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Umwelt

Kräuterkurse

Bei Kräuterwochenenden erfahren Teilnehmer, welches Kraut fürs Essen taugt und welche heilende Wirkungen zeigen – Freude bei der Sache garantiert. // Nicole Galliwoda
27.02.2006
Bei Kräuterwochenenden erfahren Teilnehmer, welches Kraut fürs Essen taugt und welche heilende Wirkungen zeigen – Freude bei der Sache garantiert. // Nicole Galliwoda

Auf ins Wilde-Kost-Wochenende

Bei Kräuterwochenenden erfahren Teilnehmer, welches Kraut fürs Essen taugt und welche heilende Wirkungen zeigen – Freude bei der Sache garantiert. // Nicole Galliwoda

Christiane Icke kniet am Boden, ihre Hände greifen in weiche, leicht krümelige, dunkle Erde. Wie fast jeden Tag zieht es die Bio-Gärtnerin hinaus in den Kräutergarten. Sie gräbt Beete um, legt Rabatten an, hackt, harkt und pflegt die Pflänzchen. Christiane Icke ist seit Kindertagen eine leidenschaftliche Gärtnerin, die ihren Beruf mit Hingabe ausübt. So wachsen und gedeihen durch ihre geschickten Hände zwischen Pflaumenbäumen und Johannisbeerhecken rund 80 verschiedene Heil- und Küchenkräuter.

Seit fünf Jahren beackern die Gärtnerin und ihre Kolleginnen den 3.000 Quadratmeter großen Garten, der auch Duft- und Tastkräutergarten ist, am Rande des Dörfchens Papendorf nahe der Ostseeinsel Usedom in Vorpommern. Die gepachteten Flächen wurden vom Anbauerverband Gäa und der EU-Kontrollstelle „Grünstempel” für den ökologischen Anbau zertifiziert. Swinemünde und die polnische Grenze sind fast in Blickweite der Ostseeküste. Das Meerklima lässt die Kräuter üppig sprießen und starke Aromen ausbilden. Hier blühen im Juni Muskatellersalbei und Ysop (Essigkraut), Ringelblume, Malve, Johanniskraut und Salbei stehen im Juli in voller Blüte. Verschiedene Minze- und Thymianarten verströmen den ganzen Sommer lang ihren Duft.

Aus Tee wird Drachenblut

Nach der Ernte werden die ökologisch angebauten Pflanzen schonend getrocknet und nach eigenen Rezepten zu Kräutertee-Mischungen mit Namen wie Blütenreigen, Elfentraum, Drachenblut, Venusmond und Nachtfeuer zusammengestellt.

Bei einer Tasse Nachtfeuer-Tee entstand wohl auch die Idee, spezielle Kräuterseminare anzubieten, in denen die Teilnehmer viel über Kultur- und Wildkräuter, deren Verwendung in Küche und Hausapotheke und der Wirkung auf Körper, Geist und Seele erfahren sollen. „Wilde Kost“ nennen die Pommerländer seither ihre Kräuterwochenenden, die sie speziell Frauen anbieten.

Ellen Boysen aus dem hessischen Herborn ist schon zum zweiten Mal mit von der Partie. Ausgerüstet mit festem Schuhwerk, Messer, Korb und Beutel läuft sie zusammen mit einem Dutzend weiterer Teilnehmerinnen hinaus in die hügelige Moränenlandschaft. Auf den Wanderungen durch die Gemarkungen Pulow und Wangelkow zeigt die Heilpraktikerin und Kräuterexpertin Gisela Sticker aus Berlin den Frauen neben dem Kräutergarten auch Wildkräuter. „So etwa den Zaungiersch, den ich im Garten stets verfluche, weil er überall wächst wie Unkraut“, klagt Boysen. Einfach ausrupfen und ab in den Salat damit, heißt Stickers einfache Lösung. „Dann brauche ich mich nicht mehr zu ärgern. Und es schmeckt auch noch gut.“

Aus den gesammelten Kräutern zaubern die Kursteilnehmerinnen unter der Anleitung der Berliner Kräuterexpertin köstliche Gerichte und nehmen außer einer Vielzahl von Anregungen und Rezepten auch eigene Kräuteröle und -essige mit nach Hause. Ellen Boysen füllt in ihr mitgebrachtes Schraubglas Olivenöl und Spitzwegerichblätter. Sechs Wochen bleibt es stehen, bis sie es durch ein feines Tuch sieben wird. Von Gisela Sticker stammt der Rat, das selbst gemachte Spitzwegerichöl bei Husten auf Brust und Rücken zu verreiben.

Notpflaster, das am Weg wächst

Bereits in der Antike schätzte man den Spitzwegerich bei starkem Husten sowie Schüttelfrost. Im Mittelalter wurde er bei Brandwunden, Geschwüren und Entzündungen eingesetzt. Kneipp nutzte ihn zum Blutstillen und Wunden behandeln. Seine Wirkung als Hustensaft war bis vor nicht allzu langer Zeit so sprichwörtlich, dass der Ausdruck „Spitzwegerich-Saft“ als allgemeiner Name für Hustensäfte galt. Auf frische Verletzungen können auch direkt aus der Wiese gepflückte, zerquetschte Blätter gelegt werden. Bei Insektenstichen lindern zerdrückte Wegerichblätter den Juckreiz. Wanderer können sich so ihr Notpflaster am Wegesrand schnell selbst pflücken. Die so vielfältig einsetzbare Heilpflanze schmeckt auch zu Salaten, Quark und Weichkäse. Das probiert Ellen Boysen beim abendlichen Büfett. „Der Salat mit Spitzwegerichblättern, Sauerampfer, Vogelmiere, Brunnenkresse und geraspelter Topinamburwurzel schmeckt einfach köstlich“, schwärmt sie. In den vergangenen Jahren kamen mehr als 100 Frauen aller Altersgruppen aus ganz Deutschland sowie aus dem benachbarten polnischen Swinoujscie zu den sechs Wilde-Kost-Wochenenden in den Lassaner Winkel. Je nach Jahreszeit stehen eher die grünen Kräuter oder Blüten oder aber Wurzeln und Beeren im Mittelpunkt der Wanderungen und des abendlichen Kräuterbüfetts.

Heilende Pflanzen

Als Heilpflanzen werden Pflanzen bezeichnet, die aufgrund ihrer sekundären Inhaltsstoffe Krankheiten bei Menschen und Tieren heilen oder deren Symptome lindern können. Sekundäre Pflanzenstoffe sind eine Gruppe von etwa 60.000 Substanzen, die von Pflanzen als Farbstoffe, Wachstumsregulatoren, Abwehrstoffe gegen Schädlinge und Krankheiten sowie als Aroma- und Duftstoffe gebildet werden.

Informationen:

www.ackerbuergerei.de

www.naturschule-wiesengrund.de
Tel 0 30 / 6 87 77 03

www.kraeutergarten-pommerland.de
Tel 03 8 / 3 74-51 11

Das 1 x 1 des Bio-Kräuteranbaus

Gedüngt mit Zuckerrübensaft

Mecklenburg-Vorpommern gehört mit knapp 100 Hektar zu den vier Bundesländern mit den größten ökologischen Anbauflächen für Heil- und Gewürzpflanzen. In Brandenburg sind es 108 Hektar, in Bayern 112 und in Sachsen 160 Hektar. Auf insgesamt 700 Hektar werden deutschlandweit 108 Arten Heil- und Gewürzpflanzen ökologisch angebaut. Das sind knapp zehn Prozent der Gesamtanbaufläche von Heil- und Gewürzpflanzen in Deutschland. Die insgesamt 6.700 Hektar verteilen sich hauptsächlich auf die Länder Bayern (1.500 ha), Thüringen (1.300 ha) und Hessen (1.000 ha). Die Zahl der Öko-Betriebe ist in Baden-Württemberg, Hessen und Bayern besonders hoch. Dort gedeihen aufgrund der langen Anbautradition zudem die meisten Arten. Traditionelle Heil- und Gewürzpflanzen sind im Öko-Anbau flächenmäßig am stärksten vertreten. Neben Sanddorn und Hagebutte gehören Kamille, Fenchel, Kümmel, Roter Sonnenhut und Baldrian dazu. Am häufigsten werden Pfefferminze, Salbei und Kümmel angebaut. Die meisten Betriebe haben eine kleine Anbaufläche mit 0,5 bis 10 Hektar. Schnell lösliche Stickstoff- und Mineraldünger, wie sie im konventionellen Anbau üblich sind, kommen im Öko-Anbau nicht in die Erde. Zum Düngen werden hauptsächlich Stallmist, Gülle aus ökologischen Betrieben, Haarmehl-Pellets, Hornspäne und eingedickter Zuckerrübensaft in aufwändiger Handarbeit in die Erde eingebracht. Krankheiten und Schädlinge machen den Bio-Anbauern kaum Ärger. Wenn, dann sind es Mehltau, Zikaden und Blattläuse. Dagegen gibt es Mittel wie Neem, ein Auszug aus den Kernen des Neem-Baumes, oder andere Pflanzenbrühen. Unkräuter und Gräser wie die Ackerkratzdistel und Quecke lassen sich durch Abflammen, Mulchen, mit Handhacke oder Striegeln bekämpfen. Chemische Pflanzen- und Insektengifte oder Mittel gegen Pilzbefall, wie sie im konventionellen Anbau zugelassen sind, dürfen Öko-Betriebe nicht verwenden.

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