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Essen

Löffelweise Harmonie

„Tut mir leid, keine Zeit!“ Viele hetzen von einer Verpflichtung zur nächsten und stehen ständig unter Strom. Die ayurvedische Küche kann gestresste Gemüter besänftigen. // Astrid Wahrenberg
29.02.2008
„Tut mir leid, keine Zeit!“ Viele hetzen von einer Verpflichtung zur nächsten und stehen ständig unter Strom. Die ayurvedische Küche kann gestresste Gemüter besänftigen. // Astrid Wahrenberg

„Tut mir leid, keine Zeit!“ Viele hetzen von einer Verpflichtung zur nächsten und stehen ständig unter Strom. Die ayurvedische Küche kann gestresste Gemüter besänftigen. // Astrid Wahrenberg

Rezepte

Was Dem Steinzeitmenschen das Leben gerettet hat, kann für uns gefährlich werden: Die Fähigkeit, binnen Sekunden von null auf hundert durchzustarten. Wer Mammuts jagt, braucht ein Notfallsystem. Wir profitieren davon – etwa, wenn wir auf den letzten Drücker für eine Prüfung lernen. Unter Anspannung mobilisieren wir ungeahnte Kräfte. Allerdings sind wir mitunter Herausforderungen ausgesetzt, die uns überfordern. Der Körper reagiert darauf wie folgt: Der Hypothalamus im Zwischenhirn setzt eine Hormonkaskade in Gang. Diese veranlasst die Nebennierenrinde, Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol auszuschütten. Atem und Herzschlag beschleunigen, der Blutdruck steigt, die Muskulatur spannt sich an, die Sinne werden geschärft, Verdauung und Geschlechtstrieb gedämpft. Ist die riskante Situation vorbei, machen wir uns wieder locker. Problematisch ist Stress am laufenden Band. Chronisch schwächt er das Immun- und Gefäßsystem.

Nervennahrung essen

Das Wort Stress kannte man im Ayurveda vor 6000 Jahren noch nicht, wohl aber die Symptome: Nervosität, gestörter Schlaf, Gelenkschmerzen, Muskelspannungen, Geräuschempfindlichkeit und trockene Haut. All das weist auf eine sogenannte „Vata-Störung“ hin. Gemäß der Lehre bildet Vata (Bewegungsprinzip) zusammen mit Pitta (Stoffwechsel) und Kapha (Struktur) die drei Lebenskräfte (Doshas) im Menschen. Eine dieser Kräfte herrscht in jedem Menschen vor und bestimmt seine Konstitution. Unabhängig davon sollen die drei Doshas im Körper in Harmonie fließen. Dann geht es uns gut. Sind die Doshas gestört, kann es zu Krankheiten kommen. Deshalb zielen alle Maßnahmen – vom regelmäßigen Lebensstil bis zu Ölmassagen, Bewegung, Meditation und Ernährung – darauf ab, das Gleichgewicht zu halten. Ayurveda ist daher vor allem eine vorbeugende Therapie. Eine Störung erfühlen ayurvedische Ärzte etwa am Puls. Bei gestressten Menschen pulsiert er schnell und flach. Vata-Störungen sind heute recht häufig. Als Erstes verordnen sie gestressten Patienten Bewegung, Entspannung und gute Ernährung. Denn was wir essen und trinken, beeinflusst unser Wohlbefinden. Idealerweise ist das Essen ein Fest für die Sinne: der Reis soll duften, das Gemüse knackig und bunt, kein zerkochtes Einerlei sein. Der Apfel soll beim Reinbeißen knacken. Gesundes Essen macht Freude und ist aus frischen, unbelasteten Lebensmitteln zubereitet. In der ayurvedischen Küche sind in jeder Mahlzeit möglichst alle Geschmacksempfindungen (süß, sauer, salzig, scharf, bitter, herb) enthalten. Das macht satt und zufrieden. Wer eine Vata-Störung hat – also unter Stresssymptomen leidet –, bekommt zwei Lebensmittel- listen: Was auf der einen steht, soll er meiden, das auf der anderen bevorzugen.

Beruhigt: süß, sauer und salzig

Zurückhaltung ist etwa bei Nahrungsmitteln mit überwiegend scharfem, bitterem oder herbem Geschmack geboten – sie heizen Vata an. Als günstig gelten süße, saure und salzige Nahrungsmittel. Sie reduzieren das überdrehte, nervöse Vata. Speisen und Getränke sollten warm sein, im Winter etwas schwerer und fetter. Das besänftigt und beruhigt das System. Also haben wir ganz richtig bei Schokolade und Chips zugegriffen, wenn die Nerven blank gelegen haben? – Nein, selbst wenn die Richtung süß und salzig stimmt. Für Zwischenmahlzeiten, Snacks und Fast Food gibt’s im Ayurveda die rote Karte.

Regelmäßig und in Ruhe essen

Zwischen jeder Mahlzeit sollten vier bis sechs Stunden liegen, damit der Körper gut verdauen kann. Geregelte Essenszeiten sind wichtig, sie strukturieren den Tag, was in stressigen Zeiten wichtig ist. Die Hauptmahlzeit gibt’s mittags, da darf man sich richtig satt essen. Das Frühstück kann auch mal ausfallen. Abends soll das Essen leicht verdaulich sein, damit man gut schlafen kann. Außerdem sollte man in Ruhe essen, in schöner Umgebung, ohne nebenbei etwas zu erledigen. Disziplin hilft, nicht unkontrolliert in sich hineinzustopfen. Unregelmäßiges Essen ist fatal, es feuert die Vata-Energie an. Ein Teufelskreis, der meist mit zu wenig Bewegung einhergeht. Stresspegel und Gewicht steigen. Und jetzt kommt die gute Nachricht: Niemand braucht sich süße Leckereien zu verkneifen. Im Ayurveda wird die süße Lust ernst genommen. In manchen Kurkliniken serviert man deshalb die Nachspeise noch vor der Hauptmahlzeit.

Stressessen

Jeder reagiert anders auf Stress. Manchen schlägt die Anspannung auf den Magen, sie können keinen Bissen essen. Andere schlingen große Mengen herunter. Binge- Eating nennen Psychologen diese Reaktion. Anders als Bulimiekranke erbrechen sich die Patienten nach der Essattacke nicht, viele von ihnen sind daher übergewichtig.

Studie: Ayurveda gegen Burn-out

Wie wirkt sich eine ayurvedische Kur auf Stress aus? Das wollte man in der Kurklinik Parkschlösschen Bad Wildstein in Traben-Trarbach wissen. 2006 begleiteten Stressforscher der Uni Trier 84 Patienten während einer zehntägigen Panchakarma-Kur. Sie untersuchten vor, während und am Ende der Kur den Cortisolspiegel im Speichel. In der Gruppe der Stress- und Burn-out-Patienten näherten sich die Werte der Stresshormone am Ende der Kur deutlich den Werten einer Kontrollgruppe ohne Stresssymptome.

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