihnen, die Materialien etwa bei Brot-Tüten aus Papier mit Plastik-Sichtfenster oder Joghurt-Bechern aus Kunststoff und Karton schon zu Hause getrennt zu entsorgen – Pappe in die eine Tonne, Plastik in die andere. Am besten sei: „Müll vermeiden“ – also unverpackte Ware kaufen, Mehrwegflaschen statt Einweg-Kartons. Auch der Verpackungsleitfaden des Bundesverbandes Naturkost Naturwaren (BNN) stellt fest: „Es gibt keine Einweg-Materialien oder -Tüten, die umweltschonend sind. Es gibt allenfalls Materialien, die weniger schädlich sind als andere. Deshalb sollten Einweg-Verpackungen nicht als umweltfreundlich beworben werden.“

Zwar gebe es keine speziellen Verpackungsvorschriften für den Bio-Handel, sagt Joyce Moewius, Sprecherin des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft, die Öko-Vorgaben umfassen nur die Landwirtschaft und die Verarbeitung der Nahrungsmittel. Doch sei das Verpackungs-Thema für Händler und Kunden trotzdem wichtig. Es gebe mehr „Engagement in Bio-Läden, etwa ‚unverpackt‘-Angebote im Bereich Trockenprodukte oder im Obst- und Gemüsesortiment“, so Moewius.

Radikal gehen die „Unverpackt-Läden“ das Problem an, die bundesweit in vielen Städten entstehen, oder auch Food-Kooperativen, in denen sich Landwirte und Verbraucher zusammenschließen. Die Bauern liefern Obst und Gemüse direkt an bestimmte Orte, die Mitglieder der Kooperative holen sie ab – unverpackt.


Vorbild Ruanda

In dem kleinen ostafrikanischen Land ist das Herstellen, Benutzen und
Verkaufen von Plastiktüten seit dem Jahr 2006 verboten.


Prinzip der Kreislaufführung

Auf der Suche nach neuen Lösungen sind auch Hersteller nachhaltiger Bekleidung. Sie wollen ihre Produkte umweltschonender verpacken und experimentieren mit einer Papiertüte aus Pergamin. Ihre Fasern stammen aus FSC-zertifizierten Wäldern, sie kann im Altpapier entsorgt werden, sagt Claudia Lanius, Inhaberin des Kölner Labels Lanius. Ganz verzichten könne man auf die Tüte aber nicht, sagt die Designerin. „Wir selbst produzieren in neun verschiedenen Ländern, die Kleidung müsse beim Transport vor Nässe oder Schmutz geschützt werden“, so Lanius. Die neue Verpackung orientiere sich am bekannten Cradle-to-Cradle-Prinzip. „Das ist das Beste, was wir derzeit machen können.“

Das Prinzip der Kreislaufführung von Stoffen sei zwar grunsätzlich sinnvoll, sagt Rolf Buschmann, Ressourcenexperte des Umweltverbandes BUND. Doch sei Vorsicht angebracht, einfach nur ein Verpackungsmaterial durch ein anderes zu ersetzen. „Papier und Pappe sind aus Umweltsicht auch nicht unproblematisch“, so Buschmann. Dies gelte auch für sogenannte Bioplastik. „Zum Teil haben sie eine schlechtere Öko-Bilanz als Plastik aus Erdöl“, so Buschmann. Auch die folgende
Erkenntnis von Buschmann ist schon Jahrzehnte alt und orientiert sich an den „Grenzen des Wachstums“, die der Club of Rome Anfang der Siebziger aufgezeigt hat: „Wir brauchen andere Konzepte im Umgang mit Waren, kürzere Transportwege, eine weniger zentralisierte Logistik“, sagt der BUND-Experte. Und so diskutiert die Konsumgesellschaft seit beinahe
50 Jahren, wie sie mit ihren dreckigen Resten fertig werden soll. Dafür produziert sie immer neue Gesetze, Initiativen, Technologien – und Jahr für Jahr mehr Müll.

© Martin Künsting/HZB

Forschung

Wunderwaffe Enzyme

Sie gelten als Wunderwaffe im Kampf gegen Plastik in der Umwelt: Cutinasen, Lipasen oder Esterasen. Diese Enzyme werden in der Natur durch Bakterien produziert und können Plastik zersetzen. Sie sind in der Lage, die langen Polymer-Ketten, aus denen Kunststoffe bestehen, aufzuspalten und sie so in andere Stoffe umzuwandeln. Weltweit arbeiten Wissenschaftler mit verschiedensten Bakterienstämmen, die Kunststoffe verstoffwechseln können. Zuletzt machte die Entdeckung von Forschern der Universität Portsmouth Furore: Sie entwickelten das Enzym PETase weiter, das verschiedene Plastikarten zersetzen könne. PETase wurde ursprünglich in einer japanischen Recyclinganlage entdeckt und in England modifiziert. Solche Nachrichten gibt es alle Jahre wieder. Der Haken an der Sache: Meist arbeiten die Enzyme langsam und nur bei relativ hohen Temperaturen. Was also im Reagenzglas bei 30 oder 50 Grad Celsius im Labor gut funktioniert, lässt sich nicht einfach auf die Nordsee übertragen.

Was ist was?

Plastik-Glossar

PP – Polypropylen
Widerstandsfähig und flexibel. Dient der Herstellung von Lebensmittelverpackungen, etwa Joghurt- und Margarinebecher, Tüten für Süßigkeiten und Snacks

PET – Polyethylenterephthalat
Durchsichtig und bruchsicher; daraus werden Flaschen und aromadichte Folien hergestellt

PPE – Polyphenylenether
Formbeständig, unter anderem für harte und haltbare Verpackungen

PLA – Polymilchsäure
Biobasierte Kunststoffe aus Mais oder Zuckerrohr

EPS - Expandiertes Polystyrol, Handelsname Styropor
Wärmedämmend, daher beliebt als Transportbehälter für warme Speisen

PTFE – Polytetrafluorethen
Eines der rutschigsten Materialien; wird unter anderem als Beschichtung in Pfannen oder Kochtöpfen eingesetzt

LDPE – Low Density Polyethylene
Sehr strapazierfähig und hitzebeständig, wird für Frischhaltefolien, Einkaufstüten, Beschichtungen verwendet

Mehr zum Thema:

www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/oekolo gisch-leben/alltagsprodukte/19838.html#wertstoffe
Eine gute Übersicht zur richtigen Mülltrennung

www.wastezero.com
Ein Blick über den großen Teich: das Müll-Problem in den USA

www.zerowastelifestyle.de/category/aktuelles
Blog zur Befreiung vom Überfluss

www.ifeu.de/themen/ressourcen/kreislaufwirt schaft/abfallvermeidung
Über Kreislaufwirtschaft und Abfallvermeidung

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