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Leben

Kinesiologie

In der Kinesiologie sagt der Körper selbst, was er will. Der Therapeut muss allerdings genau hinhören, denn nicht immer ist die Sprache der Muskeln eindeutig. // Leo Frühschütz
30.01.2006
In der Kinesiologie sagt der Körper selbst, was er will. Der Therapeut muss allerdings genau hinhören, denn nicht immer ist die Sprache der Muskeln eindeutig. // Leo Frühschütz

Wenn Muskeln sprechen

In der Kinesiologie sagt der Körper selbst, was er will. Der Therapeut muss allerdings genau hinhören, denn nicht immer ist die Sprache der Muskeln eindeutig. // Leo Frühschütz

Die Patientin liegt entspannt auf der Liege. Den rechten Arm hält sie locker nach oben. „Lag der Auslöser in der Zeit der ersten Schwangerschaft?“, fragt Carola Nielsen und drückt leicht den Arm nach unten. Keine Reaktion. „Lag der Auslöser in der Zeit der Pubertät?“ Carola Nielsen ist Heilpraktikerin und Kinesiologin im oberbayerischen Garmisch-Partenkirchen. Zusammen mit ihrer Patientin ist sie auf der Suche nach der psychischen Ursache für einen immer wieder auftauchenden Hautausschlag. Sie geht davon aus, dass ein einschneidendes Erlebnis den Energiefluss im Körper nachhaltig gestört hat. Dieses verdrängte Erlebnis bewusst zu machen, soll den Körper wieder in sein energetisches Gleichgewicht bringen und den Ausschlag ausheilen.

Wichtigstes Instrument bei der Suche nach solchen Störungen oder Blockaden ist der Muskeltest. Entwickelt hat ihn vor gut 40 Jahren der amerikanische Arzt und Osteopath Dr. George Goodheart. Er erkannte, dass gesundheitliche Probleme, Stress und psychische Konflikte die Muskelreaktionen verändern. Die vor Angst schlotternden Knie sind ein Beispiel dafür.

Die Sprache des Körpers

In der Praxis sieht der Test einfach aus: Der Patient muss den zum Testen benutzten Muskel bzw. das Körperteil – oft Oberarm oder Bein – gegen den leichten Druck des Therapeuten an seinem Platz halten. Gelingt dies nicht, reagiert der Muskel also geschwächt oder verändert, sehen die Kinesiologen dies als eine Rückmeldung des Körpers: Da ist etwas gestört. Einen wichtigen theoretischen Hintergrund für die Kinesiologie bilden die Meridiane der traditionellen chinesischen Medizin. Diese Energiebahnen verbinden bestimmte Organe und Muskeln des Körpers. Über die Reaktion der jeweiligen Muskeln im Test kann der Kinesiologe genau erkennen, welche Energiebahnen und Organe aus dem Gleichgewicht geraten sind. Darüber hinaus gelten die Muskelreaktionen auch als spontane Antworten des Körpers auf bestimmte Fragen oder Testsubstanzen.

Kinesiologie fürs Gleichgewicht und für die Diagnose

Ärzte und Heilpraktiker setzen den Muskeltest oft als diagnostisches Instrument ein, um allergieauslösende Substanzen zu bestimmen oder die Verträglichkeit von Medikamenten oder Materialien für Zahnfüllungen zu testen. Die Schulmedizin hält die Methode für ungeeignet. Tatsächlich haben in den wenigen vorliegenden Studien die Kinesiologen schlecht abgeschnitten, etwa wenn es darum ging, ausgewiesene Wespengift-Allergiker korrekt auszutesten. Dr. med. Oliver Bartzsch hält mit seinen positiven Erfahrungen dagegen. Der praktische Arzt und Radiologe arbeitet in einer Praxis für fächerübergreifende Medizin mit kinesiologischem Schwerpunkt in München. Die „Applied Kinesiology“ hat für mich als Diagnosetechnik einen sehr hohen Stellenwert, weil ich einen direkten Zugang zum Körper habe und von ihm sofort eine Antwort bekomme. „Applied Kinesiology“ ist der von George Goodheart geprägte englische Fachbegriff. Damit grenzen sich kinesiologisch arbeitende Ärzte gegen eher energetische oder esoterische Sichtweisen ab. Für Oliver Bartzsch ergänzen sich Kinesiologie und klassische schulmedizinische Diagnostik. „Wenn ich beispielsweise eine kernspintomographische Aufnahme mache, sehe ich die Beschaffenheit der Organe oder Muskeln, kann körperliche Schäden oder Intaktheit erkennen. Ob die erfassten Strukturen tatsächlich gut funktionieren oder nicht, können mir das Bild oder weitere Laborbefunde nicht immer sagen. Das sagt mir die Kinesiologie.“

Auch Carola Nielsen verlässt sich nicht alleine auf die Kinesiologie. „Wenn der Patient keine Laborwerte hat, dann schicke ich ihn erst zum Arzt.“ Doch oft kommen zu ihr Menschen, die schulmedizinisch austherapiert sind. „In solchen Fällen ist die Kinesiologie effektiv, weil sie neue, andere Wege aufzeigt.“ Etwa wenn es darum geht, emotionale Ursachen für eine Hautkrankheit zu finden. Die Heilpraktikerin sieht Kinesiologie auch als Möglichkeit, „den Körper ins Gleichgewicht zu bringen, so dass er von Stress nicht mehr negativ beeinflusst wird“. Das Ausstreichen von Meridianen, das Drücken von Akupunkturpunkten, das Massieren von Reflexzonen sind Mittel der Kinesiologie, um das Gleichgewicht zu fördern. „Touch for Health“ heißt dieser Teil der Kinesiologie, der auf den Arzt und Goodheart-Schüler Dr. John F. Thie zurückgeht. Er wollte die Kinesiologie auch medizinischen Laien zugänglich machen, weil er in ihr ein wichtiges Instrument der Selbsthilfe sah. Heute greifen auch Pädagogen, Trainer oder Unternehmensberater zu kinesiologischen Methoden. In Wochenendseminaren können Interessierte die grundlegenden Techniken erlernen. Nicht, um damit eine kinesiologische Praxis aufzumachen. Sondern als Hilfe, den eigenen Körper und sich selbst besser kennen zu lernen und sich etwas Gutes zu tun.

Bewegungslehre

Kinesiologie geht auf die griechischen Wörter kìnesis (Bewegung) und lògia (Lehre) zurück. In der Medizin steht das Wort allgemein für Bewegungslehre und Untersuchung der Muskeln. Im Alltag meint es meist eine Verbindung von Muskelreaktionstests mit dem fernöstlichen Modell der Körperenergie Chi.

Strikte Neutralität

Sowohl Kinesiologe als auch Patient können den Muskeltest beeinflussen. Der Therapeut etwa durch vorgefasste Meinungen oder eigene Blockaden, die ihn eine Reaktion falsch deuten lassen. Der Patient kann durch Gegendrücken das Ergebnis verfälschen, wenn er eine bestimmte Antwort erzwingen will. Deshalb gilt für den Kinesiologen strikte Neutralität. Er muss sich selbst raushalten. Der Patient muss offen und neugierig auf sich selbst sein, auch wenns weh tut.

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