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Umwelt

Business in Bio

Reiner Weischedel hat sich einen Traum erfüllt: als Aussteiger verbindet der Betriebswirt soziales und ökologisches Wirtschaften. Aus einem Streuobstwiesen-Projekt nähe Darmstadt hat er ein 13-köpfiges Unternehmen geschaffen. // Sylvia Meise
31.10.2010
Reiner Weischedel hat sich einen Traum erfüllt: als Aussteiger verbindet der Betriebswirt soziales und ökologisches Wirtschaften. Aus einem Streuobstwiesen-Projekt nähe Darmstadt hat er ein 13-köpfiges Unternehmen geschaffen. // Sylvia Meise

Reiner Weischedel hat sich einen Traum erfüllt: als Aussteiger verbindet der Betriebswirt soziales und ökologisches Wirtschaften. Aus einem Streuobstwiesen-Projekt nähe Darmstadt hat er ein 13-köpfiges Unternehmen geschaffen. // Sylvia Meise

Katze kraulend, hauseigenen Apfelsaft im Glas, Wallebart – man könnte ihn für einen Müslimann der ersten Stunde halten. Tatsächlich aber kennt er sich in Ökonomie besser aus als in der Ökologie. Zehn Jahre war er im Auftrag des Chemie-Riesen Degussa in Argentinien, Taiwan und Korea. Seine Aufgaben dort: Finanzen planen, steuern, kontrollieren. „Da verdient man gut.“ So gut, dass er mit 50 aussteigen und mit 62 noch ehrenamtlich für den Verein arbeiten kann.

Nicht die Kollegen oder die betriebswirtschaftliche Logik haben ihn rausgeätzt, sondern wie das Prinzip Gewinnmaximierung um sich griff. „Mein Job war es dann, Leuten zu sagen, ihr seid gekündigt. Auch wenn der Betrieb noch hätte weiterarbeiten können.“ 1997 stieg er ein beim Freundeskreis Eberstädter Streuobstwiesen e. V., 2008 erhielt er für sein Engagement das Bundesverdienstkreuz. Dazwischen liegen Jahre des Lernens und Neuorientierens.

Auf der Suche nach Lebensfreude

„Mit Vögel gucken fing es an“, lacht er und schenkt naturtrüben Apfelsaft nach. Seine Frau Andrea teilte mit ihm das Nomadendasein, fand aber an den jeweiligen Berufsschauplätzen nie Arbeit in ihrem Beruf als Bankerin. Stattdessen hatte sie viel Zeit für Beobachtungen – und landete beim Naturschutz. Irgendwann zog es ihn mit. Gemeinsam unterstützen sie etwa eine Initiative in Buenos Aires gegen die Bebauung eines Stücks Brachland, auf dem sich eine bemerkens- und schützenswerte Tier- und Pflanzenvielfalt angesiedelt hatte.

Zurück in Deutschland machte er sich auf die Suche: Was könnte ihn mit neuer Lebens- und Arbeitsfreude erfüllen? Das Paar ließ sich in Darmstadt nieder und setzte dort die frisch entzündete Passion fort, an Exkursionen in die Umgebung teilzunehmen. „Hier sind wir dann hängengeblieben.“ Die bloßen Füße in Sandalen führt Weischedel zu einem alten Kirschbaum. Von Weitem ein idyllisches Sinnbild, von nahem fasziniert der Baum, weil sein Innerstes komplett ausgehöhlt ist und er trotzdem lebt. „Aber nur, weil er so geschnitten wurde, dass die Seiten entlastet sind.“ Der Ex-Controller hat in den letzten Jahren viel dazugelernt: Obstbaumschnitt, Entbuschung der Wiesen von Brombeerranken, Mulchen mit dem Traktor … „Ich bin da reingewachsen.“

Sie pflegen die Streuobstwiesen, verkaufen deren Produkte und sind Naturpädagogen: Die 13 Mitarbeiter des „Freundeskreis Eberstädter Streuobstwiesen“.

Grundgedanke: Soziale Wirtschaft

Reingewachsen ist Reiner Weischedel auch ins Bio-Verständnis. Als er vor 13 Jahren anfing, hatte sein späterer Vorstandskollege, Landschaftsarchitekt Urs Meinzinger, gerade eine Arbeits-Beschaffungs-Maßnahme für sich selbst ersonnen: Herstellung und Vertrieb von Bioland-Apfelsaft. Weischedel sah den Bioland-Aufkleber anfangs eher als gute Marketing-Idee. Doch mittlerweile ist ihm selbst daran gelegen, durch diesen Deal – garantierte Abnahme der Äpfel zu garantierten Preisen – auch konventionelle Produzenten dazu zu bringen, die Wiesen gülle- und giftfrei zu halten. Samstags verkauft der Verein den Liter Süßmost zu 2,50 Euro auf dem Erzeugermarkt. Der Standnachbar bietet dieselbe Menge gut einen Euro billiger an. Warum so viel teurer? „Das ist eine wichtige Einnahmequelle – und die Kunden schätzen unsere Arbeit!“ Sein Grundgedanke heißt „soziale Wirtschaft“. Das bedeutet auch, dass jeder selbst für sein Wirtschaften verantwortlich ist. Ob Apfelsaft, Marmeladenverkauf oder Kindergarten – all diese Bereiche gehören zum Projekt dazu: Kassenwart Weischedel will ein ordentliches Konzept sehen. Natürlich knirscht es auch mal in der „tollen Gemeinschaft“, die der Zahlenmensch so liebt. Als erstes sei dann zu klären: Ist’s was Privates? Ist der Betreffende überfordert? „Wir zwingen hier niemanden, denn: Ohne Freiwilligkeit geht es nicht“, lächelt Reiner Weischedel weise. Trotzdem hat es einmal richtig gekracht. Die frühere Leiterin des Naturkindergartens habe sich offenbar nicht ernst genommen gefühlt und peu à peu einen Verein im Verein betrieben. Plaudernd nachzutreten sieht Weischedel keinen Grund, aber die unbequeme Konsequenz hieß Kündigung. „Möchte ich nicht noch mal erleben, ging mir ziemlich an die Substanz.“

Den aktuellen Warnruf einer Obstwiesen-Kollegin, vielleicht aufhören zu wollen, hat er deshalb gleich ernst genommen. „Sie ist überfordert. Ich will sie aber unbedingt halten, denn sie ist so wichtig für den Verein – also muss ich sie entlasten und dafür sorgen, dass sie hier wieder Spaß hat und klarkommt.“

Auf die Frage, was ihn selbst motiviert, schaut er eine Weile auf die Blumen vor sich im Glaskrug und antwortet dann: „Dass aus diesem kleinen Verein, den BUND-Jugendliche vor 15 Jahren aufgebaut haben, ein Unternehmen mit 13 Angestellten geworden ist“. Dazu passt auch sein Lebensmotto „Fortschritte machen. Nicht dem Fortschritt hinterherrennen“.

www.streuobstwiesen-eberstadt.de

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