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Interview: Kein Aus für Bio-Ananas

Kein Aus für Bio-Ananas Seit Januar 2001 dürfen Bio-Ananas nicht mehr mit Hilfe von Kalziumkarbid angebaut werden. Die EU hatte den Wachstumsregulator verboten, der für ein gleichzeitiges Blühen der Pflanzen sorgt - und damit eine gleichzeitige, kostengünstige Ernte ermöglicht. Schon in der Vergangenheit gab es Bio-Anbaumethoden, die ohne Kalziumcarbid auskamen
30.11.2001
Kein Aus für Bio-Ananas Seit Januar 2001 dürfen Bio-Ananas nicht mehr mit Hilfe von Kalziumkarbid angebaut werden. Die EU hatte den Wachstumsregulator verboten, der für ein gleichzeitiges Blühen der Pflanzen sorgt - und damit eine gleichzeitige, kostengünstige Ernte ermöglicht. Schon in der Vergangenheit gab es Bio-Anbaumethoden, die ohne Kalziumcarbid auskamen

Kein Aus für Bio-Ananas

Seit Januar 2001 dürfen Bio-Ananas nicht mehr mit Hilfe von Kalziumkarbid angebaut werden. Die EU hatte den Wachstumsregulator verboten, der für ein gleichzeitiges Blühen der Pflanzen sorgt – und damit eine gleichzeitige, kostengünstige Ernte ermöglicht. Schon in der Vergangenheit gab es Bio-Anbaumethoden, die ohne Kalziumcarbid auskamen. Großhandel, Importeure und Bauern sind derzeit dabei, die entstandene Lücke durch eine verstärkte Förderung solcher Projekte zu schließen. Darüber, wie der Anbau ohne Kalziumkarbid konkret aussieht, sprachen wir mit Sheila Ives, freiberufliche Inspektorin der Kontrollstelle Lacon.

Sheila, du warst in Ghana. Wie baut man dort Bio-Ananas an?

Ich habe in Ghana und Togo mehrere Projekte gesehen. Besonders beeindruckt hat mich in Ghana das Projekt in Kibi, circa 70 Kilometer nördlich der Hauptstadt Accra. Die Anbaufläche dort liegt mitten im Regenwald. Man muss das Auto an der Hauptstraße stehen lassen und läuft dann zwei Kilometer durch dichten Urwald. Der Pfad ist gerade breit genug, dass meistens zwei Menschen nebeneinander gehen können. Auf einmal kommt man in ein Tal und sieht an den steilen Hängen die Ananas-Pflanzen. Das sind 35 Hektar, auf denen die Früchte seit vielen Generationen angebaut werden. Und zwar ganz traditionell durch Naturverjüngung. Wenn eine Pflanze alt oder schwach wird, reißt man sie einfach heraus und legt sie auf den Boden, damit sie verrottet. Die Bauern nehmen einen Seitentrieb von einer älteren Pflanze, stecken ihn in die Erde und ersetzen so die abgestorbene Pflanze.

Das ist also so ziemlich das Gegenteil von dem, was man sich unter einer Plantage vorstellt.

Ja, es gibt keine Pflanzreihen. Alte Pflanzen wachsen neben jungen Pflanzen, dazwischen sind Wildpflanzen, alles durcheinander auf einem feuchten, reichhaltigen Boden. Die Beikräuter wachsen unheimlich schnell. Die Dorfbewohner müssen sie ständig herausziehen, damit die Ananas nicht erstickt werden. Kaum sind sie an einem Ende fertig mit der Arbeit, fangen die Wildpflanzen am anderen Ende wieder an zu wachsen.

Wer betreibt dieses Projekt?

Betreiben ist nicht der richtige Ausdruck, das klingt schon etwas zu industrialisiert. Es ist die Dorfgemeinschaft, die von diesem Anbau lebt. Das ist deren einzige Geldquelle. Ansonsten bauen sie an, was sie selber verbrauchen. Der Dorfälteste, der die Leute zur Arbeit einteilt und den Anbau leitet, baut privat zum Beispiel seinen eigenen Kaffee an.

Wenn kein Kalziumkarbid eingesetzt wird, blühen die Pflanzen zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Das heißt, die Früchte können nicht zur gleichen Zeit geerntet werden. Wie wird das organisiert?

Wenn man sich als Besucher die Fläche anschaut, muss man wirklich suchen, wo überhaupt eine reife Ananas ist. Aber die Dorfbewohner wissen ganz genau, welche Pflanze sich in welchem Stadium befindet. Denn sie sind jeden Tag da, weil sie ständig die Beikräuter entfernen müssen. Wenn eine Ananas reif ist, wird sie abgeschnitten und zu dem einen Ende des Urwaldpfads gebracht. Von dort tragen die Frauen die Früchte in großen und breiten Körben auf dem Kopf zwei Kilometer durch den Wald bis zur Straße. Das war sehr beeindruckend, denn eine Ananas ist schwer, die kann leicht ein Kilo wiegen. Die Körbe sind also enorm schwer, und es ist ein ständiges Kommen und Gehen auf diesem Pfad. Trotzdem sind es natürlich keine riesigen Mengen, die dann mit dem Lastwagen an der Straße abgeholt werden können. Das macht die Sache teuer. Bei einer gleichzeitigen Ernte sind die Erfassungs- und Transportkosten viel geringer.

Ein anderes Projekt, das du in Togo besucht hast, hat nicht diese lange Tradition, ist aber ebenfalls vorbildlich.

Ja, was ich in Gbatope in der Nähe der Hauptstadt Lomé gesehen habe, hat mein Herz als Ökologin höher schlagen lassen. Das Projekt wurde vor einigen Jahren initiiert und setzt die Prinzipien des Ökologischen Landbaus in ganz sensibler Weise um. Zwischen den Ananasreihen wachsen zum Beispiel andere Pflanzen, wie Buschbohnen, Papayas, Mais, afrikanische Kartoffeln. Das ist ein Schutz vor Bodenerosion. Außerdem arbeiten sie mit Kompost, der zwischen den Ananasreihen aufgebracht und mit Pflanzenresten oder Palmblättern abgedeckt wird.

Warum das?

Das hilft, den halb verrotteten Kompost ganz verrotten zu lassen. Ganz beeindruckend fand ich die Hühner, die dort frei leben. Die scharren zwischen den Reihen, das hilft, den Kompost in den Boden einzuarbeiten. Die Hühner nisten dort, legen Eier und schlafen in den Bäumen.

Wer betreibt dieses Projekt?

Eine Gruppe junger Leute, die sich Groupement Jeunesse Debout nennt, das heißt so viel wie: „Jugend steht auf“. Auf den 20 Hektar Land arbeiten zurzeit vier Frauen und sieben Männer.

Wie kommen diese Produkte nach Europa und Deutschland?

In Lomé hat sich eine neue Firma gegründet. Sie heißt Agrobio Forum und bezieht Ananas aus den erwähnten Projekten in Togo und Ghana und aus vielen weiteren Projekten – da geht es natürlich auch um andere Früchte: Mangos, Papayas, Kokosnüsse und so weiter. Das Unternehmen hat die Kontrollstelle Lacon beauftragt, die Projekte zu zertifizieren. Es hat eigene Lkw gekauft, die zu den Projekt-Sammelstellen fahren und die Ware abholen, die dann in Lomé beziehungsweise in der Zweigstelle in Ghana sortiert und verpackt wird. Von dort kommen die Früchte nach Deutschland und werden über den Naturkost-Großhandel vertrieben.

(Die Fragen stellte Peter Gutting)


Die wichtigsten Bio-Ananas-Länder

Der Markt für Bio-Ananas ist derzeit im Umbruch. Bisherige Projekte können für den europäischen Markt keine kontrolliert biologische Qualität mehr liefern, andere Projekte haben eine stärkere Bedeutung gewonnen beziehungsweise sind neu in den Anbau von Bio-Ananas eingestiegen. Bemerkenswert ist, dass die Bio-Richtlinien der USA den Wachstumsregulator Kalziumkarbid weiterhin erlauben. Daher liegt es nahe, dass sich Lieferanten aus Mittelamerika zum Teil stärker auf den US-amerikanischen Markt konzentrieren.

In deutsche Bioläden kommen frische Bio-Ananas außer aus Ghana und Togo auch aus Uganda. Dort hat der frühere Missionar Siegfried Herrmann KIPEPEO ins Leben gerufen, ein Bio- und Fair Trade Projekt. Herrmann zahlt den rund 50 angeschlossenen Kleinbauern Preise, die 30 Prozent und mehr über dem lokalen Niveau liegen. Das Projekt übernimmt außerdem die Kosten für die Zertifizierung. Deshalb und wegen der in Uganda höheren Flugkosten sind diese Ananas in den Läden teurer als solche aus Westafrika. Insgesamt sind derzeit die Mengen an frischen Ananas nach Angaben von Großhändlern ausreichend.

Deutsche Lebensmittelverarbeiter beziehen Bio-Ananas-Produkte aus Honduras. Sie werden dort von kleinen und mittelgroßen Farmen sowie einer größeren Plantage angebaut und vor Ort zu Saft und Konserven weiter verarbeitet. Getrocknete Bio-Ananas kommen aus Sri Lanka. Leo Frühschütz

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