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Den wehen Zahn opfern

GESUNDHEIT Niemand verliert gerne seine Zähne. Dennoch empfehlen ganzheitliche Zahnärzte manchmal einen Zahn zu ziehen – zum Wohl des ganzen Menschen.
29.05.2016
GESUNDHEIT Niemand verliert gerne seine Zähne. Dennoch empfehlen ganzheitliche Zahnärzte manchmal einen Zahn zu ziehen – zum Wohl des ganzen Menschen.

GESUNDHEIT Niemand verliert gerne seine Zähne. Dennoch empfehlen ganzheitliche Zahnärzte manchmal einen Zahn zu ziehen – zum Wohl des ganzen Menschen. // Bettina Levecke

Das Erstgespräch hat lange gedauert. Dr. Hüttermann hat sich den Leidensweg seiner neuen Patientin genau angehört. Seit Jahren schmerzt ihr linker Arm, schon mehrmals bestand der Verdacht auf Herzinfarkt. Doch immer ohne Befund. Mittlerweile kann sie den Arm kaum noch bewegen. „Meine Lebensqualität leidet so“, sagt die Patientin. Dr. Hüttermann bittet sie in den Röntgenraum. Er hat einen Verdacht.

Thorsten Hüttermann ist Zahnarzt. Eigentlich also nicht der klassische Mediziner, den Patienten mit Schmerzen im Arm aufsuchen würden. Ihm wurde als erstem Arzt in Nordrhein-Westfalen die Fachrichtung „Umweltzahnmedizin“ anerkannt. „Ich arbeite ganzheitlich, schaue meinen Patienten nicht nur in den Mund.“ Einmal bohren und Plombe setzen – das mag das kariöse Loch behandeln: „Die Auswirkungen von Zahnbeschwerden gehen aber oft weiter, denn im menschlichen Organismus ist vieles miteinander verbunden.“

Zähne beeinflussen den Körper

Hüttermann ist jemand, der neue Wege geht. Schon früh interessiert er sich für Naturheilkunde und besucht während seines schulmedizinischen Studiums vor rund 20 Jahren alternative Fortbildungen, zum Beispiel zu Akupunktur oder Homöopathie. „Meine Kommilitonen haben mich belächelt, denn Naturheilkunde und Zahnmedizin – das passte in ihren Köpfen nicht zusammen. In meinem ersten Assistenzjahr in einer ganzheitlich orientierten Zahnarztpraxis lernte ich bereits, dass ein Zahnarzt viel mehr bewirken kann, wenn er nicht nur auf die Zähne schaut.“ So gehört zu seinem Behandlungsrepertoire auch Akupunktur, Homöopathie oder Pflanzenheilkunde. „Daneben arbeite ich mit Ärzten anderer Fachrichtungen, wie Orthopäden, Gynäkologen oder Allgemeinmedizinern zusammen.“

Das Interesse an ganzheitlicher Zahnmedizin wächst. Die Überzeugung dahinter: Die Zähne stehen in Wechselwirkung mit dem Körper. Längst haben Studien belegt, dass Zahnfleischentzündungen das Risiko von Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes erhöhen. Migränepatienten wird in Schmerzambulanzen empfohlen, ihre Zähne auf Krankheitsherde untersuchen zu lassen. Rückenschmerzen können durch Fehlfunktionen von Kiefergelenken oder Zähnen hervorgerufen werden.

Bei der Patientin mit dem schmerzenden Arm zeigt das Röntgenbild leicht „beherdete Zähne“ im Oberkiefer. Hüttermann erklärt: „Zahnherde sind Entzündungen am Zahnhals oder an der Wurzel.“ Manchmal verursachen sie Schmerzen, oft genug merken Patienten aber jahre- oder sogar jahrzehntelang überhaupt nichts davon. „In dieser Zeit kann der kranke Zahnherd Entzündungsbotenstoffe in den Körper senden und den Organismus beeinflussen.“ Störfelder können auch stillgelegte Wurzelkanäle sein. „Der tote Zahn kann mit seinen Zerfallsprodukten das Immunsystem stören.“ Die Folgen können von Allergien, über Nahrungsmittelunverträglichkeiten, bis hin zu Autoimmunerkrankungen oder sogar Depressionen reichen, sagt Hüttermann: „Es gibt so viele Erkrankungen, die mit den Zähnen zusammenhängen.“

Zur Vorsicht mahnt der Zahnarzt vor allem bei den konventionell üblichen Füllungen: „Die Metalle, von Amalgam bis Gold und Titan wirken durch Abrieb oder Korrosion häufig schädigend auf den Organismus und das Immunsystem.“ Auch wenn die Weltgesundheitsorganisation WHO die derzeitig verwendeten Materialien als sicher bewertet, betont Hüttermann: „Die
individuelle Verträglichkeit ist nicht immer gegeben. Ich erlebe ständig Patienten, die erst gesunden, wenn ihre alten Füllungen entfernt und durch nicht-metallene Materialien wie Keramik oder Kunststoff getauscht sind.“

Ein altes Problem sei Amalgam: „In Deutschland laufen noch Millionen Menschen mit Füllungen aus Kupfer-amalgam herum, obwohl dieser Füllstoff seit vielen Jahren verboten ist.“ Auch das mittlerweile verwendete Silberamalgam wird von einigen Experten kritisch gesehen: „Amalgam besteht zu großen Teilen aus Quecksilber und hat im Sinne einer ganzheitlichen Zahnmedizin im menschlichen Körper nichts verloren“, sagt Dr. Hüttermann.

Reizthema: Fluorid

Auch Fluorid ist ein Reizthema in der ganzheitlichen Zahnmedizin. Studien belegen, dass fluoridangereicherte Zahnpasten den Kariesbefall reduzieren können, weil sie den Zahnschmelz stärken. Gleichzeitig belegen Untersuchungen, dass Fluorid im Übermaß gesundheitsschädlich ist, zum Beispiel wichtige körpereigene Enzyme hemmt und die Knochen schädigt. Viele naturheilkundlich tätige Zahnärzte fordern deshalb eine fluoridfreie Zahnpflege – zu hoch sei die Gefahr von Nebenwirkungen bei regelmäßiger Anwendung. Dr. Hüttermann hat hierzu seinen eigenen Standpunkt. Er rät zu einem wohldosierten Einsatz von Fluorid, um die zahnschmelzhärtenden Vorteile gezielt zu nutzen. So würden Erwachsene Fluorid seltener benötigen. Bei Kindern mit festen Zahnspangen könne es zum Schutz des Zahnschmelzes während der Behandlungsdauer aber Sinn machen. „Es ist wie beim Kochsalz – etwas wird benötigt, zu viel ist schädlich.“

Doch zurück zur Patientin mit den Schmerzen im Arm. „Ich habe ihr zwei Zähne entfernt, um die Störherde im Oberkiefer zu beseitigen“, erklärt Dr. Hüttermann. Die so entstandenen Lücken wird er mit einer Krone, einer Brücke oder einem Implantat schließen. Das Gute: Für die Patientin bestand schon wenige Tage nach dem Eingriff Grund zur Freude, denn die Schmerzen im Arm waren so gut wie verschwunden. Endlich konnte sie ihr Enkelkind wieder richtig umarmen. „Das war ein tolles Feedback“, sagt Dr. Hüttermann. „Ich würde mir wünschen, dass unser Gesundheitssystem allen Ärzten die Möglichkeit gibt, sich ganzheitlicher um ihre Patienten zu kümmern.“

Wechselwirkungen

Eine der Empfehlungen von Schmerzambulanzen an Migränepatienten lautet, die Zähne untersuchen zu lassen.

Mehr zum Thema

www.deguz.de
Deutsche Gesellschaft für Umwelt-Zahnmedizin mit Arztsuche

www.bnz.de
Bundesverband der naturheilkundlich tätigen Zahnärzte in Deutschland e.V. mit Arztsuche

www.gzm.org
Internationale Gesellschaft für Ganzheitliche Zahnmedizin e.V. mit vielen Informationen für Patienten

www.zahnstoerfelder.de
Informationen zu Zahnstörfeldern von der Akademie für Integrative Medizin, Zahnmedizin und Bewusstseinstechniken

Schreckenbach, Suliko und Dirk:
Graf, Karlheinz:

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