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Umwelt

Und es war Sommer

Wir schulden es unserem Sommerglück, dass wir darauf achtgeben, findet Fred Grimm in seiner Kolumne.

21.06.2018 vonFred Grimm

Wir schulden es unserem Sommerglück, dass wir darauf achtgeben, findet Fred Grimm in seiner Kolumne.

So richtig fängt der Sommer erst an, wenn die Menschen in den Straßencafés sich auf den Schattenplätzen drängen. Über den Tagen liegt dann so eine flirrende Grundträgheit und es kommt einem vor, als könne man die Luft, die über den Gebäuden hängt, auch sehen.

Der Sommer ist ohnehin die Zeit der geschärften Sinne. Man sieht besser im hellen Tageslicht. Und beim Sonnenuntergang sieht man auch besser aus. Man riecht, hört, schmeckt wie neu, weil es mehr zu riechen, hören oder schmecken gibt. Den Duft frisch gepflückter Erdbeeren zum Beispiel. Das Lachen der Barfußkinder. Und im Meer, das meine Sommererinnerungen prägt, werden wir alle, Dicke und Dünne, Arme und Reiche, Verliebte und Hassende wieder zu glücklichen Zweijährigen, die zum ersten Mal im Wasser stehen. Ein paar Tage lang macht im Sommer sogar der Regen Spaß.

Der Sommer als Zeit der geschärften Sinne sollte uns besonders empfänglich machen für all das, was da gerade verloren geht. Die üppigen Sommerwiesen mit ihrer Blumenpracht – wo gibt es die heute noch? Die Anarchie wild wachsender Sträucher und Bäume, die glücklich plätschernden Bäche, die sich ihren Weg suchen, ohne dass der Mensch den Lauf bestimmt – ist das schon Erinnerung oder irgendwo noch beseelte Gegenwart? Wir schulden es unserem Sommerglück, dass wir darauf achtgeben.

In keiner Jahreszeit wird der Klimawandel so spürbar werden wie im Sommer, prognostiziert die Wissenschaft. In Deutschland drohen lange Perioden der Trockenheit, unterbrochen von kurzen, heftigen Starkregenattacken, bei denen das Wasser kaum noch einsickern kann in die betonharten, ausgelaugten Böden. Die Strände werden abgetragen oder überspült. An vielen Tagen wird der Sommer brennen statt zu wärmen. Das Grün knallt nicht mehr satt und sanft, es verwandelt sich schon im Juli in ein trauriges Graubraun und die Blumen findet man nur noch im Geschäft.

Die Trägheit, die heiße Sommertage mit sich bringen, gleicht der Erschöpfung, mit der wir offenbar bereit sind, den Klimawandel hinzunehmen. Selbst die Grünen reden inzwischen lieber über „Heimat“ als über die autofreie Zukunft oder den, mit heutigem Wissen, eigentlich nur noch kriminell zu nennenden Kohletagebau. Als neulich im Rheinland
der Immerather Dom für den Braunkohleabbau in die Luft gesprengt wurde, stand da keiner von den Spitzengrünen, die sich auf Kirchentagen so gerne fürs Grünsein feiern lassen, in einer Menschenkette, um das Verbrechen zu stoppen. Da waren überhaupt keine Menschenketten. Nur ein paar Unermüdliche standen da, ungläubige Tränen in den Augen.

Vielleicht ist genau dieser Sommer derjenige, in dem wir genug Kraft tanken können für einen kämpferischen Herbst. Es gibt so viel zu tun. Und der Sommer ist viel zu schön, um ihn für immer zu verlieren.

Fred Grimm

Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt. Als Kolumnist sucht er nach dem Schönen im Schlimmen und den besten Wegen hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.

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