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Umwelt

Insektensterben: Es ist noch nicht zu spät

Immer mehr Menschen wenden sich aktiv gegen das Insektensterben. Denn die Politik tut wenig. Dabei wäre jetzt die große Gelegenheit für die Wende.

22.05.2020 vonLeo Frühschütz

Immer mehr Menschen wenden sich aktiv gegen das Insektensterben. Denn die Politik tut wenig. Dabei wäre jetzt die große Gelegenheit für die Wende.

Den Insekten geht es schlecht. Das weiß mittlerweile jedes Kind. Insektenhotels und bunte Samentütchen reichen längst nicht mehr aus, um Bienen, Käfer & Co. zu retten. Es braucht größere Hebel. Doch die Politik scheint das Thema Insektensterben trotz Warnung vieler Wissenschaftler noch immer nicht ernst genug zu nehmen. Zwar steht der Insektenschutz im Koalitionsvertrag der Bundesregierung und Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner sagte vor einem Jahr: „Was der Biene schadet, muss vom Markt“. Doch es geschieht zu wenig.

Intensive Landwirtschaft und Pestizide töten Insekten

Dabei ist die wichtigste Ursache für das Insektensterben längst ausgemacht: die intensive Landwirtschaft. Sie wirkt sich gleich mehrfach negativ auf Insekten und ihre Lebensräume aus: Insektizide töten die Tiere und Herbizide vernichten mit den Wildkräutern die Nahrungsgrundlage für viele spezialisierte Insekten. Durch immer größere, maschinengerechte Äcker verschwinden Hecken, Randstreifen und andere Lebensräume für Insekten. Artenreiche Blumenwiesen werden in intensiv gedüngtes und häufig gemähtes Grünland umgewandelt. „Wir brauchen dringend eine Wende in der Agrarpolitik hin zu einer naturverträglicheren Landwirtschaft“, fordert Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz.

Um die Bienen zu schützen, verbot die EU mit Klöckners Zustimmung im vergangenen Jahr zwar drei besonders schädliche Insektizide aus der Gruppe der Neonicotinoide. „Doch seit dem Verbot herrscht Flaute“, kritisiert der Umweltverband NABU. Zahlreiche andere Wirkstoffe dieser Klasse seien unverändert auf dem Markt. Klöckner bleibe „jegliche Idee und Lösung zum Stopp des Insektensterbens in der Agrarlandschaft schuldig“, lautet die Bilanz der Umweltschützer. Noch unzufriedener sind sie mit dem Engagement der Ministerin bei der Reform der EU-Agrarpolitik. Die Reform soll noch in diesem Jahr auf den Weg gebracht werden und ist laut Olaf Tschimpke, Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (NABU), der entscheidende Hebel, die Insektenwelt zu retten und das Artensterben zu stoppen.

Bedroht: Berghexe, Wasserkäfer und Zikaden

Die Erhebungen des Bundesamtes für Naturschutz zeigen, dass bei 45 Prozent der betrachteten Insektenarten die Bestände rückläufig sind. Am stärksten betroffen sind die Köcherfliegen, die an sauberen Bächen und Flüssen leben. Doch auch Wasserkäfer, Zikaden, Wildbienen und Laufkäfer sind massiv gefährdet.

Innerhalb einer Insektenklasse leiden die Spezialisten am meisten, etwa bei Schmetterlingen. Während die Berghexe mit ihrem Lebensraum – vollsonnige Trockenrasen mit viel Schotter – langsam ausstirbt, nehmen die Bestände des anspruchslosen Zitronenfalters zu.

Deshalb ist es wichtig, vielfältige Lebensräume zu erhalten, neu zu schaffen und miteinander zu verbinden, etwa durch Hecken oder Säume. Ohne einen Verbund verarmt der Genpool der einzelnen Arten und die Tiere verlieren ihre Anpassungsfähigkeit.

Der Druck aus der Gesellschaft wächst

Viele Menschen haben das Abwarten und Nichtstun mittlerweile satt. Der Druck aus der Gesellschaft wächst. Dafür gibt es viele Beispiele: Der 13. Februar 2019 wird vielleicht einmal in den Geschichtsbüchern stehen. An diesem Tag endete die Eintragungsfrist für das bayerische Volksbegehren „Rettet die Bienen!“. 1,75 Millionen Menschen waren innerhalb von zwei Wochen zu ihren Rathäusern gepilgert und hatten dort für einen Gesetzentwurf unterschrieben, der die Artenvielfalt retten soll – mit Biotopvernetzung, Erhalt von Hecken und Bäumen, mehr blühenden Wiesen und 30 Prozent Öko-Landbau bis 2030. Über 160 Organisationen hatten das Volksbegehren unterstützt, tausende Aktive warben auf Veranstaltungen und an Infoständen für Unterschriften.

Ein großer Erfolg war auch die Aktion von Thomas Radetzki. Der Bio-Imker startete Ende April 2019 mit der Aurelia-Stiftung die Bundestagspetition „Pestizidkontrolle“. Seine Forderung: Risiken für Insekten müssen künftig bei der Zulassung von Pestiziden besser überprüft werden. Bis Anfang Mai 2019 hatten über 70 000 Menschen unterschrieben, nötig waren 50 000 Unterschriften innerhalb von vier Wochen. Daraufhin musste der Bundestag öffentlich mit Radetzki über seine Forderungen diskutieren.

Druck auf die Politik kommt auch via Internet. Anfang des Jahres 2019 schlossen sich 400 000 Menschen einem Appell der Online-Aktivisten von Campact gegen das neue bienengiftige Pestizid Sulfoxaflor an. Das Gift darf nun nicht auf dem Acker, sondern nur noch im Gewächshaus angewandt werden.

1,75 Millionen Menschen beteiligten sich am bayerischen Volksbegehren „Rettet die Bienen!“.

Blühstreifen, Patenschaften und Insektenhotels

Und viele Menschen tun ganz direkt etwas gegen das Insektensterben: Sie halten selbst Bienen, bauen Insektenhotels, pflanzen Blühstreifen oder übernehmen Patenschaften für Bienenstöcke oder Blumenwiesen. Für viele Bio-Unternehmen gehört ein solches Engagement längst zum Alltag. Der Krunchy-Hersteller Barnhouse etwa hat Insektenhotels mit Mauerbienenkokons an Verbraucher verlost und startet jetzt in seinem Standort-Landkreis einen Wettbewerb für den insektenfreundlichsten Garten. Das Bio-Unternehmen Allos legt zusammen mit Initiativen und Gemeinden Blühwiesen an. „Biene sucht Blüte“ heißt das Projekt. Andere Firmen wie Byodo, Herbaria und Sonnentor stellen Bienenkästen auf ihren Grundstücken auf. In vielen Bio-Läden gibt es Samentütchen für Kunden, die Bienen im Garten mehr Nahrung bieten wollen.

Blühstreifen sieht man auch in vielen Kommunen. Häufig geht das Engagement sogar noch einen Schritt weiter: Mittlerweile haben sich 460 Städte und Gemeinden zur pestizidfreien Kommune erklärt. Sie setzen auf ihren Flächen, Sport- und Spielplätzen kein Glyphosat oder gar keine chemisch-synthetischen Spritzmittel mehr ein. Doch selbst wer auf Pestizide verzichtet, kann nicht sicher sein, dass seine Äcker, Wiesen und Gärten frei davon und damit gut für Insekten sind. Das „Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft“ konnte mit einer Studie nachweisen, dass verschiedene Pestizide, darunter Glyphosat, mit dem Wind über viele Kilometer verfrachtet werden. Sogar in Naturschutzgebieten wurde Glyphosat gefunden. Ziel müsse das Vermeiden von Pestiziden in der Landwirtschaft sein, fordert das Bündnis, dem über 40 Bio-Unternehmen, die Schweisfurth-Stiftung und die Bürgerinitiative Landwende angehören.

Europäische Bürgerinitiative "Bienen und Bauern retten" - Jetzt mitmachen!

Was öffentlicher Druck erreichen kann, zeigt das bayerische Volksbegehren. Nach dessen überwältigendem Erfolg gab die Landesregierung ihren Widerstand gegen die Forderungen auf. Der Landtag hat den Gesetzentwurf im Sommer 2019 beschlossen. Ausgearbeitet hat sie ein Runder Tisch aus Naturschützern und Landwirten. „Natürlich hat uns dieser Erfolg beflügelt“, sagt Tobias Miltenberger vom Verein proBiene. Der Demeter-Imker hat mit seinem Imker-Kollegen David Gerstmeier ein ähnliches Volksbegehren in Baden-Württemberg gestartet. Am 19. Mai, dem Internationalen Tag der Biene, haben sie dafür den Startschuss gegeben. In Brandenburg sammeln Umweltverbände Unterschriften für eine Volksinitiative „Artenvielfalt retten – Zukunft sichern“. Auch in den anderen Bundesländern sind Volksbegehren grundsätzlich möglich.

Und auch auf EU-Ebene passiert etwas. Im September 2019 wurde die Europäische Bürgerinitiative (EBI) „Bienen und Bauern retten“ von der EU-Kommission zugelassen. Mit dieser wollen die Initiatoren, ein breites Bündnis von über 140 Umwelt-NGOs, Landwirtschafts- und Imkerei-Organisationen aus der gesamten EU, unter anderem den „Kollaps der Natur“ stoppen und den Pestizideinsatz reduzieren. Um erfolgreich zu sein, muss de EBI bis Ende September 2020 europaweit eine Million Stimmen sammeln.

Berghexen (Foto links) zählen zu den Tagfaltern und sind vom Aussterben bedroht. Zikaden (Foto rechts oben), auch Zirpen genannt, leiden unter der intensiven Landwirtschaft. Der Große Kolbenwasserkäfer (Foto rechts unten) steht wegen zunehmender Gefährdung unter Naturschutz.

Lage ist ernst, aber nicht aussichtslos

Die Lage ist wirklich ernst: Das zeigte zuletzt der Bericht zur globalen Artenvielfalt des Weltbiodiversitätsrats der Vereinten Nationen (IPBES). Von geschätzten acht Millionen Tier- und Pflanzenarten seien eine Million vom Aussterben bedroht, warnt der IPBES. Mit den Tieren und Pflanzen verschwindet der Beitrag, den sie für das Wohlergehen der Menschen leisten. Deutlich wird das bei Insekten, die Pflanzen bestäuben und somit für unsere Nahrungsmittelgrundlage sorgen.

„Insekten erhalten einen Großteil der Pflanzenwelt und sichern so auch unsere Lebensgrundlagen“, erklärt das Bundesamt für Naturschutz. „Indem sie über 80 Prozent aller Nutzpflanzen bestäuben, sorgen sie dafür, dass wir Obst und Gemüse ernten können.“ Auch die meisten Wildpflanzen brauchen Insekten für ihre Vermehrung – und umgekehrt. Zahlreiche Insekten haben sich auf bestimmte Pflanzen spezialisiert, von denen sie sich ernähren oder auf denen sie ihre Eier ablegen. Verschwinden die Pflanzen, verschwinden auch die Tiere. Zudem sind Insekten eine wichtige Nahrungsgrundlage für Vögel, Fledermäuse, Frösche und andere Tierarten. Fehlen Insekten, geht es auch diesen Tieren schlecht.

Dass das Insektensterben immer dramatischere Ausmaße annimmt, zeigte sich sehr nachdrücklich 2017. Damals veröffentlichten niederländische Wissenschaftler eine Studie. Sie hatten die über Jahrzehnte zusammengetragenen Daten ehrenamtlicher Insektenforscher aus Nordrhein-Westfalen ausgewertet. Das Ergebnis: Zwischen 1989 und 2016 hat die Menge der Fluginsekten in westdeutschen Naturschutzgebieten um drei Viertel abgenommen. Andere Studien untermauern den Trend. So stellten Wissenschaftler der TU München fest, dass von 117 Schmetterlingsarten, die rund um Regensburg Mitte des 19. Jahrhunderts heimisch waren, nur 71 Arten überlebt haben. Australische Wissenschaftler haben zahlreiche solcher Arbeiten und Untersuchungen aus aller Welt gesichtet. Sie befürchten, dass weltweit in den nächsten Jahrzehnten 40 Prozent aller Insektenarten aussterben werden.

Laut Weltbiodiversitätsrat lässt sich der Rückgang der Artenvielfalt noch aufhalten. Es müsse aber auf allen Ebenen sofort und konsequent gegengesteuert werden, um den Verlust an Lebensräumen für Tiere und Pflanzen aufzuhalten. Passiere das nicht, drohe ein ökologischer Kollaps.

aktualisiert am 19.05.2020

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Links

www.bluehende-landschaft.de

www.wir-tun-was-fuer-bienen.de

www.wildermeter.de

www.campact.de/bienengift

www.savebeesandfarmers

Buchtipps

Sverdrup-Thygeson, Anne: Libelle, Marienkäfer & Co. Die faszinierende Welt der Insekten. Verlag Goldmann, 2019, 288 Seiten, 15 Euro

Segerer, Andreas; Rosenkranz,Eva: Das große Insektensterben. Oekom Verlag, 2018, 208 Seiten, 20 Euro

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