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Ihr Stall ist der Wald

TIERHALTUNG Das Leben vor ihrer Schlachtung verbringen diese Bio-Puten mitten in der Natur West-Mecklenburgs. Hier können sie in Ruhe picken, dösen, gackern und herumlaufen.
30.09.2015
TIERHALTUNG Das Leben vor ihrer Schlachtung verbringen diese Bio-Puten mitten in der Natur West-Mecklenburgs. Hier können sie in Ruhe picken, dösen, gackern und herumlaufen.

TIERHALTUNG Das Leben vor ihrer Schlachtung verbringen diese Bio-Puten mitten in der Natur West-Mecklenburgs. Hier können sie in Ruhe picken, dösen, gackern und herumlaufen. // Uta Gensichen

Michel Hermel steht breitbeinig im Gras, die kräftigen, tätowierten Arme übereinander gekreuzt. Eigentlich sieht er nicht so aus, als würde er gleich diesen Satz sagen, aber er sagt ihn: „Wenn ich morgens herkomme, dann ist hier absolute Ruhe, die Vögel zwitschern und die Tiere kommen auf mich zugelaufen.“ Die Tiere stehen da gerade hinter ihm. 2400 Puten sind es, im Schatten der Eichenbäume kaum zu erkennen, weil sie so schwarz sind – wären da nicht ihre grau-weißen Köpfe und die roten Hälse.

Auf 2,8 Hektar leben sie hier; und das ganz ohne Stall und ohne Türen. Ihr Stall ist der Wald, ihr Dach sind die Äste und Blätter der meterhohen Bäume. Dort, wo das riesige Gelände aufhört, auf dem sie leben, geht ein Elektrozaun entlang, dahinter Dorfidylle, Wald, Felder, ein Trampelpfad und so etwas wie eine Straße. Hier im mecklenburgischen Zieslübbe bei Schwerin leben zwischen Mai und Dezember die Waldputen des Bio-Betriebs „Freiland Puten Fahrenzhausen“. Ein bayerisches Unternehmen, das in der Weitläufigkeit dieser naturbelassenen Gegend seit 2010 den Puten die Natur zurückgibt. Drei weitere Waldgehege gibt es noch im Nordosten. Michel Hermel ist der Betriebsleiter hier in Zieslübbe. Er kommt aus der Gegend.

Sein Chef Martin Bohn, ein Schwabe, steht neben ihm. Bohn hat sich all das hier ausgedacht. Ende der 90er-Jahre gab der promovierte Landwirt seinen Job in einem großen konventionellen Puten-Unternehmen auf. „Mir wurde damals klar, dass die intensive Landwirtschaft in eine Einbahnstraße führt“, sagt der heute 63-jährige Bohn. Er gründete zusammen mit zwei Mitstreitern eine eigene Firma, stellte 200 Puten „auf die grüne Wiese“, wie er seine Freilandhaltung nennt, und praktiziert seitdem ökologische Tierhaltung mit viel Platz. Bis die Idee, Puten im Wald zu halten, entstand, vergingen allerdings noch ein paar Jahre.

Erst einmal musste die richtige Putenrasse gefunden werden. Eine, die langsam wächst und robust genug für das Leben im Freien ist. Bohn fand sie in den Kelly Turkeys, diesen fast schon unheimlich schwarzen Puten, die mittlerweile unter Mecklenburger Eichen leben. „Das ist ein genetischer Oldtimer“, sagt er über die Rasse, die hierzulande auch als Bronzepute bekannt ist. Diese seltene Art liebt es, über Wiesen und zwischen Bäumen herumzulaufen. Ein schnelles Leben in Massentierhaltung, eingepfercht mit Tausenden anderen Artgenossen und ohne je das Tageslicht gesehen zu haben – das lässt sich mit den Bronzeputen einfach nicht machen. Dafür sind sie nicht zuletzt auch viel zu neugierig.

Glucksend und wachsam

Im Wald wird klar, was das heißt. Ein lauter Pfiff genügt und die vorher munter durcheinander gurgelnden Tiere gackern nun gemeinsam laut los, erheben sich wie auf Kommando und blicken aufgeregt umher, um den Grund für die Störung zu entdecken. „Die wollen einfach immer wissen, was los ist“, sagt Michel Hermel lachend über die Reaktion der Puten. Aber die haben sich inzwischen schon längst wieder in ihr Gurgeln vertieft und laufen bedächtig mal hierhin, mal dorthin – aber immer in unserer Nähe – wobei ihre Köpfe bei jedem Schritt mitschwingen. Bewegen wir uns ein paar Meter, tapert die große dunkle Masse langsam hinterher, bis man irgendwann völlig eingekreist inmitten der glucksenden und wachsamen Tiere steht.

Eine Tonne Futter fressen die Puten ... (Fotos: Freiland Puten Fahrenzhausen GmbH)

Im Schatten der Bäume

Diese Neugier ist vor allem in der freien Natur überlebenswichtig, um rechtzeitig heranfliegende Greifvögel zu erkennen. Wenn die schwarzen Tiere sich dann, alarmiert durch die Gefahr aus dem Himmel, laut gackernd in Bewegung setzen, greife so schnell kein Raubvogel an, sagt Martin Bohn. Gegen den Fuchs helfe diese Taktik allerdings nicht. Deshalb steht der Zaun unter Strom. Wenn man dicht genug herangeht, kann man ihn knistern hören.

In einer der anderen drei Waldanlagen wache mittlerweile sogar ein Pyrenäenhund über die Puten, erzählt Bohn. Nicht einmal Störche lasse der auf das Gelände. Die Puten störe das nicht. Die kennen ihren Wächter seit kleinauf und behandelten ihn „wie einen Hahn im Korb“. Nur der Hund muss sich zwei Mal im Jahr umgewöhnen. Denn so oft beziehen jeweils neue Puten-Herden ihr Freiluft-Quartier. Hier in Zieslübbe ist das jeweils im Mai und im September.

Fünf bis sechs Wochen sind die Puten zu diesem Zeitpunkt alt. „Dann sind sie noch sehr zurückhaltend“, erzählt Michel Hermel. In den ersten Tagen würden sie in einer der Holzhütten Unterschlupf suchen, die auf dem Gelände stehen. Neugierig wie die Kelly-Puten aber nun mal sind, würden sie dann doch irgendwann ihre Umgebung erkunden und so nach und nach alle herauskommen. Bis sie dann wie jetzt – es ist Ende Juni – auf dem sandigen Boden im Schatten der Bäume entspannt picken, dösen, stolzieren und gackern. „So wie hier sind Puten früher immer gehalten worden“, sagt Bohn. Er muss es wissen. Seine Großeltern besaßen selbst einen landwirtschaftlichen Hof. Leider war der aber irgendwann am Ende, erzählt Bohn. Und mit ihm die letzten Reste einer einfacheren Form der Landwirtschaft.

Hier im Norden kann sich Martin Bohn wieder ein Stück aus dieser Zeit vor der massiven Intensivierung der Landwirtschaft zurückholen. Allerdings mussten er und seine Partner sich für die Idee, Puten auf eine ganz althergebrachte, langsamere Art aufwachsen zu lassen, reichlich Spott gefallen lassen. „Das war auch irgendwie eine schöne Zeit, weil uns niemand ernst genommen hat“, sagt Bohn.

Viel Platz haben auch die Freilandputen. Hier eine Herde Hähne im mecklenburgischen Glasin.

Doch die Zeit ist längst vorbei. Das Fleisch der Waldputen ist begehrt. Bio-Metzger in ganz Deutschland, der Naturkosthandel und drei Babynahrungshersteller werden von dem Putenhalter beliefert. Dass die Nachfrage so groß ist, obwohl das Putenfleisch nur zeitlich begrenzt zu haben ist, liegt nicht nur an der frischen Luft, sondern auch am guten Fressen, das die Puten bekommen. Beikräuter, selbst angebautes Kleegras und eine Futtermischung aus ökologisch angebautem Weizen, Soja, Erbsen, Hafer und Ackerbohnen lassen die Tiere sprichwörtlich dick und rund werden. Die Herde frisst bis zu eine Tonne Futter am Tag.

Wie die Tiere ihren Wald verlassen

Wenn die Puten dann ungefähr zwölf Kilo schwer sind, werden sie in die Schlachterei gebracht. Mit dieser arbeitet Bohn schon seit Jahren zusammen und sie steht praktisch direkt vor der Haustür. Dadurch wird den Tieren eine lange, quälende Fahrt erspart.

Damit sie überhaupt ihren Wald verlassen, brauchen Martin Bohn und seine Mitarbeiter keine Gewalt anzuwenden. Denn die Puten halten sich immer besonders gerne in der Nähe der Tränken und Futterbehälter auf. Diese werden deshalb einfach mit riesigen Strohballen so hingestellt, dass daraus eine Art Abteil wird, in das die Tiere dann von ganz alleine hineinlaufen. Anschließend werden die Puten einzeln und von Hand in die Transport-Container gesetzt.

Möglichst früh am Morgen, zwischen halb fünf und halb sechs werden die Tiere dann geschlachtet. „Das ist natürlich niemals schön“, sagt Bohn. Wer etwas anderes behaupte, sage nicht die Wahrheit. Überhaupt ist Bohn eher ein Pragmatiker, will aus seinem Geschäft mit dem Fleisch kein Geheimnis machen. Wer sich die Waldputen einmal aus der Nähe anschauen möchte, könne ruhig vorbeikommen. „Besucher sind willkommen“, sagt er.

Die Nachbarn im Dorf Zieslübbe jedenfalls haben sich schon längst an den Anblick der schwarzen Kelly-Puten am Waldesrand gewöhnt. „Wenn sich die Tiere bei starkem Sonnenschein im Schatten der Bäume verstecken und kaum vom Zaun aus zu sehen sind, rufen die Leute auch schon mal an und fragen irritiert, ob die Puten verschwunden seien“, erzählt Bohn.

Zwölf Kilo Neugierde

Weil sie bei dem kleinsten Geräusch gemeinsam laut losgackern, sind Puten die idealen Wachhunde.

Mehr Informationen über die Waldlandputen gibt es hier:

www.freiland-puten.de

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