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Faltenfrei mit Anti-Aging?

Dass ihre Anti-Aging-Produkte wirken, versprechen nicht nur konventionelle Kosmetikfirmen, sondern auch Naturkosmetikhersteller. Doch wie werden diese Versprechen eingelöst? // Leo Frühschütz
31.07.2012
Dass ihre Anti-Aging-Produkte wirken, versprechen nicht nur konventionelle Kosmetikfirmen, sondern auch Naturkosmetikhersteller. Doch wie werden diese Versprechen eingelöst? // Leo Frühschütz

Dass ihre Anti-Aging-Produkte wirken, versprechen nicht nur konventionelle Kosmetikfirmen, sondern auch Naturkosmetikhersteller. Doch wie werden diese Versprechen eingelöst? // Leo Frühschütz

Die bittere Wahrheit zuerst: Falten lassen sich nicht wegcremen – auch nicht mit Naturkosmetik. Ganz wirkungslos ist Anti-Aging-Pflege dennoch nicht. Sie kann die mit dem Alter nachlassenden biologischen Hautfunktionen ein wenig ausgleichen. Etwa ab 35 Jahren produziert die Haut weniger Talg, Schweiß und Feuchtigkeit. Dadurch wird der Säureschutzmantel auf der Haut dünner und durchlässiger, so- dass sie schneller Feuchtigkeit verliert und sich leichter durch Schadstoffe oder Umwelteinflüsse reizen lässt. Zudem drosseln die Wechseljahre die Hormonproduktion, die Zellteilung verlangsamt sich, die Haut wird dünner. Die das Bindegewebe straffenden Kollagenfasern werden langsam abgebaut. Außerdem speichert das Bindegewebe immer weniger Wasser, was die Faltenbildung verstärkt. Anti-Aging-Produkte, die all dem entgegenwirken sollen, müssen also drei Dinge liefern: Fett, Feuchtigkeit und Fitmacher für die Zellen.

So wirkt Anti-Aging

Um die nachlassende Talgproduktion auszugleichen, muss die Pflege Fettsäuren enthalten, die der Körper gut in den Schutzmantel der Haut integrieren kann. Dafür eignen sich besonders pflanzliche Öle. Sie liefern auch andere Stoffe, die Bestandteil des Schutzmantels sind, etwa Sterole, Wachse oder die fettähnliche Biosubstanz Squalen.

Zu den Substanzen, die Feuchtigkeit auf und in der Haut binden können, zählen Glyzerin, Hyaluronsäure, Pyrrolidoncarbonsäure (PCA), Natriumlaktat und Harnstoff (Urea). Sie alle kommen als Bestandteile des natürlichen Feuchthaltefaktors NMF in der Haut vor und binden dort Wasser. Mit Ausnahme von Harnstoff lassen sich alle aus pflanzlichen Rohstoffen herstellen. Produkte mit Harnstoff können deshalb nicht als Naturkosmetika zertifiziert werden. Besonderes Augenmerk legen die Hersteller auf pflanzliche Wirkstoffe, die die Zellen der Haut schützen oder sie anregen. Für den Schutz sind Antioxidantien zuständig. Sie sollen chemisch aggressive Stoffe – die freien Radikale – in den Zellen unschädlich machen. Andere Wirkstoffe können die Zellen anregen, sich häufiger zu teilen oder mehr Kollagen zu bilden.

Wirksamkeit bisher nur unzureichend bewiesen

Die Theorie klingt vielversprechend, das Wirkungskonzept einleuchtend. Aber wie sieht es mit der praktischen Wirksamkeit aus? Lassen sich Versprechen wie „Glättet Falten“ oder „Strafft die Haut“ beweisen? Im Prinzip ja. Doch die Qualität der Beweise kann sehr unterschiedlich sein. Der „Gold-Standard“ wären klinische Studien, wie man sie von Arzneimitteln kennt: Eine Gruppe cremt sich mit der Anti-Aging-Lotion ein, die andere mit einer Placebo-Lotion. Nach vier Wochen wird nachgeprüft, ob und wie sich der Zustand der Haut verändert hat. Dabei wissen weder die Testpersonen noch die Untersuchenden, wer welche Lotion verwendet hat.

Solche Studien gibt es – allerdings nur wenige. Zumal betreffen sie meist Wirkstoffe, die für Naturkosmetik nicht zugelassen sind, zum Beispiel Vitamin A (Retinol). Tatsächlich belegt durch Studien dieser Art ist die Anti-Aging-Wirkung von Hyaluronsäure. Weniger anspruchsvolle Untersuchungen gibt es für die Wirkstoffe Vitamin E und für Phytohormone, also aus Pflanzen gewonnene Stoffe, wie sie zum Beispiel in Rotklee-Extrakten vorkommen. Weitaus häufiger sind Studien, bei denen eine Wirkung im Reagenzglas untersucht wird.

Forschung an Hautzellen

Sizilianische Forscher träufelten Anthocyane, die in vielen Beeren vorkommen, auf Kulturen von Hautzellen und bestrahlten sie mit UV-Licht. So konnten sie nachweisen, dass diese Pflanzenstoffe Zellschäden, wie sie starkes Sonnenlicht auslöst, verringern. Ähnliche Arbeiten gibt es zu den Wirkstoffen des Grünen Tees. Beobachten lässt sich im Reagenzglas auch, ob ein Extrakt die Zellen der Haut dazu animieren kann, mehr Kollagen zu produzieren.

Ein Lieblingsthema vieler Wissenschaftler derzeit ist MPP. Das Kürzel steht für bestimmte Enzyme, die, wenn UV-Strahlung auf die Haut trifft, ver-stärkt gebildet werden. Weil diese Enzyme das Kollagen im Bindegewebe anknabbern, wird Pflanzenextrakten, die die MPP-Bildung verringern – wie zum Beispiel jene aus dem Granatapfel – ein Anti-Aging-Effekt zugeschrieben.

Bei vielen Zellversuchen arbeiten Wissenschaftler mit exotischen Heilpflanzen. Sie versuchen, die wichtigsten Inhaltsstoffe zu identifizieren und überprüfen die den Pflanzen zugeschriebenen Wirkungen – erst im Zellversuch, später oft auch in Tierversuchen. In ers-ter Linie geht es dabei um mögliche künftige Arzneistoffe. Die Katzenkralle etwa, eine Lianenart aus dem peruanischen Regenwald, wird seit über 20 Jahren erforscht. Der Extrakt aus Wurzel und Rinde stimuliert das Immunsystem, hemmt Entzündungen, tötet Viren und im Reagenzglas auch Krebszellen ab. Als Medikament setzte sich der Extrakt nicht durch. Vermarktet wird er als Nahrungsergänzungsmittel und als Anti-Aging-Wirkstoff. Eine ähnliche Karriere hat der indische Wassernabel, auch Tigergras genannt, gemacht. In der Ayurvedischen Medizin wird er unter anderem bei Hautkrankheiten eingesetzt. Die wundheilende Wirkung ist belegt. Als Arzneimittel gibt es den Wassernabel nur in homöopathischer Dosierung. Als Zutat in Anti-Aging-Lotionen erfreut er sich zunehmender Beliebtheit.

Auch Studien am Menschen notwendig

Das Grundrezept für den Erfolg eines Anti-Aging-Wirkstoffs ist also: eine exotische Herkunft, eine Vergangenheit als traditionelle Heilpflanze sowie einige seriöse biochemisch-medizinische Studien, die eine Wirksamkeit belegen. Bei manchen Zutaten genügt es schon, auf ihre Wirkung als Radikalenfänger hinzuweisen. Entsprechende Messungen der antioxidativen Kapazitäten sind weit weniger aufwendig als Zellversuche.

Doch solche Versuchsergebnisse aus dem Reagenzglas lassen sich nicht eins zu eins auf Kosmetika übertragen. Meist ist unbekannt, welche Wirkstoffkonzentration den erhofften Effekt hervorruft. Auch kann die Konzentration im Extrakt schwanken. Und eine mögliche Wirkung hängt auch davon ab, wie gut die Haut den Stoff aufnimmt.

Deshalb lassen Hersteller das fertige Produkt an Menschen testen. Der Auftrag dafür geht an spezialisierte Unternehmen wie Dermatest. Das Unternehmen sucht geeignete freiwillige Testpersonen aus, zum Beispiel über 40-Jährige, wenn es um eine Creme für reife Haut geht. „Trifft der Kunde keine Festlegung, dann mischen wir so, dass alle Altersstufen und Hauttypen vertreten sind“, erklärt die Hautärztin Dr. Gerrit Schlippe, die bei Dermatest Anwendungsversuche durchführt. Bei den Versuchen, die meist zwei bis vier Wochen dauern, untersucht Dermatest, ob die Haut mehr Feuchtigkeit aufnimmt, ob sie glatter oder elastischer wird und wie die Talgproduktion sich ändert (s. Kasten S. 39). „Mit 20 Probanden kann man vernünftige Aussagen treffen“, definiert Gerrit Schlippe die Untergrenze der Anzahl der Testpersonen.

Sichtbare Wirkung

Für die Zeit direkt vor und während der Studie müssen die Testpersonen ihre Lieblingsprodukte durch eine standardisierte Basispflege ersetzen. Sie liefert der Haut nur Fett und Feuchtigkeit, enthält aber keine zusätzlichen Wirkstoffe. „Wenn ein neues Produkt zusätzlich zu einer solchen Basispflege die Faltentiefe um 30 Prozent reduziert, dann kann sich das sehen lassen“, sagt Gerrit Schlippe. Und es wird gesehen: „Man erkennt das nicht an einer einzelnen Falte. Aber der Eindruck des Gesichts ändert sich leicht.“

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