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Leben

Burnout – wenn nichts mehr geht

Burnout, auf einmal ist der Ofen aus. Man fühlt sich erschöpft, traurig, ausgebrannt – obwohl man vorher mit Feuereifer bei der Sache war. Jetzt zählt nur noch eines: Etwas muss sich ändern. //Sabine Kumm
31.12.2011
Burnout, auf einmal ist der Ofen aus. Man fühlt sich erschöpft, traurig, ausgebrannt – obwohl man vorher mit Feuereifer bei der Sache war. Jetzt zählt nur noch eines: Etwas muss sich ändern. //Sabine Kumm

Burnout, auf einmal ist der Ofen aus. Man fühlt sich erschöpft, traurig, ausgebrannt – obwohl man vorher mit Feuereifer bei der Sache war. Jetzt zählt nur noch eines: Etwas muss sich ändern. //Sabine Kumm

"Plötzlich war ich gefühllos wie ein eingeschlafener Arm", erzählt Eva Lohmann in ihrem Burnout-Roman "Acht Wochen verrückt". "Mir ging es auch gar nicht schlecht, fand ich. Mir ging es irgendwie überhaupt nicht mehr." Es ist schwer, diesen Zustand als Krankheit zu benennen und noch schwerer, ihn zu verhindern. Vor allem, wenn man zu beschäftigt ist, um achtsam mit sich umzugehen.

Der Burnout-Zyklus

Burnout ist eine prozesshafte Erkrankung, er schleicht sich von hinten an. Gerade wer sich einsetzt und beweisen will, vernachlässigt irgendwann die eigenen Bedürfnisse – ein Konflikt entsteht, der sich anfangs noch gut verdrängen lässt. "Muss nur noch kurz die Welt retten, danach flieg ich zu dir. Noch 148 Mails checken …", heißt es in dem bekannten Song des deutschen Liedermachers Tim Bendzko. Wenn trotz größtem Einsatz jedoch ständig neue Mails dazukommen, dann mutiert die Person, zu der man eigentlich fliegen wollte, zu einer weiteren lästigen Aufgabe, die einen nur am Arbeiten hindert – die alten Werte gelten nicht mehr. Wer jetzt dafür kritisiert wird, fühlt sich als "Weltretter" unverstanden und reagiert mit Rückzug. Das soziale Umfeld bricht weg, die Anzahl der Mails scheint, wie im Lied, in kürzester Zeit auf sagenhafte "148713" anzuwachsen. Ein riesiger Berg, auch in noch so vielen einsamen Überstunden einfach nicht mehr zu bewältigen. Was folgt, sind innere Leere, völlige Erschöpfung und Depression. Burnout.

Das ist mehr als ein bisschen "Reif für die Insel" nach einem anstrengenden Projekt, mehr als die übliche Koketterie mit den Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit, die von vielen Geistesarbeitern nicht ohne eine Spur von heimlichem Stolz gepflegt wird: "Starke Sache! Wieder einmal bis über die Grenzen gegangen, und doch gerade noch geschafft!" Zumal ein Burnout schon lange kein Privileg ehrgeiziger Hochleistungsträger mehr ist. Verkäufer, Lehrer, Hausfrauen, Hartz-IV-Empfänger, Rentner, die Angehörigen pflegender Berufe, Lehrlinge, Studenten – sie alle können aus den verschiedensten Gründen einem Dauerstress ausgesetzt sein, der keine Erholungspausen mehr zulässt. Familiäre Probleme, ungewisse Zukunftsaussichten, zu hohe oder als sinnlos empfundene Anforderungen bei der Arbeit, Schichtdienste und finanzielle Zwänge können die Lebensfreude ersticken und dazu beitragen, dass man sich ohnmächtig und ausgeliefert fühlt.

Individuelle Therapiekonzepte

Hilfreich ist alles, was stark macht: Zunächst erst mal raus aus dem Teufelskreis, ausruhen, zu Kräften kommen. Wann hatte ich zuletzt Spaß und womit? Was verschafft mir Erfolgserlebnisse? Welche Aktivitäten liefern mir einen Ausgleich zum Dauerstress? Welche Entspannungsmethode ist die beste für mich? Ernähre ich mich gesund? Bewege ich mich ausreichend? Anhand dieser Fragen lässt sich die Work-Life-Balance häufig wieder ins Lot rücken. Die praktische Umsetzung erfolgt durch Stressmanagement, Achtsamkeitsübungen, organisatorische Maßnahmen, klärende Gespräche mit Arbeitgeber oder Familie. Wenn sich der Burnout zur schweren Depression ausgewachsen hat, geht das nur noch im Rahmen einer Therapie. Wenn tiefer gehende persönliche Probleme eine Rolle spielen, ebenfalls.

Wer es alleine versuchen möchte, der braucht zunächst einmal Mut und die Bereitschaft, ehrlich zu sich selbst zu sein. Denn ein Burnout kann wichtige Hinweise darauf liefern, welche Teile unseres Lebens fremdbestimmt sind und welche Bedürfnisse wir zu lange ignoriert haben. Vielleicht haben wir jahrelang versucht, dem falschen beruflichen Ziel zu folgen, ohne es zugeben zu können? Vielleicht mit Riesen-Energieaufwand ein Familienleben aufrechterhalten, das sich nun als Illusion entpuppt?

Sicher ist: Jede Erkenntnis, jede Konsequenz muss auch mit einer Veränderung der Lebenssituation und einem Stück Ungewissheit bezahlt werden. Doch es lohnt sich:

"An dem Tag, an dem ich mitten in der Wirtschaftskrise meine Festanstellung kündige, fühle ich mich so zuversichtlich wie seit Jahren nicht mehr", schreibt Eva Lohmann über ihre persönliche Konsequenz aus der Krise.

Die Botschaft ist klar: Wer zum eigenverantwortlichen Hüter seiner Flamme geworden ist, der lässt sich sein Licht nicht so schnell wieder auspusten.

Damit es nicht zum Burnout kommt

Zeit einteilen
Das richtige Zeitmanagement hilft dabei, sich nicht zu verzetteln, sondern auf die wesentlichen Aufgaben zu konzentrieren. So gewinnt man Zeit für Erholung und die Möglichkeit, neue Energie zu tanken.

Stressventile finden
Der eine braucht Entspannung, der andere muss sich richtig auspowern, um sich abzureagieren. Doch ob Yoga oder Kickboxen – wichtig ist, dass man den Ausgleich regelmäßig sucht.

Nein sagen
Nicht alle Arbeiten, die einem auf den Schreibtisch gehäuft werden, muss man auch wirklich annehmen. Die realistische Einschätzung von dem, was zu schaffen ist, zeugt oft von mehr Kompetenz.

Loslassen lernen
Freiräume und Auszeiten gehören ebenso zum Leben wie die Arbeitszeit und sollten wie wichtige Termine mit eingeplant werden, um eine Work-Life-Balance zu erhalten.

Interview

"Ein Burnout bietet, wie jedeLebenskrise, eine große Chance."

Privatdozent Dr. med. Thomas Wobrock ist Chefarzt des Zentrums für Seelische Gesundheit an den Kreiskliniken Darmstadt-Dieburg.

Gibt es Alarmsignale für einen Burnout?

Schlafstörungen, die Neigung zum Grübeln, Gereiztheit und Erschöpfung – wenn diese Symptome länger als zwei Wochen andauern, sollte man sich Gedanken machen. Wer zu diesem Zeitpunkt Maßnahmen ergreift, indem er beispielsweise das Gespräch sucht, kann auch noch alleine mit der Situation fertigwerden.

Wie therapieren Sie die Menschen, die mit einem Burnout zu Ihnen kommen?

Immer auf den individuellen Menschen bezogen. In einem ersten Schritt nehmen wir den Menschen heraus aus seiner krank machenden Umgebung. Bei einer schweren Depression können zunächst auch Medikamente notwendig werden. Dann überlegen wir gemeinsam: Was gibt es für positive Aktivitäten, die Spaß machen und einen Ausgleich zur Stresssituation bieten können? An welcher Stelle im Leben können Freizeit und Pausen eingeplant werden? Wie lässt sich die Arbeit in Zukunft anders organisieren, wo können Konflikte gelöst werden? Oft brauchen die Patienten auch Unterstützung bei Gesprächen mit der Familie. Achtsamkeitsübungen können dabei helfen, dass man sich selbst wieder spürt. Letztendlich geht es um die Einrichtung einer funktionierenden Work-Life-Balance.

Ist ein Burnout heilbar?

Im Prinzip gilt: Je einfacher der Auslöser, desto einfacher ist die Lösung. Es gibt jedoch auch komplexere Ursachen, zum Beispiel eine persönliche Vorgeschichte. Nehmen wir an, einem Kind wurde immer wieder gesagt, dass es einfach nichts richtig machen kann. Dann wird es als Erwachsener viel heftiger reagieren, wenn eine ähnliche Situation auch am Arbeitsplatz auftritt. Das muss in der Therapie durch tiefer gehende Gespräche geklärt werden. Auch Menschen, die immer alles perfekt machen wollen, sind einem höheren Risiko ausgesetzt, an Burnout zu erkranken. Oft ist es schon eine große Hilfe, sich diese Dinge bewusst zu machen.

Die Erkrankung liefert einen Hinweis darauf, was im Leben nicht stimmt?

Ein Burnout bietet, wie jede Lebenskrise, eine große Chance. Klar ist: Weitermachen wie bisher geht nicht. Erfolg ist nicht das wichtigste, Durchhalten auch nicht. Man kommt nur aus der Krise, wenn man seine Einstellung ändert. Das kann durchaus dazu führen, dass man sich von einer bestimmten beruflichen Position verabschieden muss, damit man sein Leben wieder als sinnvoll und befriedigend empfindet. Denn das ist die wichtigste Voraussetzung, um gesund zu bleiben.

Bücher und Links

Nelting, Dr. Manfred:
Lohmann, Eva:

www.therapie.de
Die Webseite des Münchner Vereins Pro Psychotherapie e.V. bietet die Möglichkeit der Therapeuten-Suche sowie Informationen über Alarmsignale und Symptome des Burnouts und einen Kurztest, um den persönlichen Grad der Burnout-Gefährdung festzustellen.

www.burnout.net
Die Plattform informiert Laien und Fachleute über das Burnout-Syndrom und bietet Hilfestellungen zur Prävention und Behandlung für Unternehmen und Betroffene. Interessant: eine Solidaritätsaktion mit Burnout-Betroffenen durch Webseiten-Banner.

www.burnout-syndrom-hilfe.eu
Die Webseite ist ein von Diplom-Psychologen ehrenamtlich erstelltes Infoportal für Burnout-Betroffene. Das Infoportal bietet eine Übersicht über Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten, einen Selbst-Test und viele Anregungen für persönliche Veränderungen.

www.neurologen-und-psychiater-im-netz.de
Webseite der Berufsverbände und Fachgesellschaften für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Mit Adressen, Infos für Angehörige und Bücherliste.

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