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Bio tut mir gut – aber ...

Tieren geht es beim Biobauern besser. Doch auch dort können sie unter dem Druck der Wirtschaft leiden. Die Biobranche reagiert. // Leo Frühschütz
30.06.2009
Tieren geht es beim Biobauern besser. Doch auch dort können sie unter dem Druck der Wirtschaft leiden. Die Biobranche reagiert. // Leo Frühschütz

Tieren geht es beim Biobauern besser. Doch auch dort können sie unter dem Druck der Wirtschaft leiden. Die Biobranche reagiert. // Leo Frühschütz

Gut Herrmannsdorf bei München: Wo Gründer Karl Ludwig Schweisfurth Bio als die bessere Lösung umsetzt. (Foto: Herrmannsdorfer Landwerkstätten)

Die kleinen Ferkel genießen die ersten warmen Sonnenstrahlen. Sie werfen einen neugierigen Blick auf den Besucher und tapsen dann durch das Stroh zur Mutter. Die hat sich auf die Seite gelegt, lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen und bietet ihren zehn Ferkeln die Zitzen an. Bauernhof-Idylle. In zehn Monaten werden die Tiere am Haken hängen: Geschlachtet, ausgeblutet und in Hälften zerlegt, warten sie dann – noch warm – auf den Metzger. Der verarbeitet sie zu Braten und Speck, Lyoner und Wiener.

Dann landen sie im Laden und werden gekauft. Von Biokunden. So knallhart sind die Gegensätze. Aber verglichen mit den 55 Millionen Schweinen aus konventioneller Haltung, die jedes Jahr in Deutschland ihr Leben lassen, werden diese Ferkel ein sehr glückliches Leben führen. Denn diese Tiere wachsen auf Gut Herrmannsdorf auf (siehe auch Kasten). Hier begann Karl Ludwig Schweis-furth 1987 ein neues Leben. Für sich und die Schweine. Er hatte in den 60er- und 70er-Jahren den elterlichen Betrieb zum größten deutschen Wursthersteller ausgebaut, Herta. 25 000 Schweine schlachtete er jede Woche. Tiere, die in engen Boxen unter Kunstlicht vor sich hin vegetierten, ohne Bewegung, automatisch gefüttert und entmistet, damit sie möglichst schnell ihr Schlachtgewicht erreichten.

Über die Biorichtlinien hinaus

Nachdem Karl Ludwig Schweisfurth seinen Fleischkonzern verkauft hatte, gründete er mit dem Geld die Schweisfurth-Stiftung und baute die Herrmannsdorfer Landwerkstätten auf. Heute führt sein Sohn Karl die Firma mit 200 Arbeitnehmern und 15 Millionen Euro Umsatz. Aus dieser Geschichte heraus machen sie in Herrmannsdorf vieles anders und gehen dabei auch über die gängige Bio-schweinehaltung hinaus. Das fängt bei der Rasse an – dem Schwäbisch-Hällischen Landschwein. Die rosa-schwarz gemusterten Tiere waren Anfang der 80er-Jahre beinahe ausgestorben.

Ihr Fleisch war zu fett, sie wuchsen zu langsam, waren also nicht industrietauglich. Dafür schmeckte das Fleisch erstklassig. Zudem sind die Tiere robust und die Sauen gute Mütter. Deshalb eignen sie sich für den ökologischen Landbau. Doch in vielen Bioställen stehen die gängigen überzüchteten Schweinerassen wie das Deutsche Edelschwein: Weil die Bauern sie schon vor der Umstellung kannten, sie sich besser rechnen und die großen Bioverarbeiter Wert auf günstiges Fleisch ohne Fett legen. Eigentlich ist die Schweinemast arbeitsteilig organisiert.

Ein Bauer züchtet Sauen und produziert Ferkel. Dabei ist die künstliche Befruchtung der Sauen üblich. Ein zweiter Bauer kauft die Ferkel und mästet sie heran. Das ist auch bei vielen Bioschweinen so. In den Herrmannsdorfer Ställen läuft es anders: Hier leben 35 Muttersäue und zwei Pietrain-Eber, eine fleischreiche belgische Schweinerasse. Hermes, der Jüngere der beiden, darf zweimal die Woche ran. Dann treibt ihm Betriebsleiter Rudolf Senckenberg eine rauschige Sau zu, morgens und abends, damit es auch sicher klappt. Pro Jahr kommen 600 Ferkel auf die Welt.

Die ersten acht Wochen verbringen sie bei der Mutter und werden gesäugt. Jede Sau hat für sich und ihren Wurf in dem langen Stall einen Innenraum und eine Außenbucht, wo sich die Ferkel kennenlernen können. Nach acht Wochen werden die Tiere von der Mutter genommen und in Gruppen mit Gleichaltrigen gemästet. „Der Schock für die Ferkel ist geringer, wenn sie sich bereits kennen, und es bleiben die Rangkämpfe aus, die sonst beginnen würden.“

Auch Bioferkel werden kastriert

Einen anderen Schock kann der Betriebsleiter ihnen nicht ersparen, die Kastration. In der ersten Lebenswoche werden den männlichen Ferkeln die Hoden abgezwickt, damit ihr Fleisch später keinen Ebergeruch annimmt. Diese schmerzhafte Prozedur ist von den Tierschutzverbänden in den letzten Jahren massiv angeprangert worden. Auch bei Bioferkeln ist sie noch der Normalfall – ohne Betäubung oder Schmerzmittel. Die Bioverbände haben dieses Thema lange vernachlässigt.

Man war auf der Suche nach umstellungswilligen Ferkelerzeugern und wollte keine zusätzlichen Hürden errichten. Jetzt pressiert es: Die neue EU-Ökoverordnung erlaubt die Kastration ohne Schmerzmittel oder Betäubung nur noch bis Ende 2011. In Herrmannsdorf sind sie schon weiter. „Wir geben den Tieren schon seit zwei Jahren Schmerzmittel und schreiben das auch unseren Vertragsbauern vor“, berichtet Karl Schweisfurth. Inzwischen habe man ein Narkosegerät für die Ferkel bestellt. „Die atmen über eine Maske das Narkosemittel ein und sind vier Minuten später wieder auf den Beinen.“

Das Schmerzmittel werde es weiterhin geben, um nachträgliche Schmerzen gering zu halten. Man könnte auch auf die Kastration verzichten und die Eberferkel schlachten, bevor sie in die Pubertät kommen und zu stinken beginnen. Hier sind die Bioverbände dabei, entsprechende Projekte zu starten. Die Herrmannsdorfer wollen ihre Schweine lieber älter und größer werden lassen, also müssen sie kastrieren. Die Eber würden in die Pubertät kommen und streng riechen.

„Wir wollen große Schweine, weil das Fleisch dann ausgereifter ist und man schöne große Schinken daraus machen kann“, erklärt Schweinehalter Karl Schweisfurth. Bioschweine füttern ist nicht einfach. „Der Darm des Schweins hat sich seit dem Krieg in der Länge um 20 Prozent reduziert, weil er durch das energieintensive Futter nicht mehr gebraucht wird“, erläutert Schweisfurth. „Verwendet man wie im Ökolandbau weniger intensives Futter, tun sich die Schweine schwer, das aufzunehmen.“ Gesundheitsstörungen wegen des Futters sind in Bioschweineställen keine Seltenheit, haben Forscher der Universität Kassel festgestellt. Auch hier sind die alten Landrassen von Vorteil.

Futter aus dem Antiquariat

Das Futter für die Schweine kommt in Herrmannsdorf zum größten Teil vom eigenen Acker, das Wissen dazu aus antiquarischen Büchern. In einem Werk von 1923 stieß Karl Schweisfurth auf die Idee, den Tieren frisch geernteten Rotklee vorzulegen.

„Das war erstaunlich, die haben das Getreide liegen gelassen und sich auf den Klee gestürzt. Die fressen davon bis zu fünf Kilogramm am Tag.“ In der konventionellen Mast bekommen Schweine ohne Auslauf viel Eiweiß, meist in Form importierter Sojabohnen, damit sie schnell Gewicht zulegen.

Blut- und geschmackleeres Muskelfleisch sei das, schimpft der Schweinezüchter. „Gut durchblutete Muskeln entstehen nur durch Bewegung.“ Auslauf für die Schweine sei deshalb auch aus Qualitätsgründen wichtig. Besonders viel Auslauf gewährt man einer Gruppe von 80 Schweinen, die das ganze Jahr auf der Weide verbringen. Kleine Hütten schützen sie vor dem Wetter. Es gibt einen Futterplatz, dessen Tröge einmal am Tag befüllt werden, und im Sommer ein Plastikbecken als Badewanne.

Belüftende Schweine

Das Kleegras auf der Weide, die Würmer und Larven in der Erde decken im Sommer bis zur Hälfte des Nahrungsbedarfes. Gleichzeitig belüften die Weideschweine durch ihr Wühlen den Boden und steigern die Bodenaktivität.

Weil sie dauernd unterwegs sind, nehmen die Weideschweine langsamer zu. Dafür ist die Qualität noch besser und die Kunden zahlen entsprechend mehr. Auch für die Eier im Hofladen greifen sie tiefer in den Geldbeutel. 50 Cent kostet das Stück. Doch es sind keine normalen Bioeier. Sie stammen von einer alten Landrasse, den Sulmtalern.

Das sind sogenannte Zweinutzungshühner, die sowohl ausreichend viele Eier legen als auch schmackhaftes Fleisch liefern. Sie sind die Alternative zu den auch im Ökolandbau üblichen Hybridhühnern. Die können nur Eier legen, die männlichen Nachkommen sind nutzlos und werden deshalb noch am ersten Lebenstag aussortiert und getötet. Um den Kunden das zu erklären, hat Karl Schweisfurths Tochter für den Laden ein Plakat gemalt: „Kaufen Sie meine Eier, dann retten Sie meine Brüder.“

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