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"Der Bio-Betrug –Artikel im Der Spiegel

Mit einem reißerischen Titelbild macht der Spiegel diese Woche auf: 'Der Bio-Betrug'. Der Artikel im Heft ist eine brauchbare Darstellung der Widrigkeiten, mit denen die Bio-Branche zu kämpfen hat. Im Spiegel-üblichen Stil angemacht und präsentiert.
04.11.2014
Mit einem reißerischen Titelbild macht der Spiegel diese Woche auf: 'Der Bio-Betrug'. Der Artikel im Heft ist eine brauchbare Darstellung der Widrigkeiten, mit denen die Bio-Branche zu kämpfen hat. Im Spiegel-üblichen Stil angemacht und präsentiert.

Das Titelbild wirkte: Ein aufgeblasener Bio-Apfel, dazu die Schlagzeile „Der Bio-Betrug – Wie Konzerne die Öko-Idee missbrauchen“. Unser Autor Leo Frühschütz hat sich gleich auf die Spiegel-Titelgeschichte gestürzt. Sein Fazit: Eine brauchbare Darstellung der Widrigkeiten, mit denen die Bio-Branche zu kämpfen hat. Im Spiegel-üblichen Stil angemacht und präsentiert.

Die These der Spiegel-Autoren lautet: „Innerhalb weniger Jahre ist ein System, das einmal als Gegenentwurf zur industriellen Landwirtschaft angetreten war, von einer echten gesellschaftlichen Alternative zu einer alternativen Produktionstechnik geschrumpft.“

Die Geschichte beginnt mit einem Bioland-Kartoffelbauern aus dem hohen Norden, der aufhören muss, weil das gepachtete Land an Energiemais-Anbauer ging. Ein Eiererzeuger mit Mobilställen kritisiert den bürokratischen Kontrollaufwand. „Statt unsere Zeit mit den Tieren zu verbringen, sitzen wir die Hälfte der Zeit am Papierkram.“ Als Prototyp des modernen Bio präsentiert der Spiegel die KTG Agrar mit mehr als 20.000 Hektar Öko-Anbaufläche, die ihr Wachstum mit Anleihen finanziert – „Bio als Finanzprodukt“.

Die Autoren führen die vielen Bauern an, die aus rein wirtschaftlichen Gründen auf EU-Bio umstellen. Sie zeigen das Plastikplanen-Bio aus Almeria und machen deutlich, dass dort zwar pestizidfrei gewirtschaftet wird, aber ebenso unsozial und unfair wie im konventionellen Bereich. Der Skandal von 2012 um überbelegte Legehennenställe inklusive Tiemann und Naturland wird noch einmal breitgewalzt, an die Betrugsfälle in Italien und Rumänien erinnert.

Die Spiegel-Autoren erzählen auch vom Ende eines alteingesessenen Hamburger Bioladens, der der Konkurrenz durch einen neu eröffneten Denn’s nicht standhalten konnte. „Die Großhändler, die wir groß gemacht haben, machen uns nun kaputt“, sagt die Ladengründerin. Zu Wort kommen auch der EU-Parlamentarier und Biobauer Martin Häusling sowie BÖLW-Vorstand Felix Prinz zu Löwenstein.

Die geplante Revision der EU-Öko-Verordnung wird ebenso abgewatscht wie die offizielle Agrarpolitik. Denn dass diese durch falsch gesetzte Rahmenbedingungen für die miserable Ökobilanz der konventionellen Landwirtschaft verantwortlich ist, kommt als Argument gut rüber.

Kommentar: Falsche Versprechungen

Insgesamt also ein buntes Potpourri all der Themen, die seit zwei Jahren inner- und außerhalb der Bio-Branche diskutiert werden. Nur vom angekündigten Bio-Betrug ist nichts zu lesen. Auch auf die im Titel genannten Konzerne, die die Öko-Idee missbrauchen, finden sich im Text kaum Hinweise. Der einzig benannte Konzern ist die Deutsche Frühstücksei, die „angeblich“ hinter den Biofarmen Heinrich Tiemanns stehe. Tatsächlich gehören die Betriebe schon seit Jahren zu 85 Prozent dem Konzern. Dafür reicht ein Blick ins Unternehmensregister. Ansonsten kein Name, etwa von großen Mühlen, die billiges und oft auch fragwürdiges Bio-Getreide aus Rumänien, Moldawien oder der Ukraine einkaufen und an große Industrie-Bäcker weiter verkaufen. Deren Produkte wiederum finden sich wo? Kein Wort über die Bio-Marken großer Konzerne wie Nestle (Wagner Pizza) oder Vion (Salomon). Keine Recherche darüber, was ein Bio-Eier-Preis von 2,29 Euro fürs 10-er-Pack bei Aldi für die Erzeuger und die Legehennen bedeutet. Das Titelblatt des Spiegel ist schlicht Verbrauchertäuschung. „Bio-Betrug“ als Absatzförderung. Soweit ist es schon gekommen – mit dem Spiegel.

Leo Frühschütz

Prof. Dr. Urs Niggli (FiBL) hat dem Spiegel einen Leserbrief geschrieben, der dort verkürzt abgedruckt wurde. Hier finden Sie den Brief in voller Länge.

Prof. Dr. Urs Niggli (FiBL) hat an den Spiegel geschrieben.

Kommentar: Der Titel-Betrug

Die Autoren Michael Fröhlingsdorf, Nils Klawitter und Michaela Schießl beschreiben trefflich die Sackgasse, in die sich die konventionelle Landwirtschaft in den letzten 50 Jahren hineinmanövriert hat. Die aufgepretzelte „zehntausender“ Red Holstein Kuh mit prallem Euter, welche stets im grünen Gras fotografiert wird oder die sauberen grünen Autos, die mit Rapsöl in die Energiewende fahren, sind trügerische Bilder aus den PR-Arsenalen einer konventionellen Landwirtschaft, welche die Zukunftsorientierung verloren hat. Was aber hat das mit „Bio-Betrug“ zu tun? Nichts, und das wird je länger man den Artikel liest, desto klarer. Will man aber heutzutage das Interesse der Leser(innen) auf ein landwirtschaftliches Malaise lenken, dann muss ein „Bio-Betrug“ mitsamt einem aufgepumpten Bioapfel aufs Titelbild.

Die Erwartungen, welche an den Ökolandbau gestellt werden, sind mittlerweile so hoch, dass er nur noch verlieren kann. Dabei ist der Ökolandbau nichts anderes als der weitgehend gelungene Spagat, produktiv gute Lebensmittel zu erzeugen und gleichzeitig verantwortungsvoll mit öffentlichen Gütern wie dem fruchtbaren Boden, der Artenvielfalt oder der Luft- und Wasserqualität umzugehen. Dass Biopioniere unglücklich sind mit der Papierflut der Kontrollen, ist ganz normal. Sie haben zu einer Zeit umgestellt, als dies ohne ideelles Engagement nicht ging. Ein erfolgreicher Markt braucht aber detaillierte und kontrollierbare Normen, denn für eine ‚ehrliche Haut‘ gibt es leider noch keinen Scanner. Dies tun die privaten Kontrollstellen gut, denn sie stehen unter der ständigen Aufsicht verschiedener Behörden, welche wiederum Brüssel Rechenschaft abliefern müssen. Die Tatsache, dass die Spiegelautoren Uralt-Skandale aufdecken müssen, zeigt die Lernfähigkeit der Qualitätssicherung, welche Verbände, Kontrollstellen und der Einzelhandel etabliert haben. Und hoffentlich macht die Industrie mit der guten Idee „Bio“ gute Geschäfte, wie sonst könnte sich eine zukunftsträchtige Landwirtschaft durchsetzen?

Prof. Dr. Urs Niggli, Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL)

Foto: © FiBL

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Interview mit Urs Niggli: "Bio darf nicht nur Impulsgeber sein" (Schrot&Korn April 2014)

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