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Umwelt

Durch und durch Bio?

Aus dem Bio-Laden kennen wir zahlreiche Hersteller, die ausschließlich Bio verarbeiten. Und es gibt Firmen, die zweigleisig fahren – also konventionelle und Bio-Produkte herstellen. // Leo Frühschütz
31.10.2012
Aus dem Bio-Laden kennen wir zahlreiche Hersteller, die ausschließlich Bio verarbeiten. Und es gibt Firmen, die zweigleisig fahren – also konventionelle und Bio-Produkte herstellen. // Leo Frühschütz

Aus dem Bio-Laden kennen wir zahlreiche Hersteller, die ausschließlich Bio verarbeiten. Und es gibt Firmen, die zweigleisig fahren – also konventionelle und Bio-Produkte herstellen. // Leo Frühschütz

Halbe Sachen mache ich nicht! Glücklich ist, wer das nicht nur von sich behaupten, sondern auch praktisch umsetzen kann. Meist ist das Leben ja vielschichtiger. Das gilt auch für die Herstellung von Bio-Lebensmitteln. Das Ideal ist der Hundertprozentige: ein Betrieb, der ausschließlich Bio-Lebensmittel herstellt, so wie es bei den Bio-Bauernhöfen in Deutschland der Normalfall ist. Die meisten Höfe, die nach den Mindeststandards der EU-Öko-Verordnung arbeiten, haben komplett umgestellt, weil die Förderkriterien der Bundesländer das verlangen. Für die Mitglieder der Anbauverbände ist 100 Prozent Bio Pflicht. Anders sieht es in der Verarbeitung aus: Ein Bioland-Bäcker oder eine Naturland-Molkerei darf auch konventionelle Produkte herstellen. Konventionelle Unternehmen dürfen Bio-Lebensmittel produzieren. Auflagen und Kontrollen sollen sicherstellen, dass nichts vermischt wird (siehe

„Bioniere“: Bio pur

Natürlich gibt es auch unter den Verarbeitern viele Hundertprozentige, die nur Bio machen. Allen voran die „Bioniere“, die Firmen also, die Ende der 1970er und in den 1980er-Jahren neu entstanden, um die ersten Bio-Läden mit Lebensmitteln zu beliefern. Hersteller und Händler einte die Überzeugung, dass nur Bio die Welt retten kann. Etwas anderes kam deshalb gar nicht in Frage.

Die „Bioniere“ fingen mit einigen wenigen Produkten an, wuchsen mit den Bio-Läden und entwickelten sich zu bekannten Fachhandelsmarken mit einem breiten Sortiment. Von Allos über Lebensbaum und Rapunzel bis zu Zwergenwiese reicht die Palette. Hinzu kamen Käsereien und Vollkornbäcker, die von Anfang an nur biologische Rohstoffe verarbeiteten. Mit diesem Anspruch brachten die „Bioniere“ der weltweiten Bio-Bewegung einen enormen Schub. Sie bauten Projekte auf, gingen langfristige Partnerschaften ein, um Rosinen, Tee, Kakao, Kaffee oder Gewürze in Bio-Qualität zu bekommen. Die meisten dieser Hundertprozentigen und ihre Markenprodukte gibt es bis heute nur im Bio-Laden.

Große Betriebe wären mit Bio nicht ausgelastet

Doch auch in den Bio-Fachgeschäften gibt es Lebensmittel aus Mischbetrieben. Denn nicht jeder Verarbeiter kann – auch wenn er möchte – komplett auf Bio umstellen. Beispiel Milch: Die ersten Bio-Milchbauern waren froh, wenn sie eine nahe gelegene konventionelle Molkerei überzeugen konnten, ihre Milch abzuholen und getrennt zu verarbeiten. Einige Molkereien der ersten Stunde, wie die Andechser Molkerei Scheitz und Söbbeke, sind heute reine Bio-Betriebe, andere verarbeiten weiterhin die Milch der konventionellen Bauern ihrer Umgebung.

Bei den Mühlen sind Bohlsener und Spielberger die bekanntesten der wenigen reinen Bio-Mühlen. Viel Bio-Getreide wird von Mischbetrieben vermahlen, die mit der Produktion von Bio alleine nicht ausgelastet wären. Das gilt erst recht für Unternehmen, die im großen Stil Rohstoffe verarbeiten, etwa zu Stärke oder Rübenzucker. Nur einer der drei deutschen Zuckerkonzerne stellt in einem seiner Werke auch Bio-Rübenzucker her. Die gesamte deutsche Bio-Zuckerrübenernte ist in nur einer Woche verarbeitet.

Neben den „Bionieren“ gibt es viele traditionelle Lebensmittelhersteller, die vor einigen Jahren begonnen haben, ihre Produkte auch mit Bio-Zutaten herzustellen. Manche sahen in der Bio-Verarbeitung von Anfang an die Zukunft ihres Betriebes und schwenkten Schritt für Schritt um. Ein Beispiel dafür ist die Brezelbäckerei Huober. Deren Chef Karl Huober gründete vor über 20 Jahren die Firma Erdmannhauser als reinen Bio-Verarbeiter und stellte schrittweise auch die Brezelbäckerei um. Sie verarbeitet heute nur noch Bio-Zutaten.

Mehr Erfolg durch Bio

Andere Unternehmen erhofften sich durch Bio-Produkte in erster Linie neue Marktchancen bei ihren bisherigen Kunden im konventionellen Supermarkt oder bei den stark wachsenden Bio-Läden. Die Grabower Süßwaren gibt es bereits seit 175 Jahren. 2004 führten sie ihre Bio-Marke Linea Natura ein und brachten die ersten Bio-Schokoküsse in die Bio-Läden. Maintal Konfitüren gehört mit 125 Jahren zu den traditionsreichsten Konfitürenunternehmen in Deutschland. Im Jahr 2000 begann die vierte Generation der Inhaber mit einer ersten Bio-Linie. Inzwischen stammt mehr als ein Drittel der verarbeiteten Früchte aus Bio-Anbau, die Marke Annes Feinste steht in vielen Bio-Läden.

Über 100 Jahre alt ist auch der Schokoladenhersteller Ludwig Weinrich, der die Bio-Marke Vivani anbietet. In der Tiefkühltruhe im Bio-Laden zählen die Unsere Natur Steinofen-Pizzas zu den Klassikern. Deren Hersteller Wagner Pizza steht für ein Drittel des bundesweiten Pizzamarktes und gehört mehrheitlich zum Nestlé-Konzern.

Längst investieren also auch große Konzerne in Bio-Lebensmittel – wenn es sich rentiert. Für Bio-Käufer stellt sich deshalb die Frage, welche Strukturen er mit seinem Einkauf unterstützt: Den hundertprozentigen Bio-Hersteller oder den konventionellen Produzenten mit kleiner Bio-Marke? Den inhabergeführten Betrieb oder die Konzerntochter?

Nicht immer ist die Antwort eindeutig. Es gibt „Bioniere“, die inzwischen als eigenständige Marke zu großen Konzernen gehören. Es gibt Misch-Unternehmen, die ihr Bio-Sortiment konsequent ausbauen und solche, die Bio-Lebensmittel immer nur als gutes Nebengeschäft betrachten werden. Es gibt Handelsmarken wie Dennree, Alnatura, Bioladen oder Green, deren Produkte von verschiedensten Herstellern stammen, die nach außen gar nicht in Erscheinung treten. Dies gilt ebenso für einige bekannte Bio-Marken wie Naturata oder Byodo, die selbst nicht produzieren. Auch Unternehmen mit großen Sortimenten – wie etwa Rapunzel – stellen nicht alle ihre Lebensmittel selbst her.

Eine vergleichbare Vielfalt herrscht auch unter den rund 1 300 Bio-Bäckern in Deutschland. Es gibt rund 200 traditionelle Vollkornbäckereien, die nur Bio-Getreide verarbeiten. Diese Hundertprozentigen sind auch die traditionellen Lieferanten der Brottheken in den Bio-Läden. Einige Betriebe verwenden konventionelles Mehl nur für Feingebäck und Kuchen. Viele Bäcker haben aber auch nur einige Bio-Brote im Sortiment. Mit wenigen Ausnahmen sind auch die Bio-Metzgereien Mischbetriebe.

Engagement entscheidet

Ein wichtiger Punkt dabei: das Herzblut, mit dem ein Unternehmen seine Bio-Lebensmittel produziert. Aber: Woran erkennt der Kunde das?

Ein Indiz sind zum Beispiel die Logos der Anbauverbände. Damit zeigen viele Hersteller, dass sie es als deren Vertragspartner mit Bio ernst meinen. Allerdings hält ein Verbandslogo nicht unbedingt davon ab, bei großen Agrar­industrie-Konzernen einzukaufen: Die Naturland-Partner Wiesengold Landei und Salomon Foodworld gehören zu konventionellen Konzernen, nämlich dem Eier-Riesen Deutsche Frühstücksei und dem deutsch-niederländischen Fleischkonzern Vion.

Hohe Ansprüche an die Bio-Qualität stellen auch die Mitglieder der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AoeL). Die Hersteller und Fachhändler im Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) haben sich in einem Kodex (bio-kodex.de) verpflichtet, die zentralen Werte der Naturkostbranche einzuhalten. Dazu zählen Verantwortung für Natur und Umwelt, Chancengleichheit, Transparenz, ganzheitliche Qualität und Partnerschaftlichkeit. Bio-Läden und ihre Großhändler und die Hersteller machen damit deutlich, dass Bio für sie keine Geschäftsidee ist, sondern Überzeugung.

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