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Essen

Der Gemüsespargel

Auf hundert Quadratmeter sandigem Boden drängen sich im Schnitt 130-200 Pflanzen, der Ertrag kann unter günstigen Bedingungen dann bei etwa 40-50 Kilogramm liegen.
01.05.2000
Auf hundert Quadratmeter sandigem Boden drängen sich im Schnitt 130-200 Pflanzen, der Ertrag kann unter günstigen Bedingungen dann bei etwa 40-50 Kilogramm liegen.

Kennen Sie das: Endlich Frühling, die Natur wandelt sich, alles wird grün und grüner, der Speisezettel erfährt aufregend grundlegende Veränderungen, und trotzdem hört man hier und da dieses stoßgebethafte Seufzen unzufriedener Mitmenschen, besonders Frauen? Und den Grund dafür ist bei vielen gut sichtbar: Die Sommerkleider passen nicht mehr! "Ach", entwich es so auch dieser Tage herzzerreißend einer jungen Frau im Supermarkt vor mir an der Kasse, "es gibt doch da was, das kommt mir im Frühjahr wie gerufen!", und sie stellte eine kleine Kiste, voll mit diesem wunderbar seidig glänzenden weißen Spargel, aufs Band. Mitfühlend nickte darauf die Kassiererin, auf ihren eng an den Körper sitzenden Kittel deutend, und meinte, dass sie sich nicht mal mehr in die Nähe einer Personenwaage traut. Worauf eine leicht füllige Frau hinter mir mit ihrem Einkaufswagen aus der Warteschlange ausscherte und zielstrebig auf den Tisch mit dem leckeren, aber kalorienarmen Spargel in der Gemüseecke zusteuerte. Auch ich habe zugegebenermaßen einen Moment mit dem Gedanken gespielt, die Reihe der Wartenden zu verlassen und mir auch so ein, am besten gleich zwei kleine Kästen (der Winter war lang!) dieser köstlicher Diätstangen mit nach Hause zu nehmen. Doch Gemüse kaufe ich grundsätzlich nur bio. Und Spargel erst recht, schon wegen der Nitratbelastung. Also habe ich mich besonnen und warte jetzt geduldig, bis mein Bioladen ihn hat.


Gestern bin ich übers Land gefahren. Das hat meine Vorfreude gesteigert, denn da konnte ich die Spargelfelder sehen. Man erkennt sie ja schon von Weitem an den gleichförmigen, halbrunden Erdwällen, in denen das edle Gemüse unsichtbar heranwächst.

Auf hundert Quadratmeter sandigem Boden drängen sich im Schnitt 130-200 Pflanzen, der Ertrag kann unter günstigen Bedingungen dann bei etwa 40-50 Kilogramm liegen. Zweimal täglich zur Erntezeit werden die sandigen Hügelchen nach den typischen, für einen Laien kaum wahrnehmbaren Rissen abgesucht, die die dem Licht zustrebenden Spargel hervorrufen. An diesen Stellen wird zugeschlagen. Das heißt: man buddelt ganz vorsichtig die Erde beiseite und sticht mit einem speziellen Messer die bleichen Spargelstangen im Boden ab, um anschließend pedantisch die kleine Grube wieder zu füllen und den Boden mit einem Streichbrett zu glätten. Wer aber zu spät kommt, den bestraft der Markt. Denn wenn die Spargelköpfe zuvor schon etwas Licht abbekommen und sich lila verfärbt haben, erhält man je Pfund etwa schon ein bis zwei Mark weniger. Angeblich schmecken die Spitzen dann nämlich etwas bitter. Aber von einer Blindversuchs-Studie, die das belegt, habe ich noch nie etwas gehört.

Bis zu 15 Jahren können die Pflanzen an Ort und Stelle verbleiben und beerntet werden. Allerdings muss während dieser Zeit heftig gedüngt werden, denn Spargel gehört zu den Starkzehrern. Der immense Arbeitsaufwand bei Anbau und Ernte - immerhin können erst ab dem dritten Jahr die Spargelstangen in Handarbeit geerntet werden - erklärt den hohen Preis. Im Bioanbau muss das Unkraut obendrein mechanisch, also nicht einfach mit der Giftspritze, reguliert werden. Das macht ihn im Bioladen zu einer Rarität.

Bei Rarität fällt mir die Anekdote um den Enzyklopädisten Bernard de Fontenelle ein, der eines Tages seinen Spargel mit einem unangemeldeten Gast teilen musste, was sehr schmerzlich für ihn war. Fontenelle bestand bei seiner nun halben Portion darauf, ihn wie gewohnt in Essig und Öl angemacht serviert zu bekommen, während der Gast seine halbe Portion mit weißer Soße verlangte. Kurz vor dem Mahl brach der Gast, von einem Schlaganfall getroffen, auf dem Boden zusammen, worauf Fontenelle erst mal in die Küche stob und befahl, nun doch den ganzen Spargel mit Essig und Öl anzumachen. (Schwer zu ergründen, weshalb "Spargel à la Fontenelle" heute mit weichgekochtem Ei und geschmolzener Butter serviert wird!)

Man will es kaum glauben, aber Spargel gehört zur Gruppe der Liliengewächse! Er entwickelt kleine Schuppenblätter und kann - wenn er nicht vorm 24. Juni den Weg allen Spargels gegangen ist - ein imponierendes, koniferenartiges Aussehen und eine Höhe von bis zu anderthalb Metern erreichen. Übrigens wurde früher in der Floristik gern auf die zarten, grünen Triebe, die dann Blumensträuße zierten, zurückgegriffen.

Bei Zurückgreifen fällt mir ein, dass die Männer im Orient gern auf das Gemüse mit der eindeutigen Form bei Potenzstörungen zurück greifen. Allerdings wird über die einzuverleibende Dosis nichts erwähnt. Rückschlüsse aus dem teilweise stattlichen Leibesumfang manches Sultans sollten an dieser Stelle nicht gezogen werden! Die legendären potenzfördernden Eigenschaften des Spargels könnten an dem relativ hohen Zinkgehalt liegen: Zink stimuliert bekanntlich die Libido des starken Geschlechts, da durch eine ausreichende Versorgung mit eben diesem Zink die Produktion des Hormons Testosteron in den männlichen Keimdrüsen angeregt wird.

In der ayurvedischen Heilkunde dagegen wird - es gibt sie, die ausgleichende Gerechtigkeit - ein dem Gemüsespargel naher Verwandter, der Asparaus racemosus für das Pendant genutzt. Es heißt, die Pflanze unterstütze, beziehungsweise aktiviere, die weiblichen Genitalien, fördere Liebe und Hingabe, und sie sei unter diesem Gesichtspunkt ein Verjüngungsmittel für die Frau. Die Arznei aus dieser Pflanze führt den sinngemäß übersetzten Namen: die die Hundert Männer… - In diesem Sinn!

Heide Haßkerl

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