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Nur Öko macht satt

Der Öko-Landbau ist das einzige Mittel, um der Ernährungskrise zu begegnen. Ein Standpunkt von Felix zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft.

Als Leser von Schrot&Korn gehören Sie wahrscheinlich zu denen, die diese Situation kennen: Man diskutiert über Öko-Landbau und Bio-Lebensmittel. Man bekommt Zustimmung, dass Landwirtschaft so betrieben werden und Ernährung so aussehen muss. Dann redet man weiter über den Hunger in Somalia, die wachsende Weltbevölkerung und kommt bis zur Zukunft der Welternährung. Jetzt beginnen selbst hartgesottene Öko-Fans zurück zu rudern: „Na ja, wenn’s darum geht, neun Milliarden Menschen zu ernähren … das wird wohl mit Bio nicht zu machen sein!“ Wenn dann in der Runde jemand ist, der den Preis wichtiger findet als die Produktionsmethode, dann bringt der sich so ein: „Wir brauchen eine weitere grüne Revolution: Ertragssteigerung. Gentechnische Optimierung der Kulturpflanzen.“ Mag sein, dass in Ihrer Diskussion dann eine Kontroverse aufbricht, bei der Sie verunsichert in die Runde blicken und so etwas sagen wie: „Das kann doch nicht richtig sein!“

Aber Hand aufs Herz: Haben Sie wirklich gute Argumente? Denn schließlich klingt doch einleuchtend – ja, geradezu zwingend – was die Gegenseite aufrechnet: Schon heute erleben wir eine Unterversorgung der Märkte, weshalb Menschen hungern. Die Zahl der Menschen steigt unerbittlich an. Sie essen mehr tierische Proteine, wofür mehr Futter erzeugt werden muss. Die Agro-Treibstoffe brauchen rasant mehr Fläche, sonstige nachwachsende Rohstoffe auch. Die Agrarfläche ist aber kaum noch auszuweiten. Also müssen wir mehr auf derselben Fläche erzeugen. Das geht nur mit Sorten, die gentechnisch optimiert sind. Und mit Düngemitteln, damit die Erträge steigen und mit noch mehr chemischem Pflanzenschutz.

Schon oft bin ich in Gesprächen mit Vertretern der Agrarindustrie mit dieser Logik konfrontiert worden. Und als dann 2008, dem Jahr der Hungerrevolten, die Bilder aus Haiti in unsere Wohnstube blätterten, aus einem Land, das ich aus meiner Zeit als Entwicklungshelfer gut kenne und dessen Not mir nahe geht, weil ich sie mit so vielen konkreten Gesichtern und Lebensgeschichten verbinde – da wollte ich der Frage auf den Grund gehen, weshalb eigentlich Menschen hungern müssen. Nach einer Reihe von Vorträgen und weil mir klar wurde, dass ich diese drängenden Fragen mit vielen Menschen teile, wurde ein Buch daraus: Food Crash.

Mir geht es darum zu zeigen, welche Gründe tatsächlich dafür verantwortlich sind, dass sich jeden Abend eine Milliarde Menschen auf dieser Welt hungrig schlafen legen, ohne zu wissen, wie sie am nächsten Tag für sich und ihre Kinder etwas zu Essen auftreiben. Ich zeige auch, dass die Agrarindustrie von BASF bis Monsanto lügt, wenn sie behauptet, es sei eine Frage der Produktionsmenge – also des Ertrages je Hektar Acker und je Quadratmeter Stallplatz – weshalb jeder siebte Mensch auf diesem Globus hungert. In Wirklichkeit sind die entscheidenden Gründe: die Ungerechtigkeit bei den sozialen Verhältnissen, der Besitzverteilung und dem Zugang zu den Produktionsmitteln. Und eine Landwirtschaft, die als modern bezeichnet wird, aber die Menschen immer tiefer in Abhängigkeiten treibt. Sie zerstört die Lebensgrundlagen für die Ernährung künftiger Generationen. Sie verbraucht Ressourcen, deren Endlichkeit schon heute Realität ist.

Diese Art der Nahrungserzeugung führt zu Ernährungsgewohnheiten, die sich wie eine Seuche auf dem Planeten ausbreiten. Der Fleischkonsum wird weit über das gesteigert, was gesund wäre und verbraucht immer mehr Getreide, das der direkten Ernährung von Menschen dienen könnte. Lebensmittel werden als Abfall vernichtet, so dass wir 200 Prozent erzeugen müssen, um 100 Prozent zu verbrauchen (Anm. Red.: siehe auch Vorstellung des Films „Tast the Waste“ S. 64). Und zu allem Überfluss produzieren wir dabei so viele Treibhausgase, dass die Landwirtschaft zu einem der wichtigsten Verursacher des Klimawandels geworden ist. Und zu seinem wichtigsten Opfer – wobei aber nicht dort die Ernten immer unsicherer werden, wo die Verursacher wohnen, sondern im Armutsgürtel des Planeten. Die Diagnose ist klar: Wenn wir uns als Menschheit auch in Zukunft ernähren wollen, dann müssen wir das ökologisch tun.

Dass das nicht nur eine zwingende Notwendigkeit, sondern auch eine vielversprechende Möglichkeit ist, kann man zeigen. In Haiti, auf den Philippinen, in Äthiopien und in Kenia präsentieren sich die Beispiele, anhand derer man spannend erzählen kann, was eine ökologische Intensivierung schon heute leistet: eine Landwirtschaft, die – weil sie ökologisch ist – ohne teuer zu bezahlenden Input aus den Chemiefabriken arbeitet und intelligent die Regelmechanismen der Natur nutzt.

Es ist aufregend zu sehen, welche Perspektiven die Kombination aus moderner Forschung und altem, überliefertem Erfahrungswissen der Bäuerinnen und Bauern eröffnet. Nicht von ungefähr mehren sich Stimmen aus den Organisationen der Vereinten Nationen oder den Think Tanks der Wirtschaft, am prominentesten aber aus dem Weltagrarbericht, die genau diesen Weg aus der Hungerkrise weisen. Ich habe versucht, in meinem Buch all diese Zusammenhänge so darzustellen, dass sie auch von Nicht-Spezialisten nachvollzogen werden können. Denn diese Diskussion geht uns alle an. Wir alle müssen in der Lage sein, dazu eine gut informierte Meinung zu entwickeln. Damit wir uns an einer zentralen Auseinandersetzung unserer Generation beteiligen können: der Frage nach der Zukunft unserer Ernährung.

„Food Crash“ analysiert nicht nur die gegenwärtige Hungerkrise und zeigt Alternativen. Das Buch macht außerdem Vorschläge, wie wir dorthin kommen, diese Alternativen umzusetzen. Und zwar nicht mit realitätsfernen, illusorischen Wunschvorstellungen, sonden mit dem, was in dieser konkreten Welt, mit ihren politischen Zwängen und Möglichkeiten getan werden kann, um einen Transformationsprozess in Gang zu setzen – auch unter Beteiligung eines jeden einzelnen von uns.

Löwenstein zu, FelixDas Buch zum Thema

Löwenstein zu, Felix:
Food Crash.
Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr. Pattloch Verlag, 2011, 320 Seiten, 19,99 Euro

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