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Vollbremsung mit Ansage

Die europäische Kommission will die EU-Öko-Verordnung komplett überarbeiten. Die Bio-Verbände warnen vor einer Vollbremsung. Wird es bei Blumenkohl und Fenchel bald eng? // Leo Frühschütz

Eu Öko-Verordnung

Dacian Ciolos, EU-Agrar-Kommissar, will den Öko-Landbau noch glaubwürdiger machen und deshalb viele Ausnahmeregeln streichen. Ersatzlos und ohne Übergangsfristen.

Alle sind sich einig, dass er es mit seinem Entwurf für eine neue Öko-Verordnung eigentlich gut meint. Doch würde der abrupte Übergang Realität, hätten Verbraucher „weniger Auswahl, weniger Öko-Produkte, weniger Bio-Läden und die Sachen wären teurer“, warnt Bioland-Präsident Jan Plagge. Als Beispiel nennt er Saatgut. Bei Blumenkohl, Fenchel und anderen Gemüsearten gibt es ertragreiche Sorten oft nicht als Öko-Saatgut. In vielen EU-Ländern wie Rumänien fehlt es an regional angepasstem Öko-Saatgut. Bisher darf in solchen Fällen ungebeiztes konventionelles Saatgut eingesetzt werden. Wäre es nicht mehr erlaubt, würde Öko-Gemüse teurer und zahlreiche Bauern müssten den Öko-Anbau einstellen.

Sorgen macht der Bio-Branche auch die Absicht der Kommission, Grenzwerte für Verunreinigungen festzulegen, bei deren Überschreitung ein Produkt seine Bio-Eigenschaft verliert. Natürlich müsse bei auffälligen Werten zum Beispiel von Pestiziden, die Ursache gesucht werden, sagt Elke Röder, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Naturkost Naturwaren. „Aber dafür muss ich keine Grenzwerte einführen.“ Auch könne man angesichts der allgemeinen Umweltbelastung Verunreinigungen nie ganz ausschließen. „Es ist der Prozess, der Bio ausmacht: Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind nicht am Endprodukt messbar. Wir müssen die Prozesskontrolle stärken.“

Tierwohl und Treibhaus

Verbesserte Regelungen wünscht sich auch die Bio-Branche. Elke Röder vermisst „klare Aussagen zum Tierwohl und dessen Kontrolle“. Ebenso fehlen Regelungen für den Gemüseanbau in Treibhäusern. Doch sollten solche Ergänzungen in die bestehende Verordnung eingebaut werden, kritisiert der Bio-Dachverband BÖLW. Einige Vorstöße finden aber durchaus Beifall. So will die Kommission die Kontrollen stärker am Risiko ausrichten und die Teilumstellung von Betrieben abschaffen. Kleinbauern-Kooperativen könnten als Gruppe zertifiziert werden. Das verringert den Aufwand und die Kosten. Die Pflicht zu mehr hofeigenem Futter stärkt den Kreislaufgedanken. Doch käme sie ebenso übergangslos wie die anderen Änderungen.

Ende März stellt die Kommission ihren Vorschlag offiziell vor. Anschließend müssen das EU-Parlament und die Mitgliedstaaten Stellung beziehen. Die Bio-Verbände hoffen, dass sie dort mehr Gehör finden als bei der Kommission. Die Bundesregierung teilte bereits mit, dass für sie nur „moderate Änderungen“ in Frage kämen

Organisch gewachsen

Die EU-Öko-Verordnung trat 1992 in Kraft, zuerst für pflanzliche Lebensmittel. 2000 kamen Tierhaltungsregeln hinzu. Weitere Ergänzungen folgten. 2009 trat eine Neufassung der Öko-Regelungen in Kraft. Hinzu kamen seither Vorgaben für Aquakultur, Weinkelterei, Hefe und neue Importregeln.

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