Anzeige

Anzeige

"Der Bio-Betrug" – Artikel im Der Spiegel

Das Titelbild wirkte: Ein aufgeblasener Bio-Apfel, dazu die Schlagzeile „Der Bio-Betrug – Wie Konzerne die Öko-Idee missbrauchen“. Unser Autor Leo Frühschütz hat sich gleich auf die Spiegel-Titelgeschichte gestürzt. Sein Fazit: Eine brauchbare Darstellung der Widrigkeiten, mit denen die Bio-Branche zu kämpfen hat. Im Spiegel-üblichen Stil angemacht und präsentiert.

Die These der Spiegel-Autoren lautet: „Innerhalb weniger Jahre ist ein System, das einmal als Gegenentwurf zur industriellen Landwirtschaft angetreten war, von einer echten gesellschaftlichen Alternative zu einer alternativen Produktionstechnik geschrumpft.“

Die Geschichte beginnt mit einem Bioland-Kartoffelbauern aus dem hohen Norden, der aufhören muss, weil das gepachtete Land an Energiemais-Anbauer ging. Ein Eiererzeuger mit Mobilställen kritisiert den bürokratischen Kontrollaufwand. „Statt unsere Zeit mit den Tieren zu verbringen, sitzen wir die Hälfte der Zeit am Papierkram.“ Als Prototyp des modernen Bio präsentiert der Spiegel die KTG Agrar mit mehr als 20.000 Hektar Öko-Anbaufläche, die ihr Wachstum mit Anleihen finanziert – „Bio als Finanzprodukt“.

Die Autoren führen die vielen Bauern an, die aus rein wirtschaftlichen Gründen auf EU-Bio umstellen. Sie zeigen das Plastikplanen-Bio aus Almeria und machen deutlich, dass dort zwar pestizidfrei gewirtschaftet wird, aber ebenso unsozial und unfair wie im konventionellen Bereich. Der Skandal von 2012 um überbelegte Legehennenställe inklusive Tiemann und Naturland wird noch einmal breitgewalzt, an die Betrugsfälle in Italien und Rumänien erinnert.

Die Spiegel-Autoren erzählen auch vom Ende eines alteingesessenen Hamburger Bioladens, der der Konkurrenz durch einen neu eröffneten Denn’s nicht standhalten konnte. „Die Großhändler, die wir groß gemacht haben, machen uns nun kaputt“, sagt die Ladengründerin. Zu Wort kommen auch der EU-Parlamentarier und Biobauer Martin Häusling sowie BÖLW-Vorstand Felix Prinz zu Löwenstein.

Die geplante Revision der EU-Öko-Verordnung wird ebenso abgewatscht wie die offizielle Agrarpolitik. Denn dass diese durch falsch gesetzte Rahmenbedingungen für die miserable Ökobilanz der konventionellen Landwirtschaft verantwortlich ist, kommt als Argument gut rüber.

Kommentar: Falsche Versprechungen

Insgesamt also ein buntes Potpourri all der Themen, die seit zwei Jahren inner- und außerhalb der Bio-Branche diskutiert werden. Nur vom angekündigten Bio-Betrug ist nichts zu lesen. Auch auf die im Titel genannten Konzerne, die die Öko-Idee missbrauchen, finden sich im Text kaum Hinweise. Der einzig benannte Konzern ist die Deutsche Frühstücksei, die „angeblich“ hinter den Biofarmen Heinrich Tiemanns stehe. Tatsächlich gehören die Betriebe schon seit Jahren zu 85 Prozent dem Konzern. Dafür reicht ein Blick ins Unternehmensregister. Ansonsten kein Name, etwa von großen Mühlen, die billiges und oft auch fragwürdiges Bio-Getreide aus Rumänien, Moldawien oder der Ukraine einkaufen und an große Industrie-Bäcker weiter verkaufen. Deren Produkte wiederum finden sich wo? Kein Wort über die Bio-Marken großer Konzerne wie Nestle (Wagner Pizza) oder Vion (Salomon). Keine Recherche darüber, was ein Bio-Eier-Preis von 2,29 Euro fürs 10-er-Pack bei Aldi für die Erzeuger und die Legehennen bedeutet. Das Titelblatt des Spiegel ist schlicht Verbrauchertäuschung. „Bio-Betrug“ als Absatzförderung. Soweit ist es schon gekommen – mit dem Spiegel.

Leo Frühschütz

Prof. Dr. Urs Niggli (FiBL) hat dem Spiegel einen Leserbrief geschrieben, der dort verkürzt abgedruckt wurde. Hier finden Sie den Brief in voller Länge.
Foto: © FiBL
Prof. Dr. Urs Niggli (FiBL) hat an den Spiegel geschrieben.

Kommentar: Der Titel-Betrug

Die Autoren Michael Fröhlingsdorf, Nils Klawitter und Michaela Schießl beschreiben trefflich die Sackgasse, in die sich die konventionelle Landwirtschaft in den letzten 50 Jahren hineinmanövriert hat. Die aufgepretzelte „zehntausender“ Red Holstein Kuh mit prallem Euter, welche stets im grünen Gras fotografiert wird oder die sauberen grünen Autos, die mit Rapsöl in die Energiewende fahren, sind trügerische Bilder aus den PR-Arsenalen einer konventionellen Landwirtschaft, welche die Zukunftsorientierung verloren hat. Was aber hat das mit „Bio-Betrug“ zu tun? Nichts, und das wird je länger man den Artikel liest, desto klarer. Will man aber heutzutage das Interesse der Leser(innen) auf ein landwirtschaftliches Malaise lenken, dann muss ein „Bio-Betrug“ mitsamt einem aufgepumpten Bioapfel aufs Titelbild.

Die Erwartungen, welche an den Ökolandbau gestellt werden, sind mittlerweile so hoch, dass er nur noch verlieren kann. Dabei ist der Ökolandbau nichts anderes als der weitgehend gelungene Spagat, produktiv gute Lebensmittel zu erzeugen und gleichzeitig verantwortungsvoll mit öffentlichen Gütern wie dem fruchtbaren Boden, der Artenvielfalt oder der Luft- und Wasserqualität umzugehen. Dass Biopioniere unglücklich sind mit der Papierflut der Kontrollen, ist ganz normal. Sie haben zu einer Zeit umgestellt, als dies ohne ideelles Engagement nicht ging. Ein erfolgreicher Markt braucht aber detaillierte und kontrollierbare Normen, denn für eine ‚ehrliche Haut‘ gibt es leider noch keinen Scanner. Dies tun die privaten Kontrollstellen gut, denn sie stehen unter der ständigen Aufsicht verschiedener Behörden, welche wiederum Brüssel Rechenschaft abliefern müssen. Die Tatsache, dass die Spiegelautoren Uralt-Skandale aufdecken müssen, zeigt die Lernfähigkeit der Qualitätssicherung, welche Verbände, Kontrollstellen und der Einzelhandel etabliert haben. Und hoffentlich macht die Industrie mit der guten Idee „Bio“ gute Geschäfte, wie sonst könnte sich eine zukunftsträchtige Landwirtschaft durchsetzen?

Prof. Dr. Urs Niggli, Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL)

Foto: © FiBL

Mehr zum Thema 

Interview mit Urs Niggli: "Bio darf nicht nur Impulsgeber sein" (Schrot&Korn April 2014)

Veröffentlicht:
Rubrik: News

Kommentare

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'
Otto

Was mich immer wieder schockiert sind die Arbeitsbedingungen in den Bio-Supermärkten. Gerade bei den "großen" SuperBioMarkt, Denn's usw. ist der Umgang mit den Mitarbeiten nicht viel besser als bei den "normalen" Discountern. Das hat für mich nicht mehr viel mit "Bio" (Nachhaltigkeit) zu tun.

L. Achenbach

Ach, ihr armen verfolgten Biolobbyisten!

Wer keine gut belegten Argumente gegen die Gentechnik hat, schlägt hier bei S & K blindwütig auf den US-Agro-Multi MONSANTO ein (mit den üblichen, wiedergekäuten Greenpeace- und BUND-Mantras).
Wer SPIEGEL-Argumente nicht wiederlegen kann, diffamiert das Blatt zu einem Boulevardmagazin oder macht es gar zu einem "US-finanzierten Lügenblatt", so der Putin-Versteher und offensichtliche Verschwörungstheoretiker Helmut H.

Leute, nennt Euer Blatt doch richtiger in "Schrott & Zorn" um!

Technikblogger FeFe spricht beim Spiegel seit Jahren nur vom "ehemaligen Nachrichtenmagazin aus Hamburg". Ich glaube es ist jedem klar, dass der Spiegel nur noch ein Boulevardmagazin ist. Schlimm eben nur, dass der Bericht trotzdem viel Beachtung finden wird und beim Normalverbraucher dann nur hängen bleibt, dass man "dem Bio" eh nicht trauen kann.

Trotzdem sind die Macher des Spiegel Profis und sie wissen, für wen sie arbeiten oder von wem sie bezahlt werden. Eben nicht von der Biobranche und ihrer Welt.

Rumpelstilzchen

... falsch gedacht, liebe Regina, "in diesem Falle nicht GUT
recherchiert" sondern "nach dem Munde oder Winde geredet". Der Autor Leo Frühschütz ist mit großer Vorsicht zu genießen.

Gold Gerhard

Ich gehe davon aus, dass dies stimmt, was Sie über den Artikel im Spiegel feststellen.
Bio-Ernährung ist wichtig und die Verantwortung der Menschen, die für diese Erzeugnisse sorgen, ist sehr groß. Dieser Verantwortung sollte sich auch der Spiegel positiv stellen. Es geht nicht nur um Auflage und Sensationen sondern um unsere Grundlagen des Lebens. Glücklicherweise ist die Bio-Entwicklung nicht mehr aufzuhalten, dafür sind viele Menschen inzwischen aufgeklärt. Die Frage sei gestattet, wie sich die Mitarbeiter und die verantwortlichen Redakteure des Spiegel ernähren.

Man muß den Titel "Bio-Betrug" einfach so lesen:
Die Bio-Bauern werden betrogen und stehen ohne Unterstützung da.
Ich fand die Zusammenfassung sehr gut, und das obwohl ich meistens sehr skeptisch bin, wenn Journalisten ohne Backgroundwissen sich über Bio äußern.
In diesem Falle gut recherchiert.

René

'So lügen Journalisten', kann ich da nur empfehlen. Und über die Inhalte im Spiegel braucht man sowieso kein Wort mehr zu verlieren, erst recht nicht nach dem Titelbild und Text zu MH17...verlorene Mühe. Also, nicht kaufen, nicht lesen, nicht wahrnehmen. Information und Meinungsbildung funktioniert auch ohne Spiegel & Co. !

Angelika Höpfner

allein ist man einzigartig - zusammen ist man stark. Warum denkt die Biobranche nicht über einen DEUTSCHEN BIOVERBAND nach, anstatt mit vielen kleinen Informationen, vielen Verbänden, Organisationen und Unternehmen, vielen politischen und unternehmerischen Siegeln und Kriterien zu viel Information zu schaffen? Das wäre gut für den Verbraucher, der so vielleicht mehr involviert und mobilisiert werden kann und gut für politische Entscheidungen, die so vielleicht mit mehr Druck erreichen werden könnten. Aber der Verbraucher weiss vor lauter Information manchmal überhaupt nicht mehr wohin. Ich bin selbst seit 25 Jahren Bioverbraucherin und weiss aus meinem Bekanntenkreis, dass die meisten überfordert sind und so auch oft aufgeben, weiter zu diskutieren.

Graugans

Bei Spiegel-Titeln geht es ja mehr darum, (wieder) Öffentlichkeit für ein Thema zu schaffen. Dezidierte Fachartikel waren noch nie Domäne des Nachrichtenmagazins.
Doch umso mehr Themen bieten sich daher für die Redaktion von Schrot&Korn an. Auf gehts auf die Themenjagd!

Roland Heine

schöner Artikel! Und den Hinweis auf die HH Bioladnerin finde ich gut und kann es aus eigener Erfahrung hier aus Berlin nur bestätigen. Hier herrschen ähnliche Verhältnisse. Ich habe seit Jahren darauf hingewiesen und meine 2 Bioläden jetzt aus den beschriebenen Gründen geschlossen. Die gesamte dahinter stehende Problematik wird ja auch schon seit vielen Jahren diskutiert und geht meiner Meinung nach völlig an der Realität der alteingessenen inhabergeführten meist kleinen Bioläden vorbei!
Wollen wir hoffen, dass allen Markteilnehmer genug Kraft bleibt, dass Bio nicht völlig vereinnahmt wird von den Konzernen, die es dann verwässern und als eine unter vielen Marken in ihr Portfolio einreihen. Die Gier der Großen verschlingt alles.
Vielleicht muss auch ein völliger Neustart her. Dann aber bitte Bio-Vegan!
Ich empfehle dafür einen Blick auf die Seite der Initiative für biovegane Landwirtschaft: www.biovegan.org

Helmut H.

Dass DER SPIEGEL ein US-finanziertes Lügenblatt ist, sollte spätestens seit der Putin-Hetze bekannt sein. Zum Glück kaufen immer weniger Leute dieses Blatt.

Tina T.

Starker Kommentar, Herr Frühschütz. Danke für die Einordnung ins Gesamtbild.

Felicitas Thalheim

Na ja - für den üblichen Spiegelstil ist das ganze doch ziemlich harmlos. Da kennt man im alternativen Bereich doch grauen-
hafte Verrisse ......

Jürgen Schuster

Wen wundert's? Ein weiterer Beleg für die Glaubwürdigkeitskrise, in welcher sich alle großen "Leitmedien" (Zeitungen, Zeitschriften etc.) befinden und die sich durch rasante Auflagenverluste der selbigen manifestiert.